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SWR3 Gedanken

Der Esstisch ist ein besonderer Ort.

Diesen Ort nutzt Kobi Tzafrir. Er hat in einem kleinen Ort in Israel ein Restaurant, die „Hummus Bar“. Seit ein paar Wochen macht er hier ein besonderes Angebot: wenn sich Israelis und Palästinenser zusammen an einen Tisch setzen und gemeinsam essen, bekommen sie ihr Essen zur Hälfte geschenkt.

Gleich am ersten Tag dieser Aktion haben wildfremde Menschen Tische zusammen geschoben und das Angebot ausgenutzt. Es bleibt natürlich nicht nur beim Essen. Sie haben sich erzählt, wer sie sind, wie sie leben und wie sie die politische Situation gerade empfinden. Das alles bei der Spezialität des Hauses: dem Kichererbsenmus, das hier Hummus heißt.

Alle, die in die Bar kommen, sind begeistert von der Sache. Viele setzen sich seitdem bewusst zusammen an den Tisch und verzichten sogar auf den Rabatt. Kofi Tzafrir sagt: „Bei uns gibt es nicht diese oder jene. Wir sind alle Menschen.“

In seinem Restaurant wird übrigens so gekocht, dass es zu den jüdischen und den muslimischen Speisevorschriften passt. Das macht das Essen zusammen für Leute aus verschiedenen Religionen noch einfacher. 

Für mich ist das Frieden stiften pur. Ich bin begeistert von Tzafrir und seiner Idee. Gerade im Moment, wo die Situation in Israel wieder eskaliert, lässt mich diese Aktion hoffen. Hoffen darauf, dass möglichst viele erkennen, dass die anderen eben auch Menschen sind.

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Ostern 2008. Nach einem Autounfall sind Heli und Valentina tot und der kleine Thimo liegt im Sterben.

Die Ehefrau und Mutter Barbara hat sich entschieden, jetzt alles anzunehmen, was kommt.

Sie hat sich auch entschieden, die Maschinen abstellen zu lassen, an denen Thimos Leben noch hängt. Und dann hat sie ihn beim Sterben begleitet. 

Ich habe Barbara Pachl-Eberhart getroffen und bin tief beeindruckt von dem, was sie erlebt hat, und wie sie darüber spricht. Es mag erstaunlich sein, aber sie ist dankbar. Sogar für den Moment, in dem Thimo gestorben ist.

Ich will wissen, woher sie die Kraft genommen hat. Und schon wieder muss ich staunen, denn ihre Kraft nimmt sie auch von Clowns.

Sie erzählt, dass sie neun Jahre lang als Clown gearbeitet hat. In der gleichen Klinik, in der ihr Sohn auf der Intensivstation gelegen hat. In dieser Zeit hat sie unglaublich viel über das Sterben und den Tod gelernt - von den totkranken Kindern. Sie sind meistens leicht gegangen, mit ganz viel Vertrauen und voller schöner Erwartungen. 

Barbara Pachl-Eberhart hat alle Clownkollegen eingeladen dabei zu sein, wenn Thimo geht. Elf Clowns in ihren bunten Kostümen sind da. Sie singen, dichten, lachen und weinen. `O when the saints go marchin in´ singen sie für Thimo.

Clown-sein ist für Pachl-Eberhart deshalb besonders und auch so sinnvoll, weil Clowns es erlauben, alle Gefühle zu haben. Sie lachen viel rund um Thimo und gleichzeitig spritzen die Tränen nur so.

Zusammen mit ihren Kollegen dichtet sie für ihren Sohn ein Mutlied und alle singen mit ihr. 

Und weil Ostersonntag ist, verteilen die Clowns natürlich Ostereier und zerklopfen sie an den Köpfen. Wie sie alle so dastehen und weinen und lachen und Eier am Kopf aufklopfen, da hat Barbara Pachl-Eberhart das Gefühl, dass ganz wörtlich etwas bei ihr anklopft. Sie sagt: „In diesem Moment war ich plötzlich ganz dankbar und habe sogar gelacht, dass das Leben so hartnäckig an meinen Kopf klopft.“

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Da hätten sie im Traum nicht dran gedacht. 30 syrische Musikerinnen und Musiker gemeinsam auf einer Bühne in Deutschland.

