Manuskripte

Im Advent heißt es warten auf Weihnachten. Ein Text zum Warten der Autorin Susanne Niemeyer:

„Stell dich bei Dämmerung vor ein großes Wohnhaus und warte, bis elf Fenster erleuchtet sind.“

Das schlägt mein Adventskalender vor. Jeden Tag gibt er mir eine Aufgabe, eine seltsamer als die andere, aber alle drehen sich ums Warten. Im normalen Leben bin ich eine schlechte Warterin. Aber das hier, das spricht mich an. Weil es so absurd klingt.

Ich versuche es. Stelle mich an eine mittelstark befahrene Straße. Richte meinen Blick auf die Fenster eines Jugendstilhauses und warte.

Nichts geschieht. Was tue ich hier?

Trotzdem bleibe ich. Halte die Leere aus.

Gedanken finden mich: Warum ist es so störend, wenn ein Loch sich auftut, ein leerer Moment? Vielleicht würde ja die Sehnsucht eine Lücke finden, klein genug für ein paar Himmelsträume.

Und plötzlich, während ich da in der Kälte stehe, weiß ich, dass ich auf etwas ganz Anderes, Größeres warte.“

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 Der Schweizer Autor Kurt Marti über ein grundsätzliches Dilemma in seinem Leben:

„glücklich ihr atheisten!

ihr habt es leichter

euch wirbelt kein gott aus der bahn des schlüssigen denkens

kein glaube wirft schatten auf eure taghelle logik

nie stolpert ihr über bizarre widersprüche

kein jenseits vernebelt euch die konturen der welt

nie seid ihr berauscht von heiligen hymnen und riten

nie schreit ihr vergeblich nach einem göttlichen wunder

oder stürzt ab ins dunkel blasphemischen betens –

glücklich ihr atheisten! 

gern wäre ich einer von euch

jedoch, jedoch: ich kann nicht“

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Heute ist Welt-Aids-Tag. Dazu ein Auszug aus einer Rede. Der Präsident des Fußballclubs St. Pauli hat sie gehalten bei einer Selbsthilfekonferenz zum Leben mit HIV: 

„Dass Diskriminierung von Menschen mit HIV heute immer noch zum Alltag gehört, finde ich erschreckend. Wo wir Zurückweisung begegnen, müssen wir handeln, denn Ausgrenzung ist nicht akzeptabel. Deswegen müssen wir deutlich machen, dass eine HIV-Infektion im Alltag keine Rolle spielen muss. Und das gilt eben auch auf dem Fußballplatz und am Stammtisch nach dem Spiel. Zu viele Leute wissen noch nicht, dass HIV durch eine Blutgrätsche nicht übertragbar ist. Und es soll noch immer ziemlich viele geben, die nicht mal aus dem Glas eines HIV-Positiven trinken würden. Nach mehr als 30 Jahren Aufklärung ist das eine ziemlich niederschmetternde Erkenntnis.“

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Gedanken über das Beten von der Dichterin Dorothee Sölle: 

„Beten bedeutet, nicht zu verzweifeln. Beten ist Widerspruch gegen den Tod. Es bedeutet, sich zu sammeln, nachzudenken, Klarheit zu gewinnen, wohin wir eigentlich leben, was wir mit unserem Leben wollen;

es bedeutet Gedächtnis zu haben und darin Gott ähnlich werden. Wünsche zu haben für uns und unsere Kinder; die Wünsche laut und leise, zusammen und allein zu äußern und darum immer mehr dem Menschen ähnlich zu werden, als der wir gemeint waren.“

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Christine hat schon zwei Kinder verloren - eines während der Schwangerschaft, das andere bei der Geburt. Jetzt hat sie den kleinen Levi zur Welt gebracht und erzählt von ihren Gefühlen:

 

Unseren lebendig schreienden Levi nach der Geburt in die Arme schließen zu dürfen, war ein unbeschreibliches Gefühl.

