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SWR3 Gedanken

Sind Sie eher Sammler-Typ oder Wegschmeißer-Typ? Die Wegschmeißer freuen sich über jede Gelegenheit, etwas loszuwerden: Flohmärkte, Kleidersammlungen oder Ebay. Im Keller häuft sich nichts unkontrolliert an, im Kleiderschrank findet sich immer noch ein freier Bügel. Und falls Wegschmeißer mal umziehen möchten, kein Problem!  

Ganz anders die Sammler. Sie horten schöne Dinge aus der Natur: Herzsteine oder Wurzeln, die wie Männchen aussehen. Sie bringen es nicht übers Herz, sich von uralten Zeitschriften zu trennen, geschweige denn von Erinnerungsstücken: die erste Konzertkarte oder das Akkordeon vom Großvater. Das Größte ist es, wenn die Nachbarn kommen und nach einer Matratze fragen, weil sie unerwarteten Besuch bekommen. Klar, davon haben die Sammler einige rumstehen.  

Sammler und Wegschmeißer - ich glaube, man sollte die einen nicht gegen die anderen ausspielen, denn jeder hat sich insgeheim schon mal gewünscht, ein bisschen wie der andere zu sein: Zum Beispiel der Sammler, der auf dem völlig überfüllten Dachboden steht, sich hilflos umschaut und sich sehnt nach etwas Übersicht und Luftigkeit. Der sich fragt, wofür er das überhaupt tut, und wen das noch interessiert, wenn er tot ist.  

Oder der Wegschmeißer, der gerade wieder einen Schwung Bücher an einen Wohltätigkeitsflohmarkt losgeworden ist, und jetzt verzweifelt nach einem Zitat sucht. Gut, man könnte jetzt zum Flohmarkt gehen und das Buch zurückkaufen, aber das macht der Wegschmeißer grundsätzlich nicht. Und auch er fragt sich in nachdenklichen Momenten, was von ihm bleibt, wenn er stirbt, außer einer sehr aufgeräumten Wohnung…  

Jesus gibt dazu einen interessanten Hinweis. Er sagt: „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören. Sondern sammelt euch Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ Also: Sammeln Sie ruhig drauflos – aber bitte nur bleibende Werte!

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Heute konkurrieren zwei Feiertage miteinander: Christi Himmelfahrt und der Vatertag. Es dürfte nicht schwer fallen, eine Himmelfahrts-Prozession von einer Bollerwagen-Tour zu unterscheiden. Aber die beiden Feste haben mehr miteinander zu tun, als man auf den ersten Blick glauben könnte. 

Früher ging es nämlich an Christi Himmelfahrt auch hoch her. In vielen Kirchen hat der Mesner an einer Seilwinde eine Christusfigur ins Gewölbe hochgezogen. Das sollte veranschaulichen, wie Jesus in den Himmel emporgehoben wurde. Und danach hat es Blumen und Heiligenbildchen durch die Öffnung nach unten geregnet, als Zeichen der Freude. Eine weitere Tradition - aus heutiger Sicht klingt das sehr skurril: Üblicherweise wurde an Christi Himmelfahrt Geflügel gegessen - Fleisch, das fliegt. 

Man merkt schon: Die Sache mit Jesus, der in den Himmel fliegt, hat die Menschen beeindruckt. Heute wirken diese Bräuche eher bemüht, und sie sind ja auch verschwunden mit der Zeit. Eines aber ist geblieben an diesem Tag: Die Freude. In der Bibel heißt es: Nachdem Jesus zum Himmel empor gehoben wurde, kehrten die Jünger in großer Freude nach Jerusalem zurück. 

Auch dieser Satz wurde im Mittelalter gerne nachgespielt. An vielen Orten sind die Gläubigen über die Wiesen und Felder gelaufen, sie haben um eine gute Ernte gebetet und sich danach einfach gefreut – über die Natur, die aufblüht und darüber, dass Jesus auferstanden ist. Es wurde Musik gemacht, getanzt und getrunken. Und das ist heute dann doch noch so wie früher – nur eben nicht bei Himmelfahrtsprozessionen, sondern beim Vatertagsausflug.

