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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Bei meinem Neffen Moritz, sechs Jahre alt, findet sich auf dem Stall von Betlehem: ein Star-Wars-Kämpfer. Er steht da auf dem Dach, unter ihm die Geburtsszene mit Maria, Josef und dem Jesuskind, und er sitzt ziemlich furchterregend aus. Keine Ahnung, welche Figur von Star-Wars das genau ist, ich kenn mich da nicht so gut aus. Aber er trägt eine ziemlich große Waffe – und die hat er auf den Engel gerichtet, der auf der anderen Seite des Stalldaches steht. Aber, keine Sorge, Moritz erklärt mir: Der Engel ist stärker und wird den Star-Wars-Kämpfer besiegen. 

Im ersten Moment kommt mir das schon ziemlich komisch vor: Star-Wars und Betlehem zusammen. Aber dann denke ich mir: Vielleicht hat Moritz einfach schon ziemlich gut erkannt: Die schöne Weihnachtsszene von Betlehem, die kann nicht immer so friedlich bleiben. Es gibt auch da böse Mächte, die den Frieden stören und die Guten bedrohen. In der Bibel und im Gottesdienst heute am zweiten Feiertag ist davon übrigens auch die Rede, natürlich ohne Star-Wars-Kämpfer: König Herodes kommt da ins Spiel in der Geschichte von Betlehem. Er bedroht das Leben des Jesuskindes – und Maria, Josef und der Kleine müssen fliehen bis nach Ägypten. Und heute im katholischen Gottesdienst: Da wird an den heiligen Stephanus gedacht. Er war der erste christliche Märtyrer und musste auch erleben: Böse Mächte können bedrohlich sein und einen sogar das Leben kosten. 

Weihnachten und Weihnachtskrippe: Die sollen nicht süßlich von all diesem Bösen und Bedrohlichen ablenken. Die Welt ist – leider – am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht plötzlich friedlich und sicher. Das, was mir Angst und Sorgen macht, persönlich und auch politisch, das bleibt, leider. Aber ich glaube daran: Weihnachten kann uns Menschen in all dem auch Hoffnung geben. Das Gute hat durch diese Geburt damals in Betlehem einen gewaltigen Schub bekommen. Gott selbst ist in die Welt gekommen und will sie heller und friedlicher machen. Und er macht Engel und Menschen stark, damit sie mutig gegen das Böse kämpfen. So, wie der Weihnachtsengel auf der Krippe von Moritz gegen die Star-Wars-Figur kämpft und – natürlich – den Sieg davon trägt.

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Weihnachten ist das Fest der Familie, im doppelten Sinn: Damals vor 2000 Jahren ist ja eine Familie gegründet worden: Jesus wurde geboren, und Maria und Josef haben ihn in ihre Arme genommen. Die „heilige Familie“ werden die drei oft genannt. Und heute, da werden viele Menschen mit ihrer Familie Weihnachten feiern. Kaum ein Tag im Jahr bringt Eltern, Geschwister, Großeltern, Nichten und Neffen so zusammen wie der 25. Dezember. Allerdings geht’s beim Familienweihnachten nicht immer nur heilig zu. Da gibt’s die alten Konflikte, die schwelen, oder neue Streitereien, die ausbrechen. Familie ist eben meistens beides: etwas, das uns heilig ist - aber genauso auch etwas, das ziemlich anstrengend sein kann. 

Ich finde es da fast beruhigend, dass auch die heilige Familie damals gar nicht nur heilig war. Josef, Maria und Jesus: Das war ja von Anfang an nicht nur Idylle. Erst mal will Josef Maria verlassen, weil er nicht der Vater des Kindes ist – er muss im Traum von einem Engel dazu überredet werden, bei ihr zu bleiben. Dann kommt ihr Kind in einem Stall zur Welt, unterwegs und zwischen Ochs und Esel. Und später hört man von dem zwölfjährigen Jesus: Er reißt aus und lässt die Eltern tagelang im Unklaren, wo er gerade ist. Als Erwachsener lässt Jesus seine Familie dann sogar einmal einfach vor dem Haus stehen und sagt: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Klingt gar nicht so nach heiliger Familie. 

