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SWR2 Wort zum Tag

Von Rabbi Bunam ist folgender Satz überliefert: Jeder Mensch sollte immer zwei Zettel bei sich tragen. Auf dem einen sollte stehen: „Ich bin die Krone der Schöpfung!“ Auf dem anderen: „Ich bin ein Häuflein Staub und Asche!“
Wie recht er hat. Der Mensch ist voller Widersprüche, die sich im Feld dieser Extreme bewegen. Da erreicht man höchste Perfektion in vielen Dingen, scheitert jedoch an den kleinsten Problemen. Größe und Elend in einer Person. Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als Gott, heißt es in einem Psalm. Aber die andere Seite ist eben auch immer beklemmend zu sehen: Dass die großen Menschen arme Würstchen sind, mit ihren Gaben letztlich
nicht vernünftig umgehen können, die Geister rufen, aber nicht beherrschen. Es ist ein ständiges Gegeneinander von Kräften, die das Gute wollen, und Kräften, die es hassen und zerstören.

Gewiß: nicht alle empfinden es so, und nicht wenige würden sich nur für einen der beiden Zettel entscheiden.
Es ist ja wirklich nicht einfach, mit solchen Widersprüchen zu leben. Aber die Bibel hilft mir, sie zu verstehen: Menschen sind Meisterwerke Gottes, genial konstruiert, wunderbar gemacht. Ein jeder hat Anteil an der Schönheit und Größe des Schöpfers. Aber zugleich sind alle vom Bösen infiziert, sind auf Gnade und Vergebung angewiesen. Und zwar unabhängig davon, ob sie das Bundesverdienstkreuz tragen oder sich mühsam durchs Leben schlagen.

Was Menschen außer den beiden Zetteln brauchen, ist eine Mitte, die ihre Botschaften zusammen hält. Ein klares Wort, das die Spannung hält zwischen Kritik und Ermutigung, Anklage und Freispruch. Groß bist du - unendlich wertvoll. Elend bist du - unendlich verloren. Aber in beidem bist du von Gott geliebt, von deinem Elend möchte er dich erlösen, und mit deinen Fähigkeiten sollst du Gutes bewirken.
Wer dieses Wort hört, kann mit dem eigenen Widerspruch leben. Was mir gelingt, wird mich nicht hochmütig machen, und an meiner Armseligkeit werde ich nicht verzweifeln.
Gottes Liebe weist mich zurecht und richtet mich auf. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6222
Im Russland der 1980er Jahre herrschte noch der Atheismus. Vor der Kirche traf ein kommunstischer Funktionär einen orthodoxen Priester, der gerade den Gottesdienst beendet hatte. Außer ihm hatte niemand daran teilgenommen.
"Na, fühlst du dich nicht ein wenig einsam da drin?" spottete der Funktionär.
Doch der Priester blieb gelassen: "Wenn ich Gottesdienst halte, dann tue ich es im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Also sind wir schon zu viert. Und wo der Allmächtige zugegen ist, werden seine himmlischen Heerscharen nicht weit sein. Ich habe manchmal Sorge, überhaupt noch einen freien Platz in meiner Kirche zu bekommen!"
Sprachs und ging davon.

Gottes Dreifaltigkeit gehört zu den großen Geheimnissen des Christlichen Glaubens, und auch zu den Denkaufgaben der Theologie. Dass Gott Einer ist, das haben Christen mit dem Judentum und dem Islam gemeinsam. Aber der eine Gott offenbart sich nach christlicher Auffassung in drei Personen - und diese Fülle macht unsere Religion anfechtbar. Drei Personen, meinen Kritiker, sind auch drei Götter.
Die Kirche sagt dazu: Gottes Personen sind eines Wesens. Und dieses eine Wesen ist so groß und vielfältig, dass es sich nicht in einem Bild, ja auch nicht mit einem Gesicht umschreiben und denken läßt. Also ist Gott immer
schon zu dritt. Er ist der Vater - für mich ist das wichtig, einen himmlischen Vater zu haben, der mich sein Kind nennt, der mich vorbehaltlos liebt - wie eben ein Vater sein Kind. Gott ist Jesus, der Sohn: er ist der Gott an
meiner Seite, der Freund, der sein Leben für mich läßt und der folglich auch Herr darüber sein darf.
