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SWR3 Gedanken

Eine Freundin stellt mir eine seltsame Frage: „Wenn Gott für dich eine Taste auf dem Laptop wäre, welche Taste wäre das?“ Ein komischer Vergleich irgendwie. Gott ist für mich schließlich keine Taste, auf die ich draufdrücke und dann passiert was. Aber ok, wenn es um Gott geht, brauche ich oft Bilder und Vergleiche.

Die F1-Taste vielleicht? Gott als Hilfe, wenn ich nicht mehr weiterweiß… Oder das Fragezeichen? Weil ich viel mehr Fragen zu Gott habe als Antworten… Ich entscheide mich schließlich für die Leertaste. Erstmal weil die Leertaste ganz unten auf der Tastatur liegt, unter den ganzen Zahlen und Buchstaben drunter. Außerdem ist sie die größte Taste auf der Tastatur. Und das Leerzeichen sieht man im Text nicht – es ist immer zwischendrin.

Das passt alles irgendwie auch für Gott. Ich glaube nämlich, dass Gott „unter“ allem drunter liegt, wie die große Leertaste auf der Tastatur. Gott ist für mich die breite Basis von allem. Ich stelle mir vor, dass Gott bei allem, was ich erlebe, auch immer da ist, auch wenn ich das nicht direkt wahrnehme. Es gibt aber Momente, da habe ich das Gefühl, da ist Gott mit dabei, auch wenn ich nichts von ihm sehe. Da kann ich Spuren von ihm entdecken. Wenn sich Leute auf Augenhöhe und respektvoll begegnen zum Beispiel, oder wenn zwischen Menschen Wertschätzung und Freiheit in der Luft liegt. Dann ist da Gott irgendwo dazwischen.

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22JUL2021
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Marlene Engelhorn hat zu viel Geld. Die Wienerin hat von ihrer Großmutter einen zweistelligen Millionenbetrag geerbt. Den will sie aber zum Großteil wieder loswerden. Sie möchte von ihrem Erbe 90% spenden oder verschenken. Sie sagt: „Das ist eine Frage der Fairness. Ich habe nichts getan für dieses Erbe. Das ist pures Glück im Geburtslotto und reiner Zufall.“

Ich finde das stark. Marlene Engelhorn macht darauf aufmerksam, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht und dass es pures Glück ist, ob man auf der einen oder auf der anderen Seite steht.

Da läuft mächtig was schief. Und auf Dauer ist das für unsere Gesellschaft gefährlich, wenn ein paar wenige so viel haben und so viele so wenig.

Deshalb feiere ich alles, was diese Hamstermentalität irgendwie aufbricht. Es gibt viele kleine Initiativen, die das im Blick haben und sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Nachbarschaftshilfen zum Beispiel. Da geben Leute etwas her, was andere gerade brauchen. Und sei es nur einen Akkuschrauber oder zwei Stunden Zeit zum Babysitten. Oder die Aktion „Iss eins, zahle zwei“ in einer Kneipe in Freiburg. Da kann ich ein Essen bestellen, aber zwei zahlen, und das können dann Leute kostenlos bestellen, die finanziell nicht so gut dastehen.

Klar, für die großen Ungerechtigkeiten ist immer noch die Politik zuständig bzw. ich selbst mit meinem Kreuz bei der Bundestagswahl. Selbst Marlene Engelhorns Aktion ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber jede noch so kleine Idee für mehr Gerechtigkeit ist es wert, dran zu bleiben. Damit sich die Schere wieder schließt: Denn das lohnt sich für alle.

 

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126792517/millionenerbin-marlene-engelhorn-besteuert-mich-endlic

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21JUL2021
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Doris Reisinger war Ordensschwester in einem katholischen Orden und dort hat sie sexualisierte Gewalt erleben müssen. Sie sagt: „Es gibt nicht nur sexuellen Missbrauch, sondern auch spirituellen Missbrauch.“ Ein Vorgesetzter in ihrem Orden hat ihr eingeredet, dass es Gottes Wille sei, dass er sie missbraucht. Doris Reisinger hat sich aus dem System, was sie so unterdrückt hat, freigekämpft und über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Sie meint, spiritueller Missbrauch passiert immer da, wo Menschen behaupten, dass das, was sie sagen, absolute Autorität hat, also sozusagen direkt von Gott kommt. Das kann innerhalb von Kirche sein, wie bei Doris Reisinger, aber auch in einer Beziehung zum Beispiel. Wenn einer immer unhinterfragt recht hat und der andere nie sagen kann, was er eigentlich meint und was er braucht. Irgendwann glaubt die Person wirklich, dass sie gar kein Recht hat, ihre Bedürfnisse zu äußern. Und dann wird es gefährlich, weil die eine Person immer mehr Macht über die andere gewinnt.

Die Geschichte von Doris Reisinger hat mir klargemacht: wenn jemand behauptet, sie oder er weiß haargenau, was Gott möchte, und was deshalb zu tun ist, dann stimmt etwas nicht. Dann wird Gott festgenagelt, festgelegt und dadurch klein gemacht. So als ob ich Gott quasi für mich allein pachten kann. Das kann nicht funktionieren.

Egal ob in der Kirche, in der Familie oder im Job: niemand besitzt die Wahrheit für sich allein und jeder Mensch hat seine eigene, begrenzte Sicht auf alles. Das ist typisch menschlich und wenn ich das begriffen hab und nicht vergesse, dann kann ich auch damit umgehen. Und dann ist das gut so.

