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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

 Liebe ist: der Frau eine Parkkarte besorgen. Das hört sich erstmal komisch an. Die Geschichte dazu: Ein Mann, Soldat, in der Mitte seines Lebens. Einer, der viele Untergebene hat, in seinem ganzen Verhalten ein Herr, gewohnt, zu führen, sehr beherrscht, willensstark, sympathisch. Ich lerne ihn im Krankenhaus kennen, er kommt zu einer schwierigen Operation, auch hier im Krankenhaus erweckt er Sympathie, klingelt nicht, hilft sich meistens selbst, erträgt die schlechten Nachrichten mit Würde. Die Krankheit gewinnt eine große Macht in seinem Leben. Höhen und Tiefen folgen, mal gewinnt er, mal der Krebs, ein Auf und Ab, treu begleitet von seiner Frau, die er herzlich liebt. Er kämpft sich durch die Tiefen, weil er seiner Frau versprochen hat, bei ihr zu bleiben, er gibt nicht auf. Irgendwann ist er am Ende seiner Kräfte, aber immer noch treibt ihn der Gedanke an, wie er es seiner Frau leichter machen kann. Schwer für sie ist in den Tagen, wenn er im Krankenhaus liegt, den weiten Weg vom Besucherparkplatz zum Krankenhaus zu bewältigen. Wenn sie einen Parkausweis hätte für den Parkplatz in der Nähe des Eingangs, wäre es leichter für sie. Sie müsste die Tasche nicht so weit schleppen und er wäre nicht in Sorge, wenn sie über den dunklen Besucherparkplatz zum Auto geht. Er war gewohnt, anzuordnen, jetzt bittet er mich, ob ich ihm so einen Parkausweis besorgen könnte. Ja, kann ich. Geschafft! Zu schwach, um aus dem Bett zu steigen, aber doch noch in der Lage, der Frau, die er liebt, das Leben leichter zu machen. Der Parkausweis gilt ein ganzes Jahr. Er ist dann nicht mehr hier, das weiß er. Aber sie wird noch hier parken können, wenn sie möchte, weil er ihr das möglich gemacht hat. Eine Parkmarke braucht mein Liebster nicht. Aber ich finde bestimmt auch etwas, um ihm eine Freude zu machen.

 

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Liebe ist: mit warmen Händen schenken... Ein Omaspruch. Will sagen, dass man besser als lebender Mensch Dinge verschenkt und sich an der Freude der Beschenkten erfreut, statt erst nach dem Tod das Vermögen und alle Kleinigkeiten zu vererben. Die Geschichte dazu geht so: Zwei Schwestern, die eine berufstätig, erfolgreich, eher der straffe Typ. Die andere Hausfrau und Mutter, ein richtiger Familienmensch. Die berufstätige hat auch zwei Kinder und erzieht die nach dem biblischen Motto: Wer hat, dem wird gegeben. Sie unterstützt den erfolgreichen Sohn, spornt ihn an, belohnt ihn, auch als erwachsener Mensch erfährt dieser Sohn die Hilfe seiner Mutter auf vielfältige Art. Die weniger erfolgreiche Tochter erfährt reichlich Kritik. „nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder" ist oft zu hören. Kein Verständnis dafür, dass ein Mensch seinen eigenen Weg geht und die Kunst einer Karriere vorzieht. Als es dann ans Sterben geht, hat die Mutter das Erbe wider Erwarten beiden Kindern zu gleichen Teilen vermacht. Es kommt nur keine große Freude auf. Der Sohn hat alles, was er braucht, und auch die Künstlertochter braucht es jetzt nicht mehr. Sie hat ihren Weg auch ohne die Hilfe ihrer Mutter gemacht und ist jetzt, in der Mitte ihres Lebens, auf das Geld aus dem Erbe nicht mehr angewiesen. Bei der anderen Schwester lief es von Anfang an anders. Wenn jemand zu ihr sagte: „da hast du aber eine schöne Jacke", dann zog sie sie oft spontan aus und verschenkte sie. Bunte Blumen im Garten: pflück dir einen Strauß. Ein leckerer Kuchen: nimm alles mit, ich kann ja neuen backen. Auch für die erwachsenen Kinder spielte sie manchmal den Nikolaus oder den Osterhasen, überwies  ihnen unerwartet 200,- aufs Konto. Die verdienen ihr eigenes Geld, aber über solch eine Finanzspritze freut sich jeder. Diese Schwester hatte selbst Freude daran, wenn die Kinder oder Freunde von ihr beschenkt glücklich von dannen zogen. Geben ist seliger denn nehmen, wäre der passende Satz aus der Bibel. Als es hier ans Sterben ging, waren keine großen Reichtümer mehr zu vererben. Aber es gab viele herzliche Erinnerungen an eine großzügige Frau. Mit warmen Händen geben - ein guter Omaspruch!

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Liebe ist: dem Mann die Hemden bügeln. Oh nein! Das kann man doch heute wirklich nicht mehr so sagen, das ist ja steinzeitlich! Aber manchmal trifft es doch zu: Bei uns im Krankenhaus liegt ein Mann, schwer krebskrank, wirkt etwas verwahrlost, hat eine Alkoholvergangenheit, bekommt sehr schlecht Luft, raucht trotzdem, kann nicht allein in seiner Wohnung bleiben, ist noch keine 60 und braucht einen Altenheimplatz oder Pflegeplatz. Bis der gefunden ist, liegt er bei uns, hat aber keine frische Wäsche und keine Hemden. Er kennt niemanden, der ihm da helfen könnte, wir gehen alle seine Bekannten durch. Er riecht selbst, dass er riecht, es ist ihm unangenehm. Als er jung und gesund war, hatte er eine Arbeit,  Frau und Familie, da waren Zigaretten und Alkohol  kein Problem. Aber nach der Scheidung rutschte er Jahr für Jahr weiter ab. Die Frau war eine Nette, er hat auch ihre Handynummer noch. Ob er die mal anruft? Falls er an dem Tumor bald verstirbt, könnte er sich doch wenigstens von ihr verabschieden. Und ihr noch mal sagen, dass die Zeit mit ihr seine beste Zeit gewesen ist. Tatsächlich, die Frau lässt sich ansprechen, sie besucht ihn, fragt sogar, ob sie was für ihn tun kann. Er ziert sich erst, aber sie kennt ihn ja und sieht, wie er aussieht und weiß, dass er früher sehr gepflegt war. Sie wäscht seine Hemden, gibt Weichspüler dazu, bügelt sie sorgfältig und bringt ihm dann eine Tüte duftender Hemden ins Krankenhaus. Er hat geduscht und sich rasiert und mit dem frischen Hemd sieht er fast wieder so aus wie zu seinen besten Zeiten. Die beiden haben sich einiges zu erzählen. Und ich werde beim nächsten Bügeln dran denken: Es ist  nicht nur eine lästige Pflicht, sondern kann auch Fürsorge oder sogar Liebe sein.

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