Manuskripte

Ende Juli ist der französische Priester Jaques Hamel umgebracht worden. Zwei junge Männer haben die Kirche gestürmt, in der Hamel gerade Gottesdienst gefeiert hat. Und dann haben sie ihm die Kehle durchgeschnitten. Die 19-jährigen haben sich selbst zu Kämpfern des Islamischen Staates ernannt und damit angeblich im Namen ihrer Religion getötet.

Eine Tragödie, für die es keine Worte gibt.

Umso stärker finde ich die Zeichen, die nach dem Tod des Priesters gesetzt worden sind. Am Sonntag nach dem Mord haben muslimische Verbände und die katholische Kirche alle Muslime in die katholischen Gottesdienste eingeladen. Nicht nur in Frankreich, sondern in mehreren europäischen Ländern. Und zumindest von Italien war zu lesen, dass circa 23.000 Muslime die Einladung angenommen haben.

Als ich das gelesen habe, habe ich Gänsehaut bekommen. Was für ein starkes Zeichen! Ein Zeichen gegen alle, die sich aufspielen und den anderen erklären wollen, wie „richtig glauben“ geht. Die Muslime haben mit dieser Geste ausgedrückt: „Schaut her, wir machen das nicht mit. Wir verurteilen das, was ihr da tut und wir respektieren die anderen und ihre Religion. Und deshalb können wir friedlich zusammen sein und feiern.“

Schade, dass sowas meistens erst nach schlimmen Ereignissen funktioniert. Es wäre ein noch viel stärkeres Zeichen, wenn wir das öfter machen würden. Gerade jetzt, wo die Welt durch Attentate immer wieder ins Schleudern gerät.

Uns gegenseitig besuchen und zusammen feiern: Gottesdienste und andere Feste. Dann würden wir uns und das was wir glauben, kennen und verstehen lernen.

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Vier Wochen lang nicht Haare waschen, Zähne putzen, nicht duschen. Im strengsten Fall das Zimmer nicht verlassen und vor allem nicht lüften. Viel und gut essen, aber nur ausgewählte Speisen.

So geht es vielen Frauen in China nachdem sie ein Kind auf die Welt gebracht haben. Sie werden von der Mutter oder Schwiegermutter rund um die Uhr versorgt. Es heißt „den Monat sitzen.“

Interessant ist, dass die meisten Frauen es selbst so wollen. Die Tradition gibt vor, dass der Körper der Frau im ersten Monat nach der Geburt besonderen Schutz braucht. Jetzt sind alle Poren geöffnet und aufnahmefähig für alles was schlecht ist. In China folgen die allermeisten Frauen dieser Tradition. Egal wie unabhängig und emanzipiert sie sind. Zu groß ist die Gefahr, dass doch irgendwas schief läuft und alle es nachher darauf zurückführen, dass sie den Monat nicht gesessen haben.

Chinesische Frauen berichten Unterschiedliches. Für die einen war es wie Urlaub. Sie haben die Zeit unter Frauen richtig genossen. Und nicht jede ist ganz streng und hält alles ein, was vorgeschrieben ist.

Für die anderen war es Quälerei. Unter strengen Augen zum Nichtstun verdammt zu sein war für sie der Horror.

Diese vier Wochen stammen aus einer Zeit, in der die Frauen vollständig dem Mann untergeordnet und in der Gesellschaft nicht viel wert waren. Da war dieser eine Monat ein Geschenk.

Mir sind diese Regeln viel zu eng. Ich finde es aber sehr gut, dass die Tage und Wochen nach einer Geburt so wichtig sind.

Mir zeigt diese chinesische Tradition, dass jedes neue Menschenleben und auch jede Frau es wert ist, sich diese besondere Zeit zu schenken.

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Früher als Kinder haben wir uns daraus einen Spaß gemacht: „Stutengucken“ hieß das. Wir haben versucht uns so lange wie möglich in die Augen zu schauen. Wer als erster wegguckt, hat verloren.

