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SWR2 Wort zum Tag

Die Welt ins Gebet nehmen, ganz praktisch, das ist die Grundhaltung der französischeb  Sozialarbeiterin und Mystikerin  Madeleine Delbrel. Ihr Leben und auch ihre Text zeigen eindrucksvoll, dass Christsein eine Lebenskunst  ist. Keine Ansammlung von frommen Sprüchen oder kirchlichen Lehren, kein Moral-Paket zum anständigen Leben. Nein: Nach der Erfahrung Madeleine Delbrels ist es ein einziges Glück, nämlich die Erfahrung, geliebt zu sein und aus dieser Liebe heraus jeden Tag tiefer zu gestalten. Dabei spielt eine Unterscheidung eine wichtige Rolle, nämlich die zwischen Hoffnung und Sehnsucht. Wer kennte sie nicht, die Sehnsucht und das innere Wunschkonzert, das Ersehnen und Erträumen von Dingen, die uns fehlen. Hoffnung aber, so betont Madeleine Delbrel, ist etwas  Anderes. Die nämlich hat einen Grund. Sie gründet in einem Versprechen. Wer hofft, weiß von einer  verlässlichen Zusage. Er lebt aus einer Verheißung. Mit den Worten von Madeleine Delbrel:  „Hoffen heißt mit vollem Vertrauen auf etwas zu warten, was man nicht kennt, aber es von jemanden zu erwarten, dessen Liebe man kennt. In dem Maße, in dem man hofft, empfängt man.“ Sehnsucht behält etwas romantisch Unklares und auch Verklärendes. Das geht bis in die Träume und Traumbotschaften. Eine ganz kostbare Sprache unserer Bedürftigkeit. Aber im Hoffen haben wir schon einen Grund, unser Lebensschiff ist schon vor Anker gegangen, und die stürmischsten Wellen können es nicht mehr losreißen. Hoffnung ist also die Schwester des Glaubens und der Liebe, und nicht zufällig spricht man von theologischen Tugenden. Etwas, das wir nicht machen können, das aber zum Geschenk der Christwerdung gehört. Mit Madeleine Delbrel ist es eine Frage wert, warum heutzutage so viel von Sehnsucht gesprochen wird und so wenig von Hoffnung. Madeleine Delbrel jedenfalls lebt ganz aus dieser Hoffnung und bringt sie unter die Leute.  Der Grund dafür ist ihre Gottes-Entdeckung, ein umwerfendes Glück, eine befreiende Erfahrung. Eine solche Entdeckung wünsche ich  auch Ihnen, z.B. für dieses Wochenende.

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Den Alltag ins Gebet nehmen, das ist jene christliche Lebenskunst, die bei der französischen Mystikerin Madeleine Delbrel zu lernen ist. Sie sitzt z.B. in der U-Bahn in Paris und schaut auf die Gesichter derer, die mit ihr unterwegs sind. Sie entdeckt in ihnen das Angesicht Christi, der ja gesagt hat: „Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Entsprechend nimmt Madeleine im später geschriebenen Text diese Situation ins Gebet mit folgenden Worten: „Herr, gib wenigstens, dass die Dickhäutigkeit, die mich prägt, dir kein Hindernis ist. Gehe durch mich hindurch. Meine Augen, meine Hände, mein Mund sind dein. Diese so traurige Frau mir gegenüber: Hier ist mein Mund, damit du ihr lächelst. Dieses vor lauter Bleichsein fast grau Kind, hier meine Augen, damit du es anschaust. Dieser so müde, so müde Mann: hier ist mein ganzer Leib, damit du ihm meinen Platz gibst und meine Stimme, damit du ihm leise sagst: 'Setz dich'“. Sie weiß sich von Christus gesandt, sie schlüpft sozusagen in seine Rolle und will den geplagten Mitmenschen etwas von der Güte Christi selbst vermitteln. „Wo keine Liebe ist, bringt Liebe, so werdet ihr Liebe finden“. Das ist ihr Motto. Gottesglaube ist ihr kein Privatbesitz, sondern ein Auftrag und eine Mission. Sie weiß sich selbst unendlich beschenkt, und diesen Schatz gilt es unter die Leute zu bringen – aber nicht durch fromme Sprüche oder spirituelle Kraftanstrengungen, sondern schlicht durch das eigene Verhalten und Dasein. In jedem Augenblick des Tages können wir, davon ist Madeleine Delbrel überzeugt, etwas von der Haltung Jesu gegenwärtig werden lassen. In einem ihrer Texte meditiert sie den Besuch in einer Disco – schreibt betend: „Durch unsere armselige Erscheinung, durch unsere kurzsichtigen Augen, durch unsere Liebe-leeren Herzen wolltest du all diesen Leuten begegnen, die gekommen sind, die Zeit totzuschlagen“. Sie weiß sich gesandt und beauftragt, hier und jetzt das ihr  Mögliche zu tun, damit das Gerücht von Gott nicht verloren geht und der Geist Jesu lebendig bleibt. Und immer ist diese Lebensfreude im Spiel, dieses Glück, Christin sein zu dürfen. Immer diese Überraschungslust: Alles, was uns begegnet, ist neu und will in neuem Licht gelebt, gestaltet und entziffert werden. Gerade heute.

