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SWR3 Gedanken

Einmal hab ich eine richtige Nikolausgeschichte entdeckt. Sie ist echt passiert. Es war zwar nicht im Dezember, aber es geht darum, wie jemand was verschenkt – so wie der Heilige Nikolaus.

Bettina ist unterwegs im ICE nach Berlin. Von ihrem Sitzplatz aus beobachtet sie wie zwei Schaffner einen Mann beim Schwarzfahren erwischen. Es ist ein junger Afrikaner, der anscheinend kein Geld hat und auch kein Wort Deutsch versteht. Als die Schaffner sagen, dass die Polizei ihn am nächsten Bahnhof abholt, schaltet sich eine Frau ein, die das Ganze auch beobachtet hat – so wie Bettina. „Ich bezahle für den jungen Herrn.“ sagt die Frau spontan. 130 Euro kostet die Fahrkarte und es ist völlig klar, dass sich die Frau und der Schwarzfahrer vorher noch nicht gekannt haben.

Jetzt könnte die Nikolausgeschichte schon fertig sein, ist sie aber nicht. Es kommt noch zu mehr Geschenken. Bettina kann einfach nicht anders: Als sich die Helferin wieder hinsetzt, bedankt sie sich bei ihr und drückt ihr den Rest Bargeld aus ihrem Geldbeutel in die Hand. Sie will sich einfach beteiligen. Die Helferin ist überrascht und zu Tränen gerührt. Denn Bettina bleibt mit ihrer Aktion nicht allein: viele andere Reisende machen es ihr nach.

Und so war Nikolausbescherung mitten im Jahr – in einem ICE in Richtung Berlin.

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Eigentlich können mein Mann und ich ganz gut miteinander reden. Ich finde, wir kriegen das hin, dass wir das in Worte fassen, was grad los ist. Nur bei einer Sache hakt es bei mir: Beim Entschuldigen. Da komme ich oft nicht von meinem Standpunkt runter und bilde mir ein, dass eben nur meine Meinung stimmt. Ich kann dann schon irgendwie „Entschuldigung“ nuscheln, aber aufrichtig um Verzeihung bitten...

In einem Interview habe ich dazu etwas gelesen. Da hat die Ehefrau von einem Paartherapeuten gesprochen, wie es bei ihnen privat mit der Partnerschaft so klappt. Man könnte ja denken, dass solche Profis das besonders gut hinkriegen.

Die Frau hat zugegeben, dass sie in ihrer Partnerschaft kaum etwas davon umsetzen, was ihr Mann anderen rät: diese ganzen Experten-Tipps, um gut zusammen zu leben. Aber eine Sache ist bei den beiden praxiserprobt. Da geht es auch ums Entschuldigen.

Die Frau hat folgendes erzählt: „Wir hatten uns mal sehr in der Wolle und ich dachte: Verdammt noch mal, mit einem Paartherapeuten zusammen und dann so ein Zoff! Da hab ich zwei Porzellanschafe gekauft, ein großes und ein kleines. Ich habe an seine Tür geklopft und er stand ganz sauer da. Ich hab gesagt: Ich glaube, ich war das größere Schaf. Mein Mann musste lachen.“

Sie hat dann weitererzählt, dass das große Schaf zwischen ihnen hin und her wandert. Immer wenn einer das Gefühl hat, er war zu zornig, dann bringt er es dem anderen. Und das heißt dann so viel wie „Ja, ich war blöd, aber du warst auch ein bisschen blöd. So ist das halt. Komm, wir fangen neu an.“


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„Nichts wie raus an die Luft!“ – Das sag ich mir jeden Tag und zieh das auch durch. Das mache ich vor allem wegen unserer kleinen Tochter. Sie ist anderthalb. Und wir gehen raus - auch wenn es jetzt draußen kalt und oft ungemütlich ist.

Wo sie es immer super findet ist: auf dem Friedhof.

Klingt vielleicht komisch, aber Gloria gefällt es dort –und mir auch. Ich lese gern die alten Namen auf den Grabsteinen: Hermine zum Beispiel, Wilhelm oder Margarethe. Manche sind richtig schön.

Der kleinen Gloria gefällt auf dem Friedhof auch vieles: die Engel mit den großen Flügeln oder die kleinen Tannenbäumchen, die jetzt überall stehen.

Andere Kinder treffen wir auf dem Friedhof eigentlich nie. Klar, ein Friedhof ist ja kein Spielplatz.

