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SWR3 Gedanken

Vor der Hacke ist es duster.
Nikolaus Groß hat diesen Spruch der Bergleute sicher gekannt:
Eigentlich war er Hauer – ein einfacher Bergarbeiter;
wenigstens fünf Jahre lang hat er Tag für Tag im Dunkel gearbeitet –
„unter Tage“, in einem der vielen Kohle-Bergwerke im Ruhrgebiet.
Mit 19 trat er 1917 in die christliche Gewerkschaft ein, bildete sich weiter.
Bald war er Gewerkschaftssekretär und Redakteur ihrer Zeitung.
Was er da geschrieben hat, auch nachdem er raus war aus dem Schacht,
darin zeigt sich weiter die Lebenserfahrung: Vor der Hacke ist es duster.
Düsternis sah er auf das ganze Land zukommen,
als Ende der zwanziger Jahre die NaziBewegung heraufzog.
Die christliche Gewerkschaft und ihre Westdeutsche Arbeiterzeitung
machten den Lesern immer wieder klar, wie schlimm es werden würde,
wenn die Hitlerei wirklich die Macht ergreifen würde.
Vergeblich; und bald schon waren die Zeitungen verboten,
in denen Leute wie (inzwischen) Chefredakteur Nikolaus Groß
das christliche Licht gegen Hass und Vernichtung leuchten ließen
und für die Würde des Menschen – jedes Menschen…
Nikolaus Groß, inzwischen verheiratet und Vater von sieben Kindern,
machte weiter im Widerstand gegen die Naziherrschaft und ihren Krieg.
Ein Treffen in Saarbrücken ist bekannt, da sahen sie nur zwei Alternativen:
Gewaltsamer Umsturz oder verlorener Krieg – wie soll es dann weitergehen.
"Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen,
wie sollen wir dann vor Gott und unserem Volk einmal bestehen?"
Das schreibt Nikolaus Groß am 19. Juli 1944.
Am 20. Juli scheitert Stauffenbergs Attentat auf Hitler; eine Terrorwelle folgt.
Da wird Groß verhaftet, gefoltert, verurteilt und ermordet.
Seine Asche ließen die Nazis über Kläranlagen verstreuen –
die Erinnerung an ihn haben sie nicht zerstören können.
2001 hat Papst Johannes Paul ihn selig gesprochen.
Heute ist sein Gedenktag im Bistum Essen –
eigentlich ist Groß doch ein guter Patron für Europas KulturHauptstadt.
Einer, der Licht gebracht hat in das Dunkel –
vor und hinter der Hacke.
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Ohne Mantel…
Er hat sich schwer erkältet und ist nicht mehr gesund geworden.
Eine Lungenentzündung war vor hundertsechzig Jahren ein Problem.
Und so ist der Priester Vinzenz Pallotti gestorben –
am 22. Januar 1850, mit fünfundfünfzig Jahren.
Erkältet hatte er sich im Beichtstuhl in seiner kalten Kirche.
Da hatte er ohne Mantel gesessen; stundenlang ging das damals noch.
Hatte den Leuten zugehört und ihnen Ratschläge gegeben
und schließlich zugesagt, dass Gott ihnen ihre Sünden vergibt.
Warum hat der Mann ohne Mantel in der Kälte gesessen?
Auch in Rom ist der Winter ziemlich kalt und zugig.
Und weil dieser übrigens als etwas seltsam geltende Pfarrer genau das wusste,
hat er auf dem Weg zur Kirche einem der vielen römischen Bettler
seinen Mantel geschenkt.
Er war sowieso eher kränklich,
und so war das die letzte Tat seiner tätigen NächstenLiebe.
Sicher, das kann man heute ein wenig kritisch sehen;
auf Dauer haben auch die Armen und die Hilfsbedürftigen mehr
von einem Helfer, der eben auch an sich selber denkt.
Aber unsere Welt braucht doch auch immer mal wieder Menschen,
die sich ganz und gar hingeben; ohne Rücksicht auf sich selbst,
auf ihren guten Ruf, sogar auf ihre Gesundheit.
