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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

09NOV2019
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Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt. Damals habe ich nicht viel davon mitbekommen. Aber eine Aussage von meinem Bruder ist mir im Gedächtnis geblieben. Er sagte zu mir: „Wir haben fünf neue Bundesländer bekommen.“ Dieser Satz klang damals für mich irgendwie wie die Verkündigung von Familienzuwachs.

Aus heutiger Sicht ist der Satz problematisch, schließlich war es eine Wiedervereinigung und nicht ein einseitiger Zuschlag. Aber für mich als kleine Schwester reichte er damals aus. 1991 haben wie dann einen Ausflug aus dem Sauerland nach Eisenach und zur Wartburg gemacht. Zwei Erinnerungen habe ich von dem Ausflug bis heute behalten: ruckelige Straßen und eine tolle Thüringer Rostbratwurst.

Damals dachte ich, dass die Wiedervereinigung Deutschlands mit dem Fall der Mauer abgeschlossen sei. Heute weiß ich: Es war erst der Anfang eines langen Weges und der verläuft wahrlich nicht immer rosig. Er bringt bis heute immer noch Missverständnisse und Enttäuschungen mit sich.

Bei all den Schwierigkeiten 30 Jahre nach der Wiedervereinigung fällt mir mein damaliger Gedanke vom Familienzuwachs wieder ein. Vielleicht ist es ja mit dem wiedervereinigten Deutschland wie mit einer Familie. Denn bei uns zuhause wurde unter den Geschwistern auch oft gestritten. So habe ich meinen Bruder auch mal auf den Mond gewünscht. Und manchmal wurde auch jemand ungerecht behandelt. Aber irgendwie haben wir uns immer wieder zusammengerauft. Dabei hat es geholfen, wenn wir ganz offen miteinander gesprochen haben. Auch mal eingestanden haben, dass das gerade nicht gut gelaufen ist. So gab es bei uns Höhen und Tiefen, aber dabei immer bis heute dieses Gefühl: Man gehört zusammen. Und das trotz aller Unterschiede.

Dieses Gefühl ist mir wichtig. Auch von meinem Glauben her. Für mich als Christin sind die Maßstäbe da schließlich noch mal größer, da alle Menschen letztlich als Kinder Gottes eine große Familie bilden. Und in dieser Familie gehören wir alle zusammen: in Ost und West, Nord und Süd – in Deutschland und auf der ganzen Welt.

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08NOV2019
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Zum Geburtstag bekam ich eine Wanderung mit Alpakas geschenkt. Ich war entzückt von der Vorstellung mit diesen flauschigen Gesellen einen Ausflug zu machen.

Als es soweit ist, bekomme ich die Alpaka-Stute „Ginger“ zugeteilt. Ginger und ich gehen am Ende der Karawane von etwa 25 Personen und Tieren.

Irgendwann bin ich dann allerdings mit Ginger ganz allein. Sie muss mal auf Toilette. Und das dauert bei Alpakas – wie ich an dem Tag lerne – sehr lange. So stehen wir zwei am Fuß eines längeren Anstiegs und ich warte. Langsam verschwindet die Gruppe aus meinem Blickfeld. Ich werde unruhig. Ginger stört das nicht. Der Leiter der Veranstaltung hat zu Beginn gesagt: Nicht fest an der Leine ziehen! Daher rede ich auf sie ein: „Wir müssen jetzt sofort weiter!“ Interessiert sie nicht. Also stehe ich einfach da. Mitten im Wald – nur in Gesellschaft von Ginger. Als ich mich gerade in mein vermeintliches Schicksal füge, strafft sich plötzlich die Leine an meiner Hand. Ginger schaut mich an. Es sieht fast aus als wolle sie mich fragen: „Warum stehst du hier rum? Wir müssen weiter!“

Mein Alpaka kennt die Strecke, mit erhöhtem Tempo holen wir die Gruppe schnell wieder ein. Ich bin erleichtert, fix und foxi, habe aber Ginger gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Denn ich habe wohl gedacht: Ich habe die Lage im Griff, weiß, wo es langgeht und mein Alpaka zottelt einfach mit. Ich habe mich zu wenig auf das Tier selbst eingelassen, auf seine Bedürfnisse. Und schließlich kam mir nicht in den Sinn, dass Ginger die Strecke viel besser kennt als ich. So stand ich mir einfach mal wieder selbst im Weg.

Dabei fühlte es sich gut an als sich die Leine in meiner Hand straffte und ich das Gefühl hatte: Ich muss nicht alles selbst machen. Ich kann auch einfach Andere mal machen lassen – ihnen vertrauen, dass es gut werden wird. Als Kind habe ich gelernt zu vertrauen. Da fiel mir das leichter.

