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SWR3 Gedanken

An der Kreuzung der Bundesstraße gilt Höchstgeschwindigkeit 70 km/h.
Aber ich war bisschen abgelenkt und mit hundert weitergefahren - dabei weiß doch jeder, dass da ein Starenkasten steht.
Geschieht Dir recht, wusste ich, als es von vorne blitzte. Radargerät, fest installiert; Unfallschwerpunkt - alles klar. Gerade als dann der Brief von der Bußgeldstelle kam,
da hatten fast gleichzeitig ein paar Politiker eine Debatte vom Zaun gebrochen;
aus heiterem Himmel sollten jetzt Navis erlaubt werden,
die vor Blitzern warnen. Radarwarner also. Witziges Zusammentreffen.
Hätte mir ja vielleicht Punkte und Bußgeld erspart. Und da an der Kreuzung in der Eifel wäre es ein Beitrag zur Sicherheit gewesen: wir hatten ja einfach Glück gehabt, dass uns keiner quer gekommen war. Also sollte ich vielleicht sagen: Radarwarner - ja. Weil sie helfen, die Regeln einzuhalten; weil sie so Menschen schützen und Leben retten. So was sollte es sowieso häufiger mal geben.
Am besten sollte es von Mensch zu Mensch gehen.
Denk doch bitte mal darüber nach, wie du mit deinem Geld umgehst
oder mit deiner Gesundheit oder mit dem und der und anderen Menschen... -
Ganz gute Freundinnen und Freunde reden so miteinander.
Sind auch eine Art Radarwarner - oder vielleicht ja auch schon das Radar selbst.
Die beobachten, dass da was falsch läuft in meinem Verhalten -
und helfen mir liebevoll auf den richtigen Weg zurück, ermutigen mich, die Richtung zu halten, das Tempo zu drosseln... Andererseits: Ich finde, diese Radarwarner sollten verboten bleiben. Richtiges Tempo, auch wenn kein Blitzer herumsteht.
Gutes und richtiges Leben einfach weil es gut und richtig ist: Das sollte doch auch ohne elektronische Hilfsmittel gelingen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13900

Die Trier Pfarrei, in der ich lebe,
hat sich zur Fusion mit drei Nachbarpfarreien entschlossen.
Und da stellte sich die Frage nach einem Namen für die neue Pfarrei...
Jede katholische Pfarrei hat ja einen heiligen Menschen aus der Kirchengeschichte
als Namensgeber und Pfarrei-Heiligen. Schon weil es praktisch ist.
Und außerdem ist der Heilige für die Pfarrei eine Art Wegweiser sein.
Nach dem neuen Namen haben wir ziemlich demokratisch gesucht;
am Ende gab es zwei Vorschläge mit den meisten Stimmen.
Und der Bischof hat daraus die neue Heilige für die neue Pfarrei ausgesucht. Wichtig, erstens: Eine Frau. Edith Stein heißt sie.
Eine Frau, die Anfang des letzten Jahrhunderts sogar eine radikale Frauen-Rechtlerin gewesen ist. Frauen sind für das Leben der Kirche so wichtig -
und haben keine oder fast keine wichtigen Ämter. Da schafft der neue Name wenigstens symbolisch einen Ausgleich. Die heilige Edith Stein passt zweitens aber auch sonst richtig gut: Als junge Frau hatte sie den jüdischen Glauben ihrer Eltern
hinter sich gelassen, hat sich selbst als Atheistin bezeichnet.
Und auch so ist sie ein Vorbild für heute. In unseren Pfarreien sind ja ziemlich viele Menschen auf der Suche sind nach dem Sinn ihres Lebens. Viele haben das mit dem ChristSein mal hinter sich gelassen. Viele haben irgendwie wieder zurückgefunden - oder sind jedenfalls noch am Suchen. So eine war auch Edith Stein. Als Jüdin ist sie geboren und zur Atheistin geworden;
auf der Suche nach der Wahrheit hat sie den christlichen Glauben gefunden.
Sie hat sich taufen lassen und ist schließlich Nonne geworden, um ganz für GOtt dazusein und für die Wahrheit, die sie erlebte. Heute, am 12. Oktober wäre Edith Steins Geburtstag - 1891.
In Auschwitz haben die Nazis sie 1942 ermordet - als Jüdin.
Sie war und ist wirklich eine von uns - eine Heilige für diese Zeit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13899