Aber schade ist das trotzdem. Ich finde, man sollte Kinder ruhig auf den Friedhof mitnehmen.

Die Kleinen haben ihre eigene Art alles zu beobachten und zu erleben.

Ein einziges Mal habe ich auf unserem Friedhof andere Kinder gesehen. Zwei Jungs – so im Kindergartenalter. Die waren mit ihrer Mutter und der Oma dort. Die beiden Frauen haben ein Grab neu bepflanzt und die beiden Jungs haben ihnen derweil Löcher in den Bauch gefragt. Ich hab nicht alles mitbekommen, aber zwei Fragen hab ich gehört: „Mama, was ist eine Urne?“ und „Warum haben wir den Opa nicht in so eine Urne gemacht?“

Ganz schön anstrengend, solche Kinderfragen. Und trotzdem gut, wenn Kinder sie stellen dürfen.

Es gibt also viele gute Gründe mal mit Kindern auf den Friedhof zu gehen.

 

 

 


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Beim Thema Prostitution krieg ich immer Bauchweh. Und der Grund dafür liegt direkt vor meiner Haustür gestoßen. Ich wohne in der Nähe der französischen Grenze, wo Frauen ihren Körper mittlerweile zu Billig-Preisen anbieten - das ist für mich moderne Sklaverei.

Bei uns im Dorf, gleich neben der Bäckerei, steht eine runtergekommene Gastwirtschaft. So eine mit eingeschlagenen Fensterscheiben. Gerüchte gibt es deswegen schon lange: junge Prostituierte sollen da wohnen und Drogen spielen wohl auch eine Rolle. Lange war mir das ziemlich egal, die Leute reden ja immer irgendwas...

Bis mich dort beim Einkaufen zwei junge Frauen angesprochen haben. Naja, angesprochen... Auf Bulgarisch oder Rumänisch haben sie mir klar gemacht, dass ihr Zehn-Euro-Schein im Zigarettenautomat steckt. Mit Händen und Füßen haben wir uns verständigt und das Geld am Ende auch wieder rausgekriegt.

Trotzdem war ich geschockt: in meinem Dorf wohnen junge Frauen, die kein einziges Wort Deutsch oder Englisch können. Die kennt niemand und mit denen spricht auch niemand. Wenn die beiden wirklich als Prostituierte arbeiten, dann muss es da diese Hintermänner geben, die ordentlich mitverdienen. Und anscheinend gibt es auch genügend Männer, die Sex mit genau solchen Frauen haben wollen.

Die Gerüchte in unserm Dorf können mir nicht länger egal sein, denn ich habe die Frauen ja getroffen.

Die Verkäuferin in der Bäckerei nebenan hat dazu gemeint: „Ruth, das ist nicht unsere Welt!“. Erst wusste gar nicht, was ich antworten soll. Mittlerweile weiß ich es: „Doch, das ist unsere Welt. Und wegschauen bringt gar nichts.“

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Mit Frau Keller und mir ist das so eine Geschichte. Eine Adventsgeschichte könnte man sagen. Und die möchte ich erzählen.

Frau Keller und ich kennen uns von meiner Frauenärztin. Sie ist da Arzthelferin und weil ich gerade schwanger bin, treff´ ich sie da regelmäßig. Als Schwangere geht man ja alle paar Wochen zu irgendwelchen Untersuchungen. Deswegen hab ich auch das Gefühl, dass wir schon richtig vertraut sind, obwohl wir uns nie lange unterhalten. Es ist eigentlich jedes Mal das Gleiche: Frau Keller misst meinen Blutdruck, schaut kurz in meine Unterlagen und dann schickt sie mich nochmal ins Wartezimmer. Aber sie macht das so nett, dass mir das jedes Mal gute Laune macht und ich glaube, das weiß sie auch.

Jedenfalls hat sie vor zwei Wochen mal was gesagt, das hat meinem Ego total gut getan. Kurz vorm Gehen wollte ich mir wie immer einen neuen Termin geben lassen. Am Terminkalender war gerade eine Kollegin von ihr und als es um den Wochentag ging, hat Frau Keller mir zugerufen. „Nehmen Sie den Montag, da bin ich auch da.“ Und zur Kollegin hat sie gemeint: „Weißt du, ich seh´ sie so gern.“

Ich hab den Montag genommen und überhaupt geh ich seitdem eigentlich immer montags zur Frauenärztin. Da seh´ ich dann Frau Keller, sie sieht mich und wir beide genießen das kurz.