Das gibt es immer noch und heißt heute „Eye Contact Experiment“.  Es findet oft in Massen und gerne auf öffentlichen Plätzen statt. Es geht dabei nicht mehr darum, wer als erster wegschaut. Sondern darum, sich in Zeiten des Smartphones wieder echt zu begegnen, in Kontakt zu kommen, und zwar real und nicht nur virtuell.

Das Konzept geht auf. Viele beteiligen sich an den Events und schauen wildfremden Menschen minutenlang in die Augen. Die meisten sind begeistert: Sie sprechen von innerem Licht oder davon, einfach da zu sein. Manche benutzen sogar das Wort Meditation.

Egal, wie es heißt: wenn Menschen sich ansehen, dann wächst das Ansehen, dann passiert was zwischen ihnen. Und das ist lebenswichtig für uns Menschen. Wir sind darauf ausgerichtet, angesehen zu werden. Das ist mir so klar, weil ich auch weiß, wie es sich anfühlt, nicht gesehen zu werden. Jeder, der schon mal links liegen gelassen wurde, kann das bestimmt bestätigen.

Dass wir Menschen angesehen werden wollen, liegt für mich im christlichen Menschenbild begründet. Gott ist ein kontaktfreudiger Gott, der uns ansehen möchte. Und uns so Ansehen verleiht.

Davon spricht die Bibel am Ende des Schöpfungsberichts. Nachdem er die Menschen erschaffen hat, hat Gott alles angesehen. Und: es war sehr gut

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Urlaub auf dem Campingplatz. Auf dem Spielplatz treffen wir ein elfjähriges Mädchen. Sie kommt aus Bayern und sagt plötzlich: „Bei uns gibt’s ganz viel Asylantenheime. Viel zu viele Flüchtlinge. Die stechen die Deutschen ab. Wir dürfen gar nicht mehr raus.“

Ich bin erstmal baff, weil ich mit diesem schweren Thema so unvermittelt gar nicht gerechnet habe. Und dann auch darüber, was das Mädchen gesagt hat. Ich bemühe mich schnell zu sagen, dass es bei uns in Buchen ganz gut läuft mit der Aufnahme von Flüchtlingen. Aber klar, das nützt dem Mädchen nichts.

„Die stechen die Deutschen ab.“
Wie spreche ich mit meinen Kindern über das alles, was gerade passiert? Über Krieg und die Menschen, die ihr Zuhause deswegen verlassen müssen. Über die Angst der Leute hier bei uns. Über die schrecklichen Anschläge.

Ich muss ehrlich sagen, ich hab mich über die Eltern des Mädchens geärgert. Wie können sie ihrer Tochter solche Angst machen oder die Angst noch verstärken? Ist es nicht ihr Job, ihrem Kind die Angst zu nehmen und klar zu machen, dass das einzelne Leute sind, die anderen sowas Schlimmes antun? Und eben nicht DIE Flüchtlinge oder Asylbewerber über einen Kamm zu scheren.

Am Ende erzählt das Mädchen dann von einer Freundin aus ihrer Klasse, die mit ihrer Familie nach Albanien zurück geschickt worden ist. Sie hat Angst, dass sie sich nie wiedersehen.

Was für eine Spannung für dieses Kind.
Ich wünsche dem Mädchen, ihren Eltern und uns allen diese Sichtweise: es kann nicht sein, jeden, der zu uns kommt, zu verurteilen. Wir Menschen sind alle gleich und vor allem gleich viel wert. Und deshalb geht es um jede und jeden einzelnen und sein Schicksal.

