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SWR2 Wort zum Tag

Es sind bedrückende Bilder, die dieser Sommer beschert. Zuerst die Ölpest in den USA, dann die verheerende Hitze und Feuersbrünste in Russland. Und eine Nachricht später schauen wir zu wie Pakistan in Wassermassen versinkt. Wie Millionen von Menschen ohne Hilfe um ihr Leben laufen. Bedrückend.
Aber manchmal finde ich es noch bedrückender wie rasch meine Berührung nach den Nachrichten wieder verfliegt. Wie schnell und gern ich mich davon ablenken lasse. Ist das Herzlosigkeit? Oder kann man nicht anders? Muss man sich vor der Übermacht der Bilder schützen? Oder sind es sogar Schuldgefühle, die ich rasch verdrängen will? Weil ich weiß: „Egal ob Ölpest in den USA, Feuersbrunst in Russland, oder Flut in Pakistan." Ich habe meinen Teil Verantwortung daran. An der maßlosen Gier nach Öl und am Klimawandel, der die Ausmaße der Katastrophen anscheinend immer schlimmer macht. Je länger ich darüber nachdenke, glaube ich, Verdrängung von Schuldgefühlen könnte wirklich das stärkste Motiv sein, dass ich die Bilder leidender Natur und leidender Menschen rasch wieder loswerden möchte.
Ganz ähnlich wie die Jünger Jesu im Garten Gethsemane, als es ernst wurde vor seiner Verhaftung. Die Jünger haben sich hingelegt und sich in den Schlaf geflüchtet. Sie haben Jesus mit seiner Angst und in seinem Leid allein gelassen.
„Wacht mit mir und betet mit mir", bittet er die Jünger, als er sieht, wie sehr sie sich in sich zurückgezogen haben. Weg vom Leid. Wach bleiben, mitfühlend bei den Leidenden stehen. Das erwartet Jesus von seinen Freunden. Wer schläft, macht sich schuldig an den Leidenden.
„Gebt uns ruhig die Schuld. Es trifft auf keinen Fall die Falschen." heißt es einem Stück der Popgruppe „die Fantastischen Vier". Sie halten sich und ihren Zuhörern damit den Spiegel der Verantwortung hin und fordern uns auf, mutig hinein zu schauen. „Gebt uns ruhig die Schuld. Es trifft auf keinen Fall die Falschen."
USA, Russland, Pakistan: Die bedrückenden Bilder dieses Katastrophensommers scheinen mir auch ein Spiegel für unsere Verantwortlichkeit, in den Sie und ich hinein schauen müssen. Obwohl wir lieber die Augen davor schließen möchten. Oder uns rasch beschwichtigen und ablenken lassen. Christliche Verantwortung wahrnehmen bedeutet, dieser Versuchung zu widerstehen. Stattdessen: Wach bleiben. Die bedrückenden Bilder dieses Sommers sehen und erkennen, diese leidenden Menschen und diese leidende Schöpfung gehen uns an, diese Katastrophen sind unsere.

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Manchmal fällt einem das Glück in den Schoß, aber viel öfter kommt es, wenn man selbst aktiv wird für das eigene Glück. Eine biblische Geschichte macht klarer wie ich das meine und wie ich darauf komme:
Sie erzählt von 10 unglücklichen Männern. Alle 10 sind krank, haben Aussatz, das bedeutet, sie sind sozial stigmatisiert. Sie müssen draußen leben, außerhalb des Dorfes und außerhalb der Gemeinschaft. Es muss ein furchtbar erniedrigendes Leben gewesen sein.
Darum ist es wie ein zweites Leben für die zehn: Jesus kommt ins Dorf, sie flehen ihn um Hilfe an und alle 10 werden gesund. Sie können wieder leben. Geschenktes Glück.
Ich stelle mir vor, dass sie es gar nicht fassen konnten. Bis auf einen, der hat es gefasst. Das Glück dieses neuen Lebens.
Die Bibel erzählt, 9 von den 10 Männern gehen nach ihrer Heilung einfach weg, nach Hause vermutlich. Nur einer bleibt stehen, er beginnt nachzudenken, was ihm da widerfahren ist. Er nimmt es nicht einfach nur hin. Er hält inne und macht sich das Glück bewusst. Und er kehrt um. Geht zurück zu dem Arzt, dem er seine Heilung verdankt. Solche Wege zurück sind entscheidend. Hier geschieht Freiheit. Dieser Mann ist nicht nur unfassbar glücklich, er sieht sein Glück auch. Er wird sich seines Glückes inne. Es wird nicht einfach vorbei sein, wenn die Glückshormone wieder aus dem Körper herausgespült sind. Er wird sich daran erinnern können, weil er sein Glück begreift und ihm Worte gibt. Ich habe Grund, glücklich zu sein: Ich bin gesund geworden, ich kann teilhaben am Leben und muss nicht mehr erniedrigt leben. In aller Freiheit lobt er Gott, er geht sogar auf die Knie und bedankt sich.
Nur einer von 10 begreift sein Glück so, dass er es auch in Worte fasst und damit auch sein Leben neu begreift. Als Geschenk der Freiheit. Die Geschichte schließt mit einem von Jesu geheimnisvollen Sätzen, über die man lange nachdenken kann: „Dein Glaube hat Dir geholfen."
Ich verstehe ihn so: Dass man z.B. nach einer Krankheit wieder in ein aktives Leben zurückkehren kann, das ist ein Geschenk. Aber wie ich dieses Geschenk des Lebens annehme und wie ich meine geschenkte Freiheit gebrauche, das ist meine und Ihre Sache, die mich jeden Tag herausfordert.
Insofern meine ich, ist Glück, auch ein Zeichen unserer Freiheit und Ergebnis von Arbeit. Von geistiger und seelischer. Ob Sie und ich glücklich sind, hängt auch davon ab wie wir unsere Freiheit gebrauchen und wie wir über uns denken und uns sehen. Jesus ermutigt, sich dem Leben dankbar und positiv zu stellen. Wenn einem das gelingt, ist man ein glücklicher Mensch.

