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SWR3 Gedanken

Wahrheit oder Pflicht – das konnten wir als Jugendliche stundenlang spielen: Wahrheit – „Liebst du Christian?“ war da die Standardfrage, woraufhin drei von uns sofort rot anliefen: die Befragte, Christian selbst und die, die gerade in Christian verknallt war. Oder man wählte Pflicht und musste dann Sabine küssen.

Wahrheit.

Als Jugendliche wusste ich ziemlich genau, was wahr und was falsch ist: Tiere quälen ist falsch, genauso wie die Natur verschmutzen und Menschenrechte mit Füßen treten. Und ich wusste ja noch aus Kindertagen, was mit bösen Menschen passiert: die werden bestraft, wie die böse Hexe im Märchen verbrannt.

Heute weiß ich das nicht mehr so genau: was ist wahr? Was ist falsch?

Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, dass Ausländer, Flüchtlinge und Fremde Menschen sind wie wir und dass man ihnen dementsprechend offen und freundlich begegnen sollte. Das gebietet schlicht der Respekt vor meinen Mitmenschen. Auf der anderen Seite verstehe ich die, die Angst haben vor Ausländern, deren Religion und Kultur ihnen fremd sind und sie verunsichern. Ihnen allen gegenüber klappt einfaches Schwarz-Weiß-Denken nicht: hier die Guten, dort die Bösen.

Für mich ist ein Gebot wichtig, das mir Orientierung gibt, eines, das über allen Geboten, Vorschriften und Regeln steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Gal 5,14) Was ist wahr? Was ist falsch? Vielleicht ist das der Weg, es herauszufinden. Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst.

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Noah? Noah, das ist der mit der Arche. Fast jeder kennt die Geschichte mit der Arche Noah: Regen ohne Ende, das Wasser, das steigt, die Sintflut, alle ertrinken, also alle außer Noah mit seiner Arche und den Tieren, die immer in Paaren darin Unterschlupf gefunden haben.

„Nicht das Ende der Welt“ heißt ein Jugendbuch von Geraldine McCaughrean. Sie erzählt die bekannte Geschichte aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Noahs jüngste Tochter Timna berichtet, wie es damals wirklich war auf den endlosen Weiten des Wassers.

Denn das Wasser steigt unausweichlich und während die Familie Noahs trocken und sicher in ihrer Arche hockt, sterben im Wasser Tiere und Menschen. Und Timna kann das hören: Hilfeschreie, Panik, Todeskampf, Ertrinken, Tod, überall. Für Timna unerträglich. Sie hat Mitleid mit den sterbenden Menschen, ist unfassbar wütend auf ihren Vater und auf Gott, dass sie so ein entsetzliches Leiden zulassen. Also macht Timna das Undenkbare: sie verlässt die Arche und rettet Leben. Der gerettete Junge und sie enden auf einem Floß. Und ein Wunder geschieht: das Wasser geht zurück und ein Regenbogen spannt sich über die geschundene Erde, über Lebende und Tote, über Noah und Timna.

Die Geschichte von Timna rüttelt auf, rüttelt an den Grundfesten der ach so schönen Arche-Noah-Geschichte. Aber sie macht eins ganz deutlich: Gott ist größer und sein Wille ist unerforschlicher, als wir denken können. Denn trockene Erde finden ja am Ende beide: Timnas Vater Noah, der Gott gehorcht, und der gerettete Junge und Timna, die einfach Mitleid hatte.

Geraldine McCaughrean Nicht das Ende der Welt dtv 2007.

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Was soll ich tun? Diese Frage gehört laut Gregor Eisenhauer zu den zehn wichtigsten Fragen der Menschheit: Was soll ich tun, damit mein Leben sinnvoll und lebenswert ist? Dinge wie „den Müll runterbringen“ oder „mit Freunden Fußball spielen“ gehören natürlich auch dazu. Aber was sind die wichtigsten Dinge, die man tun sollte?

Dazu Gregor Eisenhauer: Sinnvolles Tun fängt erst mal damit an, dass ich nichts tue. Nichts. Das ist schwieriger, als man so denkt. Viele meinen heutzutage, immer und überall etwas tun zu müssen. Also Handys weg, Computer, Fernseher aus.

Zweitens: Träume! Ja, träume Tagträume. Das tut gut. Wie früher in der Schule. Genau hier entsteht kreative Energie.
Drittens: Hör gut zu! Also, hör sowohl darauf, was jemand anders sagt, als auch, was in dir gerade so vorgeht.