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20JUL2021
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Mein Cousin Florian ist Fußballer und er spielt immer mit links, und zwar nur mit links. Florian hat nämlich kein rechtes Bein mehr. Als er vierzehn Jahre alt war, haben die Ärztinnen in seinem Bein Knochenkrebs entdeckt. Ein Riesen-Schock für ihn als Vollblutfußballer. Dann kam eine harte Zeit für Florian: Chemotherapie, lange Aufenthalte im Krankenhaus und immer wieder die Ungewissheit, wie es weitergeht. Letzten Endes musste sein Bein am Oberschenkel amputiert werden.

Florian ist jetzt 24 und mit seiner Prothese kann er wieder laufen. Das Fußballspielen hat er auch wieder angefangen. „Amputiertenfußball“ heißt das offiziell und das funktioniert eben wie gewöhnlicher Fußball, nur mit dem Unterschied, dass sieben Kicker auf dem Feld spielen, statt elf. Und sie spielen alle mit Krücken, also ohne ihre Prothesen. Und zwar in einem atemberaubenden Tempo und mit akrobatischem Körpereinsatz.

Mich haut das immer wieder um, wie Florian mit seiner Amputation umgegangen ist. Fußball ist seine große Leidenschaft und die hat er sich auch durch den Knochenkrebs nicht nehmen lassen. Florian spielt jetzt in der Nationalmannschaft im Amputiertenfußball. Und mit der will er bei der Weltmeisterschaft diesen Herbst den Titel für Deutschland holen.

Florian sagt: „Der Wendepunkt in meinem Leben war meine Amputation. Seitdem geht es bei mir steil bergauf!“

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19JUL2021
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Kaum ist die EM rum, geht es schon wieder auf eine Meisterschaft zu. Nächstes Jahr im Sommer steigt in Katar die Männer-Fußball-Weltmeisterschaft. Dafür hat der kleine Golfstaat in den vergangenen Jahren riesige Fußball-Tempel aus dem Boden gestampft. Acht nigelnagelneue Stadien hat Katar zum Teil mitten in der Wüste bauen lassen. Und zwar von tausenden Arbeitern aus Indien und Bangladesch.

Viele davon sind keine „Gast-“arbeiter, sondern „Zwangs-“arbeiter. Sie schuften unter lebensgefährlichen Bedingungen für einen Hungerlohn, damit sie und ihre Familien in den Heimatländern über die Runden kommen. Mehr als 6000 Arbeiter sollen schon bei Unfällen auf den Baustellen ums Leben gekommen sein.

In der Bibel gibt es auch eine Geschichte von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Die mussten in Ägypten schuften. Aber Gott sieht, wie sie sich abmühen. Und das gefällt ihm gar nicht. Gott sagt: „Ich habe das Elend […] gesehen und ihre laute Klage habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich will sie hinausführen in ein schönes, weites Land.“ Eins ist klar: In Sachen Zwangsarbeit ist Gott parteiisch. Er steht auf der Seite derjenigen, die Lehmziegel stampfen – oder heute Beton anrühren müssen.

Ich weiß, den Arbeitern in Katar hilft das wenig. Aber mich rüttelt die Geschichte auf. Sklaverei ist nicht von gestern, die gibt es heute immer noch. Gegen die Stadien in Katar kann ich nichts mehr machen, aber gegen andere Sachen schon. Ich kann Billig-Klamotten boykottieren oder mal nachfragen, ob in dem Handy, das ich mir anschaffen möchte, Sklavenarbeit drinsteckt. Das erhöht den Druck auf die Unternehmen, damit die auch genauer hinsehen, wie ihre Produkte produziert werden. Wenn das einige Leute machen, dann sind wir ein kleines Stück weiter in Richtung einer Welt ohne Sklaverei.

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18JUL2021
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Man will es nicht wahrhaben, man will es weghaben, will das es vorbei ist. Aber leider zu oft im Leben geht das nicht. Beim plötzlichen Tod eines lieben Menschen, bei der Diagnose einer schlimmen Krankheit oder bei einer Katastrophe wie jetzt. Flutkatastrophen von diesem Ausmaß kannten wir bislang nur von Asien oder der Karibik. Schrecklich, aber weit weg. Nun kennen wir sie auch hier. Und auch den Schrecken. Wenn kleine Bäche in idyllischen Ortschaften zu großen braunen Brühen werden, die alles mitreißen, Häuser und Menschenleben. Meine Gedanken und Gebete sind bei den Opfern dieser Katastrophe. Und bei ihren Angehörigen, die jetzt ein Leid erfahren, das wir nicht ermessen können. „Es gibt kein fremdes Leid“ heißt ein weiser Satz. Und wenn wir das Leid dieser Menschen auch nicht ermessen können, so können wir doch mitfühlen. Und je näher das Leid ist, umso mehr. Das ist einfach so. Und das ist auch gut so. Weil aus diesem Mit-Leid Gutes entsteht: eine große Hilfsbereitschaft. Die Menschen vor Ort packen an, wo sie anpacken können. Andere bieten Häuser und Wohnungen als Notunterkünfte an. Und wieder andere spenden für die, die alles verloren haben. Und mit dem Mitgefühl, mit der Betroffenheit der nicht konkret Betroffenen kommen auch Fragen auf. Natürlich nach unserem Umgang mit der Schöpfung, nach dem Klimaschutz. Ja, wir müssen uns diese Fragen schon stellen. Aber alles zu seiner Zeit. Jetzt ist erstmal die Zeit für Trost, Hilfe und Hoffnung.

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