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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Frauen und Katholische Kirche - das ist ein brisantes Thema. Schon vor fünfzig Jahren prophezeite Papst Johannes XXIII., dass sich in der Frauenfrage die Zukunft der Kirche entscheide. Ohne die Mitarbeit ungezählter Frauen wäre das kirchliche Leben längst zusammengebrochen. Und doch bleiben ihnen die Weiheämter in der Katholischen Kirche bis heute verschlossen. Keine Zulassung zum Priesterberuf, kein Diakonat für Frauen. Kritiker sprechen von „mittelalterlichen Zuständen". Aber Vorsicht ! Im Mittelalter war es gerade die Kirche, in der Frauen eigene Vorstellungen verwirklichen konnten. Jedenfalls weit mehr als sonst in der Gesellschaft. Die Klostergemeinschaften boten da die besten Chancen. Waren die Frauen in einer Ehe von ihren Männern abhängig, nutzten viele Nonnen das klösterliche Leben zu Bildung und Selbstbestimmung. Auf Grund ihrer Fähigkeiten wurden sie zu gesuchten Ratgeberinnen. Ordensfrauen wie Hildegard von Bingen, Katharina von Siena oder Birgitta von Schweden standen mit den Großen in Politik und Kirche in Kontakt. Ja, sie gingen selbstbewusst in die Öffentlichkeit, um Missstände anzuprangern. So unternahm etwa Hildegard von Bingen ausgedehnte Predigtreisen. In Kirchen und auf Marktplätzen kritisierte sie offen Priester, Bischöfe und Fürsten, wenn die ihre Pflichten vernachlässigten. Sogar Kaiser Barbarossa erhielt einen Rüffel: „Gib acht, dass der höchste König dich nicht zu Boden streckt wegen der Blindheit deiner Augen, die nicht richtig sehen, wie du das Zepter zum rechten Regieren in deiner Hand halten musst." 200 Jahre später drängten Katharina und Birgitta den Papst, sein Exil in Avignon aufzugeben und endlich wieder nach Rom zurückzukehren. Katharina reiste sogar persönlich nach Frankreich, um dem Papst ins Gewissen zu reden: „Die Sünden des päpstlichen Hofes stinken bis nach Siena !", rief sie dem Hl. Vater zu. Und was geschah? Der Papst beherzigte die Kritik und ging zurück nach Rom. Frauen-Power im Mittelalter - und das bei Mutter Kirche. Und wer weiß, was die Frauen heute in der Kirche bewegen könnten, wenn sie nur dürften ...

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Heilig und radikal. Geht das zusammen? Für Elisabeth von Thüringen war das keine Frage. Sie war tatsächlich beides. Heute feiert die Kirche ihren Namenstag. Seit Jahrhunderten ist Elisabeth ein Vorbild für alle, die sich im Dienst am Nächsten engagieren. Unzählige Legenden berichten von ihrer Fürsorge für Arme und Kranke. Elisabeth als „Mutter Teresa" des Mittelalters. So ihr Image. Aber das allein genügt nicht, um die Heilige zu verstehen. Elisabeth ging es um mehr. Sie rebellierte gegen die bestehenden Verhältnisse, gegen das Unrecht ihrer Zeit. Als kleines Mädchen war die ungarische Königstochter nach Thüringen gekommen. Mit 14 heiratete sie Landgraf Ludwig. Doch das höfische Leben auf der Wartburg stieß sie mehr und mehr ab. Elisabeth erkannte, dass der Reichtum des Adels auf der Ausplünderung der Schwachen beruhte. Steuern, Abgaben und Frondienste der Bauern ermöglichten den verschwenderischen Luxus der Mächtigen. Das konnte nicht Gottes Wille sein. „Wie kann ich eine goldene Krone tragen, wenn Jesus eine Dornenkrone trägt?", fragte sich die junge Landgräfin. Also legte sie ihren Schmuck ab, trug einfache Kleider, aß karge Speisen und verzichtete auf alle Vorrechte. Damit durchbrach sie die Schranken der damaligen Gesellschaft. Es ging nicht um Almosen. Es ging um Gerechtigkeit. Immer radikaler nahm sich Elisabeth der Außenseiter der Gesellschaft an. Ihre Burg wurde zum Treffpunkt abgerissener Gestalten: Bettler, Waisen, Invalide, Aussätzige. Nach dem Tod des Landgrafen zog Elisabeth nach Marburg. Mit ihrer Abfindung finanzierte sie ein Hospital vor der Stadt. Hier lebte sie als Arme unter Armen. Elisabeth verband die Leprakranken, trug die Lahmen ins Bad und spielte mit den Kindern. „Man muss die Menschen froh machen", so ihre Parole. Elisabeth hat Ernst gemacht mit dem Evangelium. Radikal und kompromisslos setzte sie das Gebot der Nächstenliebe um. Auch um den Preis der eigenen Gesundheit. Ausgepowert starb sie 1231 mit gerade mal 24 Jahren. Elisabeth war eine radikale Heilige.

