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SWR3 Gedanken

Heute schweigen die Glocken. Und in den Kirchen: Keine Blumen. Keine Kerzen. Kein Halleluja. Das Kreuz auf dem Altar ist abgedeckt mit einem schwarzen Tuch. Heute ist Karsamstag.
Wie war das damals? Für die, die Jesus begleitet haben? Ihn verehrten. Sie haben Heilung erfahren. Haben das Leben gespürt, wie sie das nie für möglich gehalten hätten.
Und jetzt ist er tot. Hingerichtet wie ein Verbrecher. Alle Hoffnung, alle Lebensperspektive, mit einem Ruck hinweggezogen. Ein Sturz ins Bodenlose.
Wenn ich darüber nachdenke, merke ich, wie in mir ein Film abläuft. Ich denke an Menschen, die mir wichtig waren. Die mich geprägt haben. Und die auch der Tod weggerissen hat.
Liegt darin die Chance dieses Tages? Mir all das noch einmal bewusst zu machen?  Meine Trauer und die der Jünger von damals?
Ich glaube, das macht einen Sinn. Der Karsamstag hat einen Sinn. Ich bin überzeugt: Wir können das Leben umso intensiver feiern, je bewusster wir uns mit Sterben und Tod auseinandersetzen.
Das ist wie Schokolade essen, nachdem ich ein paar Wochen darauf verzichtet habe. Ich kann sie dann ganz besonders genießen, wenn ich weiß: Der Geschmack hat mir gefehlt.
Vielleicht ist es daher ganz gut, dass nach alter Tradition an diesem Tag die Glocken schweigen. Heute nacht und Morgen früh klingen sie dann um so fröhlicher und feierlicher: Jesus Christus ist auferstanden, heißt es dann. Er lebt. Und so wie er werden auch wir leben.

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Warum? sagt der Mann immer wieder. Warum. Er streichelt seiner Frau sanft über das Haar. Streicht ihr über die Augen. Eben hat sie ausgeatmet. Das letzte Mal.
Ich spüre, wie der Kloß in meinem Hals immer dicker wird. Ich lege meine Hand auf die Schulter des Mannes. Und so stehen wir da. Schweigen. Weinen. Immer wieder unterbrochen von diesem: Warum?
Die Zeit steht still.
Später, viel später dreht sich der Mann um, wischt sich mit der Hand übers Gesicht, schaut mich an und sagt: Danke, dass Sie das mit mir ausgehalten haben. Dass Sie bei uns geblieben sind. Bei meiner Frau und bei mir.
In diesem Moment habe ich ganz neu verstanden, was „Karfreitag“ bedeutet.
Als Jesus am Kreuz hängt und stirbt, da stellt er genau dieselbe Frage: Warum? Mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Er fragt wie wir. Fühlt wie wir. In dieser dunklen Sterbestunde, da kann nicht einmal er Gott-Vater an seiner Seite erkennen. So stirbt Jesus: wie ein Mensch.
Nicht einmal solche Erfahrungen hat sich Jesus erspart. Jesus weiß, wie schwer unser Leben sein kann. Und wie wichtig es ist, in schweren Stunden nicht allein zu sein. So stark ist seine Liebe zu uns.
Ich höre seine Worte an uns:
Ich lasse euch Menschen nicht alleine. Niemals. Ich fühle mit euch. Und ich bleibe an eurer Seite. Auch im Tod.
Beim Trauergottesdienst damals habe ich versucht, genau davon zu predigen. Von der Solidarität, von dem Mitgefühl, das Jesus hat, für jeden Menschen. Und von dem neuen Leben bei Gott, das er für jeden von uns bereithält.
Nach der Beerdigung kam der Witwer noch einmal zu mir: Als Sie bei uns waren im Krankenhaus, da habe ich gespürt – wir sind nicht alleine. Sagte er.

