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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

18SEP2021
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Wenn ich auf dem Friedhof bin, hat das meistens einen traurigen Anlass: Da wird ein Mensch beerdigt oder ich besuche das Grab von einem Verstorbenen. Einfach so grundlos über einen Friedhof spazieren, das mache ich eher selten.

Aber genau dazu lädt der Tag des Friedhofs an diesem Wochenende ein. Die Initiatoren finden nämlich, dass Friedhöfe sind nicht nur Orte zum Trauern und Erinnern. Menschen können dort auch Trost erfahren und neue Kraft schöpfen. Und es gibt dabei auch richtig viel zu entdecken.

Bei Besuchen auf dem Friedhof staune ich oft, wie vielfältig Gräber heute sind: Hier ein großes Erdgrab, liebevoll bepflanzt mit leuchtenden Geranien oder duftendem Lavendel. Dort ein kleineres Urnengrab, überrankt von Efeu. Weiter hinten eine Urnenwand mit schlichten Steinplatten. Darauf die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen.

Wenn ich sie lese, frage ich mich: Was waren das wohl für Menschen? Was hat sie ausgemacht? Was hat sie glücklich gemacht, was gesorgt? Hatten sie ein erfülltes Leben? Auf manchen Gräbern verraten kleine Symbole etwas über die Person: Noten für einen Musikfan, Hammer und Meißel bei einem Handwerker, ein Kreuz bei einer Christin.

Ich denke mir: Das könnte auch zu mir passen. Und dann überlege ich: Wie will ich eigentlich einmal begraben werden? Und wo? Und was soll dann auf meinem Grabstein stehen?

Ich finde es wichtig, sich ab und an diese Fragen zu stellen. Nicht verängstigt, sondern ganz realistisch: Denn eines Tages werde ich sterben. Wie sollen sich Menschen an mich erinnern? Und wo ist dann ein guter Ort für mich?

Noch habe ich das für mich nicht festgelegt. Ich glaube, ich will es natürlich haben. Unter einem Baum vielleicht. Oder auf einer Wiese mit bunten Blumen. Noch habe ich hoffentlich lange Zeit, um darüber nachzudenken.  
Ein Besuch auf dem Friedhof an diesem Wochenende ist vielleicht eine gute Gelegenheit dafür.

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17SEP2021
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Wenn es um Fotos geht, bin ich richtig altmodisch. Es reicht mir nicht, sie auf dem Handy oder dem Computer zu haben. Ich sammle sie in Fotoalben. Das ist für mich wie ein kleines Ritual. Einmal im Jahr suche ich die schönsten Bilder aus, lasse sie entwickeln, klebe sie ein und beschrifte sie sorgsam. Und dann blättere ich auch die alten Alben noch einmal durch.

Dabei werden Erinnerungen wach an Urlaube, Geburtstagspartys, den ersten Schultag und den Abi-Ball, meine Hochzeit. Wenn ich diese Bilder sehe, dann kommt immer auch etwas von dem Gefühl zurück, das ich an diesen Tagen hatte, so viel Glück und Freude. Dazwischen entdecke ich aber auch Fotos, die mir einen kleinen Stich versetzen. Sie zeigen Menschen, die mir fehlen oder mit denen ich heute keine Verbindung mehr habe.

Trotzdem will ich diese Bilder nicht aus den Alben herausnehmen. Denn sie alle – die fröhlichen und die, die mich traurig machen, zeigen doch erst zusammen, was mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin.

In der Bibel heißt es an einer Stelle: Gott hat mich schon gesehen, als ich noch nicht einmal geboren war und alle Tage meines Lebens sind in seinem Buch festgehalten. (Ps 139,16)

Bei diesem Satz muss ich an meine Fotoalben denken. Gott hält die Momente fest, in denen ich vor Glück strahle und auch die, die weh tun. Mehr noch: Gott sieht sogar das von mir, was keine Kamera festhält. Meine Fehler, das, was mir Angst macht, das, was ich gar nicht zeigen will. In Gottes Buch ist auch das festgehalten. Alle Tage, jeder Moment. Und das nicht, um mich eines Tages darauf festzunageln und Bilanz zu ziehen. Sondern weil Gott mich mit meiner ganzen Geschichte, mit meinem ganzen Leben sieht. Weil alles an mir für Gott wichtig ist.

Demnächst werde ich wieder einmal Fotos sortieren und einkleben. Und wenn ich dann meine alten Alben anschaue, stelle ich mir vor, wie auch Gott seine Fotoalben von mir und von jedem Menschen durchblättert. Und genau hinschaut. Und sich erinnert. Und mitfühlt, bei jedem einzelnen Bild.

