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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Gehst du jetzt zu dem Gott?“ Ein kleiner Junge hat mich das im Kindergarten gefragt. Ja, wohin gehe ich eigentlich, wenn ich zu Gott gehe? Wenn ich ihm begegnen will?

Früher dachte ich oft: Du musst was tun. Du musst dich in Bewegung setzen und irgendwo hingehen. Nur dann erlebst du Glück. Nur dann begreifst du einen Zipfel vom Sinn deines Lebens. Vielleicht solltest du nach Santiago di Compostella pilgern. Oder zum Evangelischen Kirchentag fahren, der war ja am vergangenen Wochenende in Berlin.

Heute weiß ich: Ich muss ich mich nicht an spektakuläre, heilige oder kultige Orte begeben, um Gott zu begegnen Eigentlich ist es genau umgekehrt. Gott kommt zu mir. Der eigentliche Ort, an dem ich Gott treffe, ist ja in mir.

Das erzählt die Geschichte von Pfingsten, das Fest, das wir am kommenden Wochenende feiern. Gott kommt zu den Jüngern. Er sendet seinen Geist, erzählt die Bibel. Und der! bringt sie in Bewegung!

Einmal habe ich Pfingsten in Afghanistan erlebt. Da war ich als Militärpfarrer im Auslandseinsatz. An einem Abend habe ich lange mit Soldaten zusammen gesessen. Sie haben mir ihre Geschichten erzählt von den letzten Gefechten. Und wie sie um Haaresbreite einem Anschlag entkommen sind. In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen und kam am Morgen sehr aufgewühlt und erschöpft ins Büro.

Ich wollte mich gerade an die Arbeit machen, da klingelte das Telefon: Ein Anruf aus Deutschland! Auch das noch! Ich hob ab. „Guten Tag Herr Wächter, sagte eine freundliche Stimme. „Hier ist Unteroffizier Müller aus der Falckenstein-Kaserne. Ich hatte diese Nacht die Eingebung sie anzurufen. Wie geht es ihnen?“ – „Herr Müller“, sagte ich, „das ist ja eine Überraschung. Mir geht es im Moment nicht sehr gut…“ Und dann habe ich ihm einfach erzählt, was los war. „Herr Pfarrer, sagte er, ich bete für Sie. Und ich bin sicher, dass Gott ihnen die Kraft gibt, das alles zu bewältigen.“

Das war für mich Pfingsten. Gott ist zu mir gekommen. Hat mich getröstet und mir neue Energie geschenkt – aus heiterem Himmel.

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„Gehst du jetzt zu dem Gott?“ das hat mich ein Junge im Kindergarten gefragt. Für ihn wohnt Gott in der Kirche. Nein, habe ich ihm gesagt, ich gehe in mein Büro im Gemeindeamt. Ich gehe nicht zu dem Gott. Kurz darauf betrete ich das Amt. Die Sekretärin telefoniert - ich muss warten. Als sie den Hörer auflegt, schaut sie mich genervt an. Nein, das war kein schönes Gespräch für sie.

„Eben hat mich ein Junge im Kindergarten gefragt hat, ob ich zum Gott gehe!“ Sage ich ihr lachend. „Na, hier ist er bestimmt nicht!“ Meint sie. „Heute ist wieder mal die Hölle los!“ Ich muss lachen, schüttle dann aber den Kopf. Ist das so, dass Gott nicht da ist wenn wir meinen „die Hölle sei los“?

Jesus wollte den Menschen das Gegenteil zeigen. Gerade dort, wo die „Hölle los ist“, da sollen wir mit Gott rechnen. Deshalb ist er genau dort hingegangen, wo es nicht wirklich schön ist. Zum Beispiel zu den Gelähmten und Aussätzigen. Die hatten die Hölle nicht nur weil sie krank waren, sondern auch, weil alle einen weiten Bogen um sie gemacht haben. Alle sollten begreifen: Gott ist ganz nah!

Hier im Gemeindeamt sieht es zwar nicht so schön feierlich aus wie in einer Kirche, dem Haus Gottes. Da ist kein großer Tisch mit Kreuz und Kerzen. Und es ist auch nicht still. Da stehen Computer und Telefone. Hier wird gearbeitet. Und manchmal gelitten und vieles ausgehalten. Wenn einem die Arbeit über den Kopf wächst und immer noch mehr Aufgaben kommen. Wenn die „Kunden“ nur meckern und schimpfen… Aber Gott ist immer mit dabei. Auch wenn wir das nicht immer merken. Eigentlich hätte ich dem Jungen im Kindergarten antworten müssen: „Ja, ich gehe jetzt zu dem Gott. Aber ich gehe nicht in die Kirche, sondern ins Gemeindeamt. Dort wohnt er nämlich auch, der Gott.“

