Manuskripte

12JUL2020
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Gibt es Hoffnung? So fragen etwa die Angehörigen eines Schwerkranken, der zwischen Leben und Tod schwebt. Gibt es Hoffnung? Hat ein gütiger Gott alles in seiner Hand und lässt mich hoffen?

Ludwig van Beethoven hat zu dieser Frage ein Lied komponiert.

Musik

Beethovens Bruder Karl war todkrank und brauchte finanzielle Hilfe. Doch Ludwig war nach dem Tod seines Gönners Graf Kinsky selbst in Geldnot. Er schrieb Kinskys Witwe und bat sie, ihn gerade jetzt weiter zu unterstützen. Mehrere seiner Werke widmete er der Gräfin, darunter dieses Lied.
Die Verse sind ein kleiner Teil des buchlangen Gedichts „Urania“ von Beethovens Freund Christoph August Tiedge. Dort stehen sie unter der Überschrift „Klagen des Zweiflers“. Beethoven schätzte die „Urania“ sehr und hatte die nun folgenden Verse Jahre vorher schon einmal vertont. Doch erst in der neuen Fassung beginnt er mit der Frage nach Gott.Gibt es Hoffnung? Darf ich hoffen, dass vom Himmel jemand auf mich achtet?

Musik

Ein Engel zählt die Tränen eines Menschen. Er führt Buch über alles, was dem Leidenden zu viel wird.
Beethovens frühere Vertonung der Verse ist ein hübscher musikalischer Liebesbrief. Jetzt ist die Stelle mit dem Engel der strahlende Höhepunkt eines dramatischen und leidenschaftlichen Liedes. Die Hoffnung wird dem Kummer abgerungen. Sie blickt über den Schmerz hinaus und erkennt in dem Engel eine Antwort auf das sinnlose Leid. Der Leidende ist mit seinen Tränen nicht allein.

Musik

Hoffnung greift nach ein paar Lichtstrahlen, wenn sonst nichts da ist, wonach man greifen kann.
Wer die Nacht durchwacht und durchlitten hat, sieht einen neuen Morgen. Das Licht macht wieder alles hell und vertraut.
Eine Garantie dafür gibt es nicht. Es bleibt Hoffnung. Gibt es Hoffnung? Ja, über Leid, Kummer und Trauer hinaus. Gottes Engel zählt und verzeichnet alle Tränen. Sie sind nicht umsonst geweint. Darum stellt Beethoven die Hoffnung ans Ende des Liedes:

Musik

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Musikangaben:

An die Hoffnung (Ludwig van Beethoven, op. 94)

Musiktitel 1
An die Hoffnung Lied mit Klavierbegleitung, op. 94
Songs
Beethoven, Ludwig van; Tiedge, Christian August; ...
Genz, Stephan; Vignoles, Roger

Musiktitel 2:
An die Hoffnung. Lied mit Klavierbegleitung, op. 94   
Von ewiger Liebe
Beethoven, Ludwig van; Tiedge, Christoph August
Harteros, Anja; Rieger, Wolfram

Musiktitel 3: wie 1

Musiktitel 4: wie 2

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14JUN2020
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An jeder Straßenecke hören Menschen Lieder, die sie zu einem mutigen und fröhlichen Glauben einladen. Einem Glauben ohne Angst vor Strafe und Gericht. Martin Luther hat diesen Glauben gerade wiederentdeckt. Und darüber Verse geschrieben, die jeder verstehen kann. Eine aufregende Zeit, damals vor 500 Jahren!
Funktioniert das eigentlich heute auch noch? Vom Glauben in Mutmach-Liedern erzählen, die man an jeder Straßenecke singen könnte? Solche Lieder schreibt der Pfarrer und Liedermacher Fritz Baltruweit seit über 40 Jahren. Eines davon stelle ich Ihnen heute Morgen vor:

Musik

„Die Seele wird frei“, so haben Baltruweit und der zweite Textdichter Jan von Lingen ihr Lied überschrieben. Ganz bewusst orientieren sie sich an Luthers Glaubensliedern. Das Lied wurde zuerst in einem Reformationsgottesdienst gesungen. Wie Luthers Lieder erzählt es, wie gut Gott es mit denen meint, die ihm vertrauen.
Frei soll die Seele werden – frei von allem, was einen Menschen innerlich einengt. Den Zwängen, dem Druck. Der ständigen Be- und Verurteilung. Den Bewertungen, den Likes im Internet – oder der wüsten Hetze. Genau hier kann der Glaube einen anderen Ton anschlagen: „Gott stellt mich durch sein Wort auf guten Grund, spricht mit heller Stimme, und ich werd gesund.“

Musik

Aber diese gute Botschaft ist nicht für mich allein da. Die soll ich weitersagen, die soll ich in die Welt bringen. Denn da gehört sie hin, nicht ins stille Kämmerlein. So frei wie meine Seele soll auch die Welt werden. Frei von Unrecht und Hass. Frei von allem, was Menschen Angst macht. Glaube und Angst haben nichts miteinander zu tun. Aber Glaube und Hoffnung, Glaube und Zuversicht.

