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SWR3 Gedanken

Alle Deutschen sind fleißig. Alle Muslime sind Islamisten. Alle Osteuropäer klauen Autos und die Türken aus Ostanatolien schlagen alle ihre Frauen. Na klar, das sind Klischees und Sie merken sofort, dass ich übertreibe. Aber: Mal ehrlich – haben Sie nicht auch schon mal so was oder so was ähnliches gedacht?
Klar, als aufgeklärte und tolerante Europäer wissen wir natürlich, dass das pauschal so nicht stimmt. Aber da passiert irgendwo was, was zu dem dummen Vorurteil in unserem Kopf passt und zack, schon ist es wieder da.
„Du sollst dir kein Bildnis machen“ – steht in der Bibel. Dieses Gebot- das zweite von den berühmten 10, die Gott dem Mose vor tausenden von Jahren mitgegeben hat, erwischt einen immer wieder eiskalt: Diese Lebensregel weiß darum, dass wir offensichtlich Bilder und Schablonen brauchen, um Dinge einordnen zu können. um Situationen und Menschen einschätzen zu können. Das ist ja erst auch mal nicht schlimm.
Und doch: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Warum ist Gott dieses Gebot so wichtig, dass es gleich an zweiter Stelle kommt?
Es will uns daran erinnern, dass wir unsere Bilder immer wieder überprüfen und gegebenenfalls auch mal neu malen.
Jeder Mensch hat ja noch ganz andere Möglichkeiten, ganz andere Talente und Gaben als die, die wir auf Anhieb entdecken. Mit einer Schablone im Kopf, mit einem ganzen Arsenal von Schubladen, in die wir den Menschen stecken übersehen wir vielleicht das Wesentliche an ihm!
Für mich heißt das konkret: „Prüfe. Wäge ab. Schätze ein. Mach dir ein Bild, eine Meinung. Aber: Sei bereit, dich auch mal wieder davon zu verabschieden. Sei bereit, ein neues Bild zu zeichnen – wie ein wirklicher Künstler. Und sei offen für Überraschungen. Auch die guten!
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Am Tag nach Ostern läuteten in dem Ort, in dem ich lebe, die Glocken der katholischen Kirche. Ein junger Mann, grade mal 36 Jahre alt, wird zu Grabe getragen. Von einer Sekunde auf die andere ist er gestorben: Herzinfarkt, da konnten die Ärzte nichts mehr machen.
Ich sitze bei mir in der Küche und denke nach. Gestern noch habe ich im Gottesdienst über Auferstehung gepredigt, darüber, dass das Leben siegt. Und jetzt dieser tragische Tod, viel zu früh. Was würde ich seiner Frau sagen, säße sie jetzt bei mir am Tisch?
Ich denke an die Geschichte der Maria von Magdala, eine enge Freundin von Jesus. Die kann überhaupt nicht fassen, dass ihr Freund tot sein soll. Deshalb geht sie dahin, wo sie sich ihm am nächsten fühlt: Auf den Friedhof, zu seinem Grab. Aber das Grab ist leer! Jesus ist verschwunden! Sie ist entsetzt.
Da steht ein Mann. „Maria!“ sagt er zu ihr. „Bist du es, Jesus? Fragt sie, „Bist du doch nicht tot? War doch alles nur ein Albtraum, aus dem ich jetzt aufwache? Wird alles wieder wie früher?“ Maria läuft auf ihn zu, will ihn umarmen. Aber Jesus hält sie zurück„Halt!“ ruft er, „Rühr mich nicht an!“
In der Geschichte macht Jesus der Maria deutlich: „Nichts ist mehr, wie es war: Der Tod ist und bleibt grausam und endgültig. Nichts, aber auch gar nichts kann dir diesen Schrecken ersparen. Du kannst nie mehr mit mir leben, wie das früher war. Aber, ich gebe dir etwas, was dich weiterleben lässt. Ich gebe dir die Erinnerung an die Worte der Liebe, die ich dir geschenkt habe. Ich gebe dir die Erinnerung an die schönen Momente, die wir erlebt haben. Sie werden dich dankbar machen für das, was wir hatten. Ich gebe die Hoffnung, dass es ein Wiedersehen geben wird – wie auch immer das aussehen mag.