Das Gefühl, dass nichts sicher ist im Leben, ist immer noch präsent, aber es lähmt uns nicht. Oft denken wir ganz trotzig: Egal, was morgen ist, heute freuen wir uns einfach, dass es uns gut geht.

Wenn Leute fragen: „Ist das Ihr erstes Kind?“, dann sage ich oft: „Es ist mein erstes lebendes.“ Mir ist es wichtig, kein Tabu daraus zu machen, dass Geburt und Tod manchmal leider sehr nah beieinanderliegen. Und ich bin dankbar, wenn Menschen verstehen, dass wir bei aller Freude über Levi immer wieder auch traurig sind.

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Gute Wünsche für die neue Arbeitswoche vom Schriftsteller Pater Adalbert Balling

„Ich wünsche dir genügend Erholung und ausreichend Schlaf,

Arbeit, die Freude macht,

Menschen, die dich mögen und bejahen und dir Mut machen,

aber auch Menschen, die dich bestätigen, die dich anregen, die dir Vorbild sein können,

die dir weiterhelfen, wenn du traurig bist und müde und erschöpft. 

Ich wünsche dir viele gute Gedanken

und ein Herz, das überströmt in Freude und diese Freude weiterströmt.“

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Zum ersten Advent ein Erlebnis des Autors Günter Grosse: 

„Weihnachten 1981. Ich leitete eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung.

Heiligabend hatten sich 20 bis 30 Menschen zum Gottesdienst zusammengefunden. Eine junge Frau nahm daran teil, Irmgard, die nicht reden und hören konnte.

Ihr Markenzeichen war, dass sie immer eine Puppe mit sich umhertrug. […] Wir sangen die bekannten Weihnachtslieder, wir beteten. Einer meiner Söhne las die Weihnachtsgeschichte. Währenddessen stand Irmgard auf. Es war eine eigenartige Stille im Raum. Mein Sohn hörte auf zu lesen. Irmgard ging mit ihrer Puppe nach vorn und legte sie auf den Altar. Anschließend ging sie langsam auf ihren Platz zurück.

Als Irmgard sich wieder gesetzt hatte, las mein Sohn die Geschichte weiter. Ich wollte zu der Situation etwas sagen, glücklicherweise habe ich es nicht getan.“

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Ende Juli ist der französische Priester Jaques Hamel umgebracht worden. Zwei junge Männer haben die Kirche gestürmt, in der Hamel gerade Gottesdienst gefeiert hat. Und dann haben sie ihm die Kehle durchgeschnitten. Die 19-jährigen haben sich selbst zu Kämpfern des Islamischen Staates ernannt und damit angeblich im Namen ihrer Religion getötet.

Eine Tragödie, für die es keine Worte gibt.

Umso stärker finde ich die Zeichen, die nach dem Tod des Priesters gesetzt worden sind. Am Sonntag nach dem Mord haben muslimische Verbände und die katholische Kirche alle Muslime in die katholischen Gottesdienste eingeladen. Nicht nur in Frankreich, sondern in mehreren europäischen Ländern. Und zumindest von Italien war zu lesen, dass circa 23.000 Muslime die Einladung angenommen haben.

Als ich das gelesen habe, habe ich Gänsehaut bekommen. Was für ein starkes Zeichen! Ein Zeichen gegen alle, die sich aufspielen und den anderen erklären wollen, wie „richtig glauben“ geht. Die Muslime haben mit dieser Geste ausgedrückt: „Schaut her, wir machen das nicht mit. Wir verurteilen das, was ihr da tut und wir respektieren die anderen und ihre Religion. Und deshalb können wir friedlich zusammen sein und feiern.“

Schade, dass sowas meistens erst nach schlimmen Ereignissen funktioniert. Es wäre ein noch viel stärkeres Zeichen, wenn wir das öfter machen würden. Gerade jetzt, wo die Welt durch Attentate immer wieder ins Schleudern gerät.