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Einer der wohl peinlichsten Übersetzungsfehler im Fernsehen ist einem Simultandolmetscher von N24 passiert. Es war ein Interview mit George Lucas, dem Regisseur der Star Wars Filme. Er wurde gebeten, den wichtigsten Satz seiner Filme in die Kamera zu sprechen. Er tat dem Sender den Gefallen und sagte den berühmten Gruß der Jedi-Ritter: „May the force be with you!“ - „Möge die Macht mit dir sein!“. Der arme Simultan-Dolmetscher hatte noch nie davon gehört, und deshalb hat er übersetzt: „Am vierten Mai werde ich bei ihnen sein.“. Der Dolmetscher hatte nämlich verstanden: „May the fourth“, also „Am vierten Mai“, „be with you“, „werde ich bei ihnen sein.“ So schnell wird aus einem Jedi-Gruß ein Datum und aus einem Dolmetscher ein armer Tropf. 

 „Möge die Macht mit dir sein!“ das hat– so wie die ganze Star Wars Episode - etwas Religiöses. Man könnte es fast als Segen bezeichnen. Jedis sprechen sich das zu vor einer schwierigen Mission oder wenn sie sich verabschieden. „Macht“ bedeutet bei den Jedis, dass sie auf übermenschliche Fähigkeiten zugreifen können: hoch konzentriert oder blitzschnell sein. 

Bei den Menschen bedeutet „Macht“ zunächst einmal, dass man etwas bewirken oder beeinflussen kann. Ich glaube, dass jeder Mensch – egal in welcher Position - mächtig sein kann. Wir haben zum Beispiel die Macht zu vergeben, oder die Macht, „nein“ zu sagen. Oder die Macht, Verstand und Begabungen einsetzen zu können. Aber ich fühle mich manchmal auch ohnmächtig. Und dann kann ein Segen gut tun. Davon erhoffe ich, dass Gott mich schützt und mir beisteht. 

Heute ist übrigens der von George Lucas initiierte „Star-Wars-Tag“, eben weil der Jedi-Segen so ähnlich wie das heutige Datum klingt. Und deshalb wünsche ich ihnen heute ganz besonders, dass die Macht mit ihnen sei!

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Ich habe mich mit anderen Kindergarteneltern unterhalten. Wir sind dabei auf ein interessantes Phänomen gestoßen. Einige waren der Meinung, dass Kinder besonders schnell wachsen, nachdem sie im Urlaub waren oder nachdem sie krank waren. Sie haben also immer dann ein paar Zentimeter mehr zugelegt als normalerweise, wenn etwas ungewohnt oder auch schwierig war. 

Man mag zu dieser These stehen wie man will. Sie war auf jeden Fall Ausgangspunkt für eine Frage, die mir mein vierjähriger Sohn Fred gestellt hat. Er hatte das Elterngespräch mit einem halben Ohr mitgehört und mich dann gefragt: „Du Papa, ich war doch letzte Woche krank, bin ich jetzt auch gewachsen?“ Ich habe geantwortet: „Ja, das kann schon sein, dass du nach deiner Krankheit ein bisschen schneller gewachsen bist.“ Ich habe gemerkt, wie es danach bei ihm richtig gerattert hat. Und irgendwann hat er dann nachgelegt: „Und wenn man tot ist, ist man dann riesengroß?“ 

Ich habe eine Weile gebraucht, Freds Schlussfolgerung nachzuvollziehen. Aber klar, er hatte ja eben gelernt: krank sein heißt: ein bisschen schneller wachsen. Und tot sein heißt dann wohl: ganz schnell ganz viel wachsen, also riesengroß sein. 