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Madeleine Delbrel, die französische Sozialarbeiterin,  war Tag für Tag der Not armer Leute ausgesetzt. In den slumähnlichen Verhältnissen des Pariser Vorortes hatte sie es allzu oft mit Menschen zu tun,  die an den Rand geraten waren, die unter Unrecht zu leiden hatten und wie Ausschuss-Ware der Gesellschaft erscheinen konnten. Ihre Spiritualität hatte deswegen nichts mit frommen Sprüchen zu tun, sondern war illusionslos konkret und praktisch zupackend. „Gott serviert uns die Umstände nicht wie Fertig-Gekochtes, Abgeschlossenes“, schreibt sie einmal. „Er reicht sie uns so, dass wir sie vollenden, dass wir daraus seinen Willen machen können.“ Ein schönes Bild: kochen müssen wir schon selber, alle Zutaten also  so zusammenstellen, dass es schließlich schmeckt.  Von Fertiggerichten und Vorgekochtem hält  Madeleine offenkundig nicht   viel. Ihr ist die Lust am Kochen wichtig,  und auch die Arbeit damit. Ohne das Bild von der christlichen Kochkunst gesagt:  Es gilt, Stellung zu nehmen und sich einzumischen. Wir können und dürfen nicht alles als schon gegeben hinnehmen. Jeder Tag stellt uns vor Entscheidungen. Und dahinter steckt schließlich immer die Frage nach dem Sinn des Lebens. Madeleine Delbrel ist da kompromißlos, z.B. wenn sie schreibt: „Man muss in der Todesmilieu dessen eingetaucht sein, dem unser menschliches Lieben gilt: In die Verwüstungen durch die Zeit, die allgemeine Gebrechlichkeit, die Todesfälle, den allmählichen Zerfall der Zeit, aller Werte, der sozialen Gemeinschaften, unserer selbst.“ Also nicht blinde Kuh spielen, sondern mit der ganzen Realität sich konfrontieren lassen, und alles ist vergänglich. Worauf ist wirklich Verlaß?  Was schmeckt wirklich und nährt?  Woran hänge ich mein Herz, und was treibt mich um? Madeleine Delbrel hat das richtige Rezeptbuch gefunden. Sie liest das   das  Evangelium, und entziffert es in den Umständen jedes Tages. Jeder Tag stellt  ihr  alle Zutaten bereit, damit es schließlich ein  schmackhaftes Essen gibt. Aber dazu braucht es  die Kunst, das Richtige auszuwählen. Und vor allem: es gilt, auf den Geschmack zu kommen.  Den Einladungen des Evangeliums zu folgen, heißt, einen Vorgeschmack zu bekommen von dem, was uns Gott uns täglich serviert  -  banale und spannende Ereignisse,   Zutaten,  die wir zum Kochen brauchen. Etwas von dieser göttlichen Kochkunst wünsche ich  Ihnen und mir.

