Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Ein alter Mann wartet im Tempel von Jerusalem auf die Ankunft des Messias. Der Mann heißt Simeon. In der biblischen Weihnachtsgeschichte wird davon erzählt, wie sich sein lebenslanges Warten erfüllt. Mit der Geburt Jesu.
In der Musik, die ich Ihnen heute zu Beginn der Karwoche mitgebracht habe, steht Simeon noch einmal im Mittelpunkt. Johann Sebastian Bach hat ihm in seiner Kantate „Ich habe genug“ eine Stimme verliehen. In der Arie hören wir, wie Simeon jetzt loslassen kann. Auch sein eigenes Leben. „Schlummert ein, ihr matten Augen, fallet sanft und selig zu!“

Musik 1

Loslassen ist nicht leicht. Ob es sich um eine Beziehung handelt, die auseinandergegangen ist. Um die Arbeit, die man nach dem Ruhestand hinter sich lässt. Oder um die Gesundheit, die bröckelt. Loslassen kann ich nur, wenn ich mich neu irgendwo festmachen kann.
Für Simeon hatte sich mit dem Kommen Jesu eine Hoffnung erfüllt, an der er sich fest macht. Ein Vertrauen trägt ihn, vor dem sogar der Tod seinen Schrecken verliert. Es ist dasselbe feste Vertrauen, das für Johann Sebastian Bach zur Inspiration für seine Musik wurde.  

Musik 2

Dass jemand „genug hat“, wie der Titel der Kantate sagt, das kann Ausdruck von Enttäuschung sein. Im Fall des Simeon aber bedeutet „Ich habe genug“: ich habe gefunden, was ich zum Leben und zum Sterben brauche. Sodass mein Blick sich weitet. So wie es in der Arie heißt: „Hier muss ich das Elend bauen, aber dort, dort werd ich schauen süßen Friede, stille Ruh.“Die das Leben wie den Tod umfassende Sehnsucht nach Frieden ist aber nicht begrenzt auf die Gestalt des Simeon. Darum wird diese Sehnsucht zum Schluss von einer Sopranstimme aufgenommen und singend weitergegeben.
Für alle, die sich – auch über die Passionszeit hinaus – in ihr bergen wollen wie in einen schützenden Mantel.

Musik 3

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Musiken 1und 2:
Thomas Quasthoff, Bach Cantatas, Track 12, Deutsche Grammophon GmbH Hamburg, 2004, LC 0173

Musik 3:
Johann Sebastian Bach, Clavierbüchlein von Anna Magdalena Bach, Track 9,
copyright by querstand, Verlag Klaus-Jürgen Kamprad, 2001, LC03722

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