Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 621/ EG 382)

Wenn man als Gast bei jemandem zu Besuch ist, bringt man gerne eine Flasche Wein oder Blumen mit. So hat man was in der Hand. Wenn ich mit leeren Händen dastehe, kann das unangenehm sein.

Ein Kirchenlied beginnt damit, dass dieses Mitbringsel fehlt. „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr" so lautet die erste Zeile. Der niederländische Theologe Huub Oosterhuis hat den Text 1964 verfasst. Die Melodie stammt von Bernard Huijbers. Oosterhuis und Huijbers hatten in den 60er und 70er Jahren ein gemeinsames Anliegen: Sie wollten Kirchenlieder schreiben, die echte Gebete für das Leben sind. Das Kirchenlied, das wir gleich hören, ist ein Klagegebet. Ein Mensch steckt in einer Krise, vielleicht hat eine schwere Krankheit sein Leben verändert oder es ist ein lieber Mensch gestorben. Bildlich gesprochen steht er mit leeren Händen da, oder „in Leere, arm und bang" - so übersetzt es Alex Stock.             

MIRA 399443 Ich steh vor dir, Schola der Kleinen Kirche Osnabrück, 2009

In dieser Strophe sind zwei Fragen an Gott eingebettet: Hast du nichts anderes für mich als den Tod? Bist du der Gott, der mir Zukunft verspricht? Ja, es gibt Fragen, die ich Gott stellen muss. Vor allem dann, wenn es mir schlecht geht. Und auch Fragen können Gebet sein.

In der zweiten Strophe geht es mit den Fragen an Gott weiter: „Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?" So heißt es da etwas lyrisch formuliert. Man könnte die Frage auch einfacher stellen:"Vergisst du mich, Gott?"

Wenn Menschen verzweifelt sind, kommen solche Fragen. Mich ermuntert das Kirchenlied dazu, dass ich meine Fragen vor Gott nicht runterschlucke. Im Gegenteil: Ich kann Gott alles, was mich bewegt an den Kopf werfen. So wie Hiob aus dem Alten Testament. Er durchlebt die größte Krise seines Lebens und er beschwert sich bei Gott. Er klagt und fragt ohne Ende. In der Bibel heißt es schließlich, dass Gott dieses endlose Klagen und Fragen akzeptiert. Hiobs Leben erfährt dann eine Wende und bekommt einen neuen Sinn.

Auch das Kirchenlied macht eine Wende. In der dritten Strophe stehen anstatt der Fragen nämlich ganz persönliche Bitten. Da heißt es: „Sprich du das Wort, das mich mit Trost umgibt, das mich befreit und nimmt in deinen Frieden." Ich bin davon überzeugt, dass Gott zu mir sprechen kann. Meistens durch den Mund anderer Menschen. Das merke ich, wenn mich ein Wort besonders berührt. Oft sprechen das Menschen zu mir, die mich in Krisenzeiten aushalten. Das zeigt mir, dass Gott mir gerade in der Krise nahe ist. Oder - mit Huub Oosterhuis gesprochen - wenn ich mit leeren Händen vor ihm stehe.

         3) Sprich du das Wort, das mich mit Trost umgibt,
         das mich befreit und nimmt in deinen Frieden.
         Öffne die Welt, die ohne Ende ist,
         verschwende menschenfreundlich deine Liebe.
         Sei heute du mein Brot, so wahr du lebst -
         Du bist doch selbst die Seele meines Betens.

         MIRA 399443 Ich steh vor dir, Schola der Kleinen Kirche Osnabrück, 2009

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