Den Heiligen Geist stelle ich mir vor wie eine Quelle. Aus ihr sprudelt Kraft und Trost. Sie nährt und stärkt den Glauben an Gott, sie stiftet eine weltweite Gemeinschaft, alle Konfessionen übergreift sie.
Gott ist also nie mit sich allein, er lebt in Beziehung zu sich selbst. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind immer im Gespräch, liebevoll einander zugewandt, wie man es auf manchen Ikonen so wunderbar sehen kann. Und doch ist diese Gemeinschaft offen für jeden, der am Gespräch teilnehmen will. Wenn ich mit Gott rede, trete ich ein in
diesen Kreis, werde hineingezogen in das göttliche Geheimnis, umfangen von göttlicher Liebe.
So glaube ich an einen Gott, der nicht für sich bleibt und gerade darin ganz ER selber ist.
Gott ist nicht mit sich allein und läßt auch mich nicht mit mir allein. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6221
Alt werden möchten alle - aber alt sein, das will keiner. So lautet ein Sprichwort.
Und ich versuche zu verstehen: Aus Sicht des jungen Menschen ist es etwas schönes, ein hohes Alter zu erreichen. Man möchte ja leben und nicht sterben, jedenfalls nicht früh.
Und man möchte auch im Alter noch etwas vom Leben haben - vielleicht gerade das nachholen, was einem als junger Mensch verwehrt bleibt.
Aber da liegt auch schon das Problem. Es ist ja nicht gesagt, dass mit dem Altwerden auch ein gutes Leben einhergeht. Viele machen die gegenteilige Erfahrung, dass ihnen das Alter zur Last wird. "Altsein, das ist nicht schön, es ist eigentlich kein Leben mehr" - so höre ich es manchmal heraus.
"Ich werde gerne alt" - so heißt ein Buch von Jörg Zink. Er schreibt dazu: "Ich werde wirklich gerne alt. Ich meine, wir können ein Ja dazu finden, dass das Leben mühsamer wird. Dass es einsamer wird. Wir können ein Ja finden
zur Schwäche. Zur Schwäche des Gedächtnisses, aber auch der Augen, des Gehörs, der Hände, der Beine. Ein Ja zur Langsamkeit der Bewegungen und der Reaktionen. Wenn ich dazu Ja sage, dann meine ich damit nicht: Das ist alles nicht so schlimm. Sondern ich meine: So schmerzhaft ist es, das Alter, so und nicht anders. Und das alles
lege ich in Gottes Hände und bitte ihn, es möge mich nicht von ihm trennen." -
Eigentlich kann man das von jedem Lebensalter sagen, finde ich. Denn jedes Alter ist von Gott gegebene und von ihm gewollte Zeit, auch mein jetziges, mittleres Alter. Und ich möchte diese Zeit annehmen und gestalten, so gut
es geht. Nicht dem Vergangenen nachtrauern, auch nicht mit der Gegenwart im Streit leben.Wenn ich mein Alter verdränge oder sogar dagegen ankämpfe, kann ich mich im Grunde selbst nicht annehmen. Aber wenn ich Gott in diesem Punkt vertrauen kann, schafft das Ruhe und Gelassenheit, ich finde ein Ja zu mir selber. -
Dieses Ja zu finden und auch zu leben - das ist eine große Herausforderung. Altwerden ist nichts für zarte Seelen, las ich neulich, und das stimmt wohl. Ich denke an die Mutter meiner Frau, die in diesen Tagen Abschied nimmt
von ihrem selbstständigen Leben im eigenen Haus. Es fällt ihr nicht leicht, aber sie sagt Ja zu dem letzten Wegstück, und sie tut es im Vertrauen auf Gott. Sie verbreitet soviel Zuversicht, dass auch Jüngere davon angesteckt werden. Und vielleicht auch einmal sagen können: ich werde gerne alt. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6220