Und warum ich das hier jetzt als Adventsgeschichte erzähle?

Weil ich mir für den Advent was vorgenommen hab: Ich will nicht nur an meinem Adventskalender jeden Tag ein Türchen aufmachen. Ich will auch bei den Leuten, die ich treffe, was entdecken: eben das Positive, auch wenn es vielleicht gar nichts besonders Großes ist. Aber ich meine, es wird irgendwie noch schöner, wenn ich eine Zeit lang darauf achte.

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„Der Graf“ von Unheilig hört auf. Der Sänger hat Riesenerfolg, aber trotzdem soll sein aktuelles Album das Letzte sein. Ganz bewusst will er seine Karriere beenden. In einem Interview hat er gesagt, warum er das macht: 

Der Graf sagt, dass jetzt mal seine Familie dran ist. Er hat sich gut überlegt, welche Menschen ihm wichtig sind und die sollen jetzt nicht mehr hinten anstehen. Das war lange genug so. 

Außerdem will der Sänger will den Zeitpunkt zum Aufhören rechtzeitig finden. Und er freut sich darüber, dass er diesen Moment für sich gefunden hat. Wenn´s am Schönsten ist, soll man gehen, heißt es ja. Und wenn man das schafft, dann überwiegen auch die schönen Erinnerungen und nicht die von einem verkorksten Ende. 

Und „der Graf“ hört mit dem Singen auf, weil er jetzt geheilt ist. Er hat sich quasi selber austherapiert – so hat er das erklärt. Er hat jahrelang gestottert und die Musik hat ihm geholfen, damit umzugehen. Er fühlt sich jetzt endlich wertvoll. Er hat sich bewiesen, dass er das schaffen kann: vor Tausenden auf der Bühne zu stehen. Damit ist jetzt gut. 

Ich finde das stark, wie er erklärt, warum er aufhört. Und ich kann das auch auf mich beziehen. Manchmal muss ich was beenden, damit ich wieder Zeit habe für die, die mir wirklich wichtig sind. Und es ist auch gut, wenn ich mir ab und zu mal überlege, warum ich das alles mache, was mich so den ganzen Tag in Beschlag nimmt. Und wenn ich merke, dass ich eine Sache längst ausgekostet hab, dann darf´s auch mal gut sein damit. Dann ist vielleicht auch wieder Platz für was Neues.

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Zwei Freundinnen von mir sind so richtige Perfektionistinnen. Ich mag sie gern. Und weil sie versuchen immer alles perfekt zu machen, sind sie auf ihre Weise auch richtig gut. Aber trotzdem mache ich mir Sorgen.

Meine Freundin Conny ist die typische Allround-Perfektionistin. Sie trägt immer den perfekten Style, sie managt ihre Zeit super und sie ist bei der Arbeit toll.

Meine Freundin Nathalie ist eine „soziale Perfektionistin“. Für andere macht sie alles möglich, egal ob es um selbstgebastelte Geschenke zu Weihnachten geht oder um das tolle Menü, wenn Gäste kommen. Ich habe das Gefühl, dass sie da manchmal ganz schön über die eigenen Kräfte geht.

Wenn man immer nur und überall perfekt sein will, dann, glaube ich, wird das auf Dauer zu anstrengend, oder sogar gefährlich. Weil Ruhepausen fehlen oder weil man vor lauter Rumrödeln keinen Schlusspunkt findet.

Ich kenne eine jüdische Geschichte, da geht es genau darum, dass mal Schluss sein muss mit dem Immer-Perfekt-Sein-Wollen. Ich glaube, die werde ich meinen Freundinnen mal schicken. Die Geschichte geht so:

Ein Mann ging durch seinen Weinberg. Da fand er eine kaputte Stelle in dem Zaun, der um seine Reben gezogen war. Gleich hat er angefangen daran rumzudoktern und den Zaun wieder ganz zu machen. Dann fiel ihm aber plötzlich was ein: Es ist ja heute Sabbat! Am Sabbat sollte man laut jüdischem Gesetz so etwas wie das Loch im Zaun gar nicht reparieren. Also beschloss er: Ich lasse das, und zwar für immer. Dieses Loch im Zaun werde ich NIE ausbessern.

Vielleicht war dieser Mann auch Perfektionist. Und das Loch im Zaun ist sein selbstgemachter Denkzettel. Auf dem steht: Perfektionismus okay, aber irgendwo muss auch mal Schluss sein. Ein guter Tag um damit anzufangen, wäre doch der Sonntag.

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