Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit Dr. Johanna Rahner, Professorin für katholische Dogmatik an der Universität Kassel.

begegnungen > rahner_johanna.jpgWas man beim Abendmahl erfahren kann

Steinmann:
Frau Rahner, im Zentrum des heutigen Feiertags Fronleichnam steht für Christen beider Konfessionen - Sie sind katholisch - ich bin evangelisch - die für alle Christen zentrale Feier der Eucharistie bzw. des Abendmahls. Was erfahren Sie eigentlich bei der Eucharistiefeier?

Rahner:
Also, das hängt sehr stark davon ab in welcher Situation ich persönlich bin und in welcher Situation der Gottesdienst stattfindet. Einmal bin ich mitten dabei und habe auch das Gefühl, die Gemeinschaft ist mir wichtig, die hier feiert. Und im gemeinsamen Essen und Trinken spüre ich auch die Gegenwart Gottes in unserer Mitte. Es gibt aber auch Situationen, ja, da geh ich so hin und erhoffe mir, dass irgendwas wirkt, weil ich selbst nicht viel mitbringe.
Ich erinnere mich sehr an einen Gottesdienst, das war damals auf einer der ostfriesischen Inseln - es war eine wunderbare Abendstimmung - da stimmte alles und da war auch die ästhetische Erfahrung von Erhabenheit und Gottes Nähe da. Das können Sie natürlich nicht an jedem dann Sonntag wiederholen.

Steinmann:
Manchmal kommt man ja sehr sehr leer, mitgenommen und mit Erfahrungen, die ziemlich schattig auf einem liegen, mit einem relativ blassen und dünnen Glauben und dann ist diese Erfahrung des Abendmahls ganz stark in der Vertikalen: ‚Jetzt komme ich wieder unter einem Dach an' und im Laufe dieses Gottesdienstes entwickelt sich oft dann auch so eine Horizontale, dass ich dann die Anderen sehe, die auch mit mir da sind und denke: ‚naja, die sind auch nicht besser als ich.'

Rahner:
Na, es ist gut so, dass sie auch da sind. Diese Erfahrung mache ich sehr stark, wenn ich mit meinen Problemen, mit meiner ganzen Woche, die ich so auf der Schulter trage, ankomme und dann ist diese Situation des gemeinsamen Mahl Haltens und vor Gott Stehens und sich hier eine Stärkung erwünschen und auch erfahren können. Das ist wirklich etwas, was dann auch die Vertikale mit der Horizontale verbindet.

Steinmann:
Welche Form Abendmahl zu feiern, ist für Sie die liebste?

Rahner:
Wir haben ja in der Katholischen Kirche ein bisschen diese seltsame „wir stehen an der Einkaufsschlange vor der Kasse-Situation" - manchmal. Das ist nicht sehr schön, ist auch theologisch nicht stimmig. Für mich theologisch stimmiger ist: Ich bin häufig in einer Gemeinde zu Gast, die wenigstens diese ‚In der Schlange stehen- Situation' dadurch aufgebrochen hat, dass man gemeinsam dann in einer Reihe steht und aufeinander wartet mit dem Essen.

Steinmann:
Wie häufig wird eigentlich in der Katholischen Kirche die Eucharistie in „beiderlei Gestalt" gefeiert? Mir jedenfalls ist das immer sehr wichtig gewesen, auch Wein zu trinken. Ich weiß noch als wir in der Gemeinde die Diskussion hatten wie ist das mit dem Alkoholabhängigen, soll man nicht auf Traubensaft umsteigen? Und ich habe ganz stark gespürt: Also das kann ich mir über den Kopf zumuten im Sinn einer solidarischen Askese, aber ich habe immer gesagt - so mehr im Spaß - : ‚im Reich Gottes da gibt es dann wieder Wein.' Mit Wein zu feiern, das drückt einfach aus, das ist ein Fest.

