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SWR3 Gedanken

21MRZ2020
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Richterinnen und Richter haben so viel Verantwortung. Der Gedanke kommt mir in den Kopf, wenn ich Andrea sehe. Ihre Töchter und meine Töchter gehen in die gleiche KiTa. Andrea ist Pflegemutter und deswegen hat sie immer wieder mal mit dem Gericht zu tun. Zwei Pflegetöchter hat Andrea schon. Und als das Jugendamt sie gefragt hat, ob sie und ihr Mann auch noch ein drittes Kind aufnehmen können, da haben sie erstmal lange hin und her überlegt, ob sie das schaffen mit dreien. Letztendlich haben sie dem Jugendamt zugesagt und sich richtig auf das Baby gefreut. Und jetzt kommt der Richter ins Spiel.

Irgendwie war plötzlich wieder die Frage im Raum, ob es die leibliche Mutter vielleicht doch schafft, das Baby selbst groß zu ziehen. Und dann gab es ein ewiges Hin und Her. Letzten Endes hat dann ein Richter entschieden, wo das Baby aufwächst – nämlich bei Andrea und ihrem Mann.

Das ist natürlich gut und wichtig so, dass es in den ganz schwierigen Fällen jemanden gibt, der versucht neutral zu entscheiden. Aber was Andrea und ihr Mann da in den letzten Wochen durchgemacht haben, das stell ich mir anstrengend vor. Diese Warterei und du kannst nichts machen.

Letzte Woche habe ich Andrea endlich mit dem Baby getroffen. Es ist ein kleiner Junge und ich bin sicher, dass es der Kleine gut hat in seiner neuen Familie.

Wie wichtig sie sind, all die Pflegeeltern in unserem Land. Sie geben ihren Kindern so viel. Und sie halten das irgendwie aus, dass nicht sie selbst, sondern ein Richter darüber entscheidet, wer in ihre Familie kommt und wer nicht. Keine leichte Situation für Pflegeeltern und keine leichte Aufgabe für jede Richterin und jeden Richter. Und für beide gilt: so viel Verantwortung für ein kleines Menschenleben.

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20MRZ2020
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Meine Tochter Gloria macht seit letzter Woche einen Schwimmkurs. Schon das Umziehen in der Umkleidekabine war Stress für mich.

Ich komme mit Gloria und ihren beiden jüngeren Schwestern in die volle Kabine rein und kaum sind wir drin, fängt Gloria auch schon an zu weinen. Sie will jetzt auf keinen Fall schwimmen lernen. Glorias kleine Schwester Franziska wittert gleich ihre Chance. Sie ruft durch die ganze Umkleidekabine: „Mama, Gloria will nicht, also kann ich doch mitmachen. Mama, ich will.“ Sofort erkläre ich ihr: „Nein, Franziska, auf keinen Fall. Der Schwimmkurs ist erst ab fünf und du bist erst vier. Man darf hier erst mit fünf schwimmen lernen.“ Da ruft uns ein Mädchen zu: „Ich bin aber auch erst vier, aber Mama hat mich einfach trotzdem angemeldet. Sie hat gesagt, das merkt doch niemand. “ Ups. Betretene Stille in der Umkleidekabine. Mir ist die Szene peinlich und ich sage zu dem Mädchen: „Naja, dann sollst du das bestimmt keinem verraten, dass du erst vier bist.“

Was für eine blöde Antwort, denke ich im Nachhinein. Aber ich ärgere mich auch über diese Mutter. Was bekommt das Mädchen denn da beigebracht? Das Kind in einen Schwimmkurs reinmogeln für den es eigentlich noch zu jung ist, das muss doch nicht sein. Aber genau das zu sagen, das habe ich mich dann auch nicht getraut. Wobei ich auch gar keine Zeit dafür hatte. In der Zwischenzeit hat sich nämlich meine jüngste Tochter mit ihren anderthalb Jahren neben mir komplett ausgezogen.

Kein Wunder. Kinder ahmen eben alles nach, was sie vorgemacht bekommen: dass man sich in der Umkleidekabine auszieht zum Beispiel. Oder dass man ruhig schummeln und mogeln kann, völlig egal wie die Regeln sind.

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19MRZ2020
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Wegen einer Euro-Münze die ganze Wohnung auf den Kopf stellen? Das macht doch keiner. Aber ich kenne eine Geschichte, die genau davon handelt. Da sucht Lea ihr Ein-Euro-Stück und zwar überall. In allen Jackentaschen, unterm Schrank und sogar im Mülleimer. Sie sucht stundenlang. Und tatsächlich, irgendwann findet sie die Münze. Lea freut sich so sehr, dass sie bei ihren Nachbarn klingelt und auch ihre Freunde und Kollegen anruft. Am Abend gibt sie sogar eine spontane Privatparty – nur wegen der wiedergefundenen Euromünze.

