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SWR2 Wort zum Tag

Am Samstagabend haben wir oft Gäste zum Abendessen. Der ganze Tag ist dann von den Vorbereitungen geprägt. Menü planen, einkaufen, Wohnung auf Vordermann bringen. Alles, damit unsere Freunde sich bei uns wohl fühlen. Mich stresst das immer etwas, weil ich ein guter Gastgeber sein möchte. Und oft habe ich doch das Gefühl, dass ich noch etwas Wichtiges vergessen habe, was im Haus sein muss, wenn unsere Gäste mal einen ausgefalleneren Wunsch haben. Aber wenn alles klappt, dann ist es doch ein schönes Gefühl als Gastgeber. Wenn ich den Rahmen dafür schaffe, dass meine Freunde aus ihrem Alltag herauskommen, sich umsorgen lassen können und so einen schönen Abend genießen. Gastgeber-Sein hat für mich eine besondere Qualität.

Das wissen auch die Autoren der Bibel. In ihren Erzählungen wird es sogar zu einem maßgeblichen Kriterium: Wer ein guter Mensch sein will, muss ein guter Gastgeber sein. Als Gott das Strafgericht über die Städte Sodom und Gomorrha kommen lässt, will er vorher wissen, ob es dort nicht doch auch gute Menschen gibt. Er prüft das, indem als Gast dort einkehrt. Allerdings erlebt er eine bittere Enttäuschung. Die Gastgeber missbrauchen ihr Gastrecht. Sie lassen zu, dass die Bürger der Stadt sie bedrängen und ihre Freiheit missachten. Mit Ausnahme von Abraham und seinem Neffen Lot. Sie empfangen Gott nicht nur und verpflegen ihn, sie schützen ihren Gast auch vor Angriffen und Gefahren, während er in ihrer Obhut ist. Deshalb werden sie am Ende, beim Strafgericht über Sodom und Gomorrha auch verschont.

Im Neuen Testament hat die Gastfreundschaft noch eine größere Bedeutung. Jesus erzählt, wie ein Fremder aus Samaria sich für einen verletzen Mann einsetzt, der überfallen wurde. Er kümmert sich um den Verletzten, bringt ihn in Sicherheit und bezahlt für seine Unterkunft bis er wieder gesund ist. Ob ein Mensch ein guter Mensch ist, zeigt sich auch hier daran, wie er den als Gast aufnimmt und behandelt, der Schutz braucht. Das Gastrecht ist der Bibel heilig. Es endet nicht bei einer guten Versorgung, sondern bedeutet auch, dass ich als Gastgeber umfassenden Schutz biete.

Wenn ich also heute Abend Gäste empfange und bewirte, dann ist das auch wie eine kleine Übung, mich als guter Mensch zu erweisen. Weil ich mich um den anderen kümmere, der sich in meine Obhut begibt. Eine heilige Pflicht.

Wenn ich in den Augen Gottes ein guter Mensch sein will, hört das aber nicht bei meinen Freunden und Bekannten in meinem Wohnzimmer. Es betrifft auch die Menschen, die zu Gast in meiner Stadt und in meinem Land sind. Unter meinem Schutz und in meiner Obhut.

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Meine Schüler und ich lesen im Religionsunterricht gerade einen spannenden Roman: „Die Hütte“ von William Paul Young. Wir lesen jede Woche ein Stück weiter und können manchmal kaum erwarten, wie es weitergeht.

Die Hauptperson des Romans ist ein Familienvater, der durch ein Gewaltverbrechen die jüngste Tochter verloren hat. Nach Jahren der Trauer bekommt er eine Einladung, ein Wochenende in der Hütte zu verbringen, in der das Verbrechen stattgefunden hat. Das Merkwürdige dabei ist: Die Einladung stammt von Gott. Der Mann zweifelt an seinem Verstand deswegen, fährt aber aus Neugier hin und lernt tatsächlich Gott kennen und arbeitet mit ihm sein Leid auf.