An solchen Menschen nehmen wir durchschnittlichen Leute uns ein Vorbild;
von denen könnten wir uns wenigstens eine kleine Scheibe abschneiden.
Solche wie Vinzenz Pallotti.
Eine große Einsicht hat sein Leben angetrieben:
Der unendliche Gott liebt mich, den kleinen Menschen; und zwar unendlich.
Von dieser Liebe wollte Pallotti allen Menschen erzählen –
oder eben noch mehr: ihnen diese Liebe auch zeigen.
Wie dem Bettler, dem er den Mantel gegeben hat,
bevor er in den Beichtstuhl ging.
Dort hat er den Menschen dann ja auch von Gottes Liebe erzählt –
von einer Liebe, die jede Schwäche und jede Sünde vergibt.
Gott hat ihm sicher auch vergeben,
dass er so schlecht gesorgt hat für sich selbst – damals im kalten Rom.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7532
Jammern – das muss auch mal sein.
Du musst gelegentlich wirklich klagen dürfen -
einfach über’s Wetter, aber auch über die schmerzenden Gelenke,
über die Kinder oder die Eltern, die sich unmöglich benehmen.
Ja, sagen die Psychologen: Das eigene Leid bei jemand abladen können,
ein offenes Ohr finden dafür, dass es mir gerade weniger gut geht –
das braucht einfach jede und jeder mal;
an all dem Unglück drohte man sonst beinah zu ersticken.
Allerdings sagen die Fachleute auch:
Bitte gut überlegen, wo du dich beklagst und bei wem.
Unter Freunden, im Beichtstuhl vielleicht, in vertrauten Kreisen: okay.
Wer es am Arbeitsplatz tut, vielleicht sogar regelmäßig,
gilt schnell als Nörgler – oder sogar als Weichei.
Sachliche Kritik, rational begründete Problemanalyse ist oft willkommen.
Aber Klage und Jammer: das ist doch viel zu emotional. Weichei!
In der Bibel hat der Jammer einen eigenen Platz.
“Ich schütte vor Gott meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not.
Niemand beachtet mich… ich bin arm und elend…“
In solchen Klage-Liedern haben schon vor ein paar tausend Jahren
Menschen ihren ganzen Jammer vor Gott ausgebreitet.
Wer sich auf Gott verlässt, kann und soll das auch heute noch tun.
Klage und Jammer muss mal sein -
Dauer-Klage, glaube ich, ist aber auch gefährlich.
Macht den Menschen negativ und vielleicht sogar dauerhaft unglücklich.
Deswegen wünsche ich mir und anderen mindestens ebenso sehr
eine andere Perspektive. Die finde ich auch in der Bibel.
Gott schaut sich seine Schöpfung an, ganz am Anfang.
Und dann steht da: Es war alles sehr gut.
Ja, ich darf erst einmal das Gute sehen, wenn ich mein Leben betrachte.
Das Falsche auch und es kritisieren;
das Böse bekämpfen, wo es geht.
Aber das Gute erst mal sehen und Gott dafür danken –
und mit dem anderen kann ich dann schon auch umgehen.
Im Grunde weiß ich ja ganz sicher:
Alles wird gut! https://www.kirche-im-swr.de/?m=7531
Im Evangelium schildert Jesus seinen Freundinnen und Freunden,
was am Ende der Welt auf sie und alle Menschen zukommt.
Das finale Gericht – das haben damals alle irgendwie erwartet.
Wenn Jesus es schildert, steckt es voller Überraschungen.
Da werden die Menschen sortiert –
so ungefähr wie Schafe auf die eine Weide und Böcke auf die andere.
Und zu den einen sagt der Richter:
Kommt her, nehmt das HimmelReich in Besitz…
Bis da hin noch alles wie erwartet – aber dann kommt die Überraschung.
Denn ich war hungrig und durstig, sagt er,
und ihr habt mir zu essen und zu trinken gegeben;
ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;
ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank oder im Gefängnis und ihr habt mich besucht…
Sorry, sagen die: Wo haben wir dich gesehen? Wo haben wir dir geholfen?
