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SWR3 Gedanken

Sie ist von Kopf bis Fuß tätowiert. Als Jugendliche lebte sie in einer heruntergekommenen Drogenbude und schlug sich als Stand-up Comedian in Denver durch. Bis eines Tages ein Freund starb und sie gebeten wurde, die Beerdigungsfeier zu gestalten. Umgeben von anderen Mitalkoholikern, von depressiven, zynischen Menschen, von Komikern, umgeben von Leuten, die ihr Leben nicht immer so ganz auf die Reihe kriegen, stellte sie fest: genau das sind meine Leute, hier gehöre ich her. Und vielleicht ist genau das mein Auftrag: inmitten dieses Chaotenhaufens Pfarrerin zu sein.

Nadia Bolz-Weber wird genau das: evangelisch-lutherische Pfarrerin. In Denver gründet sie eine alternative Gemeinde und nennt sie „House of all Sinners and Saints“ ~ Zuhause für alle – für Sünder und Heilige. Ihre Gemeinde ist eine Gemeinschaft von Verwundeten, Gestrandeten, Schwachen…

Die Gemeinde macht Ernst mit der Willkommenskultur für alle, für Fromme und Zweifler, Bürgerliche und Außenseiter, gut gekleidete Kirchgänger und freundliche Familienväter, aber auch Menschen, denen man ansieht, dass sie im Schatten der Gesellschaft stehen – alle empfangen gemeinsam das Abendmahl, alle verstehen sich als geliebte Kinder Gottes.

Nadia Bolz-Weber macht allen Hoffnung, die sich so durchs Leben schlagen, die nicht so perfekt sind, wie es unsere Gesellschaft gerne hätte, die auf Umwegen zu Gott kommen: Gott liebt Dich, so wie Du bist – als Sinner and Saint.

Nadia Bolz-Weber, Pastrix: The Cranky, Beautiful Faith of a Sinner & Saint, Jericho Books 2014. Gerade auf Deutsch erschienen: „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“: Pastorin der Ausgestoßenen, Brendow 2015.

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„Sophie, ich hab Angst, darf ich bei dir schlafen?“ „Ach, Sylvia, nicht schon wieder. Ich möchte nicht jede Nacht mein Bett mit meiner kleinen nervigen Schwester teilen. Lass mich in Ruhe!“ „Bitte, bitte, liebe Sophie“ bettelt die kleine, ängstliche Schwester „Also gut, komm halt. Aber mach dich bloß klein.“ Sylvia schmiegt sich erleichtert an ihre große Schwester Sophie. Nach wenigen Minuten ist sie eingeschlafen.

Jede Nacht dasselbe, denkt Sophie. Ich bin jetzt 15 Jahre alt, ich möchte allein in meinem Bett schlafen. Aber jede Nacht bittet und bettelt eine kleine Sylvia mit ihrer verängstigten Stimme: „Sophie… ich hab solche Angst, darf ich bei dir schlafen?“

Die Jahre vergehen, die beiden Schwestern werden erwachsen, gehen ihren Berufen an anderen Enden Deutschlands nach, gründen Familien.

Mit 48 Jahren bekommt Sylvia Krebs. Sie kämpft gegen die Krankheit, die sich unbarmherzig in ihrem Körper ausbreitet. Irgendwann ist der Krebs überall. Eines nachts meldet sich am Telefon eine kleine, verängstigte Stimme: „Sophie… ich hab Angst…“ Sophie macht sich sofort auf den Weg. Als sie bei ihrer Schwester ankommt, kann sie Sylvia kaum wiedererkennen: abgemagert liegt sie in ihrem Krankenbett. Sylvia wiegt kaum mehr als früher, als sie Kinder waren. Aufgrund der starken Gewichtsabnahme hat sie wieder diese großen blauen Augen, wie früher. Am selben Abend legt sich Sophie ganz selbstverständlich zu ihrer kleinen Schwester ins Bett. Sylvia, komplett beruhigt, schmiegt sich an sie – und schläft ein.

Inspiration: Jean Teulé, Comme une respiration, Editions Julliard, Paris, 2016.

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Taizé ist besonders: es ist ein Abenteuer. Taizé ist ein Dorf in der Mitte Frankreichs. Aber es ist mehr als das. In Taizé gibt es die Communauté de Taizé, eine Gemeinschaft christlicher Brüder, evangelischer, katholischer, orthodoxer. Diese Gemeinschaft gibt es seit dem Ende des 2. Weltkrieges und sie hat sich der Arbeit mit Jugendlichen verschrieben. Und die Jugendlichen kommen in Scharen, Tausende in den Sommermonaten.