Viertens: Hör auch mal weg! Geschwätz gibt’s genug auf der Welt. Leider.

Fünftens: Sei nicht so selbstlos! Schon in der Bibel steht „Ich danke dir, Gott, dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“
Das ist so und dafür darf man sich auch belohnen: verwöhn dich, gönn dir was. Lad Dich mal wieder zum Eis ein.

Sechstens: Hab keine Angst vor dem Alter! Bringt eh nichts. Was soll man sich mit der Angst vorm Alter das Leben vermiesen? Dann ist es doch vielleicht einfacher, das Leben, so wie es ist, zu genießen.

Siebtens: Such dir gute Freunde! Warum? Dann fällt das Lachen leichter. Und das Leben auch.

So und jetzt? Jetzt nimmst du deinen Hund und gehst raus spazieren. Einfach so. Wenn du keinen Hund hast, führst du halt deinen inneren Schweinehund spazieren. Geht auch. Du atmest tief durch und genießt dein Leben.

Gregor Eisenhauer, Die 10 wichtigsten Fragen des Lebens in aller Kürze beantwortet, DuMont 2014.

 

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Eigentlich war es ein ganz normaler Arztbesuch. Nur dieses Mal kam es anders. „Sie haben da einen Knoten“, meinte der Arzt. Zwei Tage später ein Termin beim Mammographen. Aber es ging alles gut, es war nichts. Glück gehabt. Mir fiel ein dermaßen großer Stein vom Herzen, dass ich meine Freunde angerufen habe, das sollte gefeiert werden.

„Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen“. Den Spruch hat mir mal eine Freundin geschickt. Krönchen richten! Herrlich.

Die Bibel spricht auch von einer Krone. Sie nennt sie: „Krone des Lebens“. Gott krönt und schmückt uns mit unserer Ehre. Und diese Krone nach einem vermeintlichen Unglück zu richten, also seine Ehre wiederherzustellen, das braucht Zeit, braucht Freunde und sollte dankbar gefeiert werden.

Ich sitze also mit meinen Freunden bei Pizza und Rotwein zusammen und erzähle ihnen von meinem Glück. Da fangen alle an zu erzählen. Von dem Glück, das sie gehabt hatten. Ein Freund hätte um ein Haar einen Unfall gehabt, er hat einen Radfahrer einfach nicht gesehen, beide konnten im letzten Moment vollbremsen, waren nur geschockt. Aber: Glück gehabt. Eine Freundin ist in der Dusche ausgerutscht, böse gestürzt und mit dem Kopf auf der Kachel aufgeschlagen. Blut überall. Dann im Krankenhaus: Glück gehabt, außer einer Platzwunde nichts passiert. So ging es reihum. Auf jedes Glück gehabt, haben wir angestoßen.

Ich finde, wir sollte das öfters feiern, dieses „Glück gehabt“. Geschichten vom „Hinfallen, wieder aufstehen und unser Krönchen richten“.

Wunderbarerweise finden die meisten Katastrophen nicht statt. Wunderbarerweise geht es mir und meinen Lieben gut. Und das ist doch eine wunderbare Gelegenheit, das Leben zu feiern!

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„Bist du glücklich?“ fragte mich eine Freundin. Und ich wusste im ersten Augenblick gar nicht, was sagen. Bin ich glücklich? Zufrieden schon: ich bin gesund, muss nicht hungern usw. Ich habe es mir ganz gut in meinem Leben eingerichtet. Also zufrieden ja, aber glücklich? Wann war ich das letzte Mal glücklich?

Wenn ich mit meinen Freundinnen ausgehe: wir quatschen, tauschen die neuesten Neuigkeiten aus, erzählen uns die letzten Peinlichkeiten, Sorgen und Ängste, lachen viel, essen und trinken.

Oder – wobei das eher eine Katastrophe war – als der Kindergarten unserer Gemeinde, für den ich als Pfarrerin zuständig bin, Hochwasser hatte: aus allen Ecken und Enden lief und tropfte das Wasser ins Gebäude. Ausgerechnet an einem Sonntagnachmittag. Zuerst kam die Freiwillige Feuerwehr, dann ganz viele Helferinnen und Helfer, die sich spontan zusammenfanden. Es wurden nasse Möbel ins Trockene gebracht, Eimer und Wannen aufgestellt, trockengewischt. Wir haben in der Katastrophe im Dorf zusammengestanden und geholfen – da war ich glücklich.