Es war heute genau vor fünfzig Jahren.
Im Petersdom in Rom hatten sich mehr als zweitausend Bischöfe versammelt;
eingeladen von Papst Johannes dem dreiundzwanzigsten
zum Konzil - zur Beratung darüber, wie es weitergehen sollte
mit der Kirche in der modernen Zeit. Der Papst hatte seine Leute in Rom ganz schön geschockt mit seiner Idee. Betretenes Schweigen in der Runde der Kardinäle,
denen er ein paar Jahre vorher seine Idee eröffnet hatte.
War doch alles in Ordnung, schön gemütlich, von Rom aus konnte man die Kirche regieren, dachte das Establishment; zunächst jedenfalls. Große Begeisterung dagegen weltweit - die ChristenMenschen überall in der Welt wussten ja ganz genau,
dass ihre Kirche sich neu aufstellen muss in der modernen Welt. Als der Papst in den Petersdom kommt, sieht's erst mal aus wie Spätmittelalter. Wie üblich tragen ihn sechs oder acht Mann in den Petersdom, auf einem Tragsessel auf ihren Schultern.
Vorteil: Alle können ihn sehen und sich segnen lassen, trotz Gedränge.
Und nützlich: der Papst ist schon zweiundachtzig und schwer krank.
Aber natürlich war dieser Tragesessel, die „sella gestatoria" zugleich
auch eine Herrschaftsgeste: Ihr da unten tragt den da oben.
Das war einfach ganz üblich und selbstverständlich. Bleibt alles beim Alten. Aber: Papst Johannes will auch in diesem Moment zeigen, dass alles neu werden soll in seiner Kirche. Er lässt die Träger anhalten, steigt aus aus dem Tragesessel und geht  den langen Weg durch den Petersdom zu Fuß. Seht her - der Papst ist mit euch zu Fuß auf dem Weg. Auf Augenhöhe.
Das ist fünfzig Jahre her - und manche meinen, dass der Papst immer noch nicht wirklich angekommen ist auf dem Boden der heutigen Tatsachen. Ich bin trotzdem sicher: Wir bleiben auf dem Weg - auch mit ihm.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13898

Eine Beerdigung ist schon sowieso ein trauriges Ereignis.
Menschen aus der Umgebung der Verstorbenen, ihre Familie,
ihre Freundinnen und Freunde, Kollegen, Nachbarinnen -
sie haben sich noch mal versammelt,
erinnern sich an schöne Zeiten, reden darüber,
was sie mit der Toten verbindet und was ihnen jetzt fehlt.
Trauer um einen lieben Menschen
ist immer auch Trauer um die Liebe und die Freundschaft
und damit auch um die Hinterbliebenen selbst.
Der eigene Schmerz - und der ist ja natürlich und ganz normal. Noch ein ganzes Stück trauriger ist eine Beerdigung ganz ohne Trauergemeinde.
Da  ist ein Mensch aus dem Leben gegangen, zu dem oder zu der niemand mehr gehört hat, die oder der einsam gestorben ist -  und um den sich jetzt auch niemand mehr kümmert. Doch, natürlich - kümmern muss sich dann die Stadt oder die Kommune. Und die beauftragt vielleicht einen Bestatter vor Ort. Aber das ist sozusagen die technische Seite des letzten Weges. Und ich stelle mir vor,
das ist auch für den Bestatter zwar professionell, aber doch eine besonders traurige Beerdigung In Jette, das ist eine der Gemeinden der belgischen Hauptstadt Brüssel,
kommt das inzwischen fast zwanzigmal im Jahr vor. In Jette haben sie jetzt einen neuen Dienst eingeführt: Freiwillige, Männer oder Frauen, als ehrenamtliche Beerdigungsgäste. Sie schenken den Verstorbenen einen würdigen Abschied.
Sprechen vielleicht am offenen Grab ein Abschiedswort oder ein kurzes Gebet, legen Blumen auf den Sarg,  gestiftet von der  Gemeinde Jette, wer mag und kann darf auch musizieren... Die Toten begraben - das ist eines der traditionellen christlichen
Werke der Barmherzigkeit.
Die Toten haben nichts davon, vielleicht - aber unsere Gesellschaft macht es wieder ein wenig menschlicher. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13897

So gut wie alles glaubt die Wissenschaft inzwischen zu wissen;
sie kennt die größten Teile des Universums, gewaltige Sterne und Weltraum-Nebel und ihren Abstand von unserem Sonnensystem und von der Erde - Zahlen, die bestenfalls Schwindel auslösen, finde ich.
Und die kleinsten Teile, die Atome und deren Zusammensetzung
sind auch ziemlich gut untersucht. Nur: Warum hält das alles zusammen.
Warum fliegt nicht alles jederzeit auseinander. Und damit: Warum gibt es überhaupt etwas statt nichts und schließlich auch uns Menschen:
Das konnten sie in den letzten dreißig Jahren zwar theoretisch erklären,
aber Beweise dafür mussten noch gesucht werden. Im Sommer die befreiende Meldung: Es ist gefunden. Das Higgs-Boson heißt es wissenschaftlich.
Das winzigkleinste Teilchen, das die Welt zusammenhält. Zugegeben: Für mich ist das zu schwierig. Mathe und Physik habe ich immer gern den anderen überlassen.
Aber dann war da der Name dieses minimini Higgs-Bosons; fast überall nannten sie es das „Gottesteilchen".
Na gut, dachte ich, das weiß ich als gläubiger Mensch ja schon lange:
GOtt ist es, der oder die Welt im Innersten zusammenhält.
Schöpfung nennt der jüdische und christliche und der islamische Glaube das.
Und da können die Wissenschaftler meinetwegen Gottesteilchen sagen -
so lange sie GOtt nicht auf ein Elementarteilchen reduzieren... Wollen sie auch gar nicht, weiß ich inzwischen.
Der Nobelpreisträger Leon Max Lederman hatte es in einem Buch
ganz im Gegenteil „The goddamn particle" nennen wollen -
gottverdammtes Teilchen; weil sie es so lange nicht zu fassen bekamen.
Der Verlag hat sich verweigert - wollte keine religiösen Gefühle verletzen
und hat das „verdammt" gestrichen.
Gottesteilchen oder GOtt - wer an den glaubt,
weiß schon, was die Welt zusammenhält. Im Innersten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13896