Was ich dort suche? Eine andere Welt. Das Leben in Taizé ist einfach, sehr einfach. Schlafsäle, Gemeinschaftsduschen und -toiletten, man ist in Baracken untergebracht. Eine Art Zirkuszelt dient als Versammlungsort. Die Kirche hat den Charme einer Fabrikhalle, da können auch die vielen Kerzen und die paar bunten Fenster nichts dran ändern. Der Tagesablauf ist geregelt: morgens, mittags, abends gibt es Andachten von einer knappen Stunde, vormittags und nachmittags finden Bibelstunden statt bzw. man muss eine Gemeinschaftsarbeit verrichten wie zum Beispiel beim Kochen helfen oder beim Putzen der Gemeinschaftsduschen.

Was also zieht die Tausende von Jugendlichen an? Auch mich? Natürlich das Internationale: die Jugendlichen kommen aus aller Herren Ländern (England, Polen, Niederlande, USA, Ukraine…). Man verständigt sich mit Händen und Füßen und einem Kauderwelsch aus Englisch. Zum anderen ist da aber auch die besondere Spiritualität von Taizé: gemeinsam sitzen wir alle auf dem Boden und singen.

Die Gesänge sind eingängig, einfache Texte in vielen Sprachen. Alle singen mit. Die Lieder werden wieder und wieder gesungen. Das hat etwas beruhigend Monotones, Meditatives. Man kommt zur Ruhe. Muss nicht mehr nachdenken. Kann einfach sein im Hier und Jetzt. Und einen Hauch von Ewigkeit spüren. Was ich in Taizé finde? Dass es nicht viel braucht, um glücklich zu sein.

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„Warum ich für Gott backe und was mein Hund mit Hoffnung zu tun hat“ – in ihrem Erstlingswerk nimmt uns die junge Schriftstellerin Lisa Kaufmann mit auf ihre Suche nach Gott.

Lisa ist in einer Familie aufgewachsen, in der Kirche keine Rolle spielt. Ihre Freunde sind zum größten Teil bekennende Atheisten. In ihrer Umgebung spricht eigentlich niemand über Gott, geschweige denn mit ihm. Lisa aber lässt der Gedanke an Gott keine Ruhe. Also macht sie sich auf die Suche und beginnt das ganz praktisch und mit viel Humor, indem sie bei Menschen der verschiedensten Religionen anklopft.

Und so kommt es, dass sie wie eine Jüdin Challah-Brot backt, also eine Art Hefezopf, um den Shabbat zu begrüßen. Lisa versucht, den siebten Tag zu heiligen und nichts zu tun, noch nicht einmal auf’s Smartphone zu gucken! Sie besucht evangelische Gottesdienste, in denen viel geredet wird über etwas, was sie nicht versteht.Sie diskutiert mit Mormonen über Frauendiskriminierung, Homophobie und Ausländerfeindlichkeit. Sie ist zu Gast bei einer muslimischen Familie mit vielen Kindern, mit einem großen Eßtisch, an dem die ganze Verwandtschaft willkommen ist, auch sie. Sie ist beeindruckt von der Gastfreundlichkeit und Alltäglichkeit ihres Glaubens. Wie sie Gott danken für eine leckere Mahlzeit, eine geglückte Autofahrt, einen schönen Spaziergang.

Am Ende ihres Buches bleibt bei ihr die Frage: kann ich glauben, auch wenn ich immer mal Zweifel habe? Und sie fragt sich: darf ich mir ein reiches spirituelles Leben wünschen? Und wie lebe ich es? Da bieten ja alle Religionen einen reichen Schatz an Möglichkeiten. Man muss sich nur auf die Suche machen.

„Warum ich für Gott backe und was mein Hund mit Hoffnung zu tun hat – Meine Suche nach Gott“ von Lisa Kaufmann, edition chrismon, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016.

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„Ich warte auf den Märchenprinzen!“ Meine Freundin Jessica wirft ihre blonden Locken lachend nach hinten und sagt: „Also ganz im Ernst: ich will einen Prinzen, keinen Frosch. Ich warte auf die Liebe meines Lebens. Darunter mach ich es nicht. Ich will keine faulen Kompromisse. Guck mich an, ich sehe gut aus, habe einen Beruf, mit dem ich zufrieden bin, dann wünsche ich mir auch einen Mann, der etwas gestalten will im Leben. Der mich wertschätzt und den ich wertschätze. Haarfarbe, Größe und so sind egal, Hauptsache, er bringt mich zum Lachen!“

So ähnlich muss auch Rahel gedacht haben. Ihre Geschichte steht in der Bibel. Die Liebesgeschichte von Rahel und Jakob - so geschehen vor 3000 Jahren. Und sie fängt total romantisch an: Rahel ist nichts ahnend mit ihrer Schafsherde unterwegs zu einem Brunnen, die Tiere brauchen Wasser.