Und während ich so darüber nachgedacht habe, ist mir eingefallen, dass ich ja genau daran glaube. Dass wenn wir sterben nicht alles aus ist und klein und bedeutungslos wird. Sondern dass es dann erst richtig losgeht mit dem Leben, mit dem ewigen Leben - auf eine andere Art, und wenn man so will auch gerne „größer“ als bisher. Und deshalb habe ich zu Fred gesagt: „Ja genau, wenn wir tot sind, dann sind wir riesengroß.“

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Silke, eine Freundin von mir, war in Nepal und kam begeistert zurück. Die hohen Berge und die freundlichen Menschen hatten es ihr einfach angetan. Die ersten Tage nachdem Silke wieder in Deutschland war, hat sie alle ihre Freunde mit dem landestypischen Gruß aus Nepal begrüßt und verabschiedet: Man stellt sich voreinander hin, faltet die Hände vor der Brust, verneigt sich leicht und sagt „Namasté“. Das heißt so viel wie „Ich grüße das Göttliche in dir.“ 

Dazu hat Silke jedem der es wollte oder nicht erklärt: „Die Nepalesen sind davon überzeugt, dass in jedem von uns etwas von Gott steckt – ist das nicht toll? Und weil sie es so oft sagen, deshalb ist es ihnen auch bewusst, sie haben das total verinnerlicht: in mir und dir und dir steckt etwas Göttliches.“ 

Beim ersten Mal war der Vortrag von Silke ja noch ganz interessant. Aber immer mehr Freunde haben schon mit den Augen gerollt, wenn sie statt einfach „Hallo“ zu sagen ihr „Namasté“ gehaucht hat 

Matthias hat dem Spuk dann ein Ende bereitet – ganz einfach, aber wirkungsvoll. Er hat Silke besucht. Und Silke hat ihn ordnungsgemäß mit Lächeln und gefalteten Händen und einer angedeuteten Verneigung begrüßt: „Namasté – ich grüße das Göttliche in dir!“ Da hat Matthias gesagt: „Ich weiß: in mir und in dir und in allen - da steckt ein bisschen Gott drin. Aber ich bleib einfach in meiner Heimatsprache, da gibt´s das nämlich auch. Und damit hat er ihr kräftig die Hand geschüttelt und gesagt: „Grüß Gott!“

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Maria, die Mutter von Jesus, wird im Mai besonders verehrt. Marienbilder zeigen meistens eine Himmelskönigin, obwohl eigentlich eine echte Rebellin in ihr steckt. Marias Leben hat wenig mit Gold und Seide zu tun. Sie ist ein jüdisches Mädchen aus einem Bergdorf in Palästina. Wahrscheinlich schwielige Hände vom Wasserholen und Brotbacken. Vielleicht muss sie ihrem Geliebten in der Schreinerei helfen. Auf jeden Fall aber wird über sie getuschelt, denn sie ist noch nicht verheiratet und trotzdem schwanger. 

Und dann besucht Maria ihre Verwandte Elisabeth und singt ihr aus heiterem Himmel einen echten Revoluzzer-Song vor, und der geht so: „Der Herr stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ 

Diesen Text muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Gott entthront die Großkopfigen und baut die Kleinen auf, er beschenkt die Armen und die Reichen bekommen nichts. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat dazu gesagt: „Es ist nicht die sanfte, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, begeisterte Maria, die hier spricht.“ 

Ich finde, dieses Lied passt gut zum heutigen „Tag der Arbeit“. Heute demonstrieren viele für bessere Arbeitsbedingungen. Das wäre bestimmt auch Maria wichtig gewesen. Und das passt besser zu ihr als all die Bilder einer Himmelskönigin oder einer Frau, die klein beigibt und sich still im Hintergrund hält. Nein! Maria, das ist für mich die Arbeiterin, auch die unangepasste Mutter, und auf jeden Fall die Rebellin.

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