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Er ist ein Urgestein der Sportberichterstattung im deutschen Fernsehen: Harry Valérien. 25 Jahre lang moderierte er das „Aktuelle Sport-Studio" des ZDF. Seine Reportagen von den Abfahrtspisten und Slalomhängen sind legendär. Vor zwei Wochen wurde Harry Valérien 87. Mit 80 fuhr er selbst noch auf der Streif in Kitzbühel. Jetzt lässt er es langsamer angehen. Harry Valérien hält Rückschau auf ein bewegtes Leben. Ein Ereignis hat ihn besonders geprägt. Nach fast sechzig Jahren spricht er das erste Mal darüber. Als junger Mann musste er in den Krieg. Russlandfeldzug. Im Kaukasus gerät seine Einheit in feindliches Trommelfeuer. Eingegraben in ein Erdloch, legt Harry Valérien ein - wie er sagt - „Gelübde" ab: „Wenn ich davonkomme, werde ich die Bindung zu Gott nicht streichen. Was immer mit mir geschieht, die Verbindung ist da, und ich werde sie halten." Er überlebt den Krieg und kehrt in seine Heimatstadt München zurück. Hier beginnt seine Karriere als Sportjournalist. „Die Bindung zu Gott, das hat mich bestimmend begleitet", sagt Valérien heute. Dabei blieben ihm Schicksalsschläge nicht erspart. Noch als Kind verlor er die Eltern. Eine seiner beiden Töchter starb als junge Mutter und hinterließ zwei Kinder. Dann ein Herzinfarkt nach der Pensionierung. Mit Gott hadern? Das kommt für ihn nicht in Frage. „Ich kann doch nicht mit Gott hadern. Ich bin doch mit Gott eins." Harry Valérien hat sein Versprechen gehalten. „Wenn ich davonkomme, werde ich die Bindung zu Gott nicht streichen." Ohne Pathos oder falsche Rührseligkeit kann er heute darüber sprechen. Natürlich ist ihm die Familie wichtig, seine Frau, die Tochter, die Enkelkinder - und die vielen Freunde aus einem langen Leben. Aber die letzte Sicherheit kommt von woanders. Er spürt, dass es da einen gibt, der ihn hält. Diese Erfahrung macht ihn gelassen. Egal, was die Zukunft noch bringen mag. Aber 100 möchte er schon noch werden. Frei nach dem Motto des großen dänischen Theologen Kierkegaard:„Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts."

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Der Mann ist ein richtiger Betrüger. Legt seinen Bruder gleich doppelt herein und dann auch noch seinen Onkel. Jakob heißt dieser Mann und seine Geschichte könnte auch heute spielen. Dass sich Menschen übers Ohr hauen oder hintergehen, das gibt's auch heute - und sorgt dafür, dass Geschwister nicht mehr miteinander reden, dass sich Familien entzweien, dass sich Nachbarn nicht mehr grüßen können. Aber die Geschichte Jakobs ist zweieinhalbtausend Jahre alt. Sie findet sich ganz am Anfang der Bibel. Es ist eine Geschichte, in der es ums Eingemachte geht. Seinem Bruder Esau luchst Jakob nämlich das Erstgeburtsrecht ab. Und dann verkleidet er sich auch noch, um beim alten Vater das Erbe zu erschleichen. Klar ist Esau wütend und so setzt sich Jakob ab. Kommt bei seinem Onkel Laban unter. Der nutzt ihn ganz schön aus, aber Jakob geht auch hier als Sieger aus der Geschichte hervor. Er geht einen Handeln mit dem Onkel ein - und dieser muss ihm fast sein gesamtes Vieh überlassen. Aber trotzdem ist dieser Jakob nicht glücklich. Sein Leben bleibt unversöhnt. Er hat Angst vor der Rache seines Onkels, fürchtet, dass ihn sein Bruder finden und töten könnte. Und es kommt trotzdem, wie es kommen muss. Jakob muss sich seinem Onkel und seinem Bruder stellen. Die Streithähne fallen sich dabei keineswegs um den Hals, die Bibel ist da erstaunlich realistisch. Stattdessen versuchen die Kontrahenten, die Sache zu klären. Durch Worte, durch Geschenke - versuchen, sich zu versöhnen. Mir macht diese Geschichte klar: So selbstverständlich es Streit gibt - niemand kann ohne Versöhnung leben. Klar, nichts alles lässt sich versöhnen. Manchmal bleibt der Streit, der Ärger, der Konflikt, wie eine offene Wunde. Einfach keine Chance, wieder zueinander zu kommen. Aber ich merke auch, wie gut es tut, sich nach einem Streit wieder auszusöhnen, sich wieder in die Augen sehen zu können. Ganz ermutigend finde ich auch, dass Jakob, der Betrüger, in der Bibel überhaupt nicht verurteilt wird. Ganz im Gegenteil: Gott hält zu ihm, lässt ihn zum Stammvater eines großen Volkes werden. Das heißt für mich: Der biblische Gott nimmt den Menschen an, mit seinen Ecken und Kanten, seinem schlechten Verhalten und seinen Versöhnungsversuchen, seinen Fehlern und seinem Streit. Gott sei Dank.