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Nichts scheint selbstverständlicher als das Atmen, auch jetzt. Ich brächte keinen Satz heraus, ohne die Luft, die durch mich hindurch fließt. Im Ein- und Ausatmen mache ich Gebrauch von einer größeren Wirklichkeit, ohne die ich nicht am Leben wäre. Ich gehöre damit in einen viel größeren Zusammenhang; ich bin viel mehr als ich bin. Es ist kein Wunder, dass alle Religionen das Atmen zu einem zentralen Bild der göttlichen Wirklichkeit machen. „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ - heißt es in der Bibel. Und im Kirchenlied: „Luft, die alles füllet, / drin wir immer schweben, / aller Dinge Grund und Leben / Meer ohn Grund und Ende ,/ Wunder aller Wunder..“ Die anscheinend so selbstverständliche Atmung von ganz außen zuinnerst durch uns hindurch und angereichert wieder nach draußen – wird zum Bild für das Gott-Geheimnis in uns und die Geborgenheit in Gott.

Ein- und Ausatmen prägen also auch den spirituellen Rhythmus.Die französische Sozialsarbeiterin und Mystikerin  Madeleine Delbrel  nennt diesen Rhythmus des geistlichen Lebens „Anbetung“ und „Engagement“. Die Zeit der Stille vor Gott morgens und abends umarmt den oft hektischen Tag. Aber auch den Tag über empfiehlt Madeleine Delbrel immer wieder das kurze Innehalten im Gebet. Wasserbohrungen in der Wüste nennt sie das. Wie viele Pausen gibt es den Tag über oder nur kurze Unterbrechungen. Beim Warten auf den Bus, in der Einkaufschlange vor der Ladenkasse, in der Zigarettenpause – sie war eine stramme Raucherin und da gewiss kein Vorbild. Immer wieder kräftig auf- und durchatmen  - solche Energiezufuhr tut dem Körper  gut und auch  der Seele. Solch mutige Stoßgebete helfen, den Tag und die Nacht über gut im Lot und bei sich zu sein, und in Gott. Sich diesem spirituellen Atemrhythmus so zu überlassen, wie die Vögel sich der Luft überlassen – das setzt Kräfte frei für das, was dann ganz praktisch zu tun und zu lassen ist. Einatmen und Ausatmen, Anbeten und Tun – diesen Rhythmus von „Beten und Arbeiten“ bringt die Französin in ihrer Muttersprache auf eine elliptische Spannungsformel: „Solitaire und solidaire“. Solitaire, das ist die Intimität des Gott-Einatmens, des Betens und der Anbetung, das ist das Verweilen in Seiner Gegenwart – und Solidaire meint das ganz praktische solidarische Leben mit andern Menschen und für sie. Einatmen und Ausatmen, Gottesliebe und Nächstenliebe – das ist der Kern des Christlichen. Also bewusster und tiefer einatmen und ausatmen – das wäre kein schlechter Impuls für jetzt, für diesen Tag.

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Madeleine Delbrel: Sozialarbeiterin, Schriftstellerin, katholisch und mystisch  - eine interessante Frau, vor 50 Jahren ist sie gestorben. Mit 20 Jahren hat sie die lebensentscheidende  Entdeckung gemacht. Im Rückblick schreibt sie: „Wenn ich aufrichtig sein wollte, durfte Gott, der nicht mehr strikt unmöglich war, auch sicher nicht als inexistent behandelt werden. Ich wählte deshalb, was mir am besten meiner veränderten Perspektive zu entsprechen schien: Ich entschloss mich zu beten. Dann habe ich betend und nachdenkend Gott gefunden, aber indem ich betete, habe ich geglaubt, dass Gotf mich fand, und dass er lebendige Wirklichkeit ist und dass man ihn lieben kann, wie man eine Person liebt.“  Madeleine wird eine entschiedene Christin, und das verändert ihr ganzes Leben. Sie geht aber nicht in die Mission nach Afrika oder Asien, sie bleibt vor Ort und geht in eine proletarische Vorstadt von Paris, durch und durch anti-kirchlich und marxistisch geprägt. Dort will sie als Christin einfach präsent sein  hellwach für das Leben und auch die Not der Mitmenschen, und immer das Licht christlicher Hoffnung im Herzen. . Ihre Spiritualität hat etwas zugleich Handfestes und ganz Leichtes, sehr genau analysierend und doch völlig unbeschwert. Da  sie ganz aus dem Gespräch mit Gott lebt, kann sie den Alltag ins Gebet nehmen. Und das heißt ja, auf das Wirken Gottes vertrauen im eigenen Tun und Lassen. Und überall damit rechnen, dass Gutes nicht nur Theorie ist, sondern jederzeit möglich. Derart unbekümmert und zugleich illusionslos klar, empfiehlt sich auch anderen, was ihre Haltung bestimmt.