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16SEP2021
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„Ich schreibe jetzt Tagebuch“, hat meine Freundin vor kurzem erzählt.
Für mich wäre das nichts, sich abends noch hinsetzten und Geschichten über den Tag aufschreiben. Dafür bin ich echt nicht der Typ. Das habe ich meiner Freundin auch gleich so erwidert.
Meine Freundin hat gelacht und dann gesagt: „Das habe ich auch gedacht. Aber die letzte Zeit ist nicht leicht gewesen. Das Tagebuch hilft mir dabei, meine Gedanken zu sortieren. Und ich merke: es geht mir echt besser seitdem.“

Die Forschung gibt ihr Recht. Studien zeigen: Wer Tagebuch schreibt, tut der Seele etwas Gutes. Stress und Kummer sind oft wie ein dunkles Wirrwarr, das man gar nicht richtig greifen kann. Wer sie aufschreibt, fasst die die Gefühle, Eindrücke und Sorgen in Worte. So werden sie konkreter. Das kann helfen die Dinge klarer zu sehen und Abstand zu gewinnen. 

So hat es auch meine Freundin erlebt. Sie nutzt ein Dankbarkeits-Tagebuch mit der Sechs-Minuten-Methode. Dazu beantwortet sie morgens drei Fragen: Wofür bin ich dankbar? Was macht den heutigen Tag besonders? Was kann ich gut? Abends sind dann noch einmal drei Fragen dran: Was habe ich heute anderen Gutes getan? Was wird morgen besser? Was war an diesem Tag toll? Kein großer Zeitaufwand, aber ein großer Effekt: Meine Freundin sagt: „Wenn ich abends die drei Fragen beantworte, dann habe ich richtig vor Augen, was ich alles geschafft habe. Dann bin ich stolz und irgendwie dankbar, weil ich sehe, dass so viel Gutes dabei ist. Ich schlafe viel besser. Und anstatt an die To-Do-Liste für den nächsten Morgen zu denken, erinnere ich mich an die schönsten Momente des Tages. Das ist großartig.“

Wenn ich so überlege: Ich schreibe zwar kein Tagebuch, aber eigentlich mache ich etwas sehr Ähnliches. Ich bete oft abends im Bett. Und dabei überlege ich auch genau das: Was war heute toll? Was wird morgen hoffentlich besser? Wofür bin ich dankbar? Und dafür danke ich dann Gott. 

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15SEP2021
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Sintflutartig hat es Ende Juli in Rheinlandpfalz und in Nordrheinwestfalen geregnet. Fast 200 Menschen sind gestorben. Viele haben alles verloren. Was mich bis heute bewegt, ist die große Anteilnahme und Hilfsbereitschaft unter den Menschen. Wie mutig viele geholfen haben. Zum Beispiel der Inhaber einer Tiefbaufirma.

Damals droht in der Nähe von Euskirchen eine Talsperre durchzubrechen. Der Ablauf ist verstopft, und die Staumauer kann dem Wasserdruck kaum mehr standhalten. In dieser Situation setzt sich der Mann in seinen Bagger und fährt los.

Was er später den Medien dazu sagt: „Der Herrgott hat mich genau an diese Stelle gestellt. Da habe ich mir meinen Rosenkranz geschnappt, habe mich gesegnet und bin losgefahren. Ich habe darauf vertraut, dass der Damm hält!“

Der Mann hat sich selbst gesegnet. Mit dem Segen, den Gott den Menschen schon in der Bibel geschenkt hat. Und Gottes Segen ist zum Weitergeben gedacht. Genau so hat es der Baggerfahrer gemacht.

Es ist allen klar gewesen, dass der Wasserdruck auf die übervolle Talsperre gesenkt werden musste. Was sie aber auch alle gewusst haben: Wer auch immer auf der Rückseite des Damms in sechs Meter Tiefe den Abfluss von Schutt und Geröll befreit, wird sich in Lebensgefahr begeben. Aber der Damm hat gehalten. Und nach vielen Stunden schwerer Baggerarbeit war der Abfluss freigeräumt. Der Wasserdruck der Talsperre konnte wieder reguliert werden. Was für ein Segen!