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Wir haben in diesem Sommer Urlaub auf dem Campingplatz gemacht. Einen Tag lang hat es nur geschüttet. Bindfäden von morgens bis spät nachmittags. Als es dann abends besser wird, laufe ich über den Platz. An einer Stelle komme ich kaum durch - Menschenauflauf. Ich gehe natürlich auch hin und könnte mich kaputt lachen. In einer knietiefen Pfütze sitzen zwei Frauen im Bikini und baden. Eine sagt dann laut: „Kind muss man sein!“

Die Leute gehen verwundert weg, aber irgendwie lachen alle. Ich auch. Ich find’s super und gebe den beiden vollkommen Recht. Kind muss man sein!

Klar, das geht nicht immer. Als Kinder würden wir auf Dauer unser Erwachsenenleben wahrscheinlich nicht hinkriegen.Aber zwischendurch Kind sein, ist doch klasse. Die Welt ein einziges Abenteuer, alles muss ich neu entdecken und vor allem kann ich einfach jetzt im Moment das tun, wonach mir ist. Zum Beispiel nach einem kräftigen Regenschauer in der Pfütze baden.

Das ist für mich sowas wie ganz Mensch sein in diesem Augenblick. Nicht nachdenken, ob gut oder schlecht, richtig oder falsch oder was die anderen von mir denken. Das muss ich oft genug.

Sondern all das über Bord werfen und - wie die beiden Frauen in der Pfütze - mal wieder wie ein Kind sein.

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Alles voller Nebel. Erst langsam kann ich erkennen, wo ich eigentlich bin. Drei Lichttunnel zeigen mir den Weg nach vorne. Irre sieht das aus. Überhaupt entsteht mit Lasern ständig irgendwas Neues, wird was anderes angestrahlt. Dazu ordentlich elektronische Musik und es riecht auch so interessant.

Ich bin tatsächlich im Kölner Dom. Und kann es selbst nicht glauben. Zur weltgrößten Computerspielemesse „Gamescom“ hat sich eine der größten Kirchen in Deutschland besonders rausgeputzt.

Es passt alles zur Welt der Gamer: die Musik für die Aktion hat das DJ-Duo Blank&Jones extra geschrieben und der besondere Duft ist eigens dafür entwickelt worden. Der Kölner Dom ist auch von außen entsprechend beleuchtet.  Die Türme leuchten blau, wie im Standby. So passt alles zusammen und vor allem passt es zum Kirchenraum. Ein Verantwortlicher vergleicht dann die Kirche auch mit einem Server, einer Kraftquelle, die in sich ruht. Den Kölner Dom so zu erleben, ist sicher einmalig.

Die Idee, dass die Kirche auch was zur „Gamescom“ beiträgt, hat Matthias Sellmann gehabt. Der Theologe forscht zum Thema „Jugend und Kirche“ und findet schon lange, dass beides gut zusammen passt. Er sagt, dass die Kirche jugendlicher sein muss und nicht die jungen Leute kirchlicher. Das heißt, Kirche muss verständlicher werden und die Themen der jungen Leute aufgreifen.    

Ich bin von der Aktion beeindruckt. Für mich hat Kirche hier begriffen, worum es geht: sie nimmt die Gamer-Szene ernst und tut sie nicht als Randphänomen ab. Und sie zeigt mit der Installation, wie man spielerisch in eine andere Welt eintauchen, sich verzaubern lassen und einen Hauch von Ewigkeit spüren kann.

 

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Nachrufe - die liest man normalerweise über Leute die reich oder mächtig sind, oder die irgendwie öffentlich auftreten.

Es gibt aber auch Nachrufe über ganz normale Menschen, die gerade gestorben sind. Lesen kann man sie auf der Homepage des Berliner Tagesspiegels.

Da lese ich zum Beispiel von einer 87-jährigen Dame, die es als Jugendliche geschafft hat, sich von ihrem strengen Vater zu lösen. Dann hat sie ihr Leben selbst in die Hand genommen. Sie hat geheiratet, Kinder bekommen, ihren Mann beerdigen müssen und den kleinen Familienbetrieb allein weiter geführt. Sie hat ihre Pläne immer wieder über den Haufen schmeißen müssen. Zum Schluss ist sie zu ihren Kindern nach Berlin gezogen. Obwohl die so ganz anders denken, als sie.

