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SWR3 Gedanken

Morgen ist es wieder soweit. Morgen ist Ewigkeitssonntag. Oder auch Totensonntag. Wieder einer von den Tagen, die uns den November so schwer und düster und traurig machen.
Morgen gehen viele auf die Friedhöfe, schmücken die Gräber derer, die gestorben sind, denken daran, was sie mit ihnen verloren haben. Erinnerungen werden wach, manchmal werden auch der Schmerz oder der Zorn oder die Liebe wieder ganz lebendig.
Weil da noch so viel ist, was sie mit den Menschen verbindet, die da auf den Friedhöfen liegen. Vielleicht ist die Wunde in der Seele noch ganz frisch, wenn der Tod noch nicht lange her ist. Vielleicht hat der Schmerz schon ein bisschen nachgelassen, weil sie gelernt haben, dieses Leben ohne diesen einen ganz besonderen Menschen anzunehmen.
Totensonntag: Eigentlich gefällt mir der andere Name besser: Ewigkeitssonntag. Warum? Ewigkeitssonntag- der Name erinnert an das, was über die Zeit hinausgeht, die wir leben und begreifen können. Ich will nicht bei den Toten stehen bleiben und bei der Tatsache, dass wir alle irgendwann auf dem Friedhof liegen.
Ich will hoffen, dass es noch etwas gibt – jenseits der Gräber, jenseits des Schmerzes: Hoffnung, Frieden, ein Wiedersehn, eine Ewigkeit Zeit – mit Gott, mit den Menschen, die ich liebe und hergeben muss. Grade auf den Friedhöfen können viele Menschen daran nicht glauben: Macht doch die Erde, die wir in das Grab werfen, die Endgültigkeit des Todes so deutlich. Auferstehung – wie soll denn das gehen? Ehrlich- Ich weiß es nicht. Aber ich mache mir darüber auch keine Gedanken. Ich muss nicht wissen wie und wo und wann das sein wird. Ich muss nur glauben können, DASS es sein wird. Und das kann ich und will ich. Alles andere überlasse ich Gott. Gott ist so viel größer als alles, was ich denken und mir vorstellen kann.
Wenn ich das versuche, die Hoffnung und das Vertrauen groß zu machen, dann ist der Totensonntag morgen gar nicht mehr so schwer und düster und traurig. Weil er eben auch ein Ewigkeitssonntag ist.
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Stellen sie sich vor, sie wissen weder aus noch ein. Irgendwas hat ihr Leben so durcheinander gebracht, dass nichts mehr geht. Sie wünschen sich vielleicht sogar, nicht mehr zu leben. Sagen wir, Ihr Partner gestorben wäre, oder eine ganz innige Freundschaft zerbrochen. Was dann kommt, ist Wüstenzeit: ausgetrocknet, ausgebrannt, jeder Schritt ist eine Qual. An genau so einen furchtbaren Punkt im Leben kam Hagar. Die Bibel erzählt von ihr: Sie lebte vor ca. 3000 Jahren. Eine Leibeigene, eine Sklavin würden wir heute sagen. Von ihrer Herrin Sarah wurde sie gezwungen, Leihmutter für sie zu werden, weil sie selber keine Kinder kriegen konnte. Und weil Hagar eben keine eigenen Rechte hatte, musste sie gehorchen. Es kommt noch dicker: Nach der Geburt machte Sarah ihr das Leben zur Hölle. Deshalb beschloss Hagar, mit ihrem Kind in die todbringende Wüste zu fliehen. Aber dort begegnet sie einem Engel – einem Boten Gottes. Und der fragt sie: „Wo kommst du her? Wo gehst du hin?“ Als Hagar ihm ihre Geschichte erzählt, sagt der Engel zu ihr: „Geh zurück zu Sarah!“ Wie kann der Engel so was sagen? Zurück in die Demütigung, zurück in die Sklaverei. Warum? Mir sagt die Geschichte: Auch wenn deine Situation schier unerträglich zu sein scheint: Es nützt dir nichts, wenn du versuchst, vor ihr zu fliehen. Es nützt dir nichts, wenn du versuchst so zu tun, als hätte es die zerbrochene Freundschaft, Tod, Leid, Demütigung niemals gegeben. Du musst den Dingen in die Augen sehen! „Wo kommst du her? Fragt der Engel. Was hat dich geprägt, was hast du aus deiner Vergangenheit an Schönem und an Schwerem mitgenommen?“ Das ist die erste Frage, die ich mir in meiner Wüstensituation stellen muss – ob ich will, oder nicht. Erst wenn ich die beantwortet habe, kann ich vielleicht auch eine Ahnung davon haben, wie mein Leben in Zukunft aussehen soll! Einen Engel, wie er Hagar begegnet ist, der uns im richtigen Moment zum Einhalten bewegt und zum Nachdenken bringt über eigene Wurzeln und über die Zukunft, den wünsche ich Ihnen und mir in solchen Wüstenzeiten!