Vielleicht kann diese Hoffnung deine Bitterkeit und dein Entsetzen mildern. Nicht heute und vielleicht auch noch nicht morgen. Aber gib nicht auf. Ich bleibe bei dir und lasse dich nicht los. Heute nicht und niemals.“

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Manchmal brockt man sich im wahrsten Sinne eine Suppe ein und weiß nicht, wie man sie verdauen soll! Wie in der folgenden Geschichte:
Eine Frau kommt in das große Bistro eines Kaufhauses, geht zielstrebig mit ihren Einkäufen an den Tresen und bestellt sich eine Suppe. Sie bringt sie an einen freien Tisch, hängt ihre Tasche über den Stuhl und geht noch einmal zum Tresen, um sich einen Löffel zu holen. Als sie wiederkommt, sitzt am Tisch ein Farbiger. Der taucht still seinen Löffel in die Suppe und genießt sie offensichtlich.
Das Gesicht der Frau rötet sich vor Zorn, doch dann überlegt sie. Zögernd geht sie an den Tisch, setzt sich dazu, erwidert den freundlichen Blick des Fremden und beginnt mit ihm zusammen die Suppe auszulöffeln. Ohne Worte. Als der Teller leer ist, steht der Mann auf und verabschiedet sich mit einem kurzen „bye bye“.
Die Frau lehnt sich zurück, denkt nach. Sie schmunzelt. War das nicht wahrhaft christlich von ihr? Wie sie ihre innere Abwehr gegen den Fremden überwunden und mit ihm sogar ihre Suppe geteilt hat!
Als sie hinter sich greift um ihre Tasche zu nehmen, fährt es in sie. Ihre Tasche ist weg! „So was! Hätte sie sich ja auch denken können: „Wer sich über die Suppe fremder Leute her macht, der klaut auch Taschen!“
Sie springt auf, vielleicht kann sie diesen gemeinden Dieb ja noch erwischen, sieht sich um, und traut ihren Augen nicht. Da hängt doch- Einsam und verlassen am Nachbartisch ihre Handtasche über dem Stuhl... und auf dem Tisch davor steht ihre Suppe – unberührt!
Manchmal brockt man sich Suppen ein, von denen man nicht weiß, wie man sie verdauen soll. Super unangenehm – aber sicher auch heilsam, wenn man so weit kommt wie die Frau und es wenigstens merkt!

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Gott macht Urlaub und „Bruce allmächtig“ kriegt von Gott den Auftrag, solange seinen Job zu machen und die Welt zu regieren. Er kann alles machen, was er will. Er kann nur eins nicht: er kann nichts gegen den freien Willen der Menschen tun.
Bruce findet es toll, allmächtig zu sein und lässt jede Menge Wunder passieren. Er lässt sogar für seine Freundin den Mond größer werden. Aber: was er eigentlich will, das kriegt er nicht hin, nämlich: dass sie ihn liebt.
Verzweifelt fragt Bruce beim nächsten Treffen Gott: „Wie kann ich sie nur dazu bringen, dass sie mich liebt, und zwar frei-willig?“ Und Gott antwortet: „Willkommen in meiner Welt, Bruce, sag mir Bescheid, wenn du es rausgefunden hast!“
Was für ein Satz! Ich finde, der müsste Filmgeschichte schreiben: “Willkommen in meiner Welt, Bruce! Wie krieg ich die Menschen dazu, dass sie mich freiwillig lieben!?“
So sieht das also aus - von oben - aus der Perspektive Gottes. Der hat nun mal den Menschen mit einem freien Willen geschaffen, mit dem er sich für oder gegen die Liebe entscheiden kann. Gott will nichts weiter, als dass wir ihm vertrauen und ihn lieben. So wie Bruce sich das von seiner Freundin wünscht.