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Wie Streit und Konflikt geht, das weiß jeder. Ein falsches Wort, eine abfällige Geste, ein böser Blick - und schon ist der schönste oder schlimmste Streit im Gange. Nicht ganz so einfach ist es, dem Streit ein Ende zu setzen. Wie das aber gelingen kann, habe ich vor kurzem im Kino gesehen. In dem Hollywood-Streifen »Selbst ist die Braut«. Die Story des Films: Die erfolgreiche Buchverlegerin Margaret will ihren Assistenten Andrew heiraten. Der Grund: Der Kanadierin droht die Ausweisung aus Amerika, mit einem amerikanischen Mann aber könnte sie bleiben. Im Zusammenhang mit dieser Scheinhochzeit lernt Margret nun Andrews Familie kennen. Und kriegt den tiefen, immer wieder aufflackernden Streit zwischen Andrew und seinem Vater mit. Die beiden liegen seit Jahren im Clinch. Der Sohn will Buchverleger werden, doch der Vater sucht einen Nachfolger für sein Firmenimperium. Jetzt haben sie sich schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Aber schon in den ersten Minuten ihres Zusammentreffens knallt es. Und dann immer heftiger. Die Situation scheint unauflösbar. Bis Andrews Großmutter einen Herzanfall erleidet. Auf dem Krankenbett ringt sie Vater und Sohn ein Versprechen ab: sich zu versöhnen. Beide können der Mutter und Großmutter den letzten Willen nicht abschlagen. Sie willigen ein, ja, sie wollen sich versöhnen. Was bei der gerade noch anscheinend sterbenskranken Frau zu einer Wunderheilung führt. Sie reißt ihre Sauerstoffmaske ab und wirkt wieder quicklebendig. Jetzt wird klar: Die gerissene Großmutter hat den Herzanfall nur vorgetäuscht und wollte mit dem Trick Vater und Sohn zusammenbringen - was ja auch gelang. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, mit dem Tod zu spielen nur um zwei Streithähne zu versöhnen. Mir ist aber klar geworden: Versöhnung braucht Ideen, braucht Phantasie. Gerade weil es oft genug schwer fällt, sich zu versöhnen. In dem Film wird auch klar: viele Menschen entwickeln eine große Phantasie beim Streiten. Vielleicht braucht es deshalb auch eine große Phantasie bei der Versöhnung. Der vorgetäuschte Herzanfall ist dann mehr als nur ein gemeiner Trick. Er erzählt mir davon, dass Versöhnung kreative Menschen braucht, die eine verfahrene Situation aufbrechen können. Und ich hoffe, dass mir das beim nächsten Streit auch einfällt und ich ein paar phantasievolle Lösungen entdecken kann.