Für mich heißt das: Ich darf und soll meine Familie natürlich wertschätzen und genießen. Und ich freu mich wirklich sehr, sie an Weihnachten zu sehen! Aber ich muss auch nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“ von ihr erwarten. Es darf auch mal unheilig zugehen, wenn wir zusammen sind. Und Familie, das sind für mich auch nicht nur die Geschwister und Eltern, sondern, wie schon bei Jesus: Es gehören im weiteren Sinne auch die guten Freunde dazu, die Weggefährten, Menschen, die ähnlich denken und handeln wie ich. Weihnachten: Das ist für mich wirklich das Fest der Familie. Das Fest der Neffen, Nichten und Geschwister, und das Fest der Menschen, die mir wichtig und heilig sind.

 

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Ab heute feiert Paula ihr erstes Weihnachten. Paula ist meine Nichte, am 1. November ist sie auf die Welt gekommen. Ihr erstes Weihnachten begeht sie also mit gerade mal knapp acht Wochen. Ich freu mich drauf, sie in den nächsten Tagen wieder zu sehn – und ich werde bestimmt schon heute besonders an sie denken: Wenn ich die biblische Geschichte von der Geburt Jesu höre. Dann muss ich wieder daran denken, wie es sich angefühlt hat, Paula im Arm zu halten, gerade mal zwei Tage alt. Und daran, wie unglaublich klein ihre Hände und Füße auch jetzt in den ersten Wochen noch aussehen und wie faszinierend ihr Gesicht. 

Und dann denke ich mir: Solch ein kleines Kind muss dieser Jesus auch gewesen sein. Er hat in den Armen seiner Eltern gelegen, hatte winzige Hände und Füße. Er hat geschrien und brauchte Muttermilch und die Nähe von Maria und Josef. Es ist wirklich nicht so einfach, sich vorzustellen: In solch einem kleinen Kind soll also Gott selbst auf die Welt gekommen sein. Der allmächtige Gott, der die Welt erschaffen hat, der groß und gewaltig ist und die ganze Welt in Händen hält. Der wird jetzt so klein, dass er selbst in den Armen eines Menschen liegt. Gott: vielleicht drei, vier Kilo schwer, 50 Zentimeter lang. 

Das ist schon eine sehr seltsame Vorstellung, und ich gebe zu: Manchmal fällt es mir schwer, das zu glauben – wie soll das gehen, Gott in einem Neugeborenen? Aber gleichzeitig finde ich auch: Es ist irgendwie eine sehr schöne Vorstellung. Vielleicht auch, weil so ein Neugeborenes für mich sowieso schon etwas Göttliches hat. Aber auch, weil ich es wundervoll finde, dass dieser große Gott sich so klein macht. Dass er nicht als Herrscher vom Himmel herunterfährt und –regiert. Er kommt ganz anders hinunter zu uns Menschen, macht sich winzig, macht sich abhängig, er vertraut sich uns an. Das ist eine Vorstellung, die mir zu denken gibt. Und auf die mich meine kleine Nichte Paula dieses Jahr wieder neu aufmerksam gemacht hat. Ich wünsch Ihnen allen einen wundervollen Heiligen Abend!

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Vom Weihnachtsmann oder vom Christkind? Von wem kommen morgen Abend die Geschenke? Das fragen sich heute wieder viele Kinder. Früher, in meiner Kindheit, gab es diese Frage nicht. Ich bin noch in einer mehr oder weniger weihnachtsmannfreien Zone groß geworden. Vor Weihnachten, im Advent, kam der Nikolaus. Er brachte kleinere Geschenke, Süßigkeiten und Obst. An Weihnachten kam dann das Christkind und das brachte die größeren Geschenke: Modellautos, eine Eisenbahn oder eine Ritterburg. Damit war klar: Der Nikolaus ist gut, aber das Christkind ist besser. Einen Weihnachtsmann, der auch noch so ähnlich aussieht wie der Nikolaus, kannte ich nicht. Die Kinder heute kommen aber an ihm nicht mehr vorbei. Zu stark ist seine Präsenz in Film, Funk und Fernsehen. Und zwar so, dass sich ein Kind da mehr vorstellen kann als beim Christkind. Ein Rentierschlitten, der mit lauter Geschenkpaketen durch die Luft saust, das ist doch was. Aber bitte schön, wie soll man sich das Christkind vorstellen? Das Baby von Maria und Josef ist doch viel zu klein, um Geschenke auszuliefern. Also allein von den Bildern im Kopf unserer Kinder steht es wohl 1:0 für den Weihnachtsmann. 

