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SWR3 Gedanken

Kinder spielen nur am Computer und engagieren sich viel zu wenig. Stimmt nicht! Klar ist der Computer wichtig geworden, klar wird damit auch gezockt, aber nicht nur. Für viele Kinder gehört er zum Alltag und wird nicht nur als Spielzeug verstanden, sondern gezielt und engagiert eingesetzt.
Nanning Honsel hat mit 13 Jahren eine Website gebaut. Nicht um zu spielen, sondern um etwas großes zu Erreichen. Denn er hat einen Freund, den er nicht verlieren möchte: Moghin. Vor drei Jahren mußte Moghin aus Afghanistan fliehen. Seinen Vater und seine Mutter hatte man getötet. Ebenso zwei Geschwister. Den Onkel hatte man mit dem Tod bedroht. Wie durch ein Wunder gelang es Moghin nach Deutschland zu kommen. Aber obwohl Nannings Familie ihn bei sich aufnehmen und finanzieren würde, musste er im Asylbewerberheim bleiben, wartete und wartete. Dass ein Gericht entscheidet ob er bleiben darf oder abgeschoben wird. „Das macht ihn völlig fertig“ sah der 13jährige Nanning und versuchte zu helfen: www.ich-werde-abgeschoben.de war sein Hilferuf. Einer von vielen Bausteinen, um die Abschiebung zu verhindern, um sich für den Freund einzusetzen.
Als ich zum Jahresende die Website besuchte, durfte ich mich freuen:
GOOD NEWS – stand dort - Ich werde nicht mehr abgeschoben. Moghim hat einen Abschiebestopp bekommen. Wir danken allen Freunden und Helfern für ihre guten Wünsche und positiven Gedanken. Ihr habt uns sehr geholfen und ermutigt. Diese Homepage wird demnächst umgestaltet und wird sich dann mit der allgemeinen Situation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen befassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=482
In Nigeria kamen vor ein paar Wochen hunderte Menschen ums Leben. Eine Pipeline in der Nähe von Lagos explodierte als Öldiebe die Leitung anzapften.
Das war meine Schuld. Ernsthaft, denn wenn ich die Reihe der möglichen Schuldigen durchgehe, lande ich automatisch bei mir:
Fangen wir mit den Dieben an, die die Pipeline anzapften. Eigentlich müßten sie schuld haben. Sie stehlen, um sich an dem Öl zu bereichern. Aber warum? Weil sie arm sind. Weil ihre Familien nichts zu essen haben. Und weil sie vom Ölreichtum ihres Landes nichts abbekommen. Sie holen sich also nur, was ihnen eigentlich zusteht.
Also müßte die Regierung schuld sein. 2 % der Bevölkerung kassiert schließlich den ganzen Ölreichtum für sich. Nigeria ist ein korruptes Land. Aber diese Regierung wird von der internationalen Gemeinschaft als Regierung akzeptiert. In Nigeria marschieren keine UN-Truppen ein. Der nigerianische Präsident hat ausserdem den Ölfirmen den schwarzen Peter zugeschoben. Sie sollen eben die Leitungen besser schützen.
Kommen wir also zu den Ölfirmen – Die kümmern sich ja wohl nicht genug um die Menschen im Land oder darum was denen passiert.
Nein, steht auf der Homepage, eines der Konzerne, die in Nigeria aktiv sind: „Unser Konzern hat in Nigeria allein 2005 32 Millionen Dollar für Entwicklunshilfeprojekte ausgegeben.“ Der Konzern ist sich seiner Verantwortung für das Land bewußt. Aber man müsse auch sehen, dass der Verbraucher billiges Öl will.
Bleibt als Schuldiger nur noch einer übrig: Ich. Ich muß schuld sein. Denn ich tanke Benzin. Und das will ich möglichst billig tanken. Also vielleicht auch Benzin aus Nigeria. Und ich merke: Die Welt ist so miteinander verwoben, dass jeder immer ein bißchen Schuld trägt – auch wenn er die gerne auf andere abschiebt. In gewisser Weise sprengt mein Verhalten in Nigeria Leitungen. Wie wäre es, wenn sich jeder seinen Teil Schuld eingestehen würde? Vielleicht der erste Schritt, damit sich etwas verändert.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=481
11JAN2007
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Muslime – dazu fällt meinen Schülern ein: Allah, Koran, Prophet Mohammed, Fasten im Ramadan, Almosengeben und nach Mekka Pilgern.
Mit diesen Begriffen glauben sie die ganze Bandbreite des muslimischen Glaubens abgedeckt zu haben. Und sind ganz erstaunt, wenn ich Ihnen sage, dass Muslime so vielfältig glauben wie Christen. So wie es Katholiken und Evangelische gibt, gibt es z.B. Sunniten und Schiiten. Diesen Unterschied gibt es schon seit dem Tod des Propheten Mohammed. Der hatte nämlich keinen Nachfolger bestimmt. Und er hatte auch keine männlichen Nachkommen. Wer sollte jetzt sein Nachfolger werden und die muslimische Gemeinde leiten? 4 Männer standen zur Auswahl: Abu Bakr, der Schwiegervater des Propheten Mohammed und sein langjähriger Freund.Umar ibn al-Chattab, ein redebegabter Kriegsstratege. Uthman ibn Affan, einer von Mohammeds größten Kritikern, der gerne einiges anders gemacht hätte und Ali ibn Abi Talib, ein Vetter des Propheten Mohammed. Er hatte sich schon mit 9 Jahren zum Islam bekannt.