Nicht jeder hätte das eigene Leben aufs Spiel gesetzt. Aber der Tiefbauer hat es gemacht. Er hat auf Gott vertraut, sich selbst gesegnet und ist losgefahren. Durch seine furchtlose Aktion ist er für Hunderte von Menschen in der Region zum Segen geworden. So wie Gott in biblischer Zeit zu Abraham gesagt hat: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (Genesis 12,3) 

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14SEP2021
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Abends im Fitnessstudio vor einem Yogakurs. Eine kleine Gruppe spricht über die Einschränkungen von Corona. Eine klagt über ihren Verdienstausfall.
Ein zweiter schimpft über die vermeintliche Willkür der Pandemie-Maßnahmen.
Und alle streiten über die Impfungen.

„Stop!“, ruft schließlich die Trainerin. „Wir werden das Problem hier und heute nicht lösen. Aber wenn wir Masken tragen, Abstand halten und gegenseitig Rücksicht nehmen, dann schaffen wir das gemeinsam!“ Die Streithälse beruhigen sich und der Kurs kann beginnen.

Ich bin beeindruckt von den klaren Worten der Trainerin und denke: Genau darum geht’s: um gegenseitige Rücksichtnahme. Wir müssen uns gegenseitig respektieren und aufeinander achten in der Pandemie. Auch und gerade, wenn wir verschiedener Meinung sind.

Jesus hat es so gesagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Diese Aufforderung hat nichts mit romantischen Liebesgefühlen zu tun. Es geht darum, solidarisch zu sein und aufeinander achtzugeben. Gerade in Krisenzeiten. Jesus hat es als das höchste Gebot bezeichnet, um ein friedliches Zusammenleben zu sichern.

Was es für mich heißt: Ich möchte meine Meinung sagen können und mich möglichst sicher auf der Straße, beim Einkaufen und an öffentlichen Orten bewegen. Aber ich achte ebenso darauf, dass andere das auch tun können. Gerade wenn sie krank oder aus anderen Gründen gefährdet sind. Rücksichtnehmen ist keine Einbahnstraße.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieses Gebot hat von seiner Gültigkeit nichts verloren. Schon gar nicht in Zeiten der Pandemie.

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13SEP2021
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Ich habe diesen Sommer einige Wettkämpfe der Olympischen Spiele in Tokio verfolgt. Viele sportliche Leistungen haben mich beeindruckt. Aber hängen geblieben sind andere Geschichten. Es waren Momente, in denen sich Athleten getraut haben über Leistungsdruck, Überforderung und Depressionen zu sprechen.

Die Turnerin Simone Biles aus den USA ist eine von ihnen. Sie ist schon seit einigen Jahren ein weltweit gefeierter Superstar. Weit über zwanzig Medaillen hat die Vierundzwanzigjährige bereits gewonnen. Entsprechend hoch sind die Erwartungen vor Tokio gewesen. Zu hoch.

In den Qualifikationsrunden spürt Simone Biles, dass sie dem Druck nicht länger standhalten kann. Sie verliert das Gespür für Richtung und Balance in der Luft und merkt: Das Verletzungsrisiko ist zu groß. Sie kann nicht mehr. Da entscheidet sie sich für ihre Gesundheit und gegen den Wettkampf. Die Nachricht ist eine Sensation im Sportbetrieb. Man ist es nicht gewohnt, dass da eine so offen über Schwächen und innere Kämpfe spricht.

Bei Simone Biles Erfahrungen denke ich an den Propheten Elia im Alten Testament. Er ist ein Superstar unter den Propheten gewesen. Er hat in einem Wettkampf von Priestern teilgenommen und gegen mehr als vierhundert von ihnen gewonnen. Mit Gottes Hilfe. Aber dann hat sich das Blatt gedreht. Der gefeierte Star wird zum Verfolgten. Auf der Flucht durch die Wüste ist er einsam, müde und erschöpft. Er versteckt sich in einer Höhle. Und er gesteht sich ein: Ich kann nicht mehr! So wie Simone Biles es gesagt hat: Es ist zu viel. Ich kann nicht mehr.

Die Bibel erzählt: In dieser tiefen Krise sagt Gott zu Elia im Traum: Es ist okay schwach zu sein und nicht mehr zu können. Ruh Dich aus, iss und trink und nimm Dir die Zeit, die Du brauchst, und dann geh weiter! Denn deine Gesundheit ist wichtig.

Und genau das haben Simone Biles und andere bei den Olympischen Spielen in Tokio vorgelebt: Siegen ist wunderbar. Aber es geht nicht immer.
Wenn die Kraft nicht reicht, geht Gesundheit vor. Deshalb: Ruh dich aus, nimm dir die Zeit, die du brauchst, und pass gut auf dich auf!

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