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was waren das noch Zeiten! Erinnern sie sich noch daran? Früher konnte man mitten im November an einem grauen Mittwochmorgen im Bett bleiben, weil es da einen Feiertag gab. Der war einem zwar irgendwie bekannt, sagte einem aber herzlich wenig. Ich meine: den Buß- und Bettag. 1995 wurde er als gesetzlicher Feiertag zugunsten der Finanzierung der Pflegeversicherung gestrichen… Wohl eben auch, weil sich niemand so richtig dagegen gewehrt hat. Nicht mal die Kirchen. Buß- und Bettag – wie gesagt - hauptsächlich die Chance, einmal mitten in der Woche auszuschlafen. Wissen sie, was das Erstaunlichste ist: Seit dieser Tag als gesetzlicher Feiertag gestrichen ist, sind die Kirchen in vielen Gemeinden voller als früher! Manchmal erkennt man wohl erst im Nachhinein, was einem wichtig ist! Wie dem auch sei. Heute Abend findet in unserer Gemeinde ein Gottesdienst statt, den die Konfirmandinnen und Konfirmanden gestalten. Und zwar zum Thema „Buße“. Wir versuchen darzustellen: In jedem Leben kommt immer mal was vor, was der Vergebung bedarf. Da muss man umkehren, die Richtung wechseln, noch mal neu anfangen. Als wir überlegt haben, was zu einem solchen Prozess dazu gehört, kamen wir auf die folgenden fünf Punkte: 1.: Wichtig ist: Stell dich der Realität. Erkenne, wer du bist und wo du stehst. Denn nur wenn du das erkennst, kannst du auch den zweiten Schritt tun: Nämlich für dich klären, ob du das, was geschehen ist, bereust. Und wenn dass wirklich so ist, dann kannst du es 3.: vor Gott benennen und du kannst dann auch den 4. Schritt gehen: Nämlich Gott um Vergebung bitten. Wenn du das geschafft hast, dann bist du schon ganz schön weit. Dann musst Du nur noch daran glauben können, dass dir etwas Gutes geschieht. Nämlich dass 5. Gott dir vergibt und du neu anfangen darfst. Als ich das mit den Konfirmanden so bedacht habe, war uns allen klar: der Buß- und Bettag ist wohl doch ein wichtiger Tag für uns alle. Denn wer hätte nicht an manchen Stellen seines Lebens so einiges zu bereuen und um Vergebung zu bitten!
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Letzte Woche stand in der Zeitung: „Deutschen vergessen ihre Feiertage.“
Das war natürlich ungeschickt ausgedrückt: Die Feiertage vergessen wir bestimmt nicht. Bedeuten sie doch in der Regel einen freien Tag! Gemeint war: Wir wissen oft nicht mehr, warum ein Feiertag überhaupt gefeiert wird. Machen wir‘s mal konkret: Warum z.B. feiern wir Evangelischen immer noch den Buß- und Bettag? –Oder Karfreitag?
Wenn ich in SWR3 höre, wie die Pisa-Polizei die Schülerinnen und Schülern nach den Feiertagen befragt und da oft nur noch ein großes Wirrwar an Antworten kommt; wenn die Kids in den Schulen noch nicht mal mehr wissen, warum denn Weihnachten oder Ostern gefeiert wird… na, das bringt mich schon zum Grübeln. Aus Himmelfahrt wird Vatertag, aus dem Reformationstag und der Nacht zu Allerheiligen wird Halloween… Ich finde das schade. Ich glaube, das geht uns was verloren. Klar, denken sie jetzt vielleicht, als Pfarrerin muss die das ja sagen. Aber auch Nicht-Pfarrern – so denke ich – fehlt doch da was! Ich meine immerhin lebt doch unsere Kultur von den Wurzeln der christlichen Religion. Und wenn uns schon die religiöse Bedeutung nichts mehr wert ist, dann doch zumindest die kulturelle - um unsere Welt im Denken in der Kunst und überhaupt zu verstehen, oder? Am kommenden Sonntag zum Beispiel ist für evangelische Christinnen und Christen ein Feiertag der stillen Sorte: Der Ewigkeitssonntag, oder auch Totensonntag genannt. Wir gedenken an diesem Tag auf den Friedhöfen und in den Gottesdiensten der Menschen, die gestorben sind. Und wir beten. Dafür, dass wir, die wir leben, nicht vergessen, dass auch wir sterblich sind. Wir versuchen, Hoffnung stark zu machen, dass wir mit denen, die wir liebten wieder zusammen sein können. - Zeit zum Nachdenken, woher wir kommen, wer wir sind – und auch wohin wir gehen. Wie gesagt: Ein Feiertag der stillen Sorte Vielen wohl schon unbekannt. Ich fänd’s schade, wenn solche Feiertage verloren gingen! https://www.kirche-im-swr.de/?m=4865
Letztes Jahr in den Bergen. Nach einem langen Aufstieg standen wir endlich oben, eine Wahnsinnsaussicht. „Mensch, sagte ich, wenn man hier oben steht, dann kann man doch gar nicht anders, als hinter dieser Schönheit Gott zu erkennen.“ Es wurde kurz still, wir genossen den Blick, dann sagte meine Freundin: „Weißt du, Claudia, wenn ich hier oben stehe, dann erkenne ich ganz deutlich, dass es Gott nicht gibt!“ Für einen Moment war ich ziemlich perplex. mit so einem Satz hatte ich nicht gerechnet. Meine Freundin studierte Biologie und ich dachte: Ja, da ist sie wieder, die neverending Story zwischen naturwissenschaftlichem Denken und dem Glauben an einen Schöpfer.