Aber wie stellt man das an, dass einen jemand liebt, wenn der nun mal einen eigenen Kopf und einen freien Willen hat?
Bei „Bruce allmächtig“ nützen alle Wunder und Tricks nichts, um seine Liebste herumzukriegen. Nicht mal der romantisch große Mond!
Gott hat deshalb auch einen anderen Weg gewählt. Er kommt uns mit seiner Liebe entgegen. Und das muss Bruce wohl noch lernen: Sich in seine Freundin hinein zu versetzen, mit ihr zu fühlen. Und das heißt doch: auf alle Machspielchen verzichten und sie einfach lieben, auch wenn er sich dabei alles andere als allmächtig fühlt. Das ist doch der einzige Weg, das Herz eines Menschen zu gewinnen: Indem wir diesen Menschen achten, ihn wahrnehmen und – na ja, ihn eben einfach lieben.
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„Wissen sie, Frau Pfarrerin, ich bin schon gläubig. So ist das nicht. Wenn ich Sie bei Beerdigungen und so predigen höre – find ich das ja immer gut. Aber mit Kirche hab’ ich nicht viel am Hut. Und Gottesdienst – nö. Da geh ich lieber morgens mit meinem Hund durch den Wald. Da kann ich auch Gott erfahren. Das ist echt wie meditieren.“ Wie oft höre ich das bei Gesprächen in der Gemeinde.
Nein, ich sag dann natürlich nicht zu den Leuten, dass sie sich als Waldfan bitte schön auch vom Oberförster beerdigen lassen sollen, denn natürlich ist so ein Gang durch die Natur etwas Besonderes und kann auch tatsächlich etwas Meditatives haben!.
Aber warum gehen dann trotzdem jeden Sonntag etwa 1.5 Millionen Evangelische in Deutschland in den Gottesdienst und nicht in den Wald? Mich eingeschlossen?
„Sie müssen das ja auch. Sie sind ja die Pfarrerin“, sagen meine Konfirmanden. Klar haben sie damit Recht. Aber es gibt ja Gründe, warum ich Pfarrerin geworden bin: Und einer dieser Gründe ist, dass für mich in der Gemeinschaft derer, die Gottesdienst feiern, etwas Besonderes passiert.
Dass man dieses Besondere nicht immer auf Anhieb entdeckt, wenn man neu dazu kommt, kann ich gut verstehen: Es gibt eine andere Sprache, es gibt Lieder, die man vielleicht nicht kennt. Da sind Menschen, mit denen man sonst vielleicht nichts zu tun hat. Es braucht ein bisschen Geduld, um wirklich hier anzukommen.
Aber: Es tut – zumindest mir selbst und vielen hunderttausenden anderer Menschen einfach gut. Gemeinsam zu singen, zur Ruhe zu kommen, etwas zum Nachdenken mit nach Hause nehmen und Gott alles anzuvertrauen, was einem auf dem Herzen liegt- wo gibt es das sonst. Und außerdem: Wenn ich selbst nicht beten kann, weil mich der Zweifel drückt oder was auch immer, dann sind andere da, die für mich mitbeten, die mich mittragen und sich mit mir freuen, wenn ich was Tolles erlebt habe. Und ehrlich: Das passiert mit den Leuten, die ich vielleicht zufällig im Wald treffe, nun mal nicht!
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Hokus-Pokus, … der Zauberer schwingt seinen Zauberstab, kehrt dem Volk den Rücken zu und – plötzlich hüpft ein Kaninchen aus dem Zauberhut!
War das für mich als Kind immer spannend, wenn der große Magier auftrat, geheimnisvoll gekleidet seine magische Formel sprach und der Trick dann auch noch immer funktionierte! Magie eben! Hokus pokus.
Wissen Sie, woher das Wort „Hokus Pokus“ kommt? Nein, es ist keine keltische Lautverschiebung oder eine mittelhochdeutsche Sonderform von irgendwas. Es stammt aus dem Gottesdienst und ist schlicht ein Hörfehler. Und das kam so.