Uns gegenseitig besuchen und zusammen feiern: Gottesdienste und andere Feste. Dann würden wir uns und das was wir glauben, kennen und verstehen lernen.

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Vier Wochen lang nicht Haare waschen, Zähne putzen, nicht duschen. Im strengsten Fall das Zimmer nicht verlassen und vor allem nicht lüften. Viel und gut essen, aber nur ausgewählte Speisen.

So geht es vielen Frauen in China nachdem sie ein Kind auf die Welt gebracht haben. Sie werden von der Mutter oder Schwiegermutter rund um die Uhr versorgt. Es heißt „den Monat sitzen.“

Interessant ist, dass die meisten Frauen es selbst so wollen. Die Tradition gibt vor, dass der Körper der Frau im ersten Monat nach der Geburt besonderen Schutz braucht. Jetzt sind alle Poren geöffnet und aufnahmefähig für alles was schlecht ist. In China folgen die allermeisten Frauen dieser Tradition. Egal wie unabhängig und emanzipiert sie sind. Zu groß ist die Gefahr, dass doch irgendwas schief läuft und alle es nachher darauf zurückführen, dass sie den Monat nicht gesessen haben.

Chinesische Frauen berichten Unterschiedliches. Für die einen war es wie Urlaub. Sie haben die Zeit unter Frauen richtig genossen. Und nicht jede ist ganz streng und hält alles ein, was vorgeschrieben ist.

Für die anderen war es Quälerei. Unter strengen Augen zum Nichtstun verdammt zu sein war für sie der Horror.

Diese vier Wochen stammen aus einer Zeit, in der die Frauen vollständig dem Mann untergeordnet und in der Gesellschaft nicht viel wert waren. Da war dieser eine Monat ein Geschenk.

Mir sind diese Regeln viel zu eng. Ich finde es aber sehr gut, dass die Tage und Wochen nach einer Geburt so wichtig sind.

Mir zeigt diese chinesische Tradition, dass jedes neue Menschenleben und auch jede Frau es wert ist, sich diese besondere Zeit zu schenken.

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Früher als Kinder haben wir uns daraus einen Spaß gemacht: „Stutengucken“ hieß das. Wir haben versucht uns so lange wie möglich in die Augen zu schauen. Wer als erster wegguckt, hat verloren.

Das gibt es immer noch und heißt heute „Eye Contact Experiment“.  Es findet oft in Massen und gerne auf öffentlichen Plätzen statt. Es geht dabei nicht mehr darum, wer als erster wegschaut. Sondern darum, sich in Zeiten des Smartphones wieder echt zu begegnen, in Kontakt zu kommen, und zwar real und nicht nur virtuell.

Das Konzept geht auf. Viele beteiligen sich an den Events und schauen wildfremden Menschen minutenlang in die Augen. Die meisten sind begeistert: Sie sprechen von innerem Licht oder davon, einfach da zu sein. Manche benutzen sogar das Wort Meditation.

Egal, wie es heißt: wenn Menschen sich ansehen, dann wächst das Ansehen, dann passiert was zwischen ihnen. Und das ist lebenswichtig für uns Menschen. Wir sind darauf ausgerichtet, angesehen zu werden. Das ist mir so klar, weil ich auch weiß, wie es sich anfühlt, nicht gesehen zu werden. Jeder, der schon mal links liegen gelassen wurde, kann das bestimmt bestätigen.

Dass wir Menschen angesehen werden wollen, liegt für mich im christlichen Menschenbild begründet. Gott ist ein kontaktfreudiger Gott, der uns ansehen möchte. Und uns so Ansehen verleiht.

Davon spricht die Bibel am Ende des Schöpfungsberichts. Nachdem er die Menschen erschaffen hat, hat Gott alles angesehen. Und: es war sehr gut

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22715

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