Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 437; EG 589)

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ Das Sprichwort haben meine Eltern oft gebraucht. Immer mit einem spöttischen und ironischen Ton. Typisches Beispiel: Die Schule. Da habe ich wieder mal zu wenig für die Klassenarbeit gelernt und eine schlechte Note kassiert. „Woran lag‘s?“ fragen meine Eltern. Ich gebe zerknirscht zu: „Ich war einfach zu faul.“ Und dann fällt der Satz: „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ So einfach war’s natürlich nicht – und ist es nie geworden. Aber trotzdem ist der Satz wichtig. Weil er deutlich macht: Um überhaupt etwas in meinem Leben verändern zu können, muss ich mich mit mir selbst auseinandersetzen. Und auch meine eigenen Schwächen in den Blick nehmen. 

1. Meine engen Grenzen, / meine kurze Sicht / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Weite, / Herr, erbarme dich.  

Das Lied »Meine engen Grenzen« ist so ein Lied der Selbstbesinnung. Sich die eigenen Schwächen einzugestehen, die eigene Kurzsichtigkeit, die eigenen Grenzen, das ist kein leichtes Unterfangen.

Der evangelische Pfarrer Eugen Eckert hat das Lied in einer ganz konkreten Situation geschrieben. Er hat in einem Wohnheim für Mädchen aus schwierigen Lebenssituationen gearbeitet. Und diese Arbeit führte ihn immer wieder an Grenzen: Er ist mit seinem Latein am Ende, er wird bestohlen und bedroht. Und er kann den  Suizid einer Bewohnerin nicht verhindern.
(Vgl. dazu Neuschäfer,Reiner Andreas: Das brennt mir auf der Seele. Anregungen für eine seelsorgliche Schulkultur, Göttingen 2007, 93.) 

2. Meine ganze Ohnmacht, / was mich beugt und lähmt / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Stärke, / Herr, erbarme dich.

 

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung,“ heißt es. Aber der Texter Eugen Eckert geht weiter. Er macht deutlich: In manchen Situationen kann ich selbst gar keine Besserung herbeiführen. Ich kann mich zwar selbst erkennen, aber es liegt nicht in meiner Hand, mich zu ‚bessern‘. Weil ich mich als ohnmächtig erlebe – und nichts dagegen tun kann. Weil ich Grenzen habe – und die nicht einfach wegradieren kann. Eckert macht es hier wie die Beter der alten biblischen Lieder, der Psalmen: Er wendet sich an Gott.

 

3. Mein verlornes Zutraun, / meine Ängstlichkeit / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Wärme, / Herr, erbarme dich.

Gott, so hofft der Autor, kann meine Angst und mein Misstrauen wandeln. Eckert macht klar: Es liegt nicht alles in meiner Macht. Es liegt nicht alles in meiner Hand.
Erst mal klingt das merkwürdig: Ich erlebe meine Zeit als Zeit, in der ich auf mich selbst zurückgeworfen bin. In der ich mein Leben regeln und gestalten muss. Niemand nimmt mir das ab. Gerade deshalb erlebe ich aber auch: Es tut gut, etwas abgeben zu können. Es tut gut, sich auf andere verlassen zu können. Es tut gut, auf andere zu setzen. Auch auf Gott. 

4. Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit / bringe ich vor dich. / Wandle sie in Heimat, / Herr, erbarme dich. 

Selbsterkenntnis, das erzählt das Lied »Meine engen Grenzen«, kann zu einer wichtigen Erkenntnis führen: Der Erkenntnis, dass meine Schwächen und Unzulänglichkeiten zu mir gehören. Ich darf ohnmächtig und begrenzt sein. Ich darf Sehnsucht habe und Angst. Selbsterkenntnis heißt, dass ich mit mir selbst ehrlich sein kann.

Tröstlich finde ich, dass es gerade die Menschen mit Schwächen sind, die auch in der Bibel wichtig werden. Mose etwa. Als Gott ihn auswählt, da will Mose gar nicht. Ich kann nicht, sagt er, nimmt doch meinen Bruder. Der kann viel besser reden und die Leute anführen. Nein, sagt Gott, ich will dich. So wie du bist.

Genau davon singt auch »Meine engen Grenzen«. Von der Hoffnung, dass ich so, wie ich bin, sein darf. Vor Gott und den Menschen. 

Text: Eugen Eckert 1981 / Musik: Winfried Heurich 1981

Chor der Schülerinnen und Dozentinnen des Instituts für Kirchenmusik, Mainz

In: Eingeladen zum Fest des Glaubens. 63 neue und alte Lieder für den Gottesdienst

Institut für Kirchenmusik (Hg.), Mainz

BM 1299 / CD 1, Take 24 (2:28)

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19366