Uns beschäftigt im Unterricht, wie in diesem Roman Gott beschrieben wird. Jesus spielt dabei mit. So wie wir ihn uns vorstellen. Der Heilige Geist ist eine asiatische Frau. Gottvater wird zwar als „Papa“ angesprochen, er zeigt sich allerdings als afroamerikanische Frau, die Gastgeberin für das Wochenende ist. Gott steht in der Küche und sie kocht hervorragend. Und beim Kochen reden sie und der eingeladene Vater darüber, wie die Welt entstanden ist, wieso Menschen und Tiere leiden müssen, und auch darüber, dass es Gott nicht egal ist, wenn andere leiden.

Gott als Mann oder als Frau – darüber habe ich bisher nur abstrakt diskutiert oder in theologischen Büchern gelesen. Und hier steht Gott als Frau in der Küche und kocht. Die Frau ist zwar wieder mal im Klischee der Hausfrau und Köchin gezeichnet. Aber diese Frau ist so voller Lebensfreude und Kraft, dass das über das Klischee hinaus geht. In der Küche stehen und für andere kochen ist schließlich etwas, was Kraft gibt und Gemeinschaft stiftet. Und mir gefällt es, wie das Göttliche sich dabei von der weiblichen Seite zeigt: Souverän und gleichzeitig einfühlsam. Für mich passt das wunderbar zu dem, wie Gott in der Bibel dargestellt wird. Da wird er nämlich von Anfang an mit menschlichen Zügen beschrieben und mit dem Menschen verglichen als seinem Ebenbild: männlich und eben auch weiblich. Dieses Bild des weiblichen Gottvaters, das Souveränität verkörpert und voller Lebensfreude ist, nehme ich gerne mit in mein Gottesbild auf.

Heute ist der Internationale Tag der Frauen. Ich habe damit bisher immer den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung verbunden. Heute will ich einen anderen Akzent setzen, der über dieses wichtige Anliegen hinausgeht.  Ich feiere mit den Frauen die Lebensfreude, die vom Weiblichen ausgeht. Ihre Stärke, mit der sie einfühlsam und souverän im Leben stehen.

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Welches Leben ist lebenswert? Eine komplizierte und schwer zu beantwortende Frage. Eine Frage, die sich mir wieder aufgedrängt hat. Durch die Krankenhausserie Charité.

Derzeit läuft die zweite Staffel im Fernsehen. Sie spielt in den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs in Deutschlands berühmtestem Krankenhaus. Gezeigt werden nicht nur Menschen und ihre Schicksale. Erzählt wird in der Serie auch von den Auswüchsen der nationalsozialistischen Medizin.

Es sind wahrhaft dunkle Zeiten. Ärzte, die einmal ihre Arbeit voller Idealismus für Kranke angetreten hatten, sie werden jetzt zu Handlangern der NS-Rassengesetze. Sie werden zu Wegbereitern und Mittätern einer menschenverachtenden Medizin. Statt Leben zu retten, werden Behinderte und Kranke, Homosexuelle oder politisch Andersdenkende aus dem ‚Volkskörper‘, wie es heißt, ‚ausgesondert‘. Leben wird in lebenswertes und unwertes Leben unterschieden.

Nach christlicher Überzeugung ist diese Unterscheidung grundfalsch. Menschen sind überall und unter allen Bedingungen gleich viel wert. Davon erzählen etwa die biblischen Schöpfungsgeschichten. Hier ist der Mensch gut, „sehr gut“ sogar. In Gottes Augen ist der Mensch unendlich wertvoll. Ohne Wenn und Aber. Unabhängig davon, was er leistet, kann oder weiß, ob er gesund oder krank ist.

Viele Christen haben diese Überzeugung immer wieder vergessen. Sie haben etwa auch im Nationalsozialismus die Ideologie über den Glauben an den Wert eines jeden Menschen gestellt. Und bis heute gibt es genug Christen, die Leben unwürdig behandeln. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass jedes Leben vor Gott gleich viel zählt – nämlich alles.