Musik

Vor 500 Jahren haben die Menschen geglaubt, dass Engel und Teufel um ihre Seelen kämpfen. Und sie hatten Angst, dass die Teufel diesen Kampf gewinnen – und dass ihre Seelen dann in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren.
Engel und Teufel kommen auch in dem neuen Lied vor. Aber hier haben die Engel Grund zum Lachen, und die Teufel ärgern sich höllisch.
Wenn überirdische Mächte um mich kämpfen, dann will ich darauf vertrauen, dass die guten Mächte gewinnen. Ich fühle mich geborgen – das macht mich frei.

Musik

Dieses Lied gehört wirklich an jede Straßenecke. Gottes Engel nehmen mich an die Hand. Der Weg ins Himmelszelt steht mir offen – so die letzten Worte des Liedes. Auf diesem Weg bin ich sicher unterwegs. Mit freier Seele und mit festem Herzen.

Musik

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Musikangaben

Text: Fritz Baltruweit und Jan von Lingen
Musik: Fritz Baltruweit
Interpreten: Fritz Baltruweit und Instrumentalsolisten (Studiogruppe Baltruweit)
CD „Fritz Baltruweit. Lieder aus 5 Jahrzehnten. Gott gab uns Atem“

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17MAI2020
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Lassen Sie sich erweichen, wenn sie sich einmal in einer Sache festgelegt haben? Kommt man bei Ihnen mit wütendem Fußaufstampfen und Tränen weiter? Oder hören Sie eher auf ruhige Argumente? Und: Ist das überhaupt gut, wenn man sich erweichen lässt? Bleibt man nicht besser standhaft und knickt nicht gleich ein?

Ich erzähle Ihnen mal eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Da geht es darum, dass sich sogar Gott einmal umstimmen lässt. Gott ist in dieser Geschichte rasend zornig und verletzt, so wie jemand, der verliebt ist und den man sitzengelassen hat. Genau das ist Gott nämlich passiert.

Gott hatte das Volk Israel aus Ägypten befreit. Das war schon ein Stück Arbeit gewesen, bis Gott seinen Gesandten Mose soweit hatte, dass der mitgemacht hat. Mose hatte geklagt: Die hören doch nie auf mich! Ich kann ja nicht mal gut reden! – Aber Gott hat sich richtig abgerackert, um seine Leute da aus der Sklaverei rauszuholen. Nun war alles perfekt. Das Einzige, was noch gefehlt hat, das waren ein paar Gebote und Regeln für das neue Land.

Also ist Mose auf den Berg Sinai gegangen. Dort wollte Gott ihm Regeln geben für ein gutes Leben in Freiheit. Doch jetzt haben die Leute den Mose nicht mehr gesehen und von Gott nichts gehört. Sie haben sich Sorgen gemacht. Da haben sie sich kurzerhand ein Kalb aus Gold gegossen und getanzt und gerufen: Hier ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten befreit hat!

Nicht wahr: das alte Lied! Der Mann, für den man alles getan hat, der hat plötzlich eine andere. Die Frau, die man auf Händen getragen hat, die hat jetzt einen anderen. Kommt immer wieder vor. Und hier ist es also Gott, dem das passiert.

In der Bibel, da sagt Gott zu Mose: Geh mir aus dem Weg! Die mach ich jetzt fertig, alle zusammen! Und aus dir mach ich mir ein neues Volk!

Also, das ist doch ein Angebot! Aber es ehrt Mose, dass er es nicht annimmt. Er fängt an, mit Gott zu verhandeln. Er geht Gott keineswegs aus dem Weg. Er bleibt stehen. Besänftigt Gott. Mit Worten, mit Argumenten. Was sollen denn die anderen von uns denken: Dieses komische Volk hat einen Gott, der sie aus der sicheren Arbeit rausholt und in der Wüste umbringt?! Gott, das passt doch nicht zu dir! Denk doch bitte an all das, was du bisher gesagt und getan hast.

Mose redet Gott zu. Wie einem guten Freund. Und Gott? Gott sagt gar nichts. Gott schweigt. Aber es tut ihm leid. Ohne Worte gibt er Mose recht. Besonders konsequent war das vielleicht nicht. Aber ich finde das bewundernswert: Gott kann über seinen Schatten springen! Ich finde, diese Kunst sollte man können! Bevor ein Unglück passiert. Wie kann ich das üben? Wie springe ich über meinen eigenen Schatten?

So ganz buchstäblich geht das ja nicht. Mein Schatten gehört unlöslich zu mir. Was ich tue, das tut er auch. Wenn ich versuche, über ihn zu springen, dann dreht er sich rasch fort und ist schon wieder woanders.

Und weil das so ist – darum versuchen viele Menschen das gar nicht erst. Auch nicht im übertragenen Sinn. Sie bleiben prinzipientreu, standfest, unbestechlich. Nicht zu erreichen, nicht zu erweichen. Wie viel Unglück passiert, weil einen Menschen keine Tränen und keine guten Worte erreichen können! Weil das Zauberwort „bitte“, zu dem wir als Kinder immer angehalten worden sind – weil dieses Zauberwort leider nur allzu oft gar nichts zaubert!

Wie würde die Welt aussehen, wenn die Menschen mehr aufeinander hören würden? Ich gestehe ganz ehrlich: Ich bin die so leid, diese Prinzipienreiter und Rechthaber. Die immer das letzte Wort haben müssen. Die machen die Welt nicht besser!

Und darum mag ich die kleine Geschichte von Mose und Gott so. Von Mose, der immer gedacht hat, er kann nicht gut reden – und der dann sogar den wütenden, verletzten Gott rumgekriegt hat. Das bewundere ich. Und noch mehr bewundere ich, wie Gott schweigend akzeptiert, dass er beinahe ein Unglück angerichtet hätte. Und es einfach lässt.