Wer sollte der Nachfolger werden? Eine Mehrheit der Muslime sagte: laßt uns wählen. Wer die meisten Stimmen kriegt, weil er am besten geeignet ist, der soll uns führen. Und so wählte die Mehrheit, die sich Sunniten nannte, Mohammeds Schwiegervater Abu Bakr.
Die Minderheit wünschte sich Ali. Ihr Argument: Ali ist nicht nur der Beste, es ist auch der Wille Gottes, dass er die Muslime anführt. Man kann den Prophetennachfolger nicht einfach wählen. Gott muß ihn bestimmen. Schiiten nannten sie sich. Das heißt übersetzt Partei Alis. Diesen Unterschied gibt es noch heute: Die Sunniten, die - wie in der Türkei - kein Problem damit haben eine Regierung zu wählen. Und die Schiiten, die z.B. im Iran neben einem Präsidenten einen religiösen gottgewollten Führer bestimmt haben. Beides Muslime – und doch liegen Welten zwischen ihnen.
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10JAN2007
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2007 ist 10 Tage alt. Und schon sind wieder 100.000 Menschen an Aids gestorben. Weltweit gibt es bereits 14 Millionen Kinder, deren Eltern wegen Aids tot sind. 900.000 davon leben in Tansania. So wie Remigius, Lea und Adeltus. Remigius ist mit 17 Jahren Familienoberhaupt. Seine kleine Schwester Lea kann sich kaum noch an die Eltern erinnern: „Als ich drei war starben sie,“ erzählt die heute 13jährige. In ihrer kleinen Hütte gibt es keinen Stuhl. Der Fußboden ist mit getrocknetem Gras ausgelegt. Die Wände sind mit selbstgemalten Bildern, Postern und Zeitungen verklebt. Erst half noch eine Tante, aber die ist jetzt auch fort. Remigius und seine Geschwister besitzen eine kleine Parzelle Land. Dort bauen sie Mais, Manjok und Bananen an. Leute aus dem Dorf helfen den Kindern so gut es geht. Die drei können sogar eine Schule besuchen. Alleine hätten sie das aber nicht geschafft. Es gab genug skrupellose Menschen, die den Kindern das Land abnehmen wollten. Und womit hätten sie dann die Schule bezahlen sollen?
Geholfen hat die Kirche in Tansania. Nicht mit Spenden oder Nahrungsmitteln, sondern mit einem Rechtsanwalt. So konnten die Kinder ihre Rechte beim Landbesitz durchsetzen. Der Landbesitz ist der erste und wichtigste Schritt. Damit können die Kinder sich versorgen. Aber was fast noch wichtiger ist: Das Gefühl, nicht alleine zu sein. Zu spüren, dass es anderen genauso geht. Nach dem Verlust der Familie wenigstens die Kirche als christliche Gemeinschaft erleben zu dürfen. Mit der Kirche eine Anlaufstelle zu haben wo man Hilfe bekommt. „Wir haben natürlich kein Auto, um unsere Ernte zum Markt zu bringen. Aber die Leute helfen uns.“ und dafür ist Remigius dankbar.
(Zusatzinfo fürs Internet: Das deutsche Hilfswerk missio unterstützt Aidswaisen in Tansania. Zum Beispiel indem es hilft, die Rechte der Kinder zu vertreten. Mehr Infos unter www.missio.de)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=479
09JAN2007
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HOT

von

„Kind getötet.“ „Säugling von Mutter vernachlässigt.“ Immer mehr derartige Nachrichten schrecken uns auf. Eltern härter bestrafen? Kinder früher aus Familien herausnehmen?
Das setzt alles viel zu spät an. Man muß präventiv tätig werden. Überforderten Familien muß schon ganz früh geholfen werden. So wie bei der alleinerziehenden Manuela. „Unser Leben sah katastrophal aus. Das Schlafzimmer konnte man gar nicht mehr betreten. Überall Wäsche, Altkleider, Spielzeug,“ gibt die Mutter einer achtjährigen Tochter freimütig zu. Hygiene, Ernährung, Einkaufen, Umgang mit Geld – alles ging drunter und drüber. Andere Probleme, Streit mit dem Partner, Arbeitslosigkeit und Schulden nahmen jede Energie für den Haushalt. Wenn man gar nicht mehr weiß wo man anfangen soll fängt die Verwahrlosung an. Die Caritas wurde auf die Probleme von Manuela aufmerksam. Und machte mit ihr ein HOT. Ein Haushalts-Organisations-Training. Brunhilde, eine ausgebildete Familienpflegerin, sollte Ordnung ins Chaos bringen. Brunhilde hätte natürlich innerhalb von einigen Tagen die Wohnung auf Vordermann bringen können, aber wie lange hätte das angehalten? Das Verhalten von Manuela mußte sich ändern. Und das muß mühsam eingeübt werden. Bis es Ordnung im Schlafzimmer gab dauerte das fast vier Monate. Ein ganzes Jahr lang kam Brunhilde regelmäßig ins Haus. So lange, bis Manuela in der Lage war, wirklich ihre Verantwortung als Mutter wahrzunehmen. Solange, bis ihre Tochter von der Schule auch dann in eine saubere Wohnung kam und Essen bekam wenn Brunhilde nicht da war.
