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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

11MAI2019
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Mein Schwager geht diesen Sommer in Pension. Er ist Lehrer an einer Gesamtschule für Mathe und Sport. Um die 40 Jahre sind es dann, in denen er Kinder und Jugendliche unterrichtet hat. All die Jahre ist er dabeigeblieben, auch wenn die Bedingungen an einer Brennpunktschule mit der Zeit sicher nicht leichter wurden.

Kindern und Jugendlichen Wissen vermitteln zu wollen ist eine Herausforderung. Schließlich muss das Wissen so verpackt und serviert werden, dass es zu verstehen ist und im Idealfall wird Interesse oder sogar Freude am jeweiligen Thema geweckt. Wenn Schülerinnen und Schüler dann selbst weiterdenken und Dinge hinterfragen, sind das vermutlich Sternstunden in diesem Beruf.

Ich habe darüber nachgedacht, was ich alles so gelernt habe und von wem. Wie wohl bei den meisten hat es da gemischte Erfahrungen gegeben: Manchmal fand ich den Unterricht ganz gruselig, habe mich zu Tode gelangweilt. Aber es gab auch Lehrerinnen und Lehrer von denen ich viel gelernt habe. Und da ging es dann nicht nur um reine Wissensvermittlung. Ich fühlte mich von ihnen gefördert und unterstützt:

So habe ich mich zum Beispiel im Deutschunterricht lange schwer getan, wenn es um die Interpretation und das Schreiben von Texten ging. Aber mein Deutschlehrer hat es mir immer wieder von vorne erklärt. Und irgendwann hat es dann „klick“ gemacht. Als er mir die nächste Klausur zurückgab, lachte er mich an und sagte: „Ich wusste doch, dass du das kannst.“

Nur „Danke“ habe ich ihm für seinen Einsatz nie so richtig gesagt. Schade! Denn für diesen tollen Unterricht hat er sich hingesetzt und viel Zeit in die Vorbereitung investiert.

Und dieser Deutschunterricht hat Langzeitwirkung: Er hilft mir heute noch, wenn ich Texte schreibe – so wie diesen hier.

Von daher ist vielleicht jetzt der richtige Moment gekommen „Danke“ zu sagen: Dankeschön an meinen Deutschlehrer und an all die Menschen, die mir etwas vermittelt haben. Aber eben nicht nur Wissen – Danke, dass sie meine Talente mit entdeckt und gefördert haben.

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10MAI2019
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Drei Dinge habe ich von meinem Großvater gelernt: Ich habe gelernt wie man Schuhe bindet, wie man die Uhr liest und wie man pfeift.

Ich habe noch viele andere Dinge von ihm gelernt, aber diese drei sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Vermutlich auch, weil ich mich am Anfang schwer damit tat. Die Bänder am Schuh fand ich entweder zu lang oder zu kurz und irgendwie hatte ich auch gefühlt zu viele Finger. Die Uhr zu lesen klappte da im Vergleich besser: die Unterscheidung zwischen langem und kurzem Zeiger half mir, Orientierung auf dem Ziffernblatt zu finden. Das schwierigste war aber eindeutig das Pfeifen. Bis ein wiedererkennbares Lied über meine gespitzten Lippen kamen, war es ein hartes Stück Arbeit.
Ich glaube: Mit diesen drei Kenntnissen – Schuhe binden, Uhr lesen und pfeifen – kommt man durchs Leben.

Ordentlich und fest gebundenes Schuhwerk sorgt für einen sicheren Stand und Gang und das stärkt das eigene Selbstbewusstsein. Die Uhr lesen zu können ermöglicht Orientierung und Struktur.
Das Pfeifen schließlich bringt als Sahnehäubchen die nötige Gelassenheit ins Leben. Pfeifen sorgt für Entspannung und gleichzeitig Konzentration. Ich bin dann ganz bei der Sache. Mein Opa hat vor allem bei handwerklichen Tätigkeiten eine Melodie gepfiffen – da war klar: jetzt bitte nicht stören, es ist grad knifflig. Aber er wirkte nicht angespannt, sondern ganz gelassen. Und das auch wenn die Reparatur gerade nicht nach Plan lief oder sogar misslang.

Das ist bei mir ähnlich: Ich pfeife nicht nur in besonders schönen Momenten.  Manchmal pfeife ich gerade dann, wenn ein Tag nicht rund läuft. Es geht mir dann darum, mit dem Pfeifen meine Gelassenheit wiederzufinden. Die verliere ich nämlich oft, wenn ein Tag schlecht läuft. Durch das Pfeifen entspanne ich mich. Das Pfeifen war bei meinem Opa und es ist bei mir Ausdruck von einem Grundvertrauen in Gott und damit ins Leben: Es hängt nicht alles allein von mir ab. Da gibt es jemanden, der mein Leben begleitet.

So hat mir mein Opa mit seinem Pfeifen das Gefühl für Gelassenheit aus dem Glauben heraus mit ins Ohr gegeben. Und im besten Fall begleitet dieses Gefühl – angefangen beim Schuhe binden und dem Lesen der Uhr – all mein Tun.