Ich war in dem Moment so begeistert gewesen, wie groß und schön und vielfältig und weit das alles war. Für mich war ganz klar: Das alles kann doch nicht bloß Zufall sein. Da muss ein System, ein Wille, ein Anfang hinter stehen. Wo soll das sonst alles herkommen? Für meine Freundin dagegen stand fest: Erdverschiebung über Millionen von Jahren hinweg, massive Naturgewalten.
Aber: Schließt denn das eine das andere aus? Dass nun ausgerechnet an dieser Stelle die Erdverschiebung so gewaltig war, dass daraus die Dolomiten entstanden, kann natürlich Zufall sein. Ich kann nicht beweisen, dass Gott hinter dem allen steckt. Aber wäre das denn so undenkbar, dass das alles eben nicht durch Zufall sondern durch einen Willen – Gottes Willen, entstanden ist?
Im Johannesevangelium steht: Im Anfang war der Logos. Logos, das kann bedeuten: Motivation, Beweggrund! Vielleicht hat Johannes erkannt, dass Gott seit Anbeginn aller Zeiten hinter allem steckt. Alles, was in dieser Welt geschieht, hat seinen Beweggrund in Gott. Und das war genau mein Gefühl, als ich diese diese grenzenlose Schönheit und Weite und Größe sah. Und ich kann immer noch nicht anders, als zu denken: Ja, Gott, das hast du schon ziemlich genial hingekriegt!
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Heute ist Volkstrauertag. Menschen stehen auf den Friedhöfen und an den Gedenkstätten und gedenken der Verstorbenen der beiden Weltkriege. Da ist ja erst mal gar nichts gegen einzuwenden. Viele Menschen haben ja schließlich in den beiden großen Kriegen ihr Leben gelassen. Manche von ihnen waren blutjung. Eine Alternative – nämlich „Nein“ zu sagen, hatten sie wahrscheinlich nicht. Nicht, wenn sie irgendwie am Leben hingen. Sie wären wohl wegen Verrat am Vaterland erschossen worden. Noch immer trauern Menschen um diese Gefallenen überall auf der Welt. Und so lange hat auch dieser Tag, Volkstrauertag, sein Recht. Vor allem aber auch deswegen, weil er uns – abgesehen von der Erinnerung – wirklich mahnen kann, wach zu bleiben und dafür zu sorgen, dass ein solches grausames Unrecht nie wieder geschehen darf. Und trotzdem. Mir ist oft ein bisschen mulmig wenn ich an den Tag denke. Warum? Ich vermute, das hängt damit zusammen, dass ich immer noch der Begriff in den Ohren habe, den die Generation meiner Oma benutzte. Für sie war das ganz selbstverständlich „Heldengedenktag“ – nicht Volkstrauertag! Wenn ich dann noch in alten Chroniken lese, dass Eltern ihre Söhne betrauern, die sie auf dem „Feld der Ehre für Führer Volk und Vaterland“ geopfert haben, dann wird mir ganz anders. Ich glaube, der Volkstrauertag ist wichtig, vielleicht heute sogar wichtiger denn je. Aber eben mit seinem guten Sinn: Gedenken wir derer, die gestorben sind- durch Unrecht und Willkür in brutalen Kriegen – nicht nur in den beiden Weltkriegen. Denken wir aber bitte auch an die Menschen, deren Namen auf keiner Gedenktafel stehen: Die auf der anderen Seite der Front, der Frauen, die vergewaltigt und ermordet wurden, der Mütter, die zwei oder drei Söhne verloren haben. Volkstrauertag- ein Tag der Erinnerung – aber eben auch der Warnung: Mensch bleib wachsam! Halte Augen und Ohren auf und hilf mit, dass echter Frieden entstehen kann und Krieg keine Chance mehr hat.
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