Charité ist deshalb nicht nur eine Serie über ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte. Sie stellt auch die Frage, wie denn heute mit Menschen umgegangen wird. Kann es sein, dass Flüchtende im Meer ertrinken, dass sich jedes Jahr zehntausend Menschen selbst töten, dass Tausende zu Opfern im Straßenverkehr werden? Denn hier zeigt sich doch in ganz unterschiedlichen Situationen, dass das Leben nicht genug gewürdigt wird. Und mir stellt sich die Frage, was ich tue, dass klar wird: Jeder Mensch ist unendlich wertvoll, jedes Leben ist lebenswert.

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„Asche auf mein Haupt“ heißt es manchmal etwas flapsig, wenn sich jemand für eine blöde Bemerkung, für etwas Dummes entschuldigt.

Im Begriff Aschermittwoch steckt dem Kern nach genau das: Dass sich Menschen ganz bewusst mit dem auseinandersetzen, was falsch gelaufen, wo sie schuldig geworden sind. Die Asche ist dafür ein Symbol. Ausgebranntes Holz hinterlässt nur noch Asche. Hier gibt’s keinen Funken Feuer mehr. Nur noch verbrannte Reste. So wie blöde Bemerkungen, unüberlegte Handlungen, so wie etwas Dummes dafür sorgt, dass etwa aus ist. Eine Freundschaft, die zerbricht, ein Vertrauen, das zerstört wird. Dass nur noch Asche zurückbleibt.

Der Aschermittwoch ist ein alter kirchlichen Tag. Ein Tag, an dem sich Christinnen und Christen Asche aufs Haupt streuen. Genauer: An dem ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet wird. Die Asche steht für Buße und Besinnung. Aber auch: Für Reinigung und Erneuerung. Wer einen Ofen hat, der weiß: Das beste Reinigungsmittel ist Holzasche. Mit ihr wird jede Ofenscheibe wieder blitzeblank.

Besinnung und Reinigung, der Blick zurück und die Hoffnung nach vorne bestimmen den Aschermittwoch. Heute sind es genau 40 Tage bis Ostern, wenn man die Sonntage abzieht. Aschermittwoch und Ostersonntag klammern diese 40 Tage. Sie werden traditionell als Fastenzeit bezeichnet. Eine Zeit der Besinnung, der Buße, des Verzichts – um am Ende wartet mit Ostern ein starkes Fest. Feste, so die Überzeugung dahinter, brauchen Vorbereitung, brauchen eine Einstimmung. So wie die 40 Tage vor Ostern.

Das Fasten am Aschermittwoch und in der Fastenzeit ist so eine Einstimmung. Traditionell wird dabei auf Fleisch verzichtet. Hier geht es aber nicht um vegetarische Ernährung, sondern um einen symbolischen Abschied von allem Körperlichen, von allem Fleischlichen. Damit der Kopf frei wird, der Geist Raum zum Denken bekommt.

Heute wird die Fastenzeit deshalb von vielen als Zeit für Verzicht verstanden. Im Kern aber geht es um mehr: Die Fastenzeit ist eine Zeit, in der ich zwischen zwei großen Festen, zwischen Karneval und Ostern, fragen kann, was mir eigentlich im Leben wichtig ist. Wo ich bei mir selbst klären kann, wo ich Asche auf mein Haupt lade – und wo ich anders und neu werden kann.

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Was wäre wenn heute nie vorbeigehen würde? Wie sich das ja manche in diesen tollen Karnevals-, Fassenachts-, Fasnetstagen wünschen. Oder noch besser: Was wäre, wenn man ewig leben würde, immer wieder Karneval feiern könnte? Das klingt auf den ersten Blick fasziniert: Wer ewig lebt, hat immer den größten Teil seines Lebens vor sich.

Ich halte das für eine gruselige Vorstellung. Denn ewig leben, das heißt auch: Nichts hat wirklich Bedeutung. Denn ich kann alles immer noch morgen und übermorgen machen. Ich muss mich nie entscheiden. Ich brauche nicht zu wählen. Weil immer alles noch möglich und machbar ist. Heute anfangen, eine Sprache zu lernen? Kann ich morgen oder in tausend Jahren immer noch machen. Heute mich entschuldigen, weil ich jemanden gekrängt habe? Da habe ich noch hunderttausend Tage Zeit für.