Wie sie kommen alle Hirten der Gegend immer zur gleichen Zeit zum Brunnen. Jeder ist mit seinen Tieren beschäftigt. Niemand hilft ihr mit den Tieren. Aber dieses Mal ist es anders: ein gut aussehender junger Mann steht dort. Ein Fremder, kein Hirte aus der Gegend.

Als der schöne Fremde Rahel sieht, springt er auf und hilft ihr mit den Tieren. Die beiden kommen ins Gespräch und verlieben sich. Aber so einfach war das damals nicht: Rahels Vater musste einer Heirat zustimmen. Und der schlägt aus der Situation Kapital: zweimal sieben Jahre, also vierzehn lange Jahre müssen die beiden Verliebten aufeinander warten, vierzehn Jahre lang muss Jakob für seinen zukünftigen Schwiegervater arbeiten. Erst dann darf er seine Geliebte Rahel heiraten.

Manchmal lohnt es sich, auf Mister Right zu warten! Vielleicht nicht gleich 14 Jahre wie Rahel. Aber mit erhobenem Haupt wie Jessica. Wir sind es uns wert.

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Marit bewirbt sich für die Zeit nach dem Abi auf einen Ausbildungsplatz. Dafür stellt sie nicht einfach eine Bewerbungsmappe zusammen, nein! Gefordert ist eine Präsentation: ein pfiffig aber gleichzeitig seriös gestaltetes Plakat mit Fotos und Beschreibungen ihrer Talente und Stärken und womit sie sich sonst so beschäftigt. Mit großem Eifer bereitet sie alles vor. Das Bewerbungsgespräch findet statt mit vierzehn anderen Kandidaten – und zwar über fünf Stunden.

Wohl gemerkt, es geht hier nicht um die Stelle eines Abteilungsleiters oder gar um eine Geschäftsführung – es geht einfach um einen Ausbildungsplatz. Eifrige Vorbereitung, viel Nervosität und enorme Anstrengung – am Ende ist all das nicht genug. Marit ist anscheinend doch nicht geeignet für den Ausbildungsplatz. Ihre Fähigkeiten waren in den Augen der Firma nicht vielversprechend genug, um eine Ausbildung in sie zu investieren.

Nicht genug. Nicht recht. Dieses Gefühl, nicht genügen zu können, nicht recht zu sein, das kenne ich auch. Wie verletzend das ist. Da bekommt das Selbstwertgefühl empfindliche Kratzer, Selbstzweifel können sich festfressen und lähmen.

Auch Martin Luther, der große Reformator der evangelischen Kirchen, war getrieben vom Zweifel, jemals genügen zu können. Ihn quälte die Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Bin ich recht? Genüge ich?

Die Antwort, die er findet? Du bist nicht das, was du leistest. Du bist nicht das, was andere von dir halten. Zu allererst bist du recht, so wie du bist. Gott bist du recht. Gott steht an deiner Seite, komme, was wolle. Also habe Mut und suche den Platz im Leben, an dem du richtig bist.

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Hochmut kommt vor dem Fall.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
Du sollst aus deinem Herzen keine Mördergrube machen.

Das sind nicht nur Sprichwörter. Das sind Wortschöpfungen, die unsere Sprache bereichern. Und sie stammen von Martin Luther. Das ist der, der vor 500 Jahren mit seinen Ideen die Welt verändert und die evangelische Kirche ins Leben gerufen hat. Bevor er gegen Papst und Kaiser aufgestanden ist, hat er wie kein anderer unsere deutsche Sprache geprägt. Wie er das gemacht hat? Er hat die Bibel übersetzt.

Aber nicht irgendwie. Er hat dazu „dem Volk aufs Maul geschaut“, wie er das formuliert hat. Damit alle Menschen die Bibel verstehen. Immer, wenn er auf der Straße war oder unterwegs zu den Bauern und Handwerkern, hatte er ein kleines Büchlein bei sich, dort notierte er sich Aussprüche und Redewendungen seiner Mitmenschen. Und die hat er dann für seine Bibelübersetzung verwendet. Von Luther stammen so schöne Worte wie: Feuertaufe, Bluthund, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Gewissensbisse, Lästermaul und Lockvogel.

Luther hat die Bibel so übersetzt, damit jeder sie verstehen konnte, jeder konnte auf einmal mitreden. Das war nicht nur der Anfang einer anderen Kirche. Das lebt fort bis heute. Es ist der Grundstein unserer Demokratie – und die fängt mit unserer Sprache an: sich gegenseitig zuhören, voneinander lernen und eine gemeinsame Sprache finden.

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