Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Langer Atem
Alte Lieder tragen oft einen langen Atem in sich: Man spürt die Kraft der Menschen, die sich lange vor uns in diese Lieder hinein geschrieben haben. Und auch hinein gerettet.
Je älter ich werde, umso mehr schätze ich diesen langen Atem aus alten Liedern. Zugegeben, manchmal klingen sie fremd. Aber gerade das Fremde kann den Schatz alter Lieder ausmachen. Ihren langen Atem.
„Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit“,
beginnt ein über 400 Jahre altes Lied. Cornelius Becker, Pfarrer in Leipzig, hat es geschrieben, weit vor Johann Sebastian Bach. Der Kerngedanke darin – ein alter, kein moderner:
Ein gutes Leben gelingt nicht, indem man als autonomes Individuum seinen Weg zum Glück sucht. Gutes Leben wächst, indem man Gottes Gebote in das Leben hinein buchstabiert. Entsprechend dichtet Becker: „Wohl denen, die recht von Herzen suchen Gott und seine Zeugnis halten.“

Musik 1:
Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit,
nach seinem Worte handeln und leben allezeit; die recht von Herzen suchen
Gott und seine Zeugnis' halten, sind stets bei ihm in Gnad.

Der große Heinrich Schütz hat diese Melodie komponiert. Der Geist des Liedes reicht aber noch weiter zurück als 400 Jahre. Cornelius Becker hat den Psalm 119 in sein Lied gegossen. Der ist weit über 2000 Jahre alt und ein einziges großes Loblied auf Gottes Gebote: Im Alten Testament sind sie das Leitsystem, damit das Leben nicht in die Irre geht.
Nicht autonom, „theonom“. So eine Lebensführung ist heute auch vielen Christen fremd.
Das spürt man auch bei dem christlichen Liedermacher Gerhard Schöne. Er hat viele alte Choräle modifiziert. So auch „Wohl denen, die da wandeln“.
1983, auf dem Höhepunkt der kirchlichen Friedensbewegung auf beiden Seiten der Mauer. Da hat Schöne, der Ost-Berliner, den alten Choral in ein Loblied auf Menschen verwandelt, die sich gegen die Atombewaffnung in Ost und West stellen. Gegen ihre Regierenden. Schöne sieht sie auf den Spuren Jesu wandeln, allerdings redet er nicht von Jesus oder Gott:

Wohl denen, singt er, die aufwachen noch vor dem ersten Schuss.
Die jetzt schon Frieden machen und nicht erst nach Beschluss.
Die nach Versöhnung drängen (fade in) und auch kalten Krieg nicht dulden.
Die lasst uns loben heut!

Musik 2: Gerhard Schöne, Wohl denen die da wagen Str. 3

Gutes Leben gelingt, indem Menschen sich autonom, frei und verantwortlich (fade out) einsetzen für das was gut ist. Auch Christen sind in diesem Sinn mündig verantwortlich. Aber für sie ist das zugleich Verantwortung vor Gott.
Allerdings: Wenn wir „Welt retten“ allein auf unsere Schultern legen, wie das aus Schönes Lied klingt, dann geht einem leicht die Puste aus. Und darum bin ich sehr froh um den langen Atem aus alten Liedern, auch wenn sie fremd scheinen.
Für Christen verbindet sich beides: Die neuzeitliche Autonomie und der Atem der „Alten“. Auch als Christ heute weiß ich, dass ich vor Gott lebe und dass die Welt nicht gottverlassen ist. Was gut zu leben ist, profiliert sich in Verantwortung vor ihm. In der 3. Strophe des alten Chorals klingt das für mich an: Sollte es nicht gut sein, dass ich Gottes Gebote zu meiner freien Herzensangelegenheit mache: z. B. Die biblische Sehnsucht und Weisung zum Frieden?

Musik 3:
Mein Herz hängt treu und feste an dem, was dein Wort lehrt.
Herr, tu bei mir das Beste, sonst ich zuschanden werd.
Wenn du mich leitest, treuer Gott, so kann ich richtig laufen den Weg deiner Gebot.

Musik 1  „Wohl denen die da wandeln“ 
track 7 aus CD „Choral: gut!“Athesinus Consort/Lilienfelder Cantorei edition Chrismon  LC 16005
Musik 2 „Wohl denen die da wagen”  track 16 aus CD „Gerhard Schöne; Ich bin ein Gast auf Erden“ Buschfunk Musikverlag Berlin 1991 (leider ohne LC Nummer !!)
Musik 3 „Wohl denen die da wandeln“  track 7 aus CD „Choral:gut!“ LC 16005

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