Im Mittelalter sprach der Priester in der Messe alles auf Latein- auch die Worte beim Abendmahl. Dabei stand er - in prachtvollem Ornat – mit dem Rücken zur Gemeinde, das Gesicht zum Altar gewandt. Er sprach leise die geheimnisvollen Worte, die im katholischen Glauben die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi vollziehen: „Hoc est corpus meum“, zu deutsch „dies ist mein Leib“ Und die einfachen Leute im Mittelalter, die Latein, die Sprache der Gebildeten nicht kannten, die hörten eben beim „hoc est corpus“ immer „hokus pokus“. Und da ja offensichtlich etwas Geheimnisvolles, etwas Magisches geschah, wurde der Begriff in die Zauberei übernommen.
Etwas Geheimnisvolles geschieht ja tatsächlich im Abendmahl, denn immer wenn Christinnen und Christen Brot und Wein miteinander teilen, wird Christus in ganz besonderer Weise in ihrer Mitte gegenwärtig. Geheimnisvoll - ja. Magisch jedoch nicht, kein fauler Zauber, keine Tricks, – kein hokus pokus.
Wenn wir in unserer Gemeinde Abendmahl feiern, stehen wir dabei im großen Kreis, reichen uns nach dem Mahl die Hände, schauen einander in die Augen und wünschen uns Frieden. Dann ist für uns Christus tatsächlich da, und ein Gefühl von Zuneigung und Freundschaft, ja, die Vorstellung, zu einer großen Familie zu gehören. Und deshalb bleibt das Abendmahl für Christinnen und Christen immer etwas ganz Besonderes.
Ich finde, das ist dann wirklich eine bezaubernde Vorstellung. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1191
Sagt ein Pfarrer zum andern: „Du, in meiner Kirche sind so viele Fledermäuse. Die werd ich einfach nicht los!“ sagt der zweite: „Mach’s wie ich: Ich habe sie getauft und konfirmiert. Seitdem sind sie in der Kirche nicht mehr zu sehen!“
Ob’s mir das nach dem heutigen Tag auch so gehen wird wie diesem Pfarrer? Denn gleich ist es soweit: Die ersten sechs Jungs meiner Konfirmandengruppe treten zur Konfirmation an den Altar und sprechen zusammen mit der Gemeinde das Glaubensbekenntnis. Danach werde ich sie feierlich fragen: „Wollt ihr versuchen, euren Weg mit Gott zu gehen?“ Und sie werden auf meine Frage mit „Ja“ antworten. Alle werden es hören, die Gemeinde, ihre Verwandten, und ihre Freunde. Spannend. Für die Jugendlichen und für alle, die dabei sind.
Konfirmation kommt vom lateinischen „con-firmare“ und bedeutet unter anderem: Einen Vertrag bekräftigen, gültig machen.
Und darum geht es: In der Taufe, die bei uns hier ja in der Regel geschieht, wenn Kinder noch sehr klein sind, sagt Gott zu diesem Baby: Du bist mein geliebtes Kind. Ich will deinen Lebensweg mit dir gehen. Das verspricht Gott wie in einer Art Vertrag.
Bei der Konfirmation machen die Jugendlichen dann diesen Vertrag von ihrer Seite aus gültig. Und zwar nach 1 ½ Jahren intensiven Konfirmandenunterrichtes, in dem sie vieles rund um die Bibel und den christlichen Glauben lernen, Spaß miteinander haben und hoffentlich auch erkennen können, dass Gott tatsächlich etwas mit ihrem Leben zu tun hat.
Und heute ist in unserer Gemeinde ihr Tag, an dem sie das feiern.
Ich hoffe, unsere Konfirmanden in diesem Jahr machen’s nicht so wie die Fledermäuse, und fliegen danach nicht einfach auf und davon. Ich hoffe, wir sehen uns in der Jugendgruppe wieder.
Auf jeden Fall gratuliere ich euch und allen, die heute und in den nächsten Wochen konfirmiert werden. Und ich wünsche euch Gottes Segen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1190