Was also tun, wenn man doch noch irgendwie das Christkind ins Spiel bringen will? In unserer Lokalzeitung stand dazu eine interessante Geschichte: Eine Familie hat den Weihnachtsmann bestellt. Der kommt und gibt den Kindern die Geschenke. Als sein Sack leer ist, fehlt aber ein Geschenk. Darauf hin packt er sein Handy aus, ruft das Christkind an und fragt nach diesem Geschenk. „Das steht schon auf dem Balkon, es ist zu groß für deinen Geschenkesack, deshalb habe ich es selbst ausgeliefert“ hört man das Christkind zum Weihnachtsmann sagen. Und damit ist dem Kind klar: Der Weihnachtsmann ist nur ein Mitarbeiter vom Christkind. Die wirklich großen Geschenke - also das Fahrrad - bringt das Christkind höchstpersönlich.

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Erzähl mir keine Märchen. Mit diesem Satz qualifiziert man gerne etwas ab. Nach dem Motto: Das stimmt doch nicht, was du mir da erzählst. Also lass mich damit in Ruhe. Die Weihnachtsgeschichte, die Geschichte von der Geburt Gottes im Stall von Bethlehem ist für viele auch nur ein Märchen. Also allenfalls etwas für Kinder. Dabei sind Märchen auch etwas für Erwachsene. Denn auch wenn Märchen häufig unrealistisch und phantastisch klingen, so drücken ihre Geschichten oft wichtige Inhalte und tiefe Wahrheiten aus. Im Orient weiß man darum. Da erzählt man die Märchen auch den Erwachsenen, Märchenerzähler ist da ein angesehener Beruf.

Die Bibel ist im Orient entstanden und voller phantastischer Geschichten - wenn sie so wollen voller Märchen. Etwa, wie der Prophet Jona vom Fisch verschluckt und nach drei Tagen wieder ausgespuckt wird. Oder wie Moses auf Geheiß Gottes die Hand ausstreckt und damit das Rote Meer spaltet. Oder wie Jesus mit fünf Broten und zwei Fischen tausende von Leuten satt bekommt. Der orientalische Mensch weiß: Bei diesen phantastischen Geschichten geht es eigentlich um die Aussagen, die da vermittelt werden sollen. Beim Propheten Jona zum Beispiel dass man sich vor Gott nicht verstecken kann, bei Moses dass Gott sein Volk auch in ausweglosen Situationen rettet und beim Brotwunder von Jesus: Wenn wir teilen, was wir haben, werden alle satt.

Und mit der phantastischen Geschichte von der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem, bei der Geschichte von den Hirten auf dem Felde und den Engeln, die ihnen verkünden: „Heute ist euch der Retter geboren!“ Bei dieser Geschichte will uns die Bibel sagen: „Gott liebt diese Welt und uns Menschen so sehr, dass er einer von uns geworden ist.“ Eine wunderbare Geschichte, eine Geschichte, die man nicht oft genug erzählen kann.