HOT ist sehr anstrengend. Und HOT kostet Geld und Personal. Aber es zeigt erste Erfolge. Und es ist trotz des großen Aufwands deutlich billiger als Eltern irgendwann einsperren zu müssen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=478
08JAN2007
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Träume können wichtig sein. Der ägyptische Pharao ahnt das. Vor allem nach diesem Traum: Der Pharao sieht sich am Ufer des Nils stehen. Schaut als starker Herrscher auf sein Reich. Ist stolz auf das was er geleistet hat. Während er auf das Wasser hinausschaut steigen sieben fette, schöne Kühe aus dem Nil. Sie treten ans Ufer und gehen auf die Weide grasen. Aber hinter den fetten Kühen steigen sieben häßliche und magere Kühe aus dem Wasser. Sie treten neben die schönen fetten Kühe und fressen sie auf. Schweißgebadet wacht der Pharao dann auf. Er könnte den Traum beiseite wischen: Dummes Zeug. Kühe, die Kühe fressen. Aber er weiß: Das Unterbewußtsein kann einem durch Träume etwas sagen. Selbst kommt er aber nicht auf den Dreh was das sein könnte. Er läßt einen Traumdeuter holen: Josef. Und Josef deutet die Symbole, die der Traum hat: Der Pharao hat Angst vor der Zukunft. Angst davor, dass nach den guten Jahren seiner Herrschaft, den fetten Kühen, magere Jahre folgen. Der Pharao hat Angst, dass sein Erfolg von den mageren Jahren aufgefressen wird. Diese Angst erzeugt den Alptraum. Jetzt sieht der Pharao klarer: sein Unterbewußtsein weist ihn auf eine echte Gefahr hin. Er läßt große Scheunen bauen und Vorratslager anlegen. Damit auch in schlechten Zeiten Getreide für sein Volk vorhanden ist und die Kühe nicht Not leiden müssen. Und als tatsächlich schlechte Zeiten kommen ist er gerüstet. Weil er seinen Traum nicht einfach als unwichtig abgetan hat. Sondern darin auf sein Unterbewußtsein hörte und weil er sich damit nicht alleine abgequält hat, sondern sich sein ungutes Gefühl deuten ließ. Was habe ich eigentlich zuletzt geträumt?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=477
Gestern waren die heiligen drei Könige bei ihr. Jetzt ist sie wieder alleine mit ihrem Mann Josef und dem Kind. Und natürlich den Geschenken. Tolle Geschenke: das Gold, super – damit sind sie finanziell abgesichert. Und Josef kann sich mit einer eigenen Schreinerei selbständig machen. Der Weihrauch – wirklich nette Geste. Normalerweise gibt es den nur im Tempel oder im Palast zu riechen. Duftet wie die Pforten des Himmels. Weihrauch hätten sie sich nie leisten können. Aber was hat sich der üppig gekleidete König bloß mit der Myrrhe gedacht? Myrrhe ist eine dicke Flüssigkeit. Sie tritt aus dem Balsambaum aus, wenn man die Baumrinde anschneidet. Der ölige Saft wird an der Luft schnell fest und bildet weiß-gelbe Tränen, die beim Trocknen rot werden. Flüssig nutzt man Myrrhe heute noch in der Medizin. Sie hilft bei entzündetem Zahnfleisch, weil sie desinfiziert und die Heilung fördert.
Zur Zeit Jesus verwendete man Myrrhe zur Bestattung. Der Leichnam mußte mit Myrrhe eingerieben werden, um ihn widerstandsfähiger zu machen.
Myrrhe ist also gut für Medizin und Bestattung. Als Geschenk zur Geburt hinterläßt das einen bitteren Beigeschmack. Bringt man einem Neugeborenen als erstes Medizin mit, oder gleich was zur Beerdigung? Kein Wunder, dass der Wortstamm von Myrrhe („murr“) „bitter“ bedeutet.
Maria kommt ins Grübeln: Vielleicht ahnt sie etwas davon, dass Jesus einmal die Menschen heilen wird und seine Gegner ihn dafür töten werden. Vielleicht ist es das, was der dritte König schenken wollte. Die Gabe, der Realität ins Auge zu blicken. Weihnachten nicht als Friede, Freude Eierkuchen zu begreifen, sondern als Beginn eines schönen, aber auch leidvollen Weges Gottes mit den Menschen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=476