Rahner:
Es geht mir ähnlich so. Ich glaube, das haben wir als Katholiken ein bisschen was zu lernen von unseren evangelischen Geschwistern. Diese Reliktform, nur Brot zu nehmen, wird zunehmend auch aufgebrochen. Ich selber bin in einer Gemeinde, da wird es wöchentlich einmal am Donnerstagabend in Rückerinnerung an das letzte Abendmahl gefeiert und dann zu Hochfesten ist es obligatorisch, dass unter beiderlei Gestalt, gegessen und getrunken wird. Natürlich, die andere Form wird häufig bevorzugt aus rein pragmatischen Gründen und ich denke, manchmal sollte auch die theologische Stimmigkeit ein stärkeres Argument sein.

Was die Konfessionen trennt bei der Eucharistie

Steinmann:
Wenn ich den Austausch, den wir jetzt hatten, Revue passieren lasse, dann kann man eigentlich das Gefühl haben: Warum feiern die eigentlich grundsätzlich nicht miteinander?

Rahner:
Ich denke, die Unterschiede, die heute noch verhindern, dass wir eine Abendmahlsgemeinschaft haben, sind nicht auf der Ebene des Verständnisses von Eucharistie und Abendmahl, sondern es hat mit dem Kirchenverständnis und mit dem Amtsverständnis zu tun.

Steinmann:
Nach katholischem Verständnis dürfen evangelische Christen nur in Ausnahmen an der Eucharistie teilnehmen. Jett spitze ich das mal zu. Für mich sieht das so aus, als wäre die Kirche die Gastgeberin. Für Evangelische ist irgendwie klar: Christus ist der Einladende.

Rahner:
Eigentlich ist in jeder katholischen Eucharistiefeier auch Christus der Einladende. Nur die Frage ist: Welches Zeichen wird gefeiert? Und da ist es eine gute Tradition, dass Eucharistiegemeinschaft Kirchengemeinschaft darstellen soll. Und das ist der Haken einer beschränkten Zulassung von Seiten der katholischen Kirche. Weil sie sagen: ‚wenn wir evangelische Christen oder andere Christen einladen, dann würden wir mit diesem Zeichen eigentlich eine Kirchengemeinschaft, die nicht existiert, vorheucheln. Deswegen ist die Problematik einer Öffnung oder gegenseitigen Einladung nicht die - primär - ob jetzt evangelische Christen, Christinnen in die katholische Eucharistiefeier kommen können, sondern was passiert eigentlich, wenn katholische Christen und Christinnen in die evangelische Abendmahlsfeier gehen, weil mit der Anerkennung einer gültigen Abendmahlsfeier wäre die Anerkennung eines gültigen Amtes eingeführt worden.
Sie sehen es daran, wir haben eigentlich die Ausnahmeregelungen für evangelische Christinnen und Christen - man sagt, im Todesfall ist die strenge Auslegung. Wir haben jetzt aber innerhalb der katholischen Kirche eine Veränderung:
Wir reden nicht mehr von der letzten Ölung, sondern von der Krankensalbung, wir haben eine viel häufigere Zelebrierung der Krankenkommunion. Da hat sich binnenkatholisch etwas verschoben und ich verstehe bis heute nicht, warum man die entsprechende Einladungsmöglichkeit für Evangelische nicht auch verändert hat. Also wenn ich binnenkatholisch Dinge anders sehe, dann muss ich nicht eine strenge Norm einführen für die anderen. Mein starkes Votum wäre, ob es Situationen oder Personen gibt, wo man eine allgemeinere, offenere Einladung aussprechen kann. Ich denke insbesondere an konfessionsverbindende Ehepaare.

Steinmann:
Ich habe noch einen anderen Grund, warum diese Vorstellung von der erfüllten Kirchengemeinschaft theologisch schwierig ist. Eine der wichtigen Sätze in den Einleitungsworten zum Abendmahl heißt: „In der Nacht, in der da er verraten wurde", also wenn man es zuspitzen will..

Rahner:
..hat Judas auch mit gegessen.

Steinmann:
Also bedeutet für mich: Da sitzt ja nicht nur Judas, da sitzt auch Petrus, da sitzen die anderen Hänflinge. Da ist nicht eine Gemeinschaft erfüllten und fertigen Miteinanders, sondern Jesus erlaubt den Gebrochenen, den Sündigen, in seine Gemeinschaft zu kommen. Da werden auch Leute wieder auf den richtigen Weg gebracht. Das ist für mich eigentlich der stärkste Grund zu sagen: Im Prinzip gilt die Einladung zum Abendmahl allen Getauften.