Da haben sie einen auf der Straße zusammengeschlagen; zwei fromme Leute sehen ihn und lassen ihn liegen;
da kommt ein Fremder vorbei, einer aus dem verhassten Nachbarvolk erbarmt sich.
Der verbindet ihn und bringt ihn auf eigene Kosten in einem Gasthaus unter. Der gute Samariter, heißt die Geschichte. Jesus erzählt sie einmal, als sie von ihm wissen wollen, wer denn mein Nächster ist.
Über diese Geschichte sollte es  vor ein paar Jahren mal ein Seminar geben,
für Theologiestudenten, so war es angekündigt. Im Treppenhaus, wo sie alle durch mussten, lag einer in der Ecke, der brauchte dringend Hilfe. War in Wirklichkeit ein Test - und der hatte unerwartete Ergebnisse: Die Herren Theologen - die biblische Geschichte im Kopf, über die sie gleich diskutieren würden, die halfen dem Menschen, der da Hilfe brauchte; aber nur, wenn sie genügend Zeit hatten.
Waren sie kurz vor knapp unterwegs, musste das Opfer leider liegen bleiben. Theologen; Christen! Die Bibel im Kopf - aber wohl nur im Kopf... Und ansonsten galt das Diktat des Terminkalenders. Dabei weiß die Wissenschaft es inzwischen viel besser: Wer etwas Gutes tut für einen oder viele andere Menschen,
der verliert gar keine Zeit. Gefühlt jedenfalls, haben Psychologen herausgefunden,
gibt verschenkte Zeit das Gefühl, dass man selbst Zeit gewinnt. Auch dafür gibt es einen Test: Fünf Minuten hatten die Probanden. Und sollten die einmal nutzen,
um alle Buchstaben „e" in einem Zeitungstext zu zählen - sinnloses Zeug also.
Bei der anderen Aufgabe dagegen fühlten sie sich frei von Zeitdruck:
Da sollten sie einem Kind eine Geschichte vorlesen. Du gewinnst Zeit und der Stress nimmt ab, wenn du etwas Gutes tust - ist mal eine neue Formulierung für das alte Gebot: Deinen Nächsten lieben wie dich selbst...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13895

Allgemein bekannt ist sie als Quelle der alternativen Hildegard-Medizin.
Viele kennen Hildegard von Bingen auch wegen ihrer KüchenRezepte.
Stichwort: Dinkelkekse oder Krumme Krapfen.
Viele wissen auch, dass sie eine Nonne war - im zwölften Jahrhundert.
Um sie herum gibt es heute in Rom eine große Feier.
Der Papst erklärt die heilige Hildegard besonders feierlich zur Kirchenlehrerin;
die vierte Frau in zweitausend Jahren, die diesen Titel erhält.
Das ist einerseits eine Überraschung - dazulernen muss, wer sie mehr als Kräutermütterchen kennt und als Dinkel- und Wellness-Tante.
Es ist andererseits auch klar - hat eigentlich schon allzu lange gedauert. Seltsamer Weise nämlich war Hildegard nie offiziell heiliggesprochen; dabei haben die Menschen sie schon zu Lebzeiten als Heilige verehrt, Päpste und Bischöfe und Könige hörten auf ihren Rat, die Nonnen im und die Leute rund um das Kloster
waren stolz auf ihre hoch gebildete Äbtissin da zwischen Hunsrück und Pfalz. Damit er sie heute zur Kirchenlehrerin ernennen kann, musste Papst Benedikt sie aber erst mal offiziell heilig sprechen. Hat er getan, am 10. Mai, in einer kleinen Feier.
Damit hat er eine Peinlichkeit beseitigt und nebenbei gezeigt, dass die offizielle Kirche in der Lage ist,
auf Volkes Stimme zu hören - auch wenn's manchmal lange dauert.
Heute also der Festakt: Hildegard von Bingen ist Lehrerin der Kirche.
Weniger wichtig, wie dick ihre Bücher sind über theologische Fragen;
wichtiger ist der besondere Geist, der da spricht. Visionen hat Hildegard aufgeschrieben, die Gott ihr in ihrem ganzen Leben geschenkt hat.
Direkte Einblicke sozusagen in die Liebe, mit der Gott die Schöpfung und die Menschen liebt und am Leben hält.  Das ist mehr als trockene papierene Spekulation. Kirchenlehrerin Hildegard - die hat jedenfalls mehr zu sagen,
als dass ein guter Schluck Wein auch Medizin sein kann...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13894