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09MAI2019
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In Paris gibt es in einem winzigen Laden eine Werkstatt für Regenschirme. Es ist einer dieser wenigen Orte, an denen Regenschirme repariert werden. Monsieur Millet kümmert sich um die kaputten Schirme: er widmet ihnen seine ganze Aufmerksamkeit, er biegt gerade, bessert aus, näht zusammen. Dabei entstammt Monsieur Millet keiner Familiendynastie an Regenschirm-Reparateuren. In der Fernseh-Reportage über ihn wird vielmehr berichtet: Monsieur Millet war lange Zeit arbeitslos. Er sagt dazu: „Ich war in den Augen der Arbeitgeber entweder zu klein, zu groß oder zu schön oder zu hässlich – egal, irgendwas stimmte immer nicht.“ Die Situation war ein großes Problem für ihn. Irgendwann hat er sich dann aber gesagt: „Ich kann trotzdem was!“

Und dann sah er, dass der Besitzer der Regenschirm Werkstatt einen Nachfolger suchte. Monsieur Millet ließ sich von ihm zeigen, wie man Regenschirme repariert und seitdem sind die Regenschirme seine Welt.

Irgendwie eine süße Geschichte. Und das Geschäft scheint zu brummen. Es gibt Menschen, die aus New York ihren Lieblingsregenschirm dahin schicken. Aber ernsthaft: Wer kann denn von der Reparatur von Regenschirmen leben? Die Ladenmiete muss ja auch bezahlt werden. Letztlich nörgele ich solange an der Geschichte herum bis ich ein richtig schlechtes Gefühl habe. Dabei ist doch das Wichtigste:

Offensichtlich hat Monsieur Millet in dieser Werkstatt seinen Platz gefunden. Und offensichtlich finanziert er sich damit. Wie er das macht, muss er mir nicht offenlegen.

Viel wichtiger ist doch, dass er eine Tätigkeit gefunden hat, die ihm viel Freude bereitet und die er sinnvoll findet. Im Kontakt mit den Kunden und Kundinnen erfährt er Dankbarkeit und Wertschätzung: Er repariert Dinge, an die die Menschen ihr Herz gehangen haben.

Während ich so darüber nachdenke, fällt mir ein Satz ein, den Gott einmal zu Abraham gesagt hat: „Ich will dich segnen und Du sollst ein Segen sein.“ (Gen 12,2) Diesen Segen Gottes hat Monsieur Millet selbst gespürt als er sich sagte: „Ich kann trotzdem was!“ Und er wiederum ist ein Segen für Menschen von Paris bis New York, denen jetzt kein Regen mehr auf den Kopf prasselt.

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08MAI2019
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Atmen bedeutet leben. Das ist zunächst ein banaler Satz, eine Binsenweisheit. Wir atmen ja auch völlig unbewusst. Ganz automatisch. Erst, wenn uns die Luft wegbleibt, wenn wir außer Atem kommen, dann wird uns die Bedeutung klar.

Pro Minute atmen wir im Schnitt 12 Mal ein und aus. Das sind rund 17000 Atemzüge am Tag, über 6 Millionen im Jahr. In einem achtzigjährigen Leben atmen wir über eine halbe Milliarde mal ein und aus.

Das Atmen bestimmt unser ganzes Leben. Vom ersten Schrei im Kreißsaal bis zum letzten Atemzug, wenn der Mensch sein Leben aushaucht. Wer einmal einen Sterbenden begleitet hat, der wird diesen Moment nicht vergessen.

Atmen ist ein Geschenk. So erzählt es die Bibel auf den ersten Seiten. Sie tut es in mythischen Bildern. Wie ein Töpfer formt Gott den Menschen, den „Adam“, aus dem Erdboden, der „adama“. Doch der Mensch wäre nur ein lebloser Haufen Dreck geblieben, wenn Gott ihn nicht angehaucht hätte. Er blies seinen Atem in die Nase des Menschen. Und die Bibel wörtlich: „So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,9) Übrigens: Der muslimische Koran schildert die Erschaffung des Menschen fast mit den gleichen Worten. (Sure 15:29)

In der biblischen Schöpfungserzählung steht für den Atem das hebräische Wort „ruach“. „Ruach“ bedeutet aber auch „Geist“. Mit seinem Atem schenkt Gott dem Menschen also nicht nur das Leben, sondern auch seinen heiligen Geist. Was für eine Aussage!

Solange der Mensch lebt, atmet er den Geist Gottes. Zugespitzt könnte man sagen: Jeder Atemzug ist ein Gottesbeweis.

Ganz praktisch können gläubige Menschen das in der Meditation erfahren. In nahezu allen Religionen gibt es Übungen, in denen sich der Mensch der Atmung wieder bewusst wird. Das Atmen verbindet die Menschen untereinander, über alle Grenzen hinweg. Ja, es ist wahr: Durch den Atem Gottes leben wir und haben alle Anteil an seinem Geist.