Liebe und Begeisterung sind göttlichen Ursprungs. Sie sind sich sehr ähnlich, die beiden: Kein Mensch kann sie kaufen, doch wer sie einmal gefunden hat, der möchte sie nie wieder missen. Zwingen kann man Liebe und Begeisterung aber auch nicht, sie haben ein angeborenes Freiheits-Gen und wollen vorsichtig und achtungsvoll behandelt werden. Sie hängen aneinander wie Zwillings-Geschwister, so dass eins leicht zum anderen führt und ein Mensch, der liebt, zugleich begeistert ist von dem Objekt seiner Liebe und ein von einer Sache begeisterter Mensch meist mit Liebe am Werk ist. Die zauberhaften Geschwister bringen Menschen dazu, von innen zu strahlen und zu leuchten, so dass gar nicht viel Worte gebraucht werden müssen, weil die Atmosphäre für sich selbst spricht. Oder aber die Worte sprudeln nur so hervor, weil sie aus vollem liebenden Herzen kommen, das überfließt und sich mitteilen möchte. Ach ja - auch das haben die beiden gemeinsam: Sie sind nicht gern allein, eben Zwillinge, und führen daher immer in die Gemeinschaft. Dabei vollbringen sie die Glanzleistung, selbst eingefleischte Egozentriker von sich selbst abzulenken - und das ist bei verknorzten Selbstsüchtigen tatsächlich ein Meisterwerk. Erfahrungsgemäß gelingt das häufig bei frischgebackenen Großvätern, die bislang eher über ihr Aktienpaket, die Börsenkurse oder ihren Fußballverein in Erregung gerieten und plötzlich selbstvergessen einen Kinderwagen durch die Gegend schieben. Wenn solches geschieht, dann ist das ein großes Kunststück, und in der Tat verbünden sich Liebe und Begeisterung gerne mit ihrer göttlichen Schwester, der Kunst. Wer schon einmal ein Kind beim Musizieren beobachtet hat, eine engagierte Balletttruppe bei der Aufführung oder einen Maler im Atelier, der weiß, wovon ich spreche. Dabei müssen die Ergebnisse durchaus nicht perfekt sein: Begeisterung stört sich nicht an Fehlern, sie erträgt sie mit Liebe, ja, sie kann sie manchmal sogar als Salz in der Suppe erkennen.
Zugegeben: Nicht jede Begeisterung ist göttlich, leider. Und nicht jede Kunst dient der Liebe. Wenn es um die Begeisterung für Gewalt, für Zerstörung, für Hass geht, dann ist die Liebe sicher nicht dabei. Es kommt eben drauf an, dass die göttlichen Zwillinge nicht getrennt werden! Wenn die Begeisterung von der Liebe getrennt wird, dann entsteht Zerstörung, Zwietracht, Hass, Trauer, Verzweiflung. Liebe und Begeisterung gemeinsam helfen Menschen, sich fruchtbar für andere und für sich selbst zu entfalten: zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl anderer.
Göttlich sind sie, die Zwillingsgeschwister Liebe und Begeisterung. Wer das Glück hat, sie gefunden zu haben, der erlebt ein großes Stück Himmel auf Erden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=6176
Hass ist zerstörerisch. Ich habe das selbst einmal erlebt, eine Freundin hatte mich gekränkt, bei jeder passenden Gelegenheit verletzt, mein Vertrauen missbraucht. Viel zu spät hatte ich ihr Spiel durchschaut. Wie gut es tun würde, ihr weh zu tun! Heute bin ich froh, meiner hasserfüllten inneren Stimme nicht gehorcht zu haben. Ich hätte viel in mir zerstört. Rache lindert nicht, sie verletzt. Zuallererst den Rächenden selbst.

Hass ist zerstörerisch. In der letzten Woche erzählt mir ein junger Mann, wie er voller Rachegedanken war auf seinen Vorgesetzten. Der Hass verhinderte jeden klaren Gedanken, er war nicht mehr in der Lage, seine Arbeit sorgfältig auszuführen, fraß seine Verbitterung in sich hinein. Tatsächlich geholfen hat ihm erst der Hinweis einer Freundin auf den Satz Jesu: Liebt eure Feinde, bittet für die, die euch verfluchen. Er hielt sich damals für einen Atheisten, doch der Satz ließ ihn nicht mehr los: Liebt eure Feinde, bittet für die, die euch verfluchen Und irgendwann ahnte er: Das ist mehr als ein netter Rat, das ist meine Überlebenshilfe! Zunächst war es nicht leicht, den verabscheuten Vorgesetzten mit freundlichen Augen zu betrachten. Doch mit jedem wohlwollenden Gedanken fiel seine innere Blockade in sich zusammen, er konnte wieder frei atmen. Lieben kann er den Vorgesetzten bis heute nicht, aber doch achten, als Menschen.