Rahner:
Sie haben Recht von einer Seite. Dieses gemeinsame Mahl Halten hatte immer integrative Funktion. Aber parallel dazu gibt es immer auch sozusagen die Rückseite, dass das auch ein Identitätskennzeichen ist. Identitätsstärkend, das hat einen eher abgrenzenden, einschränkenden Charakter. Und aus dieser Spannung kommen wir - glaube ich - nicht raus. Deshalb wäre ich eher für eine situative Entscheidung. Erst mal zu gucken, wofür steht jetzt in dieser Situation, wofür steht jetzt die gemeinsame Feier und von dieser Kategorie her, wer nimmt teil, wer darf teilnehmen. Das bedeutet eine gewisse Verantwortung auch für diejenigen, die vor Ort der Eucharistie vorstehen, und der Gemeinde, die feiert. Tatsächlich das stimmige Zeichen zu suchen und zu setzen. Und das kann in jedem verschiedenen Zusammenhang auch unterschiedlich aussehen.

Wie das Heilige Essen den Alltag ‚abschmeckt'

Steinmann:
Wir haben jetzt sehr stark darüber gesprochen, was für uns als Christen diese Feier bedeutet. Denken Sie, dass das Heilige Essen auch für Menschen Bedeutung haben kann, die nicht daran teilnehmen können oder wollen?

Rahner:
Ich glaube schon. Ich bedaure eigentlich eine Grundentscheidung des Urchristentums, dass man diese eucharistische Feier von dem wirklichen Essen und Trinken getrennt hat. Und das ist für mich ein Signal, das offen zu halten, diesen Blick. Und auch manchmal Feierformen zu finden, wo man beides wieder zusammen bringt.
Und da wäre auch die Frage inwieweit dieses gemeinsame Essen und Trinken Signalcharakter hat, wie Welt funktionieren kann: Also dass eben Essen und Trinken etwas ist, was Teilen voraussetzt, was die Einstellung voraussetzt, nicht als Erster zuzugreifen. Das sind ganz normale Tischsitten bei uns, aber die haben ja auch eine Tiefendimension. Diese Eucharistie- oder Abendmahlsfeier könnte durch andere Ergänzungen liturgischer Art diesen Verweis auf die Welt da draußen wieder viel stärker machen.

Steinmann:
Für mich ist auch ein wichtiger Punkt. Nirgendwo erlebe ich so intensiv, wie eng essen und beten zusammen gehören. Das kannst Du nicht auseinanderlassen als Christ: Etwas zu essen und nicht dafür danke zu sagen. Und ich fände es eigentlich auch spannend für säkulare Menschen, in ihre Gestaltung ihres Essens eine Dankbarkeit für das, was man hat, was man miteinander teilen kann, einfließen zu lassen. Wenn man nicht beten kann, dann was Anderes zu erfinden.
Oder: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Zufall ist, was für Elemente beim Abendmahl zum Verzehr kommen. Es sind beides vegetarische Lebensmittel. Für mein Verständnis folgt daraus nicht, dass Fleisch essen verboten ist, aber die Erinnerung, dass Essen auch Gewaltanwendung gegenüber der Schöpfung ist und dass es Essensformen gibt, die zu gewalttätig sein könnten. Wo wir Schöpfung gefährden.

Rahner:
Das ist gut nachvollziehbar, weil bei uns die Eucharistiefeier sich nicht nur um die Elemente, sondern um die Menschen, die feiern, dreht. Und diese Menschen sind auch durch das, was sie feiern darin bestärkt, diese Verantwortung auch für die Welt wahr zu nehmen. Deswegen heißt ja der katholische Begriff „Messe", von ‚missa es', gesandt sein, dass man also aus dieser Feier heraus in Weltverantwortung tätig werden kann. Und das ist auch eine schöne Symbolik, warum es Fronleichnam gibt: Wir tragen dieses Symbol in die Welt hinaus, um das genau zu zeigen. Wir müssten es nur noch machen. Das wäre das, was wichtig wäre.

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