Ich bewundere auch Menschen, die das können. Die über ihren eigenen Schatten springen können. Die einsehen, dass sie Fehler machen. Wenn mehr Menschen so wären, dann würde einem auch das Bitten leichter fallen. Dann wäre es wirklich ein Zauberwort, das Menschen umstimmen kann.

Dann hätten wir eine Welt, in der die Menschen sich mehr von anderen erweichen lassen, in der sie aufeinander hören und einander ehrlich um etwas bitten. So eine Welt wünsche ich mir! In so einer Welt braucht es keine Kriege mehr zu geben, auch keine Handelskriege. In so einer Welt, da würden Menschen mehr darauf achten, wie es den anderen geht. Und würden einander mehr helfen. Gerade jetzt in der Corona-Krise, da wäre das doch so wichtig und nötig!

So eine Welt brauchen wir ganz dringend. Ich wünsche mir die sehr! Und ich nehme mir vor, jetzt häufiger andere um etwas zu bitten. Ich weiß jetzt: Jede Bitte macht die Welt besser. Denn jede Bitte gibt einem anderen Menschen die Chance, dass er über seinen Schatten springt. Machen Sie mit? Dann wird die Welt noch besser, versprochen! Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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19APR2020
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Wenn Martin Luther sich arg bedrängt gefühlt hat, dann hat er mit Kreide vor sich auf sein Pult geschrieben: baptizatus sum – ich bin getauft. Dann ging es ihm wieder besser.

Ich bin getauft. Ich gehöre zu Gott. Ich werde festgehalten, ich werde geführt, mein Leben hat einen Sinn. Ich spüre, da hat einer Ja zu mir gesagt. Jetzt, als Erwachsener, kann ich antworten. Auch wenn ich als kleines Kind getauft wurde. Auch, wenn ich noch gar nicht getauft bin. Gottes Ja ist nicht davon abhängig.

Gott sagt Ja zu mir, und ich Mensch –
„Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf.
Ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf.“

So heißt es in einem neuen Lied, das ich Ihnen heute vorstellen möchte:

Musik

Dieses Lied hat der evangelische Theologe und Künstler Okko Herlyn für einen Liederwettbewerb der Evangelischen Kirche im Rheinland geschrieben. Ein Tauflied für Erwachsene.
Die erste Strophe stellt Gott als den Schöpfer vor. Gott ist der Lebensgrund, er hält mich in seinen Händen. Ich bin nicht zufällig da, sondern weil Gott mich gewollt hat. Darauf kann ich antworten. Aber es ist eine Antwort. Gott ist nicht erst für mich da, wenn ich etwas dafür getan habe.
Martin Luther hat sein baptizatus sum aufs Pult geschrieben – ich bin getauft. Ich glaube, mir würde heute ein Wort reichen: Ja. Da hat sich einer längst zu mir bekannt, und ich brauche mich bloß darauf einzulassen.

Musik

Die Evangelien erzählen davon, dass Jesus selbst Hass, Gewalt und Menschenlist zum Opfer gefallen ist. Und dennoch:

„Ich sage Ja zu dem, der uns gesandt
und aus dem Tod zum Leben auferstand.“

Dieses Bekenntnis zu Jesus, in dem Gott seine Liebe zeigt – das ist ein Ja zum Leben. Vielleicht muss ich das ganz neu lernen, während das Corona-Virus der ganzen Welt den Takt vorgibt. Ich erkenne die Freundin und den Bruder in anderen Menschen, zu denen ich jetzt auf körperlichen Abstand gehen muss und denen ich trotzdem ein Lächeln schenken kann. Die meisten Kirchen sind zu, die Gottesdienste abgesagt – und die Menschen üben, einander trotzdem näher zu kommen: im gemeinsamen Singen von den Balkonen, in Nachrichten und Telefongesprächen, die viel wichtiger geworden sind als sie es lange waren. Gott ist für mich Mensch geworden und begegnet mir in den Menschen um mich herum. Ein einziges großes Ja zum Leben.

Musik

„Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist.“ In einer atemlos gewordenen Welt nehme ich mir etwas von Gottes langem Atem. Ich mache mich auf den Weg.

„Ich sage Ja zu Wasser, Kelch und Brot,
Wegzehrung, Zeichen, Zuspruch in der Not.“

Wegzehrung ist das alles. Nicht mehr – und nicht weniger. Eine Pause, eine Oase. Für jeden, der es braucht. Und wenn man nicht raus kann, wenn man mehr oder weniger auf seine Wände beschränkt ist: dann ist es trotzdem Wegzehrung. Für alles, was ich vor mir habe. Ich kann es aus Gottes Hand nehmen, ich kann mich stärken und nach vorne schauen.

Musik

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Musiktitel 1-4:


Ich sage Ja (Okko Herlyn; EG.E 10)

Text und Musik: Okko Herlyn

Jugendkantorei Kaiserswerth. Kaiserswerther Männerchor „vox plena“ (Leitung: Kay Immer). Thomas Schmidt, Klavier. Gesamtleitung: Susanne Hiekel

CD „Neue Tauflieder. Liederwettbewerb zum Jahr der Taufe 2011“, Track 7
© Evangelische Kirche im Rheinland, Das Landeskirchenamt – Abteilung II, Hans-Böckler-Str. 7, 40476 Düsseldorf

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22MRZ2020
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Nähe. Dieses Wort begegnet mir häufig. Ich kenne Menschen, die sagen, dass sie Nähe suchen und vermissen. Andere sagen dagegen, dass ihnen zu viel Nähe unheimlich ist. Doch Menschen, die Nähe zulassen, die andere in ihre Nähe lassen, werden von vielen als sehr wohltuend empfunden. Als sehr menschlich.