Erst wenn mein Leben endlich ist, wenn meine Lebenszeit begrenzt ist, kann ich jede Sekunde, jede Minute, jeden Tag auskosten. Erst dann bekommt jeder Moment Bedeutung. Ist wichtig. Und wesentlich.

Sicher: Als Jugendlicher war mir das nicht bewusst. Da hatte ich oft genug den Eindruck, dass für alles noch genug Zeit ist. Dass ich ewig Zeit habe, dass ich noch viel tun kann. Heute wird mir jeder Tag kostbarer. Ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist. Und wenn ich das tief drin in mir akzeptiere, dann kann ich auch gelassen mit mir und anderen umgehen. Dann brauche ich keine Kraft mehr dafür aufzuwenden, so zu tun, als wäre ich noch jung und hätte alle Zeit der Welt. Ich kann meine Kräfte auf anderes ausrichten: Auf den Augenblick, der jetzt da ist. Auf diesen einen, manchmal glücklichen und manchmal schmerzhaften Moment meines Lebens, den ich gerade erlebe. Und ihn annehmen.

Das erst macht doch auch den Zauber dieser tollen Karnevals-, Fassenachts- und Fasnetstage aus. Dass sie eben auch wieder vorbeigehen. Dass sie nicht ewig andauern. Sondern einen kurzen Moment, einen Blick auf ein anderes Leben, auf andere Möglichkeiten des Lebens eröffnen.

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Die drei tollen Tage. Da sind wir im Moment mitten drin. Gemeint sind die drei Tage, an denen seit langem Fasnet, Fassenacht oder Karneval gefeiert wird. Die drei tollen Tage sind erstens der Donnerstag, der kleine Fastabend, der Schmotzige, die Weiberfastnacht, zweitens der große Fastabend, der Sonntag, und drittens der eigentliche Fastenabend, der Dienstag. Der liegt vor dem ersten Fastentag, dem Aschermittwoch.

Und was ist dann mit dem Tag heute, mit Rosenmontag? Der ist ein junges Karnevalskind. Er kam erst im 19. Jahrhundert auf. Sein Name, Rosenmontag, hat seine Ursprünge im Christentum. In der Ordnung der Liturgie, der Gottesdienste.

Ein Sprung zurück in die Geschichte. Im 11. Jahrhundert wird der vierte Fastensonntag als Laetare-Sonntag bezeichnet. Das Gebet am Anfang des Gottesdienstes beginnt mit dem lateinischen Wort Laetare. Deshalb der Name. Laetare heißt Freue Dich und die Freude wurde darauf bezogen, dass dieser Sonntag genau in der Mitte der Fastenzeit liegt. Weil jetzt die Fastenzeit schon zur Hälfte geschafft war, wurde an diesem Tag das strenge Fasten ausgesetzt. Es gab eine Art Wiederholung von Karneval und Fasnet. An Laetare durften alle nach Herzenslust essen, trinken und feiern.

Am Laetare-Sonntag weihte der Papst außerdem jedes Jahr eine goldene Rose. Deshalb hieß dieser Sonntag auch Rosensonntag. Der Grund für diesen Brauch? Die Rose gilt als Symbol für Jesus. Die Weihnachtslieder „Es ist ein Ros’ entsprungen“ und „Maria durch ein Dornwald ging“ greifen das auf. Die Dornen der Rose stehen für das Leiden und Sterben Jesu, das Gold der Blüte aber für seine strahlende Auferstehung.

Auch der Montag steht in der Mitte zwischen den beiden Hauptfassnachtstagen Sonntag und Dienstag. Deshalb wanderte die Rose als Zeichen der Mitte auch auf den Karnevalsmontag. Nach und nach setzte sich vor allem im Rheinland der Name Rosenmontag durch.

Die Rose wandelt sich hier zu Symbol der Mitte: Zwischen Dornen und Blüte, zwischen Fest und Fasten, zwischen Besinnung und Ausgelassenheit.

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