Jesus hat das so gesagt: „Wenn Gott unter euch wohnt, dann ist das nicht so, dass jeder das genau sehen kann im Sinn von: Siehe, hier ist er! Oder Da wohnt er! Siehe, Gott wohnt mitten unter euch.“

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„Gehst du jetzt zu dem Gott?“ Ich bin im Kindergarten und habe schon die Türklinke in der Hand, als ein kleiner Junge mich das fragt. Er sitzt mit seinem Freund an der Garderobe, um sich Gummistiefel anzuziehen. Gehst du jetzt zu deinem Gott? – Für ihn bin ich „der von der Kirche“ und da wohnt nun mal Gott. „Nein, sage ich, ich geh jetzt nicht zu meinem Gott. Ich muss in unser Büro, ins Gemeindeamt“. „Ach so!“ meint er.

Beim Rausgehen geht mir sein Satz nochmal durch den Kopf. Ich freue mich, dass er offenbar in der Kirche Gott gespürt hat. Schön, dass er weiß, wo er Gott finden kann. Und ich denke: Hoffentlich kann er das mal nutzen, wenn er dringend etwas mit Gott zu besprechen hat.

Mit Erwachsenen geht es mir oft ganz anders. Gerade neulich auf dem Weinfest hat eine Frau zu mir gesagt: „Ich finde, man muss nicht in die Kirche gehen, wenn man mit Gott reden will.“ - Es klingt ein wenig trotzig. Ich spüre aber vor allem die Enttäuschung, dass sie in der Kirche, im Gottesdienst, nichts spürt von Gott, und leer nach Hause gegangen ist. Ich kann es ihr gut nachempfinden. Und kann ich kann ihr auch gar nicht widersprechen, denn ich habe Gott auch schon an anderen Orten gespürt.

Deshalb habe ich die Frau gefragt: „Wo gehen Sie denn hin, wenn sie mit Gott reden?“. Das hat sie ein bisschen verwirrt. Mit so einer Frage hat sie nicht gerechnet. Aber die Frage ist ihr wichtig und sie denkt darüber nach. „Tja, wo habe ich das letzte Mal mit Gott geredet?“
Nach einer Weile hellt sich ihr Gesicht auf: „Abends vor dem Einschlafen, da lass ich alle meine Lieben vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen. Und dann sage ich zu Gott zum Beispiel: Behüte sie bitte. Oder: Hilf ihnen. Bei mir geht das immer schief.

Einen kurzen, stillen Moment schauen wir uns an und spüren, wie schön das ist und wie sehr das gut tut und hilft, mit Gott zu reden. Egal, ob zu Hause am Esstisch, abends im Bett, im Wald – und auch in der Kirche. Oder Wo gehen Sie hin, wenn Sie mit Gott reden?

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Warum sind die nur so unhöflich? Das habe ich im Flugzeug öfters gedacht. Kaum hat man seinen Platz im Flugzeug eingenommen, bekommt man Sicherheitshinweise. Was  man tun soll, wenn die Luft dünn wird. Dann fällt nämlich eine Sauerstoffmaske aus dem Fach über dem Kopf. Und die Anweisung lautet: ziehen Sie sich diese zuerst selbst über die Nase und helfen Sie erst danach dem Kind neben Ihnen.

Im Notfall soll also jeder erst an sich selber denken. Ja, wie egoistisch ist das denn? Habe ich gedacht.
Aber die Regel lautet: Selbstschutz geht vor Fremdschutz. Und das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern folgt der simplen Logik: Nur wenn ich noch Luft zum Atmen habe, kann ich auch anderen helfen, dass sie auch aufatmen können.

Im Flugzeug ist das klar. Aber wie ist das sonst im Alltag? Auch da gibt es viele, die in der Not anderen helfen wollen. Das ist großartig. Aber Manche helfen  über Ihre Kräfte. Weil sie meinen:  wenn ich es nicht tue, passiert ja nichts.

Und es stimmt ja auch. Was wären wir ohne die vielen Helfer. Die dafür sorgen, dass Kinder eine warme Mahlzeit bekommen. Die Geflüchteten helfen, hier ein neues Leben anfangen zu können.

Aber überall ist es wie im Flugzeug: Wenn ich nicht dafür sorge, dass ich genug Luft bekomme zum Helfen, dann gefährde ich nicht nur mich. Dann helfe ich kurzfristig vielleicht noch ein paar Menschen mehr – aber auf die Dauer kann ich vielen nicht helfen. Weil ich krank werde, weil mir die Luft ausgeht, ich mich über die Maßen verausgabe.  

Jesus sagte mal: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Man kann das auch andersrum sagen: Liebe dich selbst, pass auf dich gut auf. Damit du stark genug bist, auch deinem Nächsten helfen zu können.