Wie ist das mit Gott? Ist Gott in meiner Nähe? Oder ist er fern? Lässt Gott mich in seine Nähe – lasse ich Gott in meine Nähe? Und ist das etwas Gutes: Gottes Nähe? Was bewirkt sie?

Es gibt ein neues Lied über die Nähe Gottes. Es berührt mich sehr und ich möchte es Ihnen heute Morgen vorstellen:

Musik

Der Kölner Komponist Timo Böcking hat die Musik und den Text dieses Liedes geschrieben. Es erschien erstmals 2017 im Kirchentagsliederbuch freiTöne und war dann das Segenslied im Schlussgottesdienst des Kirchentags 2019 in Dortmund, bei dem der Komponist die musikalische Gesamtleitung hatte.

Böcking selbst bezeichnet die folgenden Worte als Schlüsselzeile seines Liedes: "Halt uns fest an deiner Hand, auf unserem Weg in neues Land.“ Er sagt dazu: „Bei Lebensumbrüchen, -einbrüchen und -aufbrüchen geht Gott mit uns und hält uns fest in seiner Hand.“

Das ist Gottes Nähe. Wenn ich voller Zweifel in die Zukunft schaue, dann darf ich mich darauf verlassen, dass Gott bei mir ist. Dass er mit mir geht. Diese Zuversicht schenkt mir der Glaube an Gottes Nähe. So kann ich aufbrechen, so kann ich auch neue Wege versuchen.

Doch was ist, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere? Timo Böcking nennt das „Lebenseinbrüche“. Was ist, wenn der sichere Boden meines Lebens einbricht wie Eis auf einem See?

„Geh mit uns in dunkler Nacht“, bittet die zweite Strophe des Liedes, „steh uns bei mit deiner Macht.“

Musik

„Zeig uns den Weg, sei unser Licht.“ Ein Leuchtfeuer, mit dem Gott mir die Richtung weist. Sein Licht zeigt mir den Weg zum Ziel. Besonders dann, wenn der nicht klar zu erkennen oder voller Gefahren ist. Ich schaue auf dieses Licht und merke, wie Zuversicht und Vertrauen in mir wachsen.

So ein Ziel am Ende des Weges hilft. Aber es hilft umso mehr, wenn es noch etwas weiter entfernt ist. Wenn mein Weg davon bestimmt wird und ich mit diesem Ziel vor Augen aushalten kann. Ich bin noch nicht dort – aber ich werde dorthin kommen. Jetzt ist mein Ziel fern, aber einmal wird es mir nahe sein.

Diese Strophe sagt mir: Glaube ist nicht einfach nur etwas Sanft-Kuscheliges, in dem sich alle Ängste und Zweifel auflösen. Glaube kann schwer sein. Er kann durch kalte und dunkle Erfahrungen führen. Gerade dann braucht er das Licht am Ende des Weges. Und die Erfahrung, dass es Nähe gibt. Nähe, wie ich sie nicht unbedingt immer unter Menschen erfahren kann – dort, wo Nähe auch bedrängen und verletzen kann. Doch am Anfang und Ende des Liedes steht die Nähe Gottes. Sie gibt mir Kraft. Ich muss mich nicht ängstlich und misstrauisch in mich selbst zurückziehen. Ich kann mich öffnen: für das Leben, für neue Erfahrungen, vielleicht auch wieder für andere Menschen, wenn ich das nicht mehr konnte oder wollte.

„Was uns auf dem Herzen liegt, was uns quält und uns bewegt: niemals lässt du uns allein.“

Musik

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Lass uns deine Nähe spür’n (Timo Böcking)
Text und Musik: Timo Böcking
Solistenensemble um Timo Böcking und Martin Buchholz
CD „Herz + Mund 1. Neue Lieder für Gottesdienste“

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23FEB2020
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Kennen Sie das? Etwas ist richtig schief gelaufen. Sie ärgern sich über eine verpasste Gelegenheit. Doch dann, so nach und nach, merken Sie: Es war zumindest für etwas gut!

In der Regel sieht man das wirklich erst später. Ich habe das schon oft erlebt. Und immer wieder erzählen mir andere, dass es ihnen ganz genauso gegangen ist. Erst scheint nichts mehr zu gehen, wirklich gar nichts mehr. Und plötzlich sehe ich eine Lösung, die hätte ich sonst wahrscheinlich nie gefunden. Dafür musste erst einmal gründlich schiefgehen, was ich ursprünglich vorgehabt hatte.