Glücklicherweise gibt es ja häufiger einen segensreichen Umstand, der die Rache verhindert, oder einen Menschen, der einem die Augen öffnet. Dafür, dass die Wunden des Lebens, die andere Menschen geschlagen haben, durch Rache und Hass nicht heilen und ich mich so nur selbst verletze und in der Spirale des Bösen verfange.
Ich habe lange gebraucht, um mich vom Hass auf meine Freundin zu verabschieden. Dann erst habe ich entdeckt, dass kein Mensch die Macht hat, meine Würde zu verletzen, wenn ich diese Würde aus Gottes Hand empfange, so wie ich die Rache in seine Hände gebe. Ein heilsames Tauschgeschäft.
Das klingt vielleicht alles sehr klug, und ich weiß doch, wie schwer es ist.
„Ich habe es mühsam lernen müssen. Hass,“ so sagt es mir der junge Mann, „ist wie ein Feind, der nagelt dich fest. Gott dagegen setzt meine Füße auf weiten Raum.“ Das hat er sich dann auch als Taufspruch ausgesucht, Psalm 31, Vers 9: Du übergibst mich nicht in die Hände des Feindes, du stellst meine Füße auf weiten Raum. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6175
Laos, im Jahr 2004. Ich erlebe die erste Ausgangssperre meines Lebens. Um 22 Uhr müssen wir im Hotel sein. Grund: In Laos findet die Asean Konferenz statt. Extra für die Konferenz hat man eine große Straße vom Flughafen zum Tagungsort asphaltiert, der Rest von Laos versinkt weiterhin im gewohnten Staub oder Schlamm. Ich tobe in meinem Hotelzimmer. Was ist das für ein korrupter Staat, der seine Menschen einfach einsperrt. In unserer Demokratie wäre das so nie möglich. Nun, wenige Monate später kam der US-Präsident Bush nach Mainz und ich merkte, was bei uns alles möglich ist. Die Menschen in Baden - Baden haben es anlässlich des Nato-Gipfels in diesem Jahr erfahren. Es ist z.B. möglich, Menschen aus Sicherheitsgründen zu verbieten, ans Fenster ihrer eigenen Wohnung zu treten. Jetzt bin ich sensibler gegenüber Versuchen, die Würde von Menschen anzutasten - überall auf der Welt. Und ich trage meine westeuropäische Nase weniger hoch. Was in Laos geschieht, das betrifft auch mich, und umgekehrt. Es gibt eine Globalisierung der Menschenwürde. Und, Gott sei´s geklagt, eine globalisierte Verletzung der Menschenwürde. Das kann mich als evangelischen Christenmenschen nicht gleichgültig lassen. Denn es geht um ein hohes Gut unseres Glaubens und unserer Tradition: Es geht um Freiheit. Martin Luther hat für diese Freiheit Kopf und Kragen riskiert, die Hugenotten und die evangelischen Österreicher haben dafür ihre Heimat aufgegeben, weil sie lieber frei und arm glauben als unterdrückt im Wohlstand leben wollten. Beides hängt zusammen: die Freiheit und die Würde eines Menschen. Am Tag des Busch-Besuchs in Mainz bin ich deshalb ganz bewusst nach Bonn gefahren. Eine symbolische Fahrt, denn in Bonn wurde vor 60 Jahren unser Grundgesetz beschlossen, nach Artikel 1 des Grundgesetzes ist die Würde des Menschen unantastbar. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes fühlten sich dem christlichen Erbe verpflichtet, und Horst Köhler hat anlässlich des 60. Geburtstags des Grundgesetzes dessen christliches Fundament und die damit verknüpfte Würde des Menschen bewusst betont. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und seine Freiheit. Es ist kaum 20 Jahre her, dass die Menschen im Osten Deutschlands über dieses Menschenrecht wieder verfügen können. Viel zu vielen Menschen bleibt es bis heute verwehrt. Doch Menschen gehören Gott und keinem Staat. Das ist ihre Würde und ihre Freiheit. Eine Würde und eine Freiheit, die jedem Menschen gebührt, hier in Deutschland, in Laos und überall auf der Welt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6174