Eine Geschichte, die das Leben schreibt. Die Nachrufeseite des Tagesspiegels versucht, diese Geschichten aufzuspüren und festzuhalten.

Genau das reizt den verantwortlichen Redakteur David Ensikat an seiner Arbeit. Er darf tief eintauchen in das Leben ganz normaler Leute. Und beim Gespräch wird dann klar, dass es das gar nicht gibt, ganz normale Leute mit ganz normalen Leben. Jedes Leben ist eine einzigartige Geschichte, die aus vielen kleinen besteht. David Ensikat nimmt sich viel Zeit, hört zu und greift dann einen Punkt auf, über den er schreiben möchte. Das heißt, dass die Nachrufe nie ein ganzes Leben erzählen. Das geht auch gar nicht, sagt der Redakteur. Er sucht aus, was ihn reizt und dadurch für alle interessant sein könnte.

Ich lese diese Geschichten gerne. Ich finde es toll, dass da von Menschen erzählt wird, von denen es sonst keinen Nachruf geben würde.

Über jeden Menschen sollte so erzählt werden. Egal ob arm oder reich, erfolgreich oder nicht, in sich gekehrt oder ganz offen. Die Nachrufeseite ist viel wert, weil jedes Leben so unglaublich wertvoll ist.

 

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Maike van den Boom ist in die 13 glücklichsten Länder der Welt gereist. Die Journalistin wollte rauskriegen, was die Menschen glücklich macht. In Kanada trifft sie den Handwerker Wes. Er sagt:

„Wenn wir wirklich auf unser Leben schauen und es hinterfragen, finden wir alle etwas, das uns glücklich macht. Wir müssen manchmal einfach daran arbeiten, mehr Zeit mit den Dingen zu verbringen, die uns glücklich machen.“

Aus: van den Boom, Maike: Wo gehts denn hier zum Glück? Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, S. 38.

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Maike van den Boom ist in die 13 „glücklichsten Länder der Welt“ gereist. Die Journalistin wollte rauskriegen, was die Menschen glücklich macht. Sie erzählt von einer Begegnung in Mexiko-Stadt.

„Ich schaue María-Teresa lange fasziniert bei ihrem sinnlichen Salsa-Tanz mitten in Mexiko-Stadt zu. Dann erzählt sie: „Wir sind auf diese Welt gekommen, um glücklich zu sein, und das Glück befindet sich in uns. Du musst es nicht in materiellen Dingen, in Erfolgen, in Eroberungen suchen. Das Erste, was wir erobern müssen, ist unser Geist und unser Herz. Wenn uns das gelingt, sind wir glücklich. Das Glück befindet sich im Herzen.“

Aus: van den Boom, Maike: Wo gehts denn hier zum Glück? Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, S. 32.

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Alain de Botton ist Philosoph und Schriftsteller. Er hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen von schlechten Gefühlen zu befreien und ihnen so ein glücklicheres Leben zu verschaffen. Das sagt er über die Liebe:

„Das alte jüdisch-christliche Modell war, der Mensch sei fehlerhaft und braucht göttliche Vergebung. Heutzutage allerdings ist perfekt zu sein die neue Theologie. Das ist Gift für jede Beziehung. Wenn zwei Menschen der Ansicht sind, du bist perfekt und ich auch, dauert es nicht lange, bis Probleme auftauchen. Menschen trennen sich dann schnell, weil sie glauben, das sei das Ende ihrer Liebe. Dabei ist das ein guter Moment, sich gegenseitig wirklich kennenzulernen. Wahre Liebe besteht vor allem aus Vergeben und darin, schlechtes Verhalten gut zu interpretieren - wie wir es zum Beispiel auch bei Kindern tun.“

Aus: SZ Nr. 192  vom 20./21.8.2016, Seite 60.

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