Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR3 Gedanken

Beinahe 90 Jahre alt ist die Frau in unserer Nachbarschaft. Man merkt ihr an, dass die Kräfte langsam schwinden. Das Gehen fällt zusehends schwerer. Von ihrem großen Garten aber, da kann und will sie nicht lassen. Allein bestellen und pflegen kann sie die Beete inzwischen kaum mehr, aber alles muss so bleiben wie seit Jahrzehnten. Die selben Gemüsesorten, die Anordnung der Beete. Alles so, wie es immer war. Ihre Kinder, die weit entfernt wohnen, müssen sich nun Urlaub nehmen, wenn der große Gemüsegarten nicht verkommen soll. Nicht unbedingt zu deren Vergnügen. Den Garten abgeben aber käme für die Mutter niemals in Frage.
Es scheint so, als habe tatsächlich alles im Leben seine bestimmte Zeit, wie es in einem meiner absoluten Lieblingstexte in der Bibel heißt. Eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, heißt es da. So wie es auch eine Zeit zum Arbeiten und eine Zeit zum Ruhen, eine zum Anfangen und eine zum Aufhören geben muss. Unser Leben ist nun mal ein ständiges Kommen und Gehen, wo Neues aufbricht und Altes, Gewohntes zu Ende geht. Lebenskunst wäre es demnach, die richtigen Zeitpunkte nicht zu verpassen. Jene Momente, an denen es Zeit ist loszulassen und ein neues Kapitel aufzuschlagen. Einschnitte, die immer etwas mit Abschiednehmen zu tun haben. Leicht und schmerzlos ist das selten, vielleicht aber ein ständiges Einüben in die Erkenntnis, dass alles im Leben wohl seine ganz bestimmte Zeit hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3864
Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz. Der große Reformator Martin Luther, der dies gesagt haben soll, pflegte mitunter eine derbe Sprache. Ähnliches mag auch den Verantwortlichen unseres abstiegsbedrohten Fußballclubs durch den Kopf gegangen sein. Lauterer Herzblut stand nämlich auf den Fanschals, die manche hier in Kaiserslautern vor einigen Wochen mit sich herumtrugen. Die Imagekampagne traf wirklich mitten ins Herz der Fans, denn nicht nur die Mannschaft, sondern auch manch eingefleischter Anhänger war da schon ziemlich verzagt und mutlos und bedurfte dringend eines Motivationsschubs.
Wenn wir unser Herz so richtig an etwas hängen, dann geben wir ja nicht nur etwas von uns, sondern möchten auch etwas zurück bekommen. Wir wollen uns mitreißen, begeistern, aber auch verzaubern oder trösten lassen, je nachdem. Egal ob im Fußballstadion, im Konzertsaal oder beim Engagement im Verein. Selbst im Job geht auf Dauer auch mit noch so viel Geld nichts, wenn sich einer nicht auch ernst genommen und wertgeschätzt fühlt. Als Mensch und nicht nur als namenlose Kostenstelle im Unternehmen. Motivation braucht andere Quellen. Wir Kirchenleute wissen das nur allzu gut. Unzählige Menschen engagieren sich bei uns schließlich ehrenamtlich, stellen ihre Fähigkeiten und ihre freie Zeit zur Verfügung. Ohne sie wäre Kirche überhaupt nicht mehr denkbar. Die Wenigsten freilich würden es tun, wenn nicht auch Sie etwas dafür bekämen. Zum Beispiel das belebende Gefühl, mit den eigenen Fähigkeiten und mit viel Herzblut immer wieder etwas Positives bewirken zu können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3863
Wenn die „Jugend der Welt“ in Peking bald um olympische Medaillen kämpft, darf wieder gerätselt werden, wer der sportlichen Höchstleistung zuvor ein wenig nachgeholfen hat. Ein früherer Radrennfahrer, der bei uns zu Gast war, erklärte es einmal so. Wer in seinem Sport nicht dopte, hatte keine Chance vorne mitzufahren. Und wer nicht vorne mitfährt, der bekommt Probleme, mit seinem Rennstall, mit den Sponsoren, mit miesen Kritiken und so fort. Das Volk will Helden feiern, Übermenschen, der Rest ist wenig interessant. Übrigens nicht nur im Leistungssport. An einigen US-Universitäten soll schon jeder vierte Student Substanzen schlucken, die die Schlafdauer reduzieren und gleichzeitig die körperliche Leistung steigern. Nächtelanges Lernen, oft bis zum Umfallen, wird so möglich.