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Gestern war wieder so ein Tag voller Ärger und Probleme. Allein schon zu Hause. „Du meckerst nur rum!" sagt mein Sohn. Ich blaffe zurück: „Das macht mir auch keinen Spaß!" Und so gibt ein Wort das andere. Mir macht das zu schaffen: Streit in der Familie, aber auch auf der Arbeit, in der Gemeinde oder mit meinen Verwandten, das mag ich überhaupt nicht. Es soll ja Leute geben, die sich gerne streiten, mein Ding ist es nicht.
Und trotzdem komme ich nicht herum um Streit, um Ärger. Von einem Streit kann ich erzählen. Seit fast dreißig Jahren habe ich in einer Band Musik gemacht. Wir haben viel zusammen erlebt in dieser Zeit, haben Geburtstage und Hochzeiten gefeiert, haben Trennungen und Abschiede erfahren. Und dann hat sich doch alles auseinander entwickelt. Missverständnisse haben sich eingeschlichen, Verletzungen konnten wir nicht mehr klären. Und ich war nicht richtig in der Lage, diesen Konflikt, den ich gespürt habe, zu lösen. Also habe ich aufgehört. Das tut mir bis heute weh. Bis heute ist das eine offene Wunde, ein ganz und gar unversöhntes Gefühl.
Was tut mehr weh: Der Streit - oder das Leben nach dem Streit? Ich weiß es nicht. Ich spüre nur bei mir: Die Zeit für die Versöhnung ist noch nicht gekommen. Ich brauche noch Zeit für die Trauer, für die Enttäuschung, die mit dem Konflikt verbunden ist.
Wie ein Stachel im Fleisch sitzt mir da ein kurzes Wort von Jesus. Der sagt in einer seiner Predigten: „Wenn du ein Opfer zum Altar bringt und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Opfergabe liegen, versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gaben." (nach Matthäus 5,23-24) Wohl wahr, aber in der Praxis ist das verdammt schwer. Aber zugleich macht mir der Text auch ein bisschen Mut. Er sagt nämlich: Jeder Mensch kann sich versöhnen. Selbst wenn er gar keine Schuld trägt. Jeder kann den ersten Schritt auf den anderen zu machen.
Vielleicht gelingt mir das schon heute zu Hause, wenn es wieder kracht. Und vielleicht gelingt es mir ja auch irgendwann einmal mit meinen ehemaligen Freunden. Es muss ja nicht heute sein.

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Ehe ich mich versehen hab, bin ich ins Fettnäpfchen getreten. Ein schräger Satz war es, war eigentlich witzig gemeint, ist aber nicht richtig angekommen - und mein Kollege wird sauer. Puh. Blöde Situation. Was soll ich machen? Ich entschuldige mich, aber es bleibt ein schales Gefühl zurück. So richtig gelöst ist die Situation danach immer noch nicht.
Mir macht so eine blöde Situation, ein Streit, ein Konflikt zu schaffen. Ich wälze den im Kopf hin und her, entwerfe Briefe, zerknülle sie wieder, rufe an - und lege schnell wieder auf. Vielleicht macht mir Streit auch deshalb zu schaffen, weil ich ihn nicht mit meinem Glauben zusammenkriege. Ich denke dann: Wenn ich glaube, wenn ich Jesus nachfolge, dann müsste ich doch eigentlich anders, müsste friedlicher, menschenfreundlicher, versöhnter leben. Und nicht über den anderen blöde Witze machen. Das ist einerseits richtig. Tatsächlich ruft die Bibel oft dazu auf, mit allen Menschen versöhnt zu leben. Die andere Wange auch noch hinhalten, die Feinde lieben, dem, der bittet, viel mehr geben, als er eigentlich wollte. Für mich klingt das andererseits aber auch falsch. Nicht nur, weil Streit zum menschlichen Leben gehört. Sondern auch, weil sich ohne Streit umstrittene Fragen gar nicht klären lassen. Denn Streit heißt auch: Wir sind unterschiedlicher Ansicht - und wir ringen um das Richtige. Nicht zu vergessen: Menschen machen einfach nun mal Fehler, sind ungeduldig oder vorschnell mit der Klappe. Das führt zu Streit. Auch in der Bibel: Jesus zum Beispiel ist keinem Streit aus dem Weg gegangen. Er hat für seine Sache gekämpft und niemand hat gesagt: „Ist ok, wir wollen uns wieder vertragen!" Sondern er hat für seine Sache mit dem Leben bezahlt. Wenn also Streit manchmal nötig und richtig ist, was ist dann das Problem? Ich glaube, es ist die Art und Weise, wie ich streite. Geht es mir um die Sache - oder will ich den anderen verletzen, demütigen, lächerlich machen? Will ich Klarheit - oder geht es eigentlich darum, zu zeigen, wer das Heft in der Hand hat? Ich muss den anderen nach einem Streit nicht direkt wieder lieben. Das wäre überfordernd. Manchmal reicht es schon aus, das eigene Verhalten zu ändern. Und so mit einer Geste, einem freundlichen Wort deutlich zu machen: Ich bin auf dem Weg zu dir.

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