Ich glaube, ich bin immer dann glücklich, wenn ich mit netten Menschen zusammen bin, ob das Freunden, Familie, Nachbarn oder Kollegen sind. Und ich bin dann glücklich, wenn ich helfen kann, freiwillig, ohne Hintergedanken, einfach weil Not am Mann ist und ich gebraucht werde.

Die Frage müsste also nicht heißen: bist du glücklich? Die Frage muss heißen: wen hast du heute glücklich gemacht? Wem hast du geholfen? Mit wem hast du heute schon zusammen gelacht?

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Bist du schön? Also, bei mir ist es mal so, mal so. Wenn ich einen schlechten Tag habe, Ärger im Büro, Kritik einstecken muss, müde bin – und mich dann zufällig im Spiegel sehe, dann finde ich mich eindeutig nicht schön: dann sehe ich zu viele Falten, zu viele weiße Haare, zu viele Kilos auf den Hüften. Wenn ich aber gut drauf bin, die Sonne lacht, ich zieh meine Lieblingshose an und das neue Oberteil, ich was Schönes vorhabe, ausgehen will, Freunde treffen, dann, ja dann passiert es, dass ich mir im Spiegel zuzwinkere und finde: ich seh echt richtig gut aus, ohne Wenn und Aber.

Bist du schön? Wenn ich an meine Freundinnen und Freunde denke, fällt die Antwort eindeutig aus: ja, sie sind allesamt schön. Natürlich bin ich nicht blind, keine meiner Freundinnen könnte auch nur einen Blumentopf in Heidi Klums Magermodelshow gewinnen. Aber sie haben schöne Augen. Und sie schauen mich damit freundlich an, sie kennen mich seit Jahren – und schauen mich trotzdem immer noch fröhlich an. Meine Freunde haben schöne Ohren, die meinen Klagen und meinem Gejammer geduldigst zuhören. Vor allen Dingen aber haben sie einen richtig schönen Mund allesamt, damit kichern sie mit mir zusammen und lachen und prusten los.

Bist du schön? Ich glaube, man muss keine Supermaße haben, um schön zu sein. Ich bin dann schön, wenn mich jemand liebt, und freundlich auf mich schaut, wenn es hart auf hart kommt.

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Jeder Mensch ist eine Idee von Gott, steht in der Bibel. Aber wie soll man sich das vorstellen? Dazu eine Geschichte:

Eines Tages kommen die neugierigsten Engel zusammen, sie wollen endlich mal wissen, wie es in Gottes geheimsten Schöpfungszimmer ausschaut, also in dem Raum, in dem Gott die Ideen für neue Menschen findet. Es ist eine sehr schöne Halle, lichtdurchflutet, voller Musik und Farben.

Die Engel beobachten Gott eine Weile und sind sehr beeindruckt von dem, was sie sehen. Jeden einzelnen Menschen macht Gott auf einzigartige Weise besonders und wunderschön. Nicht ein Mensch sieht aus, wie der andere. Immer, wenn ein neuer Mensch fertig ist, freut sich Gott und küsst den Menschen. Dann aber verschwindet er eine Weile hinter einer Wand. Nach ein paar Minuten kommt er wieder und schafft einen neuen Menschen. Jetzt sind die Engel erst richtig neugierig! Was ist bloß hinter dieser Wand, hinter der Gott immer mal wieder verschwindet?

Nach einer Weile dreht sich Gott um: „Irgendwelche Fragen?“ Ein Engel ist besonders mutig: „Die Menschen sind alle so verschieden? Welche Sorte Mensch, magst du am allerliebsten? Welche Hautfarbe? Welchen Typ?“ Gott stutzt: „Was du siehst, ist doch recht oberflächlich, du musst tiefer gucken. Von außen betrachtet, sehen die Menschen alle unterschiedlich aus, aber innen sind sie alle gleich. Innen haben alle Menschen ein Herz und eine Seele!“ Gott will weitermachen und wendet sich wieder seiner Arbeit zu, aber der Engel fragt noch schnell: „Was ist hinter der Wand? Was machst du denn da immer, bevor du einen neuen Menschen erschaffst?“ Gott lächelt und sagt: „Hinter der Wand hängt ein Spiegel. Ich sehe in den Spiegel, bevor ich einen neuen Menschen schaffe.“

Geschichte von Christina Brudereck.

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