Ihr habt es für eure Schwestern und Brüder getan –
Und also habt ihr es für mich getan, für Gott.
Überraschung. Sie haben doch nur selbstverständlich und alltäglich gelebt.
Man hilft sich gegenseitig – ganz natürlich. Oder etwa nicht?
Na gut, wenn sich heute jemand für andere Menschen einsetzt,
denen hilft oder mit ihnen teilt, was er hat und sie brauchen:
dann fällt das schon mal aus dem normalen Rahmen.
Aber an sich, da ist Jesus sehr optimistisch und glaubt an das Gute in uns:
an sich ist es die normale Berufung des Menschen –
jeder Mensch ist dazu berufen,
dass sie oder er sich kümmert um die anderen.
Berufen zur Caritas, so haben das neulich die deutschen Bischöfe genannt.
Jeder Mensch und damit auch jeder Christ ist berufen zur Nächstenliebe.
Denn Gott selbst ist die Liebe, Gott liebt uns Menschen –
und wer das spürt, will diese Liebe einfach weitergeben.
Und – Überraschung: umgekehrt ist auch richtig.
Wer andere liebt und sich für Menschen in Not engagiert,
gibt eben Gottes Liebe weiter –
im Zweifel auch, ohne das ausdrücklich zu wissen.
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Respekt Respekt, Herr Erzbischof!
Die Weihnachtskrippe in Ihrer Kathedrale,
in Agrigent an der Südküste von Sizilien, löst Protest aus –
vor allem bei den rechten und populistischen italienischen Parteien.
Da fehlen seit dem 6. Januar die Heiligen Dreikönige.
Und mehr als das: Sie haben ein Schild anbringen lassen,
das den Grund ihres Fehlens verkündet:
Die Weisen aus dem Morgenland sind an der Grenze abgewiesen worden -
zusammen mit anderen illegalen Immigranten.
Respekt!
Die Krippe ist nicht nur ein Spielzeug für die Kleinen, haben sie gesagt;
sie muss den Großen auch mal die Wahrheit vor Augen führen.
Und wenn sie das Jesuskind aus Gips anschauen und gerührt sind,
dann müssten sie auch an die Kinder aus Fleisch und Blut denken,
die vor der sizilianischen Küste ertrunken sind.
Das Flüchtlingselend auf dem Mittelmeer –
das hat Erzbischof Montenegro täglich sozusagen direkt vor der Haustür.
Schon im Sommer 2008 hat er die Gefahr beim Namen genannt:
Das Mittelmeer wird zu einem flüssigen Grab, hat er gesagt.
Die Toten könne niemand mehr zählen.
Aber: Darf er deswegen die Weihnachtskrippe einsetzen -
als Demonstrations-Mittel gegen eine Politik, die er falsch findet?
Klar doch – schon die Geschichte von den drei Magiern,
aus dem Osten gekommen um Jesus als neuen König zu verehren:
Schon das war doch eine heftig politische Geschichte; revolutionär.
Es gab ja einen König im Land – einen Tyrannen;
und das Land war besetzt.
Das Jesus-Kind als neuen König auszurufen –
das war vielleicht die damals notwendige politische Botschaft.
Und die politische Botschaft für heute, da unten in Sizilien, ist ja wohl:
Der Tod der Flüchtlinge muss uns die Augen öffnen – sagt Montenegro.
Wir sollten eine Kultur des Aufnehmens und der Gastlichkeit entwickeln.
Wer weiß, vielleicht fehlt sonst demnächst sogar das Jesus-Kind
in der Krippe von Agrigent – wie gesagt: allen Respekt, Herr Erzbischof!
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Typisch Mann: von Handarbeiten habe ich keine Ahnung.
Fällt mir schwer, mir konkret vorzustellen, was da in der Bibel steht:
Die Soldaten haben Jesus ans Kreuz genagelt;
nach getaner Arbeit dürfen sie seine Kleider untereinander aufteilen.
Scheint, dass sie sie einfach an den Nähten aufgetrennt haben.
Nur sein Untergewand – sein letztes Hemd also:
Das mochten sie nicht zerschneiden. Das war an einem Stück gewebt,
erzählt das Evangelium.