Die Frauen und Männer bilden das Syrische Exilorchester. Sie alle mussten von zu Hause weg weil Krieg herrscht. Weil sie privat und beruflich keine Zukunft in Syrien gesehen haben. Und jetzt bringt sie das, was sie verbindet in Deutschland wieder zusammen: Die Musik.

Gegründet hat das Exilorchester der Musiker Raed Jazbeh. Er spielt Kontrabass. Er will zeigen, dass Syrien viel mehr ist als ein Land, aus dem man fliehen muss. Es ist nicht nur ein Land voller Krieg und Terror, sondern auch ein Land der Kultur und der Musik.

Also hat Raed Jazbeh viele syrische Musiker angeschrieben und für das Orchester gewinnen können. Sie leben in verschiedenen Ländern Europas und kommen extra für die Konzerte und die Proben kurz vorher zusammen.

Ich finde das großartig. Die Musikerinnen und Musiker können das tun, wofür ihr Herz brennt, auch wenn sie in einem fremden Land leben. Sie können Musik machen. Und sind dadurch tief verbunden mit ihrer Heimat. Viele ihrer Stücke klingen orientalisch.

Das Syrische Exilorchester verbindet Menschen. Nicht nur die Musiker untereinander. Sondern auch die Menschen, die zuhören. Durch die Musik lernen sie die syrische Kultur und Mentalität und ihre neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger kennen.

 

Ich finde dieses Orchester und die Verbindungen, die es schafft richtig gut. Es zeigt doch, wie sehr wir hier in Deutschland und Europa bereichert werden können, wenn Menschen bei uns Zuflucht suchen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20880

Eine ganz alte Geschichte, und doch sehr aktuell:

Ein ganzes Volk ist auf dem Weg. Scheinbar ewig zieht das Volk Israel durch die Wüste. Weg von einem schrecklichen Leben in Ägypten. Jahre oder sogar Jahrzehnte sind sie unterwegs. Gott hat ihnen versprochen, dass er sie in ein Land führt, in dem sie gut leben können.

Die Menschen sind fix und fertig. Immer wieder alles zusammenpacken, weiterziehen. Menschen sterben, Kindern werden geboren.

Kurz vor dem Ziel schicken sie Späher voraus, die sich das neue Land anschauen sollen. 

Sie kommen zurück und berichten von einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Sie haben sogar Früchte mitgebracht um zu zeigen, wie gut dort alles wächst und wie reich das Land ist. ABER: es ist schon ein anderes Volk da. Und die Menschen erscheinen ihnen riesengroß und übermächtig. Was für ein Schock! Gott schickt sie los, sie vertrauen ihm und dann bekommen sie nicht mal ein eigenes, sicheres Land? Die Leute sind sauer und fragen sich, wofür sie losgezogen sind.

So müssen sich Flüchtlinge fühlen, die vor den Toren Europas stehen: sie haben sich so viel von einem Leben hier versprochen. Sie mussten weg von Krieg und Angst und haben es jetzt an vielen Orten mit Bürokratie und Fremdenhass zu tun. 

Die Erzählung aus der Bibel ist nicht eins zu eins auf diese Situation übertragbar.

Aber ich glaube, dass die Menschen damals wie heute das gleiche fühlen, hoffen und befürchten.

Es ist zwar klar, dass sie in einem anderen Land auf Menschen treffen werden. Sie haben aber keine Ahnung, auf wen. Sind sie freundlich? Nehmen sie die Neuen gut auf? Werden sie von den Früchten des Landes auch was abgeben? Und sorgen sie dafür, dass sich die Neuankömmlinge irgendwann zu Hause fühlen?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20879

„Demokraten müssen um jede erreichbare Seele kämpfen.“ Das hat ein Politiker gesagt.

Ich hab mich im ersten Moment über diesen Satz gewundert. Eigentlich erwarte ich so etwas wie „um Seelen kämpfen“ von kirchens. Vielleicht eher aus früheren Zeiten. Meine Oma, die hätte zum Beispiel sagen können: „Christen müssen um jede erreichbare Seele kämpfen.“ So überzeugt war sie von ihrem Glauben.

Ich bin froh, dass sich die Denke inzwischen verändert hat und jeder selbst entscheiden kann, ob bzw. was er oder sie glauben möchte. Wenn ich selbst auch davon überzeugt bin, dass mein Glaube mein Leben bereichert und mich oft genug trägt.  