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„Bin ich es etwa? Werde ich dich verraten?“ – Erschrocken reagieren sie auf die Ankündigung. Die Freunde kriegen es mit der Angst zu tun.
Jesus entlarvt den Verräter. Judas ist es. Beim gemeinsamen Abendessen macht Jesus deutlich: Ich weiß, was Du vorhast. Du wirst mich an die Feinde ausliefern. Und ich werde dich nicht daran hindern. Ich nehme das hin.
Trotzdem – Jesus schickt ihn nicht weg. Das Tischtuch ist nicht zerschnitten.
Jesus feiert das letzte Abendmahl – auch mit ihm. Mit Judas, dem Verräter. Keiner bleibt außen vor.
Essen und Trinken als Zeichen des Miteinanders – das ist auch heute noch so. Bei uns gibt es kein Familienfest ohne Kuchen. Oder keine Ausstellungseröffnung in der Basilika ohne Sekt und Häppchen.
Wenn wir zusammen essen und trinken, dann teilen wir für einen Moment das Leben miteinander. Und das tut gut.
Auch im Gottesdienst werden Brot und Wein zu Zeichen der Gemeinschaft. Eine besondere Gemeinschaft: Jesus lädt ein an seinen Tisch. Uns heute genauso wie die Menschen damals. Niemand muss außen vor bleiben.
Jesus teilt sich mit in Brot und Wein. Verschenkt seine Gemeinschaft  – und führt so Menschen zusammen, die sich sonst wohl nie kennen lernen würden.
Wenn ich teilnehme an einer Abendmahlsfeier – dann spüre ich: Was für Judas galt, das gilt auch für mich heute. Ich bin eingeladen. Von Jesus selbst.
Ein kleines Stück Brot. Ein kleiner Schluck Traubensaft oder Wein. Als Zeichen der Hoffnung: Was auch immer geschehen mag in deinem Leben. Du bist bei Gott willkommen. Er ist für dich da.
Sich den Glauben schmecken zu lassen, das tut mir gut.

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Frisches Wasser. Nach einer langen Wanderung. Jemand hält mir eine Flasche hin und ich trinke, genieße, wie mir das kühle Nass die Kehle hinunterläuft und mich erfrischt. Jetzt noch schnell unter die Dusche hüpfen – frische Klamotten anziehen. Und dann fühle ich mich wie neugeboren.
Frisches Wasser tut gut. Das war auch damals so. Vor knapp 2000 Jahren. Als Jesus mit seinen Freunden unterwegs war. - Zugegeben: Duschen gab es damals noch nicht.
Aber eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch – das stand immer bereit. Um sich das Gesicht und die Hände zu waschen. Und vor allen Dingen: Um sich die Füße waschen zu können.
Wenn man den ganzen Tag nur mit Jesuslatschen über Straßen ohne Kanalisation läuft – dann ist das bitter nötig.
Damals gab es für diese Arbeit einen Sklaven. Der kniete sich hin und wusch den Eintretenden die stinkenden Füße.
Die Bibel erzählt: An einem Abend bindet sich Jesus die Schürze um, nimmt die Wasserschüssel, kniet sich hin – und wäscht seinen Jüngern die Füße.
Die sind völlig überrumpelt, können nicht einmal protestieren. Wahrscheinlich ist ihnen das Ganze megapeinlich: Sich von Jesus die dreckigen Füße waschen zu lassen- Sklavenarbeit – das geht gar nicht.
„Versteht ihr, was ich da getan habe?“ Fragt Jesus hinterher seine Freunde. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“
Ich mag, wie Jesus hier aus der Rolle fällt. Seinen Jüngern die Füße wäscht. Einen Sklavendienst übernimmt, um deutlich zu machen; Jeder Mensch ist gleich wichtig.
Manchmal geschieht so etwas ähnliches auch heute: Wenn ein Arzt für seine Helferin das Telefon annimmt. Oder wenn der Pilot für den Fluggast das Bordcase verstaut.
Es ist gut, wenn Hierarchien durchbrochen werden, um klar zu kriegen:  Niemand ist besser. Jeder Mensch ist gleich viel wert.

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Not lehrt beten, so sagt man doch.
Wer hat noch nicht bei einer Klausur oder Prüfung schnell ein Stoßgebet gen Himmel geschickt? Nach dem Motto: Bitte, bitte, lieber Gott, schenk mir Ruhe und Kraft für die anstehenden Aufgaben – oder besser noch, mach bitte, dass ich diese Prüfung irgendwie schaffe.
Es ist schon seltsam - aber in der Not öffnen sich Schleusen. Und Gott wird auf einmal ein potentieller Gesprächspartner: Lieber Gott- bitte- nur das eine mal…tu dies, tu jenes. Aber lass mich nicht allein.
Und dabei weiß ja jeder, dass Gott kein Automat ist. Nach dem Motto- Oben schmeiße ich meine Bitte rein - Und unten kommt das gewünschte Ergebnis raus. Natürlich funktioniert das so nicht.
Wie es funktionieren könnte - das mit dem Beten in der Not - dazu gibt es in der Bibel eine interessante Geschichte von Jesus.
Am Abend bevor Jesus in Jerusalem verhaftet wird, da geht er in den Garten von Gethsemani. Wie viele andere auch sucht Jesus einen Ort der Ruhe, wo seine Augen, die Fenster der Seele, sich erholen können. Für ihn ist das ein Garten. Hier kommt Jesus zu sich. Hier kann er Gott näher kommen.
Hier klagt er seine Not. Schildert, was ihn bedrückt: Angst vor der Gefangennahme. Vor Gewalt und vor dem Tod. – Er redet zu Gott wie ein Mensch zu seinem Vater redet. „Ist das richtig, was ich mache? Dass ich nicht abhaue? Dass ich mich ihren Vorwürfen stelle?“
Jesus weiß es nicht. Aber er vertraut darauf: Gott hat einen Weg für mich und geht ihn mit mir. - Also legt Jesus sein Leben in Gottes Hand: Mach du. „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe“. So sagt Jesus das.
Erstaunlich, so ein Vertrauen. Ich weiß nicht, ob ich das hätte. Ob ich alles abgeben könnte in der Not. Aber eigentlich wünsche ich mir das, auch sagen zu können: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.