Aber um Handarbeit geht es nur am Rande.
Das letzte Hemd von Jesus – volkstümlich heißt das auch: der Heilige Rock,
die Theologen nennen es die Tunika Christi… –
dieses letzte Stück Stoff von seinem Leib ist heute in Trier zu finden.
Jedenfalls verehren die Christen es da seit beinah tausend Jahren.
Und immer wieder mal gibt es große Wallfahrten, zu dieser Tunika.
Heilig Rock-Wallfahrt nennen wir das. Die nächste wird 2012 sein.
Per Ausschreibung suchen wir gerade ein Leitwort, ein Motto;
das soll kurz und knackig andeuten,
worum es bei der Wallfahrt in zwei Jahren geht.
Mit Jesus Christus auf dem Weg – so hieß das vor vierzehn Jahren.
Und damals schon passierte, was kaum jemand erwartet hätte:
Zusammen mit der katholischen hat damals die evangelische Kirche
zu der Wallfahrt eingeladen und hat mitgemacht.
Heute erinnert die Tunika mich auch deswegen daran,
dass Christinnen und Christen auf der ganzen Welt ab heute wieder mal
gemeinsam für die Einheit der Christen und der Kirche beten.
So, wie Jesus selber schon gebetet hat: Gott Vater,
lass meine Jünger einig sein, damit die Menschen an dich glauben können.
Für uns in Trier ist der Heilige Rock selbst
auch ein Symbol für diese Einheit der Christen –
und eine Herausforderung natürlich:
So wie die Tunika ungeteilt geblieben ist, weil aus einem Stück gewebt,
so sollen die Kirchen zurück finden zur Einheit.
Sind doch alle aus dem gleichen Stoff genäht,
ja eigentlich am Stück gewebt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7528
Man könnte ja in Versuchung kommen,
das auch für Europa oder für Deutschland haben zu wollen:
Ein Gerichtsurteil schreibt vor, dass das Wort „Gott“
ausschließlich und nur von Christen verwendet werden darf.
So ähnlich wie in Malaysia – da wird ein Berufungsgericht
demnächst wohl entscheiden, dass nur Muslime „Allah“ sagen dürfen
oder schreiben,
wenn sie von dem höchsten Wesen sprechen, das wir eben Gott nennen.
Dann wird sich die Aufregung erst mal wieder legen.
Da hatte doch ein unteres Gericht erlaubt,
dass auch Nicht-Muslime „Allah“ sagen dürfen –
einfach, weil das eben das Wort für Gott ist, das alle kennen…
Aber alle Fachleute erwarten sicher, dass das zurückgerufen wird.
Dann sind die muslimischen Gläubigen wieder unter sich,
wenn sie Allah sagen.
Mal egal, was da im fernen Osten politisch abgeht:
Könnte doch interessant sein, das Wort Gott hier bei uns
ausschließlich für religiöse Verwendung zu reservieren.
Für Christen und natürlich auch für Juden und Muslime.
Aber die vielen mehr oder weniger ausdrücklichen angeblichen Atheisten,
die vielen Zeitgenossen, die behaupten, dass sie an gar nichts glauben:
die müssten sich dann was anderes einfallen lassen als „Mein Gott“ zu sagen,
wenn sie irgendwie überrascht sind oder erschreckt,
wenn sie sich freuen oder jemand beschimpfen wollen.
Also nicht mehr „Mein Gott, Walter!“ oder
„Oh Gott, was für eine große Torte“…
Einfach, damit wieder klar ist: Wer Gott sagt, soll auch Gott meinen.
Sprach-Monopol für Gläubige und Religionen!?
Ach nein, das sollten wir uns lieber doch nicht wünschen –
die jedenfalls nicht, die wirklich an einen Gott glauben.
Natürlich weiß ich, dass oft alles andere als Gott gemeint ist,
wenn jemand Oh Gott sagt.
Aber ich höre eben doch diesen großen schönen Namen –
und kann ein kleines Gebet mitschicken an den Gott, an den ich ja glaube.

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