Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Durch eine Behinderung kann die alte Dame nicht mehr ohne fremde Hilfe essen. Trotzdem besucht sie ein Fischrestaurant, bestellt etwas und wird bedient. Und dann geschieht das scheinbar Sensationelle. Ein Mitarbeiter des Restaurants setzt sich in seiner Pause zu ihr und füttert die ihm unbekannte Dame. Andere Kunden im Restaurant beobachten die Szene, einige sind zu Tränen gerührt, verbreiten sie über Facebook. Es folgen tausende Likes und selbst die überregionale Presse interessiert sich plötzlich dafür.

Was ist da eigentlich passiert? Da hat jemand was getan, was er gar nicht tun musste. Hat seine eigene Pause geopfert, um einer Frau zu helfen, die sich nicht mehr helfen kann. Das ist einfach großartig, keine Frage. Aber vielleicht erzählt der kleine Medien-Hype um seine gute Tat ja auch etwas über unsere Gesellschaft. Dass es womöglich ganz viele Menschen bei uns gibt, die eine Sehnsucht haben nach mehr von solchen Taten. Dass Menschen ihre eigenen Interessen einfach mal einen kurzen Moment zurückstellen, um was für andere zu tun. Einfach so. Ohne Bezahlung und ohne Belohnung.

Christen nennen sowas schlicht Nächstenliebe. Die passiert nämlich tagtäglich, ganz oft im Verborgenen und ohne irgendeinen Hype. Auch wenn jede einzelne Tat aus Nächstenliebe es verdient hätte, weitererzählt zu werden. Genau darum finde ich es schön, dass sich diese eine gute Nachricht jetzt herumgesprochen hat und vielleicht sogar ein paar Nachahmer findet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24492

Vorne und hinten je ein Maschinengewehr. Zwei schwer bewaffnete Polizisten rahmen mein Auto ein. Ich habe nichts verbrochen, nur die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich überquert. Aber ich nehme vier Afrikaner in meinem Auto mit. Wir wollen Freunde in Lothringen besuchen. Die Beamten sind höflich aber bestimmt, wollen alle Papiere sehen, kontrollieren penibel. Nach gut fünf Minuten dürfen wir weiterfahren. Alles okay. Doch die Szene beschäftigt mich noch eine ganze Weile.

Bei der Kontrolle ist mir aufgefallen, dass die meisten Autos mit Europäern einfach durchgewunken werden. Mein Fahrzeug mit vier afrikanischen Studenten aber wird genauestens kontrolliert. Ich habe keinen Groll auf die französischen Grenzpolizisten. Sie machen ihre Arbeit, korrekt und freundlich.

Aber die kleine Szene macht mir ganz plastisch klar, dass es auch mitten in Europa längst keine offenen Grenzen mehr gibt. Zumindest nicht für jeden. Es ist nicht die bewaffnete Kontrolle, die mir lange nicht aus dem Kopf geht. Es ist das Dilemma dahinter.  Dass Menschen aus Afrika auch künftig die Grenzen überwinden wollen. In der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und dass wir sie hier nicht haben wollen, um unser gutes Leben nicht zu gefährden. Eine einfache Lösung für das Dilemma gibt es nicht.  Es ginge wohl nur mit viel mehr weltweiter Gerechtigkeit, die auch mich etwas kosten wird. An Wohlstand und an Bequemlichkeit. Dazu wäre ich sogar bereit.

Bis es aber so weit ist werde ich mich wohl an Kontrollen wie diese gewöhnen müssen. Die afrikanischen Studenten in meinem Auto haben sie übrigens mit Humor ertragen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24491

Peter und Paul, so steht es heute Morgen auf dem Kalender über meinem Schreibtisch. Gemeint sind die beiden großen Gestalten, die das Christentum so sehr geprägt haben. Und heute ist ihr gemeinsamer Gedenktag. Ein bisschen seltsam ist das schon, denn menschlich konnten sie wohl nicht immer so gut miteinander. P

etrus, der oft wankelmütige frühere Fischer, der selber mit Jesus herumgezogen ist. Und Paulus, der jüdische Gelehrte, der Jesus zwar nie leibhaftig begegnet ist, aber später wie kein anderer seine Botschaft verbreitet hat. Ein paar Mal sollen die beiden sich auch begegnet sein. Und einmal hat es sogar richtig geknallt. Verkürzt gesagt ging es darum, ob einer, der Christ werden will, erstmal Jude werden muss. Ob er dann also auch alle Gesetze und Speisegebote der Juden einhalten muss. Petrus jedenfalls hat da rumgeeiert. Mal so und mal so eben. Und darüber hat Paulus sich richtig geärgert. Er war der Meinung, dass Christen sich nicht an den Gesetzen der Juden orientieren müssten. So hatten die beiden es zuvor nämlich klar vereinbart. Im Prinzip gilt das noch bis heute.