Letztes Jahr zum Beispiel haben meine Frau und ich schweren Herzens eine kurze Reise abgesagt. Der Termin war plötzlich ungünstig, und kurz vorher ist uns eine hohe Reparaturrechnung ins Haus geflattert. Die hat ein richtiges Loch gerissen. Da war die kleine Reise mit einem Mal zu teuer. Aber jetzt war es auch zu spät, um ohne Gebühren aus der Sache rauszukommen. Eine Weile haben wir uns richtig geärgert. Doch dann musste unser Sohn ganz plötzlich ins Krankenhaus. Nichts Schlimmes, aber er hat uns doch ein paar Tage gebraucht. Genau in der Zeit, in der wir sonst weggewesen wären. Da war ich richtig froh, dass wir die Reise abgesagt hatten! Der Ärger war vergessen. Es war doch am Ende für etwas gut, dass es so gelaufen ist!

So schlecht etwas auch ist, es ist noch für etwas gut. Mit den Worten könnte man eigentlich auch gut die Geschichte von Jesus in der Bibel zusammenfassen. Dort sieht es eigentlich ähnlich aus. Es ist wirklich eine schlimme Geschichte. Jedenfalls ist sie schrecklich ausgegangen. Sie haben Jesus in Jerusalem hingerichtet. Dabei hat er doch niemandem geschadet. Im Gegenteil: er hat vielen gut getan. Was für ein Unglück! Doch die Bibel wiederholt immer wieder: Das musste so sein. Das war gut für uns Menschen.

Auch wenn es schwer ist, am Ende wird es für etwas gut sein. Ich glaube, so hat Jesus sein Schicksal selber auch gesehen. Sein Freund Petrus hat ihn daran hindern wollen, dass er nach Jerusalem geht. Er hat Jesus gewarnt: Das geht schief! Pass auf, dir passiert dort was! Hier in der Provinz bist du sicher. Aber in Jerusalem, da ist die Regierung, die römische Besatzung!

Aber Jesus hat nicht auf Petrus gehört. Er ist richtig ärgerlich auf seinen Freund geworden. Er hat ihn sogar ziemlich übel beschimpft! Er wollte nichts hören von seinen Befürchtungen. Er wollte sich nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen.

Ist das wirklich Jesus? Ist der echt so mit seinen Freunden umgegangen? Petrus hat es doch nur gut mit ihm gemeint! Aber Jesus war sich ganz sicher: Auch wenn das hier schlimm ausgeht – es ist für was gut. Gott will das so. Gott hat sich was dabei gedacht. Und am Ende wird es gut sein.

Jesus hat dann viele Leute zu sich gerufen. Alle seine Jünger waren dabei. Er hat ihnen gesagt: Was hilft es denn jemandem, wenn er die ganze Welt gewinnt – und gleichzeitig an seiner Seele Schaden nimmt?

Damit hat er wohl gemeint: Sucht nicht euren eigenen Vorteil. Seid für andere da. Drückt euch nicht, auch wenn ihr vor einer Aufgabe steht, die erst mal sehr schwer erscheint. Vertraut immer darauf: Auch wenn es erst schwierig aussieht – am Ende wird es gut. Wer nur an sich selber denkt, der nimmt am Ende Schaden an seiner Seele.

Davon wird in der heutigen Zeit viel gesprochen. Ein ganzer Berufszweig ist dafür entstanden: Menschen, die extra dafür ausgebildet wurden, um den Schaden an den Seelen von anderen zu heilen. Wir passen heute darauf auf, dass die Seele keinen Schaden nimmt.

Und trotzdem tut sie das natürlich immer wieder. Dinge geschehen, die brennen sich mir in die Seele. Ich habe etwas gesehen und kann es nicht mehr vergessen.

Aber Jesus meint hier noch andere Menschen. Die Unersättlichen, Gierigen. Die ganze Welt wollen sie gewinnen. Denn sie sind gewohnt, dass sie gewinnen. Dass sie auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs sind. Auf der Siegerseite.

Aber auch die Seele eines solchen Menschen kann Schaden nehmen. Er ist scheinbar glücklich und zufrieden, er hat alles, er kriegt alles – und immer noch mehr! Doch seine Seele nimmt Schaden. Alle seine Wünsche werden erfüllt oder sind längst erfüllt. Doch in seiner Seele fühlt es sich vielleicht leer und kalt an. Er wird hart und gefühllos.

Ein Mensch, der die ganze Welt gewinnt. Dem nie etwas passiert. Und der deshalb auch nie erfährt, wofür das dann vielleicht trotzdem gut ist. Ich glaube, ich sollte mir lieber nicht wünschen, dass ich die ganze Welt gewinne. Am Ende kommt meine Seele nicht hinterher. Sie könnte hart und gemein werden. Und ich ein misstrauischer Mensch, der überall Feinde sieht.

Ich werde dann vielleicht nicht freundlich sein und auf andere achten, auf andere hören. Ich werde nur mich sehen. Nur noch an mich glauben.

Nein, das wünsche ich mir nicht. Ich habe schon aus Niederlagen und bitteren Erlebnissen gelernt. Und seltsam: gerade dann habe ich gelernt, auf Gott zu vertrauen. Dafür war das gut. Ich glaube, so hat Jesus es gemeint.

So schlecht etwas auch ist, es ist noch für etwas gut. Probieren Sie es aus!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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15DEZ2019
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„Schau, dein Himmel ist in mir.“ Diese Worte kommen in dem Lied vor, das ich Ihnen heute Morgen vorstellen möchte. Doch wie ist das gemeint? Wie kann ich den Himmel in mir haben? Er ist doch draußen, über mir! Der Dichter, der diese Worte geschrieben hat, nannte sich passenderweise Angelus Silesius – schlesischer Engel. Eigentlich hieß er Johannes Scheffler und lebte im 17. Jahrhundert in Schlesien als Arzt. Ursprünglich war er evangelisch und trat später zum katholischen Glauben über.