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Die eigene Zukunft wird weniger, wenn man älter wird. Die Jungen haben noch viel zukünftige Zeit vor sich. Mit dem älter werden schrumpft sie gewissermaßen. Wie leben Sie mit dieser Erfahrung?
Es gibt meiner Beobachtung nach ältere und alte Menschen, denen dieser „Verlust" an persönlicher Zukunft Angst macht. Sie wollen es deshalb nicht wahrhaben, dass die Zukunft weniger wird und denken und planen in die Zukunft hinein, als wenn ihnen alle Zeit der Welt gehören würde. Und es fällt Ihnen schwer, Zukunftsentscheidungen an die Jüngeren abzugeben.
Ich glaube, es gehört aber zum Älter werden, dass man mit der knapper werdenden Zukunft anders umzugehen lernt als mit Angst.
Darum finde ich diejenigen alten Menschen wichtig für mich, die sich mit ihrer knapper werdenden Zukunft versöhnt haben. Wie gelingt ihnen das, frage ich mich?
Ich habe den Eindruck, solch eine versöhnte Haltung hat zwei Quellen.
Zum einen schaffen sie es anscheinend, gegenwärtig zu leben, den heutigen Tag zu schätzen. Vielleicht sogar mehr als in jüngeren Jahren. „Dies ist der Tag, den der Herr macht", steht in einem biblischen Psalm. Dieser Satz drückt dieses Interesse aus, „heute" zu leben. Heute dabei zu sein.
Zum anderen, kann man wohl versöhnter mit seiner weniger werdenden Zukunft leben, wenn man sehen kann: In den Nachfahren ist ein Stück meiner eigenen Zukunft aufbewahrt, auch wenn ich selbst diese nicht mehr erleben kann. Vielleicht auch nicht mehr erleben muss. In der Bibel gibt es eine anrührende Szene: Der alte Mose schaut von einem Berg in das Land der Zukunft seiner Nachfahren. Der Alte weiß, ich werde es nicht mehr betreten können. Aber er hat sehr viel dafür getan, dass sie eine Zukunft haben können. Als er da oben steht und hinüber schaut, ist er zufrieden und versöhnt mit seiner knappen Zukunft.
Ich vermute deshalb, man kann sich leichter mit dem älter werden versöhnen, wenn man ganz bewusst die Zukunft den Jüngeren übergibt, sie ihnen damit auch anvertraut. Auch die Verantwortung dafür.
Wir Älteren könnten stattdessen die Verantwortung für die Zukunftsinteressen der Jungen hinein nehmen in die eigene Lebensperspektive. ZB. innerhalb der Familie. Aber beiliebe nicht nur dort. Auch hinein in Wahlentscheidungen. Was ist für die Zukunft unserer Kinder und Enkel politisch wichtig? Welche Weichen sind heute zu stellen für deren Leben in 20 oder 50 Jahren? Eigentlich müssten diese Zukunftsfragen für uns ältere von Wahl zu Wahl wichtiger werden. Genauso wichtig wie meine eigenen Interessen. Wenn nicht sogar wichtiger.