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Eine Weihnachtskrippe ohne dass darin eine Krippe steht. Das habe ich in Köln entdeckt. Dort sind im Moment über hundert Krippen ausgestellt. Bei einer Krippenlandschaft aber habe ich weder einen Stall noch eine Futterkrippe gefunden. Auch Maria, Josef und das Jesuskind konnte ich nicht so richtig ausfindig machen. Diese Krippe ohne Krippe steht in der in der Crux-Kirche, der Jugendkirche von Köln. Aus Tausenden von Legosteinen haben hier junge Leute eine Landschaft unter dem Motto: „Gottes Sohn sucht ein Zuhause“ aufgebaut. Sie ist 12 qm groß und besteht aus vielen einzelnen Szenen. Und es ist schon eine bunte Auswahl, wo Gott – im Sinne der Jugendlichen -  überall ein Zuhause sucht. Beim Abschlussball in der Tanzschule, beim Konzert, im Kino, bei der Feuerwehr, im Spielmannszug, im Krankenhaus und auch im Fußballstadion und an vielen anderen Orten. Eigentlich ja auch richtig, was die Jugendlichen da gemacht haben. Bei Weihnachten – Gott sucht ein Zuhause – geht es nicht um eine alte Legende von vor 2000 Jahren, so schön die Geschichte von Maria und Josef, dem mangelnden Platz in der Herberge, dem Stall und der Krippe auch ist. Bei Weihnachten geht es darum, dass Gott hier und heute ankommt, er bei uns ein Zuhause findet.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die vielen Flüchtlinge, die zur Zeit ein Quartier bei uns suchen, so eine Art Weihnachtsgeschenk Gottes an uns sind. Ein Geschenk, das uns klar macht: Weihnachten ist nicht dort, wo man die schönsten Weihnachtskonzerte singt. Auch nicht dort, wo man die feierlichsten Gottesdienste zelebriert. Und erst recht nicht dort, wo man den höchsten Weihnachtsbaum hat. Weihnachten ist einfach da, wo Platz ist in der Herberge. Wo man zusammenrückt, damit Menschen, die kein Obdach haben, auch im Trockenen schlafen können. Wo man schwangeren Frauen auf der Flucht einen Ort anbietet, an dem sie in Ruhe und Frieden ihr Kind zur Welt bringen können. Es kann sich viel Weihnachten in diesen Tagen in Deutschland ereignen. Gott sucht ein Zuhause, es liegt an uns, ob er auch eines findet.

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Auf der einen Seite steht die kirchliche Lehre und auf der andern Seite das Leben der Menschen. Und im Rheinland ist man sehr erfinderisch, wenn es da um Kompromisse geht. Kirchliche Lehre ist immer noch und wird geradezu gebetsmühlenhaft wiederholt: Weihnachten beginnt erst an Weihnachten. Die Zeit davor ist die Adventszeit. Und deshalb gibt es in den Kirchen auch noch keinen Weihnachtsbaum, sondern nur den Adventskranz. Und auch noch keine Weihnachtslieder, sondern es werden nur Adventslieder gesungen. Auch Krippen sollen nach der kirchlichen Lehre erst an Weihnachten aufgebaut werden. So weit so gut. Aber was machen, wenn das Leben auf den Plätzen und Straßen, in den Geschäften und natürlich auch in den Medien ganz anders tickt. Dort sind schon seit Wochen überall Weihnachtsbäume zu sehen. Weihnachtslieder dudeln den ganzen Tag aus vielen Lautsprechern und Krippen – mal kleiner mal größer – werden auch schon ausgestellt. Zumindest in der rheinischen Metropole Köln. Da gibt es gar einen Krippenweg, bei dem man über hundert Krippen besichtigen kann und das schon seit dem ersten Adventssonntag. Auf den Plätzen, in Schaufenstern, Kneipen, Museen, eine sogar mitten im Hauptbahnhof. Und auch viele Kirchen machen mit bei diesem Krippenweg – obwohl noch Advent ist. Aber mit dem typisch rheinischen Kompromiss. Im Kölner Dom zum Beispiel ist eine große Krippenlandschaft aufgebaut, aber ohne das Jesuskind. Das findet man dort nicht, noch nicht. Maria sitzt noch schwanger auf einem Esel und sucht gemeinsam mit Josef vergeblich ein Quartier. „Weil“– wie es in der Bibel ja so schön heißt – „in der Herberge kein Platz für sie war“.  Und die beiden sind mit ihrem Esel auch nicht allein unterwegs. Auch Flüchtlinge sind zu sehen auf der Balkanroute.

Ich finde diesen rheinischen Kompromiss gut. Mitmachen beim Krippenweg – auch schon im Advent, aber anders. Den Blick auf den neugeborenen Jesus gibt es noch nicht. Dafür aber Hinweise, dass sich diese alte Geschichte von Weihnachten auch heute abspielt. In Syrien, auf dem Balkan und den Flüchtlingsunterkünften hier bei uns. Wenn so der eine oder andere Tourist irritiert den Dom wieder verlässt, weil er in der Krippe das Jesuskind nicht gefunden hat, dann hat sich die Sache schon gelohnt.

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