„Schau, dein Himmel ist in mir“: Das Gedicht, aus dem diese Zeile stammt, passt in die Adventszeit. Es beginnt so: „Morgenstern der finstern Nacht, der die Welt voll Freuden macht, Jesu mein, komm herein, leucht in meines Herzens Schrein.“

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

Der Morgenstern ist ein uraltes Bild für Jesus. Jesus, der Stern, der schon hell ist, wenn sonst alles noch finster ist. In diesem Bild wird die Welt als finster angesehen, mit all ihrer Gottferne, die in Leid und Gewalt erlebt werden kann. Aber dann taucht doch ein heller Stern am dunklen Himmel auf. Im Menschen Jesus kommt Gott selbst und leuchtet in die Finsternis hinein. Der Tag ist schon zu ahnen, wenn Gott die ganze Welt hell machen wird.

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

“Schau, dein Himmel ist in mir.“ Der Himmel – dort wohnt Gott. Im Himmel herrscht Jesus als König, so sagt es die Bibel. Für Angelus Silesius ist dieser Himmel nun nicht irgendwo weit weg und weit oben. Er ist in mir. Trage ich als Mensch den Himmel in mir, dann wird mich das gewiss verändern.
Menschen aus anderen Kulturen sagen, wir Deutschen seien in der Adventszeit milder gestimmt als sonst. Himmlischer vielleicht? Die Klänge und Düfte, alles, was es jetzt zu sehen und zu schmecken gibt: Vielleicht nehmen meine Sinne da schon etwas vom Himmel auf!

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

Die Nacht wird hell. Jesu Glanz lacht sie an, heißt es in dem Lied. Wenn ich den Morgenstern sehe, dann ist es schon noch richtig dunkel. Doch dieser eine helle Punkt am Himmel kündigt die Helligkeit an, die bald kommen wird. Und wenn es dann wirklich Tag wird, dann geht das Licht des Morgensterns darin auf.
Jetzt im Advent richte ich mich erwartungsvoll daran aus: dass es hell wird in der Welt, auch übertragen, bildlich verstanden. Alles, was meine Sinne jetzt wahrnehmen, unterstützt mich in dieser Hoffnung. Vor allem auch die Klänge. „Ei nun, güldnes Seelenlicht, komm herein und säume nicht!“

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

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Musiktitel 1:
Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht
Interpreten: Münchner Residenzsolisten; Jonas, Tibor

Musiktitel 2 -4
Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht
Interpreten: Singer Pur

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03NOV2019
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Ein Zuhause haben, geschützt und geborgen sein – wer das hat, der hat es gut! Wer aber sein Zuhause verloren hat, wer auf der Flucht ist oder verschleppt wurde – der sehnt sich nach einem Ort, wo er geschützt und geborgen ist, wo es warm und heimelig ist. Und sei es in einer anderen Welt, wenn es in dieser Welt ein Traum bleiben muss.

Immer wieder bekommt diese Sehnsucht Worte, Stimme, wird zu einem Lied (ab hier leise Musiktitel 1 unterlegen). So ein Lied möchte ich Ihnen heute vorstellen. Es ist um 1840 auf einer Baumwollplantage in Oklahoma in den USA entstanden. Der schwarze Sklave Wallace Willis konnte von seiner Arbeit aus in der Ferne einen Fluss sehen. Der Red River in Amerika wurde ihm der biblische Jordan. Und er stellte sich vor, wie ein Wagen vom Himmel kommen und ihn nach Hause holen würde – so wie ein feuriger Wagen am Jordan den Propheten Elia in den Himmel geholt hat.

Armstrong, Louis
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Jazz Heritage Series

Swing low, sweet chariot, coming for to carry me home – ein Chariot, ein Streitwagen, soll sich tief vom Himmel herabschwingen, um den Sklaven nach Hause zu tragen. Wallace und seine Frau Minerva haben dieses Lied immer wieder gesungen. Im Laufe der Jahre wurde es eines der bekanntesten Spirituals überhaupt – also eines der geistlichen Lieder, die die afroamerikanischen Sklaven bei ihrer Schufterei sangen. Lieder, in denen sie sich mit dem unterdrückten Volk Israel in den Erzählungen des Alten Testaments identifizierten. In der Bibel ist Gott seinem Volk zur Hilfe gekommen. So wird er es jetzt auch bei den ausgebeuteten Sklaven tun, die ihre Hoffnung auf ihn setzen.

Unzählige Sänger und Sängerinnen haben das Lied in immer neue Situationen hineinsprechen lassen. Alle Sehnsucht nach einer besseren Welt hat in diesem Lied ein Zuhause gefunden. So wurde es für Joan Baez ein gesungenes Gebet für eine Welt ohne Krieg, auf dem Festival von Woodstock, in einer Nacht des Jahres 1969:

Baez, Joan
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: The essential Joan Baez from the heart - live

Wenn du dort vor mir ankommst, dann sag all meinen Freunden, dass ich auch kommen werde. Wenn der Streitwagen kommt, um auch mich nach Hause zu bringen.
Dieses Zuhause ist für die meisten Menschen immer noch ein Traum. Eine Welt ohne Ausbeutung und Krieg. Eine Welt nach dem Willen Gottes. Wenn ich dieses Lied heute singe, dann stimme ich ein in die Sehnsucht der vielen, die es in den letzten 200 Jahren gesungen haben. In den Chor all der Hoffnungen und Träume.

