Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

O Heiland, reiß die Himmel auf

Orgelvorspiel
(track 1 aus CD "Du meine Seele singe", Altensteiger Vokalensemble, LC 06047),

So geht es nicht weiter! Das muss anders werden! Ich weiß nicht, wann Sie das das letzte Mal gedacht oder geseufzt haben.
Mich packt ab und an ein richtiger Zorn. So geht es nicht weiter: Ganz global, wenn selbst Katastrophen wie die auf den Philippinen kein wirkliches Umdenken in Sachen Klimaschutz bewirken. Oder auch ganz persönlich, wenn ich mich wieder einmal von irgendwelchen Terminen hetzen lasse, statt selbst meine Prioritäten zu setzen.
Das muss anders werden! Dieser Stoßseufzer oder auch Wutschrei ist eigentlich der Urimpuls des Advent. Advent, das bedeutet für Christen ja nicht nur Warten auf Weihnachten und das Kind in der Krippe, sondern auch Warten auf Gott, der kommt, um die Welt zu erneuern. Der Liederdichter Friedrich Spee hat diese drängende Sehnsucht in einem Adventslied besungen, das mir besonders gefällt. Es sind Bildworte des Propheten Jesaja, mit denen er seine Hoffnung beschreibt: O Heiland, reiß die Himmel auf.

Strophe 1: O Heiland, reiß die Himmel auf
(Thomanerchor Leipzig, SWR Archivnummer M9038957 01-001)

„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – das ist dringend, drängend. Nicht nur „öffnen“ oder „auftun“ soll Gott den Himmel. Er soll ihn aufreißen, dass endlich, endlich, auf der Erde etwas von seinem Licht ankommt. Der rastlose Jesuitenpater Friedrich Spee schreibt dieses Lied 1622 in einem Land, in dem der 30jährigen Krieg immer weitere Kreise zieht, in einem Land, in dem die Pest wütet. In einem Land, in dem und immer noch Frauen und Männer der Hexerei angeklagt auf Scheiterhaufen brennen.
Wo bleibst du, Gott? In immer neuen Bildern ruft das Lied nach Erneuerung – und Himmel und Erde sollen ihren Teil dazu beisteuern:

Auf Musik gesprochen
(Instrumentalfassung von Mitsing-CD „Aus meines Herzens Grunde – Die schönsten alten Kirchenlieder“, track 7, Orgel: Kay Johannsen, LC Nr. 3989)

O Gott, ein Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
Den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
dass Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

So geht es nicht weiter. Was tun Sie, wenn Sie der Zorn packt über die Verhältnisse in der Welt? Friedrich Spee hat seine Klagen und seine Sehnsucht in dieses Lied gefasst, in uralte Bildworte. Und immer noch und immer wieder stimmen viele Menschen in der Adventszeit in sein Lied ein.
Adventslieder singen, das wird die Welt nicht verändern, sagen Sie vielleicht. Friedrich Spee hat es nicht bei der frommen Lyrik belassen. Er hat sich als Seelsorger und Helfer für Arme, Kranke, Kriegsopfer eingesetzt. Und einige Jahre nachdem sein Adventslied entstanden ist, hat er ein gelehrtes und gut recherchiertes Buch verfasst, das den Wahnsinn der Hexenprozesse aufdeckt. Seine „Cautio Criminalis“ – rechtlichen Bedenken – haben eine große Leserschaft gefunden und läuteten den Anfang vom Ende der Hexenverfolgung ein.
Singen und Tun: Ich glaube, beides gehört zusammen: Für eine bessere Welt zu arbeiten, so wie man kann, ob im Beruf als Lehrer oder Ärztin, oder im Ehrenamt als Vorlesepate im Kindergarten oder als Kommunalpolitikerin im Gemeinderat. Und gleichzeitig die Hoffnung auf eine ganz neue Welt gemeinsam wach zu halten, mit Liedern und Worten. Nicht nur jetzt, vor Weihnachten.

Strophe 5 O klare Sonn, du schöner Stern
(track 1 aus CD "Du meine Seele singe", Altensteiger Vokalensemble, LC 06047)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16623