Gut, die Geschichte klingt wirklich absurd, wegen eines einzigen Euros macht doch niemand so einen Aufstand. Zumindest kein Mensch, der irgendwie normal tickt.

Die Geschichte habe ich aus der Bibel. Jesus hat sie erzählt und er wollte damit klarmachen: so ist Gott, so wie Lea. Gott tickt nicht normal. Wenn Gott einen Menschen sucht, dann legt er sich unglaublich ins Zeug, weil er diesen einen Menschen unbedingt wiederfinden will. Wie Gott das genau macht, wenn er wieder mit jemandem in Kontakt kommen will? Schwer zu sagen, die Geschichte ist ja vor allem erstmal als Vergleich gemeint. Aber ich bin überzeugt davon, dass sich Gott auf jeden Fall eine Menge einfallen lässt.

Wenn Gott mich sucht, dann kann es sein, er zwingt mich mal zu einer ungewollten Pause. Wenn ich auf einen Kaffee verabredet bin und mein Kollege sich verspätet und ich deswegen eine halbe Stunde alleine im Café sitze. Wie ich so dasitze und endlich mal Zeit habe wird mir klar, wie viel Druck gerade in meinem Leben ist und was mir alles Sorgen macht. In dieser Pause fällt mir auf, dass ich schon lange nicht mehr gebetet habe. Also denke ich an Gott und sage innerlich: „Du bist ja auch noch da.“

Da im Café hat Gott mich wiedergefunden. Er sucht und sucht mich, so viel bin ich ihm wert.

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18MRZ2020
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Ich bin auf der Beerdigung von Vinzenz, der 70 Jahre alt geworden ist. Michael hält die Traueransprache. Ich bin als Organistin dabei. Ich habe Vinzenz nicht persönlich gekannt, aber nach der Ansprache von Michael habe ich das Gefühl, dass ich ihn doch ein bisschen kennengelernt habe. Wenn auch erst jetzt bei seiner Beerdigung.

Vinzenz war handwerklich begabt und er hat es geliebt mit Holz zu arbeiten. Er hat Gartenzäune selbst gemacht und die Balkongeländer an seinem Haus. Vieles sonst im Leben von Vinzenz ist nicht so gelungen, aber das Holz war immer seine größte Leidenschaft.

Michael erzählt in seiner Ansprache wie er Vinzenz jetzt sieht, wie er sich ihn im Himmel vorstellt. Er sagt:

„Ich sehe Vinzenz mit dem heiligen Josef in einer schönen Werkstatt stehen. Überall liegt Holz und es gibt eine Menge Werkzeug. In der Mitte steht ein riesiger Tisch zum Sägen und Hobeln und drum herum stehen Regale mit Schrauben, Schleifpapier und allem, was man braucht. Der heilige Josef steht da in seiner Handwerkerkluft und zeigt Vinzenz in aller Ruhe seine Werkstatt. Nach einer Weile fängt auch Vinzenz an zu erzählen und die beiden kommen so richtig ins Fachsimpeln über alles, was mit Holz zu tun hat.

Es ist ein schönes Bild. Vinzenz wie er endlich so richtig in seinem Element ist, gut aufgehoben in der himmlischen Werkstatt. 

Das wär es doch: wenn wir am Ende alle im Himmel so richtig in unserem Element wären, egal ob in einer super Band, bei einem ewigen Waldspaziergang, bei einem Championsleage-Finale oder bei einem tollen Festmahl mit allem Drum und Dran.

Endlich angekommen und so gut aufgehoben – im Himmel.

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17MRZ2020
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„Schweine sind keine Delphine.“ Komischer Satz. Klar, Schweine sind Schweine und Delphine sind Delphine. Den Satz habe ich im Kabarett aufgeschnappt, bei einer Nummer von „Daphne Deluxe“. In ihrer Nummer „Schweine sind keine Delphine“ macht sie sich darüber lustig, wie wir mit Tieren umgehen. Seit ich diesen Kabarettauftritt gesehen habe, muss ich immer an Delphine denken, wenn ich an der Wursttheke stehe.

Daphne Deluxe hat einfach gut rübergebracht, wie absurd es ist, dass wir manche Tierarten sehr schätzen und andere gar nicht. Und dass es eigentlich unlogisch ist, dass wir Delphine schützen, aber mit Schweinen machen was wir wollen. Hauptsache sie bringen schnell viel Fleisch, das wir möglichst billig haben können.

Daphne Deluxe bringt es auf den Punkt: Wenn Schweine Delphine wären, dann würde sie niemand in Massen irgendwo zusammengepfercht aufzüchten. Wenn Schweine Delphine wären, dann würde man bestimmt viele großzügige Spender finden, um Schweine besser zu schützen. Schweine sind aber keine Delphine und auch keine Pinguine oder Panda-Bären, die alle so süß finden und für die viele spenden, damit sie nicht aussterben.