McKelle, Robin
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Melodic Canvas


Ich habe über den Jordan geschaut, und was habe ich gesehen? Eine Truppe von Engeln, eine richtige himmlische Kapelle, ist gekommen, um mich zu holen, um mich nach Hause zu bringen. Ich bin sicher: Gott hört diesen Gesang. Diese Stimme der Sehnsucht. Um jeden einzelnen Menschen geht es dabei. Um jedes Ich, das von seiner Sehnsucht singt. Louis Armstrong betont das ganz stark am Ende: Me, that’s what I’m talking about – um mich geht es hier.

Armstrong, Louis
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Jazz Heritage Series

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Musiktitel 1und 4 :
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Jazz Heritage Series
Interpret: Armstrong, Louis

Musiktitel 2:
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: The essential Joan Baez from the heart - live
Interpretin: Baez, Joan

Musiktitel 3:
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Melodic Canvas
Interpretin: McKelle, Robin

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29630
27OKT2019
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In dieser Jahreszeit ist das Wartezimmer bei meinem Arzt wieder gut gefüllt. Ich will mich demnächst gegen Grippe impfen lassen. Und ich weiß jetzt schon: Bevor ich ins Sprechzimmer kann, werde ich im Wartezimmer Platz nehmen. Wenn da noch ein Stuhl frei ist. Das ist jetzt im Herbst einfach voll. Von Menschen, die gesund werden wollen. Oder gar nicht erst krank, so wie ich.

Wenn ich an dieses volle Wartezimmer denke, dann fällt mir eine Geschichte aus der Bibel ein. Ich erzähle sie Ihnen mal: Da ist Jesus an einem Teich vorbeigekommen, von dem alle gesagt haben: Wenn das Wasser im Teich sich bewegt, und du schaffst es als Erster hinein, dann wirst du gesund! Fünf große Hallen hat man um diesen Teich herum gebaut. Und da war es noch viel voller als bei meinem Arzt im Wartezimmer. Unzählige Kranke haben in den Hallen gelegen. Blinde, Gelähmte, bis auf die Knochen Abgemagerte. Einer hat schon seit 38 Jahren da gelegen. Er konnte nicht selbst zum Wasser laufen. Und bis ihn jemand hingetragen hat, ist längst ein anderer vor ihm hineingestiegen. Er hatte einfach keine Chance! Und jetzt fragt Jesus ihn: Willst du gesund werden?

Das könnte ich ja mal die anderen im Wartezimmer fragen! Wollen Sie gesund werden? Ich stelle mir vor, wie die mich angucken würden! Vielleicht nicht gerade die intelligenteste Frage bei einem Arzt im Wartezimmer!

Aber Jesus hat das den Kranken gefragt. Willst du gesund werden? Der Mann antwortet nicht direkt. Er erzählt, warum das einfach nicht geht. Warum er hier keine Chance hat.

Wir erfahren nicht, wie alt der Mann war. Nur, dass er da seit 38 Jahren liegt. Also war er mindestens so lange krank. Aber nicht seit seiner Geburt. Er ist wohl erst irgendwann krank geworden. Wahrscheinlich hat er dann erst mal einiges ausprobiert. Und dann war dieser Teich die letzte Rettung. Der Mann war nicht mehr jung. Den größten Teil seines Lebens hat er hier gelegen und gewartet, dass er gesund wird. Und jetzt diese komische Frage. Was könnte es denn Wichtigeres für ihn geben?

Hauptsache, gesund! Den Satz höre ich ganz oft. Aber als Jesus den Kranken gefragt hat: Willst du gesund werden? Da antwortet der nicht einfach: Ja! Sondern er erzählt: Ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt.
Ich habe keinen Menschen. Ich bin allein. Ich bin ausgeschlossen.

Ich glaube, das ist das Entscheidende. Hauptsache, gesund! – das sagt jemand, der nicht krank ist. Aber wenn jemand schon lange krank ist, dann ist vielleicht etwas anderes die Hauptsache für ihn: Ich möchte nicht ausgeschlossen sein. Ich möchte nicht abgehängt werden. Ich möchte nicht mit meiner Krankheit alleingelassen werden.

Jesus hat diesem Kranken geholfen. Er hat zu ihm gesagt: Steh auf, nimm deine Liege und geh! Und – unglaublich! – die Bibel erzählt, wie der Gelähmte genau das jetzt auf einmal kann. Wie er einfach aufsteht und mit seiner Liege fortgeht. Nicht mehr krank.

Jetzt war er nicht mehr ausgeschlossen. Jetzt hat er wieder dazu gehört. Aber da hat er plötzlich ein ganz anderes Problem gekriegt. Es war nämlich gerade Sabbat. Der Tag in der Woche, der für Gott und die Menschen da ist, nicht für die Arbeit. Die Menschen damals in Israel, die haben den Sabbat sogar noch strenger gehalten als wir früher den Sonntag. Da durfte man gar nichts arbeiten. Sonst würde der Ruhetag ja ein Tag wie jeder andere.

Als damals die Leute den Mann gesehen haben, wie er seine Liege herumtrug, da haben sie deshalb sofort gesagt: Das darfst du heute nicht!