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Krachend fällt ein Tisch nach dem anderen um. Münzen klirren auf dem Boden und rollen in alle Richtungen. Käfige zerbersten und entlassen eingesperrtes Leben in die Freiheit: Tauben. Kleine Lämmchen. - Menschen schreien. Kinder weinen.
Es kommt zum Handgemenge. Geldwechsler und Tempelhändler auf der einen Seite – Jesus und seine Jünger auf der anderen.
Am Ende sind die Geschäftemacher weg. Dafür ist Platz für andere. Und zwar für die, die vorher keinen Zutritt hatten: Lahme und Blinde kommen zu Jesus in den Tempel. So erzählt Matthäus das in seinem Evangelium.
Sie spüren, sie wissen: Dieser Jesus hilft, wo es nötig ist. Er heilt – lässt Menschen gesund werden, an Leib und Seele. Kinder kommen – und mit ihnen zieht Lachen und Singen in den Tempel ein.
Völlig klar: An keiner anderen Stelle in der Bibel begegnet uns Jesus dermaßen gewalttätig wie hier.
Das ist wie ein Aufstand. Revolution – im besten Sinne des Wortes: Jesus kehrt die Verhältnisse um.
Er reißt nicht nur ab – er schafft Raum für Neues: Offenheit ist wichtig. Freiheit. Behinderte und Kinder können in den Tempel kommen. Das war vorher verboten. So macht Jesus deutlich: Jeder ist willkommen – bei Gott.
Genau so eine Offenheit braucht es auch heute. Zum Beispiel für politische Flüchtlinge, die von der Abschiebung bedroht sind. Manchmal ist das Kirchenasyl die letzte Möglichkeit. Um noch einmal in Ruhe die Rechtslage zu prüfen.
Es ist gut, wenn Kirche offen ist – und so sichtbar macht: Jeder Mensch ist willkommen.

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Ein Esel ersetzt die Staatskarosse. Ein Esel, das war damals so etwas wie ein kleiner Trecker. Das Gefährt der einfachen Leute.
Palmzweige und Kleidung halten als roter Teppich her. Keine Soldaten stehen Spalier. Keine Nationalhymnen werden intoniert.
Dafür sind die Straßen voll. Die Menschen jubeln und singen.
Sie begleiten den, der in die Stadt einzieht, auf seinem Weg – und machen ihn zu einer friedlich-fröhlichen Partyzone:
Hosianna, dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Das ist ihre Hymne. Gotteslob am Wegesrand!
So ist Jesus nach Jerusalem gekommen. Eingezogen in die Hauptstadt Israels. Begleitet von begeisterten Fans mit all ihren Erwartungen.
Der Gegensatz ist deutlich: Jesus zieht nicht ein wie ein Staatschef.
Er zieht ein als der ganz andere, als König der Herzen.
Begleitet von vielen, die ihn kennen und lieben. Und von anderen, die ihn noch nicht kennen. Und die erstaunt fragen: Wer ist der?
Wenn ich die Geschichten aus der Bibel lese, so wie heute die Erzählung vom Einzug in Jerusalem, dann merke ich, wie mich das Lesen verändert.
Es tut mir gut zu sehen, wie sanftmütig Jesus daher kommt. Auf dem Lasttier der Armen, einem Esel.
Damit will er sagen:
So wie ich, so ist Gott.
Gott kommt nicht auf dem hohen Ross daher. Und nicht gepanzert. Gott liebt seine Menschen, er will ihnen auf Augenhöhe begegnen.
In Jesu Nähe spüre ich etwas von Gottes Nähe. Da wird es hell.
In diesem Menschen Jesus bekommt Gott für mich ein Gesicht. Freundlich. Offen. Und das versuche ich dann auch zu sein.

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