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Inzwischen gibt es sie fast überall - die Jakobswege. Rekonstruktionen und Neuanlagen alter Pilgerwege, die Europa wie ein Netz durchziehen und in Santiago de Compostela in Nordspanien zusammenlaufen. Wer auf einem dieser Wege unterwegs ist, wird vom Zeichen der Jakobsmuschel geführt - entweder grafisch stilisiert als Strahlensymbol oder in Stein gemeißelt wie eine gewölbte Muschelhälfte.
Über Jahrhunderte hinweg haben sich Millionen von Pilgern an diesem Symbol orientiert. Wie die Jakobsmuschel genau zum Erkennungszeichen der Pilger nach Santiago geworden ist, liegt im Dunkeln. Es gibt Spekulationen. Aber das Interessante an einem Sinnbild ist ja nicht unbedingt seine Entstehungsgeschichte, sondern das, was es auszusagen hat. Und da spricht die einfache Muschel Bände.
Ein Aspekt sind die beiden Hälften ihres Gehäuses: Die eine symbolisiert die Erde, die andere den Himmel. Oder - wenn man es gern etwas zeitgemäßer formuliert haben möchte - die eine steht für die sichtbare, die andere für die unsichtbare Welt. Für die Materie und den Geist. Für den Körper und die Seele. Für Mensch und Gott.
Für viele Jakobspilger war und ist Santiago der Ort, an dem menschliche und göttliche Wirklichkeit sich treffen und begegnen. Am äußersten Ende der Alten Welt erwartete man, eine besondere Nähe zu Gott zu erleben. Dort wo es nur noch Wasser und Himmel gibt. Wo man sieht, wie sich beide berühren. Und der Weg nach Santiago ist der Weg zu dieser Begegnung. Ein Weg der Sehnsucht, aber auch ein Weg voller Erfahrungen.
Nicht wenige kehren von diesem Weg verändert zurück. Sie haben unterwegs entdeckt, dass das Leben selbst die beiden Seiten der Jakobsmuschel aufweist. Die eine Hälfte, gefüllt mit dem, was man gern „materielle Bedürfnisse" nennt: satt sein, gesund sein, Zeit haben und Zeit verplanen, Geld haben und Geld ausgeben können. Die andere Hälfte, gefüllt mit der Gewissheit, dass mein Leben Sinn und Ziel hat, gefüllt mit dem Vertrauen auf einen Gott, der mich trägt, mit der Erfahrung seiner Nähe.
Weitaus wichtiger am Symbol der Muschel ist - wenn man es denn so versteht - aber, dass beide Hälften nicht nur nebeneinander bestehen, sondern dass sie zueinander gehören. Sie entsprechen sich, sie hängen aneinander, sie berühren sich in einem Punkt. Sie berühren sich in meinem Leben und wollen zur Deckung gebracht sein. Denn beide Hälften der Muschel gehören - wie auch beide Hälften meines Lebens - untrennbar zusammen.

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Spätestens seit Hape Kerkelings Bestseller ist alle Welt auf Pilgerschaft und „dann mal weg". Doch wozu in die Ferne Pilgern, wenn das Wandern liegt so nah? Gibt es einen Unterschied zwischen Wandern und Pilgern?
Pilgern kann wie Wandern zu einem Naturerlebnis werden. Und natürlich spielen auch beim Pilgern die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand eine Rolle. Doch das Entscheidende am Pilgern ist mit den Schönheiten der Natur, die durchzogen wird, und mit den Kulturdenkmälern auf dem Weg noch nicht erfasst.
Wandern ist ein Durchstreifen der äußeren Landschaften, Pilgern ein Durchstreifen der inneren. Beim Wandern kommt es nicht darauf an, dass mir mein Weg zum Sinnbild meines Lebenswegs wird. Es kann sein, aber es muss nicht sein. Beim Pilgern sind diese Erfahrungen geradezu gesucht.
Pilgern ist eine Art „frommes Reisen". So wie die Wallfahrt auch. Die Wallfahrt war jedoch stets eine Reise, bei der es weniger auf das Unterwegssein ankam als auf das Ziel: den Aufenthalt am Kultort, am Heiligtum, im Tempel. Pilgern hat weniger das Ziel und mehr den Weg im Blick. Deshalb stimmt für das Pilgern der viel zitierte und damit auch schon wieder leer gewordene Ausspruch: „Der Weg ist das Ziel".
Ohne Weg und Ziel gegeneinander ausspielen zu wollen: für das Pilgern stimmt das, denn beim Pilgern kommt es gerade auf die Erfahrungen unterwegs an - viel mehr als auf das Ziel, wenngleich es kein Pilgern ohne Ziel gibt.
Doch es gibt noch einen Unterschied zwischen dem Pilgern und dem Wandern und der Wallfahrt: Pilgern ist wie eine Art Kloster auf Zeit. Wer den Klosteraufenthalt sucht, sucht einen geistlichen Anspruch, eine geistliche Einbettung seines Lebensalltags. Pilgern ist Kloster auf Zeit im Gehen, in der Erfahrung des buchstäblichen Unterwegsseins. Der Pilgertag ist von Tagzeitengebeten strukturiert. Zu ihm gehört das Schweigen und das Hören auf innere Impulse, das Reflektieren der eigenen Lebensgeschichte im Spiegel biblischer Geschichten und im Spiegel der Erfahrungen des Unterwegsseins. Zu ihm gehört auch der Austausch mit anderen und das gemeinsame Feiern von Liturgie und Gottesdienst.
Doch was erschließt mir das Pilgern? Verblüffend war für mich immer wieder die Erfahrung, dass ich im Gehen, im Unterwegssein mein Leben neu verstehe, das ja auch ein Gehen, ein Unterwegssein ist. Pilgern ist eine grundsätzliche Haltung, das Leben zu verstehen - nämlich als ein Unterwegssein, ein In-der-Fremde-Sein, als eine Art Heimatlosigkeit, aber auch als ein Immer-neu-Aufbrechen.