Nach ihren Regeln hatten sie natürlich Recht. Aber ich glaube, sie haben nicht verstanden, wozu der Sabbat da ist. So wie wir heute nicht verstehen, wozu der Sonntag gut ist. Viele denken, da soll man bloß bestimmte Regeln einhalten. Nichts arbeiten zum Beispiel, dafür in die Kirche gehen. Und weil sie das nicht verstehen, halten viele das für überflüssig. Dann halten sie oft auch gleich den ganzen Sonntag für überflüssig. Und arbeiten trotzdem und ärgern sich, weil sie nicht einkaufen können.

Für mich ist der Sonntag was ganz anderes. Am Sonntag kann ich besonders erleben, wie ich mit Gott verbunden bin. Da stört ja sonst nichts. Und wie ich mit anderen Menschen verbunden bin. Nicht ausgeschlossen, nicht abgehängt, nicht alleingelassen. Das ist die Hauptsache. Der Sonntag ist der Tag der Verbindung und der Gemeinschaft. Genau wie der Sabbat.

Die Bibel kennt dafür ein Wort, das ist noch mehr als gesund: heil. Ein Mensch, der heil ist, dem fehlt nichts. Der ist fest mit den anderen und mit Gott verbunden. Der Sabbat, der Sonntag: das sind Tage zum Heilwerden.

Es gibt Menschen, die können nicht mehr gesund werden. Ich denke jetzt an Menschen, bei denen ich das weiß. Und an andere, bei denen ich noch bange und hoffe. Aber wir können alle heil werden. Diese Verbundenheit spüren. Ich glaube, dafür brauchen wir alle den Sonntag – die Kranken und die Gesunden.
Und darum wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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Eine laue Sommernacht. Junge Leute, die Spaß miteinander haben. Lachen, Tanzen, Liebe und Musik. Davon erzählt ein fröhliches italienisches Tanzlied vom Ende des 16. Jahrhunderts. Sicher hat man es damals an vielen Orten in Europa gesungen und gespielt. Es war sozusagen in den Charts.

Musik 1 In dir ist Freude. Choralbearbeitung für Orgel

Der deutsche Pfarrer Cyriakus Schneegass hat diese fröhliche Melodie damals irgendwo gehört. Er hat sich von ihr zu einem neuen Text anregen lassen, mit dem das Lied in die evangelischen Gesangbücher kam: In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!

Musik 2 In dir ist Freude in allem Leide

Der ursprüngliche Text erzählt, wie der Gott Amor zwischen den Menschen Liebe stiftet. Jetzt ist von Jesus die Rede: Er stiftet göttliche Liebe, die stärker ist als alle Mächte der Welt. Stärker als alles, was uns bindet und belastet, was uns zwingt und festlegt. Ganz im Sinne der damals noch recht neuen evangelischen Lehre spricht der Dichterpfarrer von der Rechtfertigung allein durch Glauben, allein durch das Vertrauen auf Jesus. Und gut reformatorisch findet er dafür eine Form, die jeder verstehen kann. Ein fröhliches Lied über die himmlischen Gaben, die Jesus uns schenkt.

Alle dürfen jetzt vor Freude tanzen: Wer sich über etwas schämt oder an jemandem schuldig geworden ist; wer gerne sein Leben ändern würde, aber nicht weiß, wie; wer keine Aussichten oder keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht – alle hören sie die lustige Musik und werden eingeladen, mitzutanzen.

Jesus spielt zum Tanz auf. Und die Tanzenden singen fröhlich: „Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod.“

Musik 3 In dir ist Freude in allem Leide

Ein fröhlicher Glaube stimmt hier sein Lied an. Und verschweigt dabei gar nicht, was alles Kummer und Sorge machen kann. Ob ich nun die Nachrichten anschalte, ob mir eine Nachbarin ihr Leid klagt – oder ob mich selbst etwas bedrückt und mir sozusagen Bleigewichte ans Herz hängt: Ja, das gibt es alles. Gerade darum lädt Jesus mich ein, auf ihn zu schauen und auf Gott zu vertrauen.

Eine Einladung zum Feiern und zum Tanzen! „Wir jubilieren und triumphieren!“ Fünfmal heißt es „Wir“ im Text und viermal „uns“. Ich bin nicht allein. Viele andere haben die Einladung auch gehört und tanzen mit. Und schon tanze ich auch, voll neuer Zuversicht! Was mich eben noch so beschäftigt hat, scheint mir plötzlich weniger schwer. Alles wird sich fügen.

So findet das Lied immer wieder in ein Wort: „Halleluja!“ – „Lasst uns Gott loben!“

Musik 4 In dir ist Freude. Choralbearbeitung für Orgel

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In dir ist Freude (EG 398)

Musiktitel 1und 4: Bach, Johann Sebastian; Gastoldi, Giovanni Giacomo:
In dir ist Freude. Choralbearbeitung für Orgel, BWV 615 und Madriga
aus: Bacharkaden
Interpreten: Lautten Compagney; Calmus Ensemble; Katschner, Wolfgang

Musiktitel 2 und 3: Gastoldi, Giovanni Giacomo; Schneegass, Cyriakus:
In dir ist Freude in allem Leide (EG 398)
aus: Ein neues Lied – Lieder aus dem Ev. Gesangbuch
Interpreten: Kammerchor der Hochschule für Kirchenmusik Esslingen

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