Jetzt als Erwachsene muss ich mich oft erst daran erinnern. Aber ich finde, es lohnt sich, denn es ist ein tolles Gefühl: Vertrauen – und sich einfach mal an die Hand nehmen lassen.

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07NOV2019
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Im Vorfeld von Beerdigungen treffe ich mich mit den Angehörigen zu einem Trauergespräch. Dabei frage ich immer: Soll ein besonderes Lied bei der Beerdigung gespielt werden?

Dieses ausgewählte Lied berührt die Angehörigen und auch mich bei der Trauerfeier oft sehr. Darin spiegelt sich das Leben einer verstorbenen Person in unverkennbarer Weise wider. So erinnert zum Beispiel ein Lied vom Country-Sänger Johnny Cash ganz unmittelbar an den verstorbenen Vater: Ganz oft saß er mit einer Zigarre im Garten in der Sonne und hörte dazu Lieder von Johnny Cash.

Wenn die verstorbene Person die Lieder selbst ausgewählt hat, passen sie oftmals am besten. Daher frage ich inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis: Welches Lied soll auf deiner Beerdigung gespielt werden? Allerdings kommt diese Frage nicht immer gut an.

Oft schaut man mich überrascht bis verwirrt an. Mein Onkel reagierte sogar verärgert. So etwas fragt man nicht. Und überhaupt: Wer will schon über die eigene Beerdigung nachdenken?

Noch häufiger sind die Menschen aber ratlos. Es ist nämlich tatsächlich gar nicht so einfach, ein Lied für die eigene Trauerfeier auszusuchen. Ich tue mich da auch schwer. Soll es eher traurig oder eher fröhlich sein? Passt ein Lied, zu dem man pfeifen kann?

Für mich ist es einfacher, wenn ich erstmal überlege, was die Lieder über mich und mein Leben ausdrücken sollen: Mir ist es wichtig, schöne Momente im Leben zu sammeln. Sie verbinden mich mit anderen Menschen. In der Erinnerung daran, können wir diese schönen Momente dann immer wieder miteinander teilen. Daher passt es wohl gut, wenn das Lied von unserem Hochzeitswalzer auf meiner Beerdigung gespielt wird.

Und schließlich sollen die Lieder ausdrücken: Ich vertraue darauf, dass Gott mein Leben begleitet. Dafür habe ich dann direkt das passende Lied – es begleitet mein Leben in verschiedenen Augenblicken: Es wurde bei meiner Beauftragung zur Seelsorgerin und bei Verabschiedungen aus Gemeinden gespielt und soll bei meiner Beerdigung dann auch gesungen werden. Das Lied beginnt mit der Zeile:

„Im Frieden dein, oh Herre mein, lass ziehn mich meine Straßen.“

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06NOV2019
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Manchmal wundere ich mich noch immer, nach fast 30 Jahren: Dass da am Bahnhof an der Gleisanzeige „Leipzig“ als Zielort steht oder „Dresden“. Meine ganze Schulzeit lang war das völlig undenkbar: Dass ein Zug bis nach Leipzig fährt. Man einfach einsteigen kann und irgendwann über die hessisch-thüringische Landesgrenze fährt. Manchmal bekomm ich deswegen noch heute feuchte Augen am Bahnhof. Und diese Woche vielleicht erst recht, kurz vor dem Jubiläum: 30 Jahre Mauerfall.

Für mich ist es immer noch ein Wunder, dass die Mauer damals 1989 gefallen ist, und das ohne Gewalt, ohne Schüsse und Panzer. Das war ja absolut nicht selbstverständlich: In Peking war der Protest damals im Sommer brutal niedergeschlagen worden, und auch in Berlin standen Panzer und Rettungswagen bereit im Herbst 89. Menschen mussten Mut aufbringen, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, das vergisst man heute manchmal. Aber alles ist friedlich geblieben. Die Mauer fiel, die tödliche Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands war bald schon Geschichte. Und Menschen, die unter 30 sind, wundern sich heute über meine sentimentalen Anwandlungen auf dem Bahnhof.

Aber ich staune noch heute über Mauerfall und Wende – und auch darüber, wie der Protest damals tatsächlich mit Wundern, mit Religion und Gebeten verbunden war. Die Leipziger Montagsdemos schlossen sich ja an die Montagsgebete an, sie begannen mit Kerzen und Fürbitten. Über Jahre hatten die Menschen in der Nicolaikirche gebetet für Veränderung und Wandel – und dann im Herbst 89 war die Zeit für das Wunder gekommen.

Ich glaube wirklich: Die Kraft zu einem solchen Wandel und zu einem solchen Wunder, die kann aus der Kraft des Gebetes kommen. Wenn ich mich nach Veränderung sehne und wenn ich Gott dabei an meiner Seite weiß, dann ist vieles möglich. Dann kann ich beharrlich und furchtlos für etwas kämpfen. Und friedlich etwas erreichen. Unglaubliches. Ein Wunder.