Wir essen in unserer Familie auch Wurst und Fleisch, aber seit dem Auftritt von Daphne Deluxe weniger und bewusster. Dieser eine Satz „Schweine sind keine Delphine“ erinnert mich daran, dass ihnen genauso viel Würde oder Schutz zusteht, wie jedem anderen Tier auch. Egal ob Hund oder Katze, Panda oder Delphin.

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16MRZ2020
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Ich bin mit dem Auto auf der B3 unterwegs, ein bisschen zu schnell vielleicht für eine 70er-Zone. Da zeigt mir ein Auto aus dem Gegenverkehr die Lichthupe. „Warum blendet der mir jetzt auf?“, überlege ich noch. Mach ich irgendwas falsch? Ist was kaputt? Ach, bestimmt kommt da irgendwo ein Blitzer.

Und prompt hundert Meter weiter steht er auch schon. Zum Glück hatte ich abgebremst und ich bin nicht geblitzt worden. Klar, bin ich jetzt erleichtert, aber irgendwie fühle ich mich auch komisch. Denn obwohl mich andere schon oft gewarnt haben, habe ich das selbst noch nie gemacht. Ich blende nie auf, damit andere keine Strafzettel kriegen.

Viele finden ja diese Blitzer-Warnerei nicht gut, weil sie sagen: „Wer zu schnell unterwegs ist, der soll auch dafür bezahlen.“ Ich sehe das anders und finde das nett, wenn ein anderer Autofahrer mich warnt, einfach so.

Eines finde ich interessant: obwohl ich dieses Mal um den Strafzettel rumgekommen bin, fahre ich in dieser 70er Zone in Zukunft bestimmt langsam. Es geht also auch ohne Strafzettel. Eigentlich doch ein schöner Effekt.

Den könnte ich außerhalb vom Straßenverkehr öfter gebrauchen. Zum Beispiel wenn ich mich über jemand anderen aufrege, mich immer mehr in Rage rede und irgendwann dann ab-lästere. Wenn dann meine Freundin zu mir sagt: „Du, jetzt warte mal. Der andere hat auch seine Gründe. Lass es jetzt gut sein.“, dann wirkt das so wie eine Lichthupe. Ohne diese Warnung, wäre ich mal wieder total rein gerauscht und hätte mich nur über den Anderen aufregt, statt auf mich zu schauen. Das schlechte Gefühl danach – inklusive.

Meine Freundin hat mich mitten im Gespräch gewarnt, anstatt mich hinterher irgendwie abzustrafen. Das hat mir gut geholfen.

Genau wie beim Blitzer: eine nett gemeinte Warnung wirkt genauso wie die saftige Strafe und ist viel sympatischer.

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15MRZ2020
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Wenn die Politik nur möchte, dann kann sie viel erreichen. Das beweist sie immer wieder. Zum Beispiel als es darum ging Griechenlands Wirtschaft zu retten. Oder ganz aktuelles Beispiel: der Kampf gegen das Corona-Virus. Was da alles möglich ist. 

Schulen machen zu, Großveranstaltungen werden gestrichen und die Politik stellt riesige Mengen Geld für die Wirtschaft bereit.

Dagegen habe ich nichts und ich finde es richtig, dass jetzt möglichst jeder so umsichtig wie möglich ist. Trotzdem frage ich mich: warum kriegt „die Welt“ oder „die Politik“ beim Thema Corona eigentlich so viel hin? Und warum kriegt sie es bei anderen Themen nicht hin? Beim Thema Krieg und Flucht zum Beispiel. Da ist das Elend der vielen Geflüchteten himmelschreiend. Und da sieht es so aus, als ob an vielen Stellen nicht so schnell und so konsequent gehandelt wird wie bei der Corona-Epidemie.

Vermutlich spielt bei all dem Geld eine große Rolle. Corona ist ein großer Wirtschaftsfaktor, und die Wirtschaft muss immer stabil sein, um jeden Preis. Wer ein paar Hundert oder Tausend abgekämpfte und traumatisierte Flüchtlinge aufnimmt, der gewinnt nichts, der muss erst einmal viel investieren. 

Thomas Gsella hat ein Gedicht zu diesem Thema geschrieben. Darin beschreibt der Journalist, dass „der Welt“ in Anführungsstrichen das Eine eben wichtiger ist, als das Andere. Das Gedicht heißt „Corona-Lehre“ und es geht so:

 

„Quarantänehäuser spriessen,

Ärzte, Betten überall

Forscher forschen, Gelder fliessen –

Politik mit Überschall.

Also hat sie klargestellt:

Wenn sie will, dann kann die Welt.“

„Also will sie nicht beenden

das Krepieren in den Kriegen,

das Verrecken vor den Stränden

und dass Kinder schreiend liegen

in den Zelten, zitternd, nass.

Also will sie. Alles das.“

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