Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(EG 302) 

Es gibt Menschen, wenn die einem begegnen, dann geht einem das Herz auf. Mir ist das erst vor einer Woche wieder passiert, als ich zufällig einen ehemaligen Schüler getroffen habe. Es war wie früher im Klassenzimmer: sein Charme, die natürliche Fröhlichkeit, ja, ein Schub an positiver Kraft hatten mich sofort gepackt. Und mir gut getan. Ich hab das körperlich gespürt. Und, ja, seelisch auch.

Mit manchen Liedern geht es mir genau so, wenn ich sie höre. Es ist, als ob meine Seele anfangen würde zu singen:

Strophe 1              

Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön. Das ist ein Lied aus der protestantischen Liedtradition. Es steht im aktuellen Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 302 und kommt - leider! - im Katholischen Gotteslob nicht vor. Ich habe es trotzdem ausgewählt: als kleinen Beitrag zum Reformationsjubiläum und weil ich sehr bedaure, dass wir es in der katholischen Liturgie nicht singen können. 

Mich ergreift vor allem die Musik. So ein erhebendes Gefühl hat der Komponist Johann Georg Ebeling regelrecht in die Melodie hinein komponiert. Zwei aufsteigende Tonfolgen prägen sie. Die erste, mit der das Lied beginnt, geht über mehr als eine Oktave - vom tiefen B bis zum hohen D.

Die zweite, in der abschließenden Sequenz, erreicht sogar das hohe Es, und geht damit an die Grenze dessen, was in einem normalen Gemeindelied noch als singbar gilt.

Wer das Lied singt, wird Teil einer Bewegung, die nach oben führt, dem Himmel zu. Das wirkt wie ein starker Kontrast zu all dem, was den Menschen an den Boden fesselt, ihm Erdenschwere verleiht.

Der Sänger fordert sich übrigens selbst auf, es mit dem Singen zu probieren. So wie es im 146. Psalm heißt, dem das Lied nachgedichtet ist: Lobe den Herrn, meine Seele! (Ps 146,1). Gemeint ist also nicht nur ein Gesang aus Tönen, den die menschliche Stimme hervor bringt. Die Seele soll singen, der Wesenskern des Menschen, sein Innerstes. Der ganze Mensch soll aufstehen. Und entdecken, wie viel Schönheit es gibt, vor allem dann, wenn Gott dabei ins Spiel kommt. Denn das ist das Ziel von Menschen, die glauben: Gott mit ihrem Leben zu loben.

Strophe 5

Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod,

ernährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot,

macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl;

und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual. 

Paul Gerhard hat den Text des Liedes im Jahr 1653 gedichtet. Fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wollen die Menschen noch immer hauptsächlich eines: das Nötigste bekommen, was sie brauchen und einigermaßen unbeschwert leben. Sie brauchen auch etwas, woran sie sich halten können. In den langen Jahren des Krieges haben sie die Erfahrung gemacht, wie leicht verführbar der Mensch ist, wenn es um Macht und Geld, aber auch um die Wahrheit in Glaubensfragen geht. Da ist es besser auf Gott zu bauen. Wer glaubt, dass er keinen Menschen fallen lässt, der ihn um Hilfe bittet, dessen Seele bleibt fröhlich - und singt.

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