Dass die beiden heute nicht nur auf meinem Kalenderblatt, sondern auch auf vielen Altarbildern friedlich vereint sind, finde ich trotzdem passend. Schließlich haben die zwei auf ihre je eigene Weise dazu beigetragen, dass aus der kleinen jüdischen Sekte eine weltumspannende Religion werden konnte. Und ganz nebenbei sind sie ein schönes Beispiel dafür, dass es im großen Christentum schon immer nicht nur verschiedene Typen, sondern auch verschiedene Meinungen geben durfte. So wie heute.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24490

Staubtrockene Böden im Gemüsebeet. Blätter die sich einrollen, weil es zu wenig geregnet hat. Eigentlich muss ich keine schlauen Studien lesen, um selber zu merken: Über all die Jahrzehnte, auf die ich inzwischen zurückschauen kann, hat sich was verändert. Etwas ist anders als damals, als ich noch zur Schule ging. Das Klima hat sich verändert, wenn auch kaum merklich. Das Tolle: Dagegen könnte sogar ich etwas tun. Wenn da nicht mein innerer Schweinehund wäre, der so träge daliegt und mich hindert, es einfach mal anders zu machen.

Denn sehr wahrscheinlich werde ich mich auch morgen früh wieder ins Auto setzen und zur Arbeit fahren, obwohl es anders ginge. Klimaschonender. Aber dann müsste ich eben viel früher aufstehen und würde abends viel später heimkommen. Ich könnte noch mehr tun. Mir endlich mal den sparsamen Kühlschrank zulegen, der weniger Energie verbraucht als die alte Kiste. Und  sicher müsste ich im Winter auch nicht überall im Haus heizen.

Doch all das wäre auch unbequemer. Es ist eben ziemlich leicht, sich über eine grundfalsche Politik aufzuregen, egal von wem auch immer. Das ist jedenfalls billig zu haben und verschafft schnell das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Aber es ist immer auch ein wenig heuchlerisch. Denn Klimaschutz scheitert letztlich nicht nur an dummer Politik, sondern auch an Bequemlichkeit. Unter anderem immer wieder auch an meiner. An meinem inneren Schweinehund, der so träge daliegt. An ihn werde ich das nächste Mal zumindest denken, wenn ich mich wieder mal über Politiker aufrege, die dumme Sachen beschließen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24489

Beim Gang durch große Möbelhäuser bewundere ich immer die perfekt gestylten Wohnlandschaften. Bei mir sieht es leider nie so aus. Wahrscheinlich, weil ich mich so schlecht von Dingen trennen kann. Die Zeitschrift, die ich irgendwann noch mal lesen will. Die Karte eines lieben Freundes, die ich einfach nicht wegwerfen kann. Nach kurzer Zeit schon stapeln sich die Dinge.

Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Sich von Dingen zu trennen fällt vielen Menschen schwer. Dabei könnte es ganz einfach sein. Prüft alles, das Gute behaltet, heißt es immerhin schon in der Bibel. Damit sind zwar nicht Plunder oder abgelegte Briefe gemeint. Es geht um Gedanken und Überzeugungen. Doch das Prinzip ist das gleiche. Prüft alles und behaltet nur das, was wirklich wichtig ist. Das Übrige darf weg. Das Problem ist eher: Was ist wichtig für mich? Ich merke, dass es dabei um viel mehr geht als um alte Dinge. Es geht um Menschen und Ereignisse, die mir wertvoll geworden sind in meinem Leben. Um liebgewordene Erinnerungen, die sich an diese Dinge heften.