Das schneller, höher, weiter, den gnadenlosen Wettkampf um den Besten, Agilsten und Leistungsfähigsten haben wir alle längst verinnerlicht. Die Ausleseregeln der Evolution sind Mainstream, von den Grundschulen bis hinauf in die Chefetagen. Im Fernsehen sogar Programm geworden in immer neuen, lächerlichen Castingshows.
Mag sein, dass das schon mitgemeint war, als Gott zum ersten Menschen sagte: Macht euch die Erde untertan. Will ja heißen: Setzt alles ein, was ihr an Fähigkeiten geschenkt bekommen habt, um das Optimale herauszuholen. Dummerweise nur hat uns Gott aus irgendeinem Grund nicht vollkommen gemacht, auch wenn wir es so gerne hätten. Mit dieser Spannung müssen wir leben. Was dabei manchmal ganz hilfreich wäre: Eine Portion Demut und mehr Gelassenheit beim Ertragen der Unvollkommenheit – bei sich selbst und bei anderen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3862
Schreckensbilder von Kindern mit vom Hunger aufgeblähten Bäuchen sind Gott sei Dank verschwunden. Vor fast vierzig Jahren gingen sie um die Welt, waren damals regelmäßiger Bestandteil der Nachrichten. Zwar ist der weltweite Reichtum noch immer skandalös verteilt aber massenhafter Hunger hat seit vielen Jahren Seltenheitswert, selbst bei den Ärmsten der Armen.
Jetzt aber könnte er zurückzukommen. Nicht nur in die Elendsviertel Afrikas oder Asiens, aber dort zuerst und am heftigsten, weil die Preise für elementare Lebensmittel weltweit explodieren. Was in unseren prall gefüllten Supermärkten bestenfalls ärgerlich ist, kann für 2,7 Milliarden Menschen, die mit nicht mal zwei Dollar täglich auskommen müssen, lebensbedrohlich werden.
Hunger ist aber noch mehr. Während er vor 100 Jahren noch zur Erfahrung der meisten Menschen weltweit gehörte, ist er heute zum perversen Menetekel für die Spaltung der Menschheit in Armut und Überfluss geworden. Während die Einen hungern, weil sie sich schlicht kein Essen leisten können, zelebrieren die übergewichtigen Anderen in diversen Diäten Hungern als Lifestyle.
Neu ist das alles nicht. Schon vor über 2500 Jahren ereiferten sich die biblischen Propheten über das Unrecht. Mit wüsten Worten geißelte sie jene Reichen, die es sich gut gehen ließen während draußen die Armen hungerten. Sehr erfolgreich waren sie damit nicht. Ein Schicksal, dass sie mit denen teilen, die heute – oft erfolglos - gegen wachsendes Unrecht protestieren. Gott aber, in dessen Auftrag sie das taten, hat sich damals als ein parteiischer Gott auf Seiten der Armen geoutet. Das ist er bis heute.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3861

Wenn frische Milch aus dicken Schläuchen direkt in den Gullydeckel läuft, sind das immer noch Bilder, die verstören. Warum eigentlich? Wirkt da vielleicht tief im Innern die Mahnung unserer Eltern nach, mit dem Essen spiele man nicht? Dämmert da vielleicht was, dass Milch, Obst oder Getreide doch mehr sein könnten als bloße Handelsware? Inzwischen wird ja nicht nur Milch unter dem Herstellungspreis verramscht. Auch Brot wird zu Preisen verschleudert, die die Frage nahe legen, was sich da eigentlich in der Plastiktüte befindet. Nächste Woche gibt’s dann beim Discounter die nächsten Tiefpreisknaller, zumeist wieder bei Lebensmitteln. Natürlich ist es wichtig, dass sich Menschen mit Minieinkommen eine akzeptable Ernährung leisten können. Aber unsere elementarsten Mittel zum Leben, Milch, Gemüse oder Fleisch, sind vielfach zur Massenramschware verkommen. Zum Frust der Erzeuger und zur Freude der Schnäppchenjäger.