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Der Mensch ist zum Gehen geboren. Warum? Weil das Leben selbst ein „Gehen" ist. Man spricht vom Gang durchs Leben, vom Lebenslauf oder Lebenswandel. Leben heißt Unterwegs-Sein. So haben es Pilger über Jahrhunderte hinweg verstanden. Beim Pilgern wird das buchstäbliche Gehen zum Sinnbild für das Unterwegssein im Leben. Zwischen den Erfahrungen des Unterwegsseins zu Fuß und den Erfahrungen des Lebens, das sich selbst als Weg, als Unterwegssein, deuten lässt, bestehen vielfältige Beziehungen.
Ich bin in den letzten Jahren regelmäßig größere und kleinere Abschnitte auf dem vielfältigen Netz von Jakobspilgerwegen gegangen, die Europa durchziehen. Nicht um mir eine besondere Bußleistung abzuverlangen. Nicht um das Grab des Jakobus zu besuchen oder um sein Standbild in Santiago de Compostela zu berühren. Auch nicht, um dadurch besonders „heilig" zu wirken. Ich bin gegangen, um mit Körper und Seele zu spüren, dass „Leben" heißt unterwegs zu sein.
Wer unterwegs ist, muss die Zeichen am Weg verstehen. Man muss die Landkarten, aber auch die Landschaft selbst „lesen" können. Man muss die Merkmale einer Landschaft, in der man sich gerade bewegt, erkennen und sie als Wegweiser deuten. Das sind die äußeren Zeichen am Weg.
Es gibt aber auch innere Zeichen. Das ist die Sprache der Intuition. Sie gibt mir zu verstehen, was für mich gerade dran ist auf meinem Weg. Wann ist es Zeit, Pausen zu machen? Wann spüre ich in mir das Signal zum Aufbruch? Kann, ja will ich mir einen Umweg erlauben? Ist es Zeit, meinen Schritt zu beschleunigen, oder darf ich mich auch aufhalten lassen? Wie weit will ich überhaupt bei einer Tagesetappe kommen?
Ich musste es richtiggehend einüben, auf diese Sprache der Intuition zu hören. Weil wir sie in unserer Kultur kaum noch brauchen, beherrschen wir sie auch nicht mehr. Es ist wie beim Schreiben- und Lesen-Lernen eines Kindes. Am Anfang gelingt es noch nicht so gut. Doch mit der Übung kommt die Sicherheit.
Interessant war für mich die Erfahrung, dass das Achten auf innere Zeichen etwas mit meiner Lebensführung im Alltag zu tun hat. Ich lerne, mit Ungeduld und Geschwindigkeit neu umzugehen, Stress zu vermeiden, Zeiten für scheinbar Nutzloses zuzulassen. Ich lerne, das Maß eines Tages nicht nach dem zu bestimmen, was darin unterzubringen ist, sondern umgekehrt: Ich entscheide, was mir jetzt wichtig ist, und nehme mir dafür Zeit.
Vielleicht muss man gar nicht pilgern, um das zu erfahren, aber man kann es im Gehen erleben.

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