Der Theologe Leonardo Boff hat für solche besonders wichtigen Dinge einmal das Wort Sakrament benutzt. Es meint, dass in diesem Gegenstand, so unscheinbar er sein mag, die Vergangenheit wieder lebendig werden kann. In meiner Erinnerung. An den verstorbenen Vater etwa, oder die Tochter, die längst woanders wohnt. Das immerhin könnte ein Prüfstein sein für Behalten oder Wegwerfen. Was ist mir also so wichtig, dass es für mich zum Sakrament werden kann? Zu etwas, das meine wichtigsten Erinnerungen lebendig werden lässt. Das allermeiste kann ich dann tatsächlich wegwerfen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24488

Zwei schlimme Terroranschläge haben sie mit erstaunlicher Gelassenheit und Ruhe weggesteckt. Haben sich ihr Leben nicht von islamistischen Idioten aus der Bahn bringen lassen. Bemerkenswert, die Menschen in London. Nach dem verheerenden Großbrand aber ist vielen doch der Kragen geplatzt und auch das finde ich bemerkenswert.

Weil es diesmal nicht um ein paar religiös Durchgeknallte geht, sondern um Gerechtigkeit. Um den Verdacht, dass beim Großbrand in London Menschen gestorben sind, weil sie nicht so wohlhabend waren und darum am Brandschutz in ihren Wohnungen gespart wurde. Weil der Gedanke so schwer erträglich ist, dass es wertvolle und weniger wertvolle Menschen geben könnte. Und dass es nun genau die weniger wertvollen getroffen hat.

Dabei sind wichtige Fragen noch gar nicht klar. Ob es einfach Fahrlässigkeit war, die zur Katastrophe führte. Oder ob bewusst an den weniger Wohlhabenden gespart wurde. Wie gesagt: Vieles ist noch offen! Aber der bloße Verdacht, dass es zwei Kategorien von Menschen geben und dass deren Leben einen unterschiedlichen Wert haben könnte, treibt Menschen auf die Straße.

Die islamistischen Mörder haben diese Unterschiede nicht gemacht. Ihr Hass richtet sich gegen uns alle, egal ob wir arm sind oder reich. Die Opfer im Hochhaus allerdings machen einen Unterschied und niemand weiß bis jetzt, ob sie womöglich wegen dieses Unterschieds zu Tode kamen. Wegen eines Unterschieds, der Menschen aufteilt in Arm und Reich. Nicht nur in London. Wie auch immer, der bloße Gedanke daran macht wütend.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24487

Der Mann hinter der Theke mustert mich, während er meine Bestellung bearbeitet. Es ist Sonntagabend. Nach einer Reise wollen wir in einem Selbstbedienungs-Restaurant schnell noch etwas essen. „Heute haben alle frei“ sagt er, „warum eigentlich?“ Ich stutze. Auf die Frage bin ich gar nicht vorbereitet. Der junge Mann kommt erkennbar nicht von hier. Migrationshintergrund, würde man heute sagen.

Ich bin nicht als Kirchenvertreter gefragt, nur als Kunde, der auf sein Essen wartet und wissen könnte, warum zumindest er an diesem Tag frei hat. „Heute ist Sonntag“, sage ich, „da haben halt die meisten Menschen frei.“ Der junge Mann nickt und reicht mir mein Essen. Ob ihn das überzeugt hat? Wozu also Sonn- und  Feiertage? Warum die Arbeit unterbrechen, heute, am Sonntag? Wo doch der christliche Glaube sich verflüchtigt und nicht mal mehr zehn Prozent in die Kirchen gehen? Wo offene Läden am Sonntag hingegen Zehntausende in die Innenstädte locken?

Nun, weil wir Menschen sind und keine Maschinen und deshalb Auszeiten brauchen. Auszeiten für uns selbst und für all die Anderen, die uns auch wichtig sind. Und weil auch die Schreiber der Bibel das schon vor ein paar tausend Jahren so gesehen haben. Nicht umsonst haben sie es gleich am Anfang in die Bibel reingeschrieben, als ein Grundgesetz der Schöpfung. Und darum werden wir Christen auch weiter um die freien Tage für möglichst viele Menschen kämpfen. Für die, die an Sonn- und Feiertagen in die Gottesdienste gehen möchten und auch für alle anderen. Egal ob fromm oder nicht. Einfach, weil wir alle Menschen sind, die regelmäßig eine Auszeit brauchen, für uns selbst und andere.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24486