Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

Ich danke unserm Herrn Jesus Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt. (1. Tim. 1, 12)

 Wer einen Fehler gemacht hat, der muss zurücktreten. So hat im Februar Margot Käßmann argumentiert als sie von ihrem Bischofsamt zurück getreten ist. Und eine Kassiererin wurde gekündigt, weil sie einen gefundenen Pfandgutschein über 1,60 Euro für sich behalten hat. Wer Fehler gemacht hat, muss zurücktreten oder wird gekündigt. Sicher, kommt auf die Tragweite des Fehlers an. Manchmal ist es unvermeidlich, dass jemand, der nicht mehr weiter weiß oder sich auf falschem Weg festgefahren hat, Platz macht für einen anderen. Aber ob jeder und jede weg muss, die einen Fehler gemacht haben?
Paulus, der Apostel, sieht das ganz anders. Auch er hatte einen schweren Fehler gemacht. Obwohl: Lange Zeit sah es so aus, als ob er alles ganz richtig gemacht hätte. Er hatte hart durchgegriffen gegen alle, die anders dachten als er. Die es in seinen Augen nicht genau genug nahmen mit dem Glauben und mit dem Gesetz - die hat er verfolgt. Bis er eines Tages begriffen hat: Ich habe mich geirrt. Ich stehe auf der falschen Seite! Die Christen, die von Vergebung und Barmherzigkeit für die Sünder reden, die haben von Gottes Liebe mehr verstanden als ich. Ich habe sie zu Unrecht verfolgt. Das war ein schwerer Fehler.
Eigentlich hätte Paulus da beschämt zurück treten müssen. Hätte sich nicht mehr zu Wort melden dürfen in religiösen Fragen. Stattdessen wird er Prediger des Christenglaubens und begründet erste christliche Gemeinden. In einem Brief schreibt er: „Ich danke unserm Herrn Jesus Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt". Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten daran erinnert.
Kann einer, der einen so schweren Fehler gemacht hat, an seinem Platz bleiben, sogar Vorbild sein und ein wichtiges Amt haben? Paulus sagt: Ja, das geht. Aber nicht seine Fehlerlosigkeit und Stärke ist das Vorbild für andere. Er sagt selbst von sich in demselben Brief: Ich bin ein Sünder. Nicht bloß: Ich war ein Sünder, aber das ist alles vergangen und jetzt ist alles besser. Paulus hat anscheinend gelernt: Menschen machen Fehler. Niemand kann sicher sein, dass ihm das nicht passiert. Aber Jesus Christus erbarmt sich gerade über die, die Fehler gemacht haben. Die sollen neu anfangen dürfen.
Vor Paulus lerne ich deshalb: Wer einen Fehler gemacht hat muss nicht zurück treten und auch nicht unbedingt gekündigt werden. Aber er muss ehrlich sein und den Fehler eingestehen. Dann kann man nach neuen Wegen suchen und es anders machen und hoffentlich besser. Vielleicht stärker und verständnisvoller und irgendwie weiser als vorher.

Dafür ist Paulus ein Vorbild. Und ich finde das befreiend.

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