Faszinierend ist z. B. die folgende Empfehlung von Madeleine Delbrel: „Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen, ohne die Erwartung von Müdigkeit, ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen über ihn, ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek – geht so auf die Begegnung mit ihm zu. Brecht auf ohne Landkarte; und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist, und nicht erst am Zielpunkt. Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden, sondern lasst euch von ihm finden in der Armut eines banalen Lebens.“ Christsein ist eben, das lässt sich bei Madeleine Delbrel lernen, nicht eine abstrakte Idee und auch nicht eine theoretische Überzeugung, es ist ein Lebensstil, es ist jene Leichtigkeit des Seins, die aus einem tiefen Gottvertrauen kommt. Dieses Gottvertrauen wünsche ich Ihnen und mir, nicht nur für heute.

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Ein Kollege von mir hat die Angewohnheit, sich als Jahresbegleiter einen vorbildlichen Christenmenschen auszusuchen. Mal Mutter Theresa, mal Franz von Assisi, mal Angelo Roncalli – jedenfalls eine Gestalt aus Geschichte und Gegenwart, die einem etwas zu sagen hat und übers Jahr hin Vollwertkost anbietet. In diesem Sinne möchte ich  in dieser Woche den Blick auf eine Frau richten, die vor bald 50 Jahren in Paris gestorben ist: Madeleine Delbrel.  Mit 20 Jahren entdeckte sie die Lust am Christwerden, und noch in den letzten Notizen vor ihrem Tod unterstreicht sie, das sei das Glück ihres Lebens  geblieben. Die ganze Welt ins Gebet nehmen – so könnte man ihr Lebensmotto zusammenfassen. Jeden Tag als eine überraschende Botschaft Gottes interpretieren, jeden Tag neu sich überraschen lassen von dem, was auf uns zukommt, und das im Lichte Gottes gestalten – das sei ihre Freude und oft auch ihre Not. Nichts war ihr mehr zuwider als der Status quo, die bloß passive oder faule Hinnahme des Alltäglichen ohne das Licht des Evangeliums, ohne den Dialog mit Gott. Diese spirituelle Perspektive aber verändere  die Verhältnisse und Sichtweisen, das bringt Spannung ins Leben. Das Beeindruckende an Madeleine Delbrel ist ihre handfeste Spiritualität, ganz geerdet, höchst alltagstauglich, z.B. beim Fahrradfahren..

Die begeisterte Velo-Fahrerin macht daraus ein Gleichnis, indem sie betet: “Immer weiter, immer weiter!“ sagst Du zu uns in allen Kurven des Evangeliums. Um die Richtung auf Dich zu behalten, müssen wir immer weitergehen, selbst wenn unsere Trägheit verweilen möchte. Du hast für uns ein seltsames Gleichgewicht ausgedacht, ein Gleichgewicht, in das man nicht hinein kommt und das man nicht halten kann, es sei denn in der Bewegung, im schwungvollen Voran. Es ist wie mit einem Fahrrad, das sich nur gerade hält, wenn es fährt; es lehnt schief an der Wand, bis man es zwischen die Beine nimmt und davonbraust.“

Nichts ist demnach gefährlicher als Stillstand, da fällt man bekanntlich vom Fahrrad. Nur in der Bewegung nach vorn halten und gewinnen wir das Gleichgewicht. Genauso ist es im Leben, meint Madeleine Delbrel. Das Gleichnis vom Fahrrad-Fahren lädt dazu ein, den alltäglichen Glauben als Bewegung und Überraschung zu verstehen. Und das wünsche ich heute Ihnen und mir.

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