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05NOV2019
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Ich wundre mich immer wieder darüber, wie kurze Gespräche oder Begegnungen mir den Tag ruinieren oder auch: den Tag retten können. Da macht mir ein Bekannter am Telefon blöde Vorwürfe – und ich ärgere mich den ganzen restlichen Tag darüber. Und dann läuft mir eine andre Bekannte, die ich lange nicht gesehn hab, mal wieder über den Weg, sie fragt, wie`s mir geht, sagt ein paar nette Worte – und an dem Tag bin ich einfach gut drauf, freu mich des Lebens. Dann stell ich wieder fest: Der Mensch ist doch tatsächlich ein ziemlich soziales Wesen. Meine Stimmung jedenfalls hat viel damit zu tun, wie die Menschen um mich herum mir gerade begegnen. Und selbst kleine Begegnungen können da oft groß wirken.

Ich merk das auch daran, wie ich abends auf den Tag zurückschaue: Meistens sind es gar nicht unbedingt die großen Dinge, die Erfolge oder Misserfolge, die mich bewegen. Sondern auch da wieder: die Menschen, die mir begegnet sind. Ich freu mich noch am Abend darüber, dass ich morgens im Zug wieder den netten Schaffner hatte, der auch mich Morgenmuffel mit einem freundlichen Lächeln auffordert, die Fahrkarte zu zeigen. Oder ich erinnere mich an das Mittagessen mit der Kollegin, das richtig gut getan hat. Und beim Aufstehen morgens geht es mir ähnlich: Auch aus dem Bett komm ich morgens besser, wenn ich weiß: Am Tag erwartet mich eine nette Verabredung oder ein Telefonat mit jemandem, den ich mag.

Der Mensch tut dem Menschen gut. Ich glaube: So hat sich das Gott auch gedacht: Dass wir einander gut tun als Menschen. Im Großen wie auch im ganz Kleinen. Ich nehm mir das deswegen morgens oft vor: Anderen Menschen, wenn‘s geht, mit einem Lächeln zu begegnen im Laufe des Tages – damit sie sich vielleicht auch freuen können über kleine Begegnungen.

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04NOV2019
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Am Ende dieser Woche steht der 9. November, und deswegen wird’s diese Woche sicher noch mal viele Filme und Erinnerungen zum 9. November 89 geben: 30 Jahre ist der Mauerfall jetzt her. Und trotzdem: Ich will mich in diesen Tagen auch besonders an den anderen 9. November erinnern: den vor 81 Jahren, der 9. November 1938. In der Reichspogromnacht wurden die Geschäfte von Jüdinnen und Juden geplündert und zerstört, Menschen wurden gejagt auf den Straßen, Synagogen angegriffen und in Flammen gesetzt. Juden wurden ab diesen Novemberpogromen nicht mehr nur diskriminiert, sondern systematisch verfolgt und getötet. Am Ende der Nazizeit, 1945, waren 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden.

Ich muss dieses Jahr auch besonders an diesen 9. November denken wegen des 9. Oktobers. Da ist vor einigen Wochen etwas geschehen, von dem ich dachte, dass es in Deutschland nie mehr geschehen würde, nie mehr geschehen darf. Eine Synagoge wurde angegriffen, von einem jungen deutschen Rechtsextremen. Es war der höchste jüdische Feiertag, Jom Kippur, und rund 50 Menschen waren dort im Gotteshaus zum Gebet versammelt. Und dann kommt einer schwer bewaffnet mit Gewehren und Sprengstoff und versucht die Tür aufzuschießen, drinnen kann der Gemeindevorsteher es über die Überwachungskamera sehen. Jüdinnen und Juden, die 2019 in Deutschland in einer Synagoge Angst um ihr Leben haben müssen. Ich kann das immer noch kaum glauben und mir kommen die Tränen, wenn ich daran denke, Tränen der Trauer und Tränen der Wut.

Ich will nicht, dass in meinem Land Menschen jüdischen Glaubens Angst um ihr Leben haben müssen oder dass Menschen auf offener Straße erschossen werden. Ich will mich dagegen wehren, ich tue das, was ich tun kann: Vor jüdischen Synagogen Solidarität zeigen. Mich einsetzen für mehr politischen, gesellschaftlichen und juristischen Druck gegen Rechtsextremismus. Und wenn nötig: im Zug etwas sagen, wenn rechte Sprüche geklopft werden, wenn abfällig über Juden geredet wird. Dieser 9. Oktober und natürlich auch dieser 9. November: Sie sollen sich nie wiederholen.

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