Dabei gab es mal so etwas wie eine gewisse Ehrfurcht vor Lebensmitteln, als sie noch knapper und nicht zu jeder Zeit verfügbar waren. Das ist auch bei uns noch gar nicht so lange her und die blasse Erinnerung daran steckt wohl noch in manchen von uns. Sie klingt auch an, wenn wir im Vaterunser um das tägliche Brot für heute bitten. Zugegeben: Wenn ich heute im Supermarkt die Qual der Wahl habe zwischen 30 Sorten Brot oder hundert Sorten Käse, dann bleibt so etwas wie Ehrfurcht ziemlich schnell auf der Strecke. Der Begriff, so scheint es, hat im Überfluss einfach keinen Platz mehr. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, wenn das Milchregal im Supermarkt tatsächlich mal zeitweise leer bleibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3860

Es gab Zeiten, da war der Tod schon mal schick, zumindest in den besseren Kreisen der Gesellschaft. Im Zeitalter der Romantik war das. Die Zeit der schönen Tode hat der Historiker Philippe Aries diese Zeit einmal genannt. Das hat sich heute dramatisch verändert. Der Tod ist aus der Mitte der Gesellschaft längst in die unbeleuchteten Randzonen abgewandert. Siechtum und Sterben sind vielfach zum Betriebsunfall einer jugendfixierten, erfolgsorientierten Leistungsgesellschaft verkommen.
Da erscheint die Idee des Künstlers Georg Schneider gar nicht mal so falsch, einen Freiwilligen im Museum friedlich sterben zu lassen, vor aller Öffentlichkeit. Die Aufregung darüber reicht zur Zeit von völliger Verdammung bis zu verhaltener Zustimmung. Dabei ist Sterben immer schon ein Medienereignis mit Unterhaltungswert gewesen. Was früher einmal die öffentlichen Hinrichtungen waren, sind heute Fernsehkrimis und Ballerspiele, in denen tagtäglich und oft stundenlang gequält und gestorben wird – rein virtuell natürlich, zur Unterhaltung. Der ganz reale Tod kommt uns dann in Fernsehnachrichten oder Zeitungen ins Haus. Aus Kriegs- oder Katastrophengebieten oder vom täglichen Sterben auf unsern Straßen.
Gegen all das erscheint die Idee des Künstlers eigentlich harmlos. Warum also die Aufregung? Vielleicht, weil sie dennoch an ein Tabu rührt? Weil der Tod nämlich, wie die Sexualität, die Intimsphäre des Menschen berührt, in der wir selber am liebsten vertraute Menschen bei uns haben möchten? Am Bildschirm mögen wir ja schon mal den Voyeur spielen, der Wildfremde beim Liebesspiel oder eben beim Sterben beobachtet. Im realen Leben aber würden sich die meisten von uns wohl eher peinlich berührt abwenden.
So gesehen hätte die Sterbe-Performance im Museum ihren Zweck schon vorher erfüllt, wenn sie denn zu einem Nachdenken über unsern Umgang mit dem Tod führt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3859
Come together, kommt zusammen – das war mal ein Werbeslogan für Zigaretten. Raucher erleben das inzwischen unfreiwillig in ihren abgetrennten Raucherecken. Im großen Stil könnte der Slogan aber nun wieder über den nächsten drei Fußballwochen stehen. Fast noch wichtiger als die Ergebnisse ist vielleicht, dass da Menschen zusammenkommen, die ein Fußballfest miteinander feiern wollen, egal wer sie sind und woher sie kommen. Klar, die Fanmeilen von vor zwei Jahren wird es hier nicht geben und ganz so bunt wird es auch nicht zugehen. Die Menschen aus Trinidad oder Togo, aus Australien oder Saudi-Arabien werden verständlicherweise fehlen.
Trotzdem wünsche ich mir, dass ein wenig vom Sommermärchen 2006 auch diesmal zu spüren sein wird. Hier in der Stadt etwa war damals vier Wochen lang Fußball in der Tat die schönste Nebensache. Die Hauptsache war ein Fest der Kulturen, friedlich und fröhlich. Multikulti mal im besten Sinn, weil es etwas gab, das alle verband und kulturelle Unterschiede zur Nebensache machte. Einen kleinen Vorgeschmack des Himmels, hat das damals jemand euphorisch genannt. Was genau er damit meinte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht ja einen kleinen Vorgeschmack auf jene Verheißung, die der Prophet Jesaja hinterlassen hat. Dass am Ende der Tage nämlich die Völker aus allen Himmelsrichtungen zusammenkommen werden. Und dann, so heißt es dort weiter, schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen (Jes 2,2-4). Das wäre tatsächlich der Himmel und dauert wohl noch ein bißchen. Aber drei Wochen Vorgeschmack im Fußballhimmel wären für den Anfang ja auch nicht schlecht.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=3858