Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

 (EG 153)

Theologen drücken sich manchmal seltsam aus. Und wenn dann einer auch noch Dichter ist, kann’s richtig kompliziert werden. Kurt Marti ist so einer.

Der Himmel, der ist,

ist nicht der Himmel, der kommt,

wenn einst Himmel und Erde vergehen.

Kurt Marti war Pfarrer der reformierten Kirche der Schweiz und hat - bis zu seinem Tod in diesem Frühjahr - Gedichte verfasst. Manche von ihnen sind auch vertont worden. Wie jenes, das heute mein Lied zum Sonntag ist. Es steht im Evangelischen Gesangbuch - nicht im katholischen, leider - und hat die Nummer 153.

Strophe 1

Der Himmel, der ist,

ist nicht der Himmel, der kommt,

wenn einst Himmel und Erde vergehen.

Gibt es denn unterschiedliche Himmel - heute so, morgen so? Wie soll man vom Himmel überhaupt eine Vorstellung haben, wenn er mit der Erde zusammen untergeht? Dann ist doch alles vorbei, sollte man annehmen. Andererseits: Kann der Himmel überhaupt untergehen? Vorstellen kann ich mir das schon. Und genau das ist für Kurt Marti offensichtlich der Punkt: Der Mensch macht sich ein Bild von dem, was kommt, wenn er stirbt, wenn die Welt an ihr Ende kommt, wenn die Ordnung von allem ins Wanken gerät. Das liegt in unserer Natur. Und es ist gut so. Aber es bleibt unsere Vorstellung. Es ist nicht die ganze Wirklichkeit und nicht die letzte Wahrheit, die wir uns vorstellen können.

Ich denke manchmaldarüber nach, wie sich Gott unsere Erde eigentlich vorgestellt hat. In den Nachrichten des Tages erfahre ich viel davon, wie er sie sich wohl nicht gedacht hat. Was meine Phantasie umso mehr anregt. Gerade, was den Menschen angeht, der sich und die Welt so oft in Gefahr bringt. Ich hoffe darauf, dass Neid und Feindschaft zwischen uns aufhören. Ich wünsche mir sehr, dass ich das auch wirklich in die Tat umsetze, was ich verstanden habe, dass ich mein Wissen zum Guten nütze. Und dass es nach so einem Prozess des Umdenkens eine neue Chance gibt für unsere Erde.

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde;

denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.[1]

So sieht es also auch der Visionär Johannes von Patmos. Aufgeschrieben in seiner Geheimen Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel.

Wie er, finde ich, dass die Menschheit diese Hoffnung braucht; dass ich sie am Leben halten muss, zusammen mit denen, die die Hoffnung nicht aufgeben. Wie er sich diese Hoffnung genauer vorstellt - und damit den Himmel, der kommt, davon spricht Kurt Marti in den weiteren Strophen seines Gedichts:

* Die Unterdrückung von Menschen hat ein Ende. Es gibt keine Hierarchien mehr. Keiner steht über einem anderen. Auch in der Kirche nicht.

* Das unzählige Leid so vieler Menschen hört endlich auf, weil jede Form der Gewalt ausgemerzt ist.

* Erst dann kann echte Freude aufkommen. Erst dann versteht der Mensch den ursprünglichen Plan Gottes.

Strophe 2-4

Der Himmel, der kommt,

das ist der kommende Herr,

wenn die Herren der Erde gegangen.

Der Himmel, der kommt,

das ist die Welt ohne Leid,

wo Gewalttat und Elend besiegt sind.

Der Himmel, der kommt,

das ist die fröhliche Stadt

und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

So weit, so gut. Aber ist das nicht alles bloß eine Vision, weit weg von uns, und unerreichbar? Spricht dem nicht das Hohn, was wir täglich erleben?

Das schlichte Lied hat noch eine letzte Strophe. Dort geht es um die Gegenwart, ums Hier und Heute, um mein kleines Leben und um das, was ich tun kann.

Der Himmel, der kommt,

grüßt schon die Erde, die ist,

wenn die Liebe das Leben verändert.

Strophe 5


[1] Offb 21,1

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25258