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07MAI2019
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„Jesus ist mein jüdischer Bruder.“ Der Mann, der dies sagte, war Schalom Ben-Chorin. Er gehörte zu den Pionieren des jüdisch-christlichen Dialogs nach der Shoa, dem Völkermord an den europäischen Juden. So war er der erste, der nach 1945 einen Jugendaustausch zwischen Deutschen und Israelis organisierte.

Aber der Reihe nach. 1903 als Sohn jüdischer Eltern geboren, wächst Schalom Ben-Chorin in München auf. Damals heißt er noch Fritz Rosenthal. Daheim ist die Religion nur ein Randthema. Das kann der Junge nicht verstehen. Mit 15 verlässt er sein Elternhaus und zieht in eine orthodoxe Familie. Er will die Wurzeln des Judentums kennenlernen.

Nach Hitlers „Machtergreifung“ sieht er für sich keine Zukunft mehr in Deutschland. Er flieht nach Palästina und gibt sich nun einen hebräischen Namen. Schalom Ben-Chorin, das bedeutet: „Friede, Sohn der Freiheit“.

In Jerusalem wird er zum Rabbiner und Begründer einer liberalen Gemeinde. Einen großen Teil seiner Arbeit widmet Ben-Chorin dem Studium des Neuen Testaments. Er ist von Jesus und dessen Botschaft fasziniert. In seinen Büchern wirbt er dafür, Jesus als Brücke zwischen Judentum und Christentum zu verstehen. Damit wird Schalom Ben-Chorin selbst zum Brückenbauer. Seine Bücher schreibt er immer auf deutsch. „Aus einem Land kann man auswandern, aber nicht aus seiner Muttersprache“, so seine Begründung.

Er pendelt zwischen Jerusalem und München, zwischen neuer und alter Heimat. An deutschen Universitäten, auf Kirchentagen und in Pfarreien hält er zahlreiche Vorträge. Ich hatte das Glück, diesen beeindruckenden weisen Mann noch zu erleben. Und immer wieder dieser Satz: „Jesus ist mein jüdischer Bruder.“ Gleichzeitig bekennt er aber auch, dass er den Mann aus Nazareth nicht für den Messias hält. „Der Glaube Jesu eint uns. Der Glaube an Jesus trennt uns.“
Heute vor zwanzig Jahren ist Schalom Ben-Chorin in Jerusalem gestorben.

Lesetipp: Ben-Chorin, Schalom: Ausgewählte Werke. (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Darmstadt, 2019

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06MAI2019
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Für Muslime ist dieser 6. Mai ein besonderer Tag. Heute beginnt der Fastenmonat Ramadan. In ihm hatte einst Allah dem Propheten Muhammad den Koran geoffenbart. Daran sollen sich die Gläubigen erinnern, wenn sie tagsüber nichts essen und trinken. Erst nach Sonnenuntergang trifft man sich in der Familie zu einer ausgiebigen Mahlzeit.

Historisch gesehen, gehört der Islam zwar nicht zu Deutschland. Aber inzwischen leben rund 5 Millionen Muslime bei uns. Manche jetzt schon in der dritten Generation. Die meisten muslimischen Familien wollen auch in Deutschland bleiben, sehen hier ihre Heimat.

Andere dagegen tun sich da noch schwer. Sie zu integrieren ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Dabei spielt die Religion eine entscheidende Rolle.

Und so finde ich es großartig, dass man aktuell an sechs Universitäten in Deutschland „Islamische Theologie“ studieren kann. Hier erhalten zukünftige Religionslehrer und Imame eine fundierte Ausbildung. Gerade die Imame, die Gemeindeleiter, haben eine Schlüsselfunktion für die Integration. Sie predigen in der Moschee und sind als Seelsorger Ansprechpartner der Gläubigen.

Leider aber finden viele Absolventen, die an deutschen Hochschulen ausgebildet werden, keine Anstellung. 90 % der Moscheegemeinden holen sich ihre Imame lieber aus dem Ausland. Meist sprechen die aber kein Deutsch, kennen sich nicht aus mit der hiesigen Kultur und haben kaum Kontakt zur übrigen Bevölkerung. Nach wenigen Jahren kehren sie zurück in ihre Heimat.

Rauf Ceylan, islamischer Professor in Osnabrück, will das nicht länger hinnehmen. Wenn mehr als 2000 ausländische Imame in Deutschland tätig sind, dann bleibt der Islam ein Fremdkörper. Ceylan wörtlich: „Wenn wir die Imame integrieren können, können wir auch die Millionen Muslime in Deutschland integrieren.“

Es liegt also in erster Linie an den Moscheegemeinden bei uns, Theologen einzustellen, die hier aufgewachsen sind und Land und Leute kennen. Dann könnte die Religion zu einem Motor der Integration werden und nicht – wie leider noch zu oft – zu einem Hindernis.

https://www.deutschlandfunk.de/islamische-gemeinden-in-deutschland-das-ungeloeste-problem.724.de.html?dram:article_id=419883

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28583