Versorge erst dich selbst mit ausreichend Sauerstoff. Schlafe genug,  habe Freundschaften, pflege Hobbys, sorge für gute Ernährung. All das gibt dir genug Energie, um anderen helfen zu können. Manche strahlen beim Helfen so eine Freude aus, dass es eine Lust ist, sie als Vorbild zu haben.

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Was ist eigentlich unsere Leitkultur? Die Frage hat ja unser Innenminister wieder aufgeworfen. Die Frage nach der Leitkultur kommt ja alle paar Jahre wieder. Wahrscheinlich deshalb, weil keiner so recht weiß, was damit eigentlich gemeint sein könnte.

Leitkultur- für mich ist das die Antwort auf die Frage:  was hält uns eigentlich zusammen, als Gesellschaft? Und wie wollen wir miteinander umgehen? Nach welchen Spielregeln? Was brauchen wir, damit alle genug Freiraum haben, um ein gutes Leben in Deutschland zu führen?  

Zum guten Leben gehört für mich auch, dass ich glauben darf, worauf ich vertraue. Und dass ich sagen darf, was ich glaube und was ich meine.  Jesus hat mal gesagt: „Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist meine Familie.“
Das war für Jesus die Leitkultur, der Maßstab fürs Gewissen: die Gebote Gottes in der Bibel. Das gemeinsame Gesetz und der Glaube an die Liebe Gottes. 

Das ich dies sagen, leben und glauben darf garantiert mir das Grundgesetz. Es stellt den Rahmen, wie das Zusammenleben klappen kann, was die Gesellschaft zusammenhält. Ob jemand sich an unser Grundgesetz hält und dabei an Allah glaubt, an Jesus Christus, an Jahwe oder ohne Gottesbeziehung lebt, das ist nicht Sache des Staates.  Das ist unsere Sache. Und darüber sollten wir uns austauschen.

Denn dazu gibt uns das Grundgesetz den Raum: Wir können frei sagen an wen wir glauben und warum wir das glauben. Wir können uns treffen, um zu beten und unseren Glauben zu feiern und zu leben. Der gemeinsame Austausch, der Dialog, das Aushalten von Widerspruch und anderen Meinungen, die Gewaltfreiheit der Diskussion und die Gewissensbildung. Das Einstehen für den Anderen, vielleicht Schwächeren. Das ist meine Leitkultur. So verstehe ich den christlichen Glauben. Das ist mir lieb und teuer. Darüber will ich mit Anderen sprechen und den Rahmen füllen den das Grundgesetz gibt.

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Curling Eltern – als ich den Namen zum ersten Mal gehört habe, habe ich erst gestutzt. Curling Eltern? Ja, das sind Eltern, die Ihrem Kind alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Wie beim Curling eben. Beim Curling schickt man einen schweren Granitstein mit Eisengriff über die Eisfläche und ein Anderer poliert und schrubbt das Eis vor dem Stein,  sodass der möglichst weit und möglichst genau ins Ziel rutscht.

Und genau so machen es die Curling Eltern. Sie kreisen nicht nur um ihre Kinder wie die Helikopter Eltern. Sie polieren und ebnen den Weg ihres Sprösslings, damit der ohne Umwege und Hindernisse ins Ziel kommt. Sie ebnen ihm die Bahn und machen ihm so den Weg frei.

Wenn ich an meine Kindheit denke, dann würde ich sagen: eigentlich haben mich die Erfahrungen am meisten vorangebracht, die ich selber gemacht habe. Also ohne Unterstützung meiner Eltern. Aber das vergesse ich oft, wenn ich zum Beispiel meine Kinder allein zum Sport schicke. Diese dann kurz darauf nochmal gehetzt zurückkommen, weil sie ihre Sporttasche vergessen haben.

Dann denke ich: Sollte ich ihnen nicht die Tasche hinterhertragen? So wie manche Eltern das tun. Das macht mir ganz schön Druck. Dann muss ich mich immer wieder daran erinnern:
Es waren doch gerade die Situationen in denen ich selbst ein Problem gelöst habe,  die mich als Kind weitergebracht haben. Und die mich noch heute weiter bringen.

Die Kinder vergessen ihre Sporttasche, kommen zurück, greifen sie sich und gehen wieder los. Sie stehen in der Pause im Regen und kommen klitschnass, bibbernd, aber oft auch lachend nach Hause. Sie leihen sich gegenseitig Bücher und Malsachen aus, die sie vergessen haben. Sie flutschen nicht ins Ziel, sie mäandern und machen Erfahrungen – gute und schlechte eben – und sie lernen…

Und das Beste dabei – meistens vergeht Ihnen das Lachen nicht. Kinder sind oft sorglos, manchmal unorganisiert, nicht immer Zielgenau – aber lachend und mit „kindlichen“ Gottvertrauen. Das wünsche ich uns Eltern auch.

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