Jetzt müssen also Demokraten um die Seelen kämpfen.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stimmt der Satz für mich. Wenn ich mir anschaue, was Menschen sich gegenseitig antun. Wenn ich sehe, dass Leute in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte anzünden und Hilfesuchende bedrohen. Dann müssen alle, die hinter der Demokratie stehen, wirklich dafür kämpfen.

Die Frage ist nur: Wie komme ich an die ran, die es nicht ertragen können, dass Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen? Die sich nicht schämen, öffentlich rechte Parolen rauszuhauen? Erst letzte Woche hat ein Schüler zu meinem Mann gesagt: „Mich würd ja bloß mal interessieren, was die bei uns wollen.“

Ich bin wirklich immer wieder ratlos.

Eines weiß ich aber sicher: Ich möchte in einem demokratischen Staat leben, in dem Platz für alle Religionen, Hautfarben und Kulturen ist. In dem alle mitbestimmen können. Und ich bin nicht bereit, mir das kaputtmachen zu lassen.

Das ist für mich das christliche Menschenbild: jeder ist gleich viel wert und jeder ist besonders. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20878

Das was am Freitagabend in Paris passiert ist, erschüttert mich.

Ganz entsetzlich ist für mich das Bekennervideo, in dem die Attentäter von einem `gesegneten Angriff´ sprechen. Das schlägt dem Fass den Boden aus.

Segen ist für mich durch und durch gut. Es ist ein Zeichen dafür, dass Gott da ist, dass er in meiner Nähe ist und mit mir durchs Leben geht. Durch mein Leben in Freiheit. Und genau dieses gesegnete Leben in Freiheit haben die Attentäter in Paris angegriffen. Sie haben meiner Meinung nach den Segen Gottes missbraucht um allen, die anders denken zu zeigen, dass das falsch ist. Dass sie Recht haben und sich notfalls durch so grausame Aktionen Recht verschaffen.

„Du sollst ein Segen sein“, das steht im Alten Testament. Und es ist für mich eine unglaubliche Zusage an mich und mein eigenes, freies Leben, das ich selbst verantworte.

Das glauben zu können, wünsche ich allen, die Menschen Gewalt antun. Von ganzem Herzen.

 

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20914

Es ist unfassbar, was vorgestern Nacht in Paris passiert ist. Und es fällt mir schwer jetzt hier was Passendes zu sagen. Das gibt es sowieso nicht: was Passendes.

 Ich denke viel an die Verwandten und Freunde der Menschen, die bei den Terroranschlägen ermordet wurden. Sie haben sicher nicht damit gerechnet, dass sie ihre Lieben nicht mehr wiedersehen. Vor allem nicht, weil die ja alle unterwegs waren, um sich einen schönen Freitagabend zu machen. Sie waren gemütlich was trinken, bei einem Konzert, in der Stadt unterwegs. Sie haben es sich einfach gut gehen lassen. Da rechnet doch keiner damit, dass sie nicht mehr zurückkommen. Und schon gar nicht damit, dass sie so brutal erschossen werden.

Was geht jetzt in den Köpfen der Angehörigen vor? Wie leben sie weiter? Geht das überhaupt?

Vor einer Woche habe ich Barbara Pachl-Eberhart getroffen. Sie hat vor sieben Jahren ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder bei einem Autounfall verloren. Die Situation ist natürlich nicht eins zu eins vergleichbar, aber sie musste auch damit klar kommen, dass ihre ganze Familie von jetzt auf gleich nicht mehr da ist.
Sie erzählt, dass sie oft nicht mehr gewusst hat, was sie tun soll. Dass sie sich so sehr danach gesehnt hat, zu ihrem Mann und den Kindern zu gehen. Und dass sie tage- und wochenlang nicht mehr aus dem Bett aufgestanden ist. Sie wollte nichts sehen und hören, nur schlafen und von ihrer Familie träumen. Das hat ihr geholfen.

Und irgendwann hat sich dann ihr Körper gemeldet. Sie sagt: „Mein Körper hatte schlicht Hunger und wollte sich mal wieder bewegen. Das waren die ersten Schritte ins Leben. Obwohl ich mir das nie vorstellen konnte.“

Das wünsche ich jetzt den Familien, Freunden und allen, die mit den Opfern verbunden sind. Ich wünsche es ganz Paris, Frankreich, Europa und der Welt. Dass nach diesen furchtbaren Anschlägen irgendwann erste Schritte ins Leben möglich sind. Auch wenn das jetzt unvorstellbar ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20913