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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Haben Sie einen Organspendeausweis?

Bekanntermaßen gibt es ja zu wenig Spender. Und deshalb stößt man immer mal wieder auf den Vorschlag: Machen wir es doch wie Österreich: da sind alle Bürger vollautomatisch Spender, außer sie widersprechen.

Sicher, die Idee ist praktisch, aber mir gefällt sie ganz und gar nicht. Wenn ich spende, dann möchte ich das aus freien Stücken tun, mit dem schönen Gefühl  etwas Gutes zu tun. Das sind schließlich immer noch meine Körperteile und ich entscheide, was mit denen geschieht. Auch mag ich nicht unter moralischen Druck gesetzt werden. Denn niemand hat ein Anrecht auf die Organe eines anderen Menschen, auch wenn er sie noch so sehr braucht.

Ich persönlich halte es einfach mit der goldenen Regel aus dem Matthäus-evangelium: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen." (Mt7,12) Wenn ich mir vorstelle, meine Nieren funktionieren plötzlich nicht mehr und ich müsste dreimal die Woche zur Dialyse... - ich bin sicher: nichts würde ich mir da sehnlicher wünschen als ein neues Organ. Und deshalb bin ich auch bereit, meine Organe zu spenden. Ganz einfach.

Und Angst habe ich da auch nicht. Ich vertraue darauf, dass man in unserem Land nur Organe entfernt, wenn der Patient hirntot ist. Das ist Gesetz und das wird streng kontrolliert.

Jetzt könnte man natürlich einwenden: Macht das überhaupt noch einen Sinn, ab einem gewissen Alter? Unbedingt. Denn es gibt ein old-to-old Programm, das bedeutet: Menschen über 60 spenden an Menschen über 60. Dadurch haben die Älteren eine viel größere Chance, ein Organ zu erhalten. Und den Jungen nimmt man nichts weg.

Meinen Organspendeausweis habe ich übrigens von einem meiner Schüler. Vor ein paar Jahren haben wir das Thema im Unterricht durchgenommen. Am Ende sagte ich: „Ich hätte schon längst einen Ausweis, aber mir ist noch keiner in die Hände gekommen." Als ich das nächste mal unterrichtete, lag ein Organ-spendeausweis auf meinem Tisch. „Die gibt es in der Apotheke", sagte er. Damals habe ich nicht gewusst, dass dieser Schüler dringend auf ein Herz wartete.

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„Was soll ich machen?", fragt mich eine Frau. „Ein Paar in unserem Freundes-kreis hat sich getrennt. Ich habe beschlossen, mit beiden befreundet zu bleiben und gebe mir die allergrößte Mühe, beiden gerecht zu werden. Und was hab ich davon? Jetzt werfen sie mir abwechselnd vor, ich wäre parteiisch und würde unsere Freundschaft verraten."

Das ist ein großes Problem bei Trennungen - sie wirken sich auf den ganzen Freundeskreis aus. Und ob man will oder nicht, man muss sich fragen: Wie gehe ich jetzt damit um? Manche versuchen - wie die Frau - mit beiden befreundet zu bleiben. Und erleben, wie schwierig das ist.

Warum ist das so?

Trennungen sind nun mal hoch emotional. Und fast immer gehen sie mit großen  Verletzungen einher. Wenn ich mir z.B. vorstelle, mein Partner verlässt mich und ich bin am Boden zerstört, dann brauche ich keine Freunde, die versuchen gerecht zu sein. Dann brauche ich Freunde, die auf meiner Seite sind, egal wie. Die mir recht geben in meinem Schmerz und mich ertragen mit meiner Wut und mit all meinen bösen Gedanken. Wenn da einer von mir erwarten würde, ich solle mich doch auch mal in die Situation meines Ex-Partners versetzen, den würde ich auch fragen: Auf wessen Seite bist du eigentlich? Und dem würde ich auch Verrat vorwerfen, wenn er heute mit mir und morgen mit meinem Ex innige Gespräche führt.

Und was, wenn man die beiden Getrennten gleich gern hat?
Dann muss halt das Herz entscheiden: Zu wem zieht es mich hin? Das ist ja nicht für immer. Aber so lange es hoch hergeht, verlangt die Situation  Klarheit und Solidarität. Beide getrennten Partner brauchen die Unterstützung ihrer Freunde. Aber beide brauchen nicht die Unterstützung von allen Freunden.

Alles andere ist eine Frage der Zeit. Da gehe ich mit dem Prediger Salomo: „Alles hat seine Stunde. Und für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zu weinen und eine Zeit zum lachen, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen."

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„Du sollst nicht Ehe brechen", lautet das 6. Gebot. Allein schon der Begriff ist so ziemlich aus der Mode gekommen - das Gebot, wie es scheint, sowieso. Allenthalben wechseln Eheleute ihre Partner, lassen sich scheiden, verheiraten sich neu. Man könnte meinen, das 6. Gebot mache einfach keinen Sinn mehr in der heutigen Welt.

Und doch, bei kirchlichen Trauungen wird nach wie vor allergrößten Wert gelegt auf das Treueversprechen: in guten wie in schlechten Tagen, bis zum Tod. Aller ernüchternden Realität zum Trotz: das Ideal ewiger Treue bleibt lebendig. Vielleicht, weil die Menschen tief im Inneren ahnen, wie wertvoll das ist, wenn es gelingt; vielleicht, weil sie eine unstillbare Sehnsucht nach Nähe und Vollkommenheit in sich tragen, selbst wenn sie daran scheitern.

Du sollst nicht ehebrechen - also vielleicht doch noch ein zeitgemäßes Gebot?
Wo immer ich es miterlebt habe, der Treuebruch tut furchtbar weh. Ich möchte wetten, ein Meer aus Tränen käme zusammen, wenn alle darüber geweinten Tränen auf unserer Erde zusammenflössen.

Und auch der treulose Partner verletzt sich, selbst wenn er es gar nicht merkt. Denn er verrät sein Versprechen, seine eigenen Ideale. Und das ist kein gutes Gefühl; das geht einem nach. Einmal hat mir jemand nach Jahren gestanden: „Wenn ich zurückblicke, weiß ich gar nicht mehr, ob sich das alles gelohnt hat. Auch in meiner neuen Ehe ist der Alltag eingetreten, und die Probleme sind fast die gleichen, nur viel komplizierter, wegen der Kinder." 

Und dann wiederum sind Gottes Wege manchmal wundersam, und auf dem größten Scherbenhaufen entsteht unvermittelt neues Glück. Da ist dieses Ehepaar, das wir im Urlaub kennen lernten. Er erzählte:

„Unsere beiden Ehepartner haben uns betrogen; sie sind miteinander fremdgegangen. Das war eine furchtbare Zeit; es endete mit Scheidungen.
Als alles vorüber war, dachte ich: Da ist jemand, der muss es doch genauso schlecht gehen, wie dir. Warum rufst du sie nicht mal an? Gedacht, getan. Wir trafen uns, wir verstanden uns, schließlich wurden wir ein Paar."

Mittlerweile sind sie 20 Jahre verheiratet und glücklich, wie es aussieht.

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Mein fünfjähriger Neffe aus Österreich spielt mit seiner besten Freundin. Plötzlich fragt er sie:

„Anna-Lena, wen heiratst mal?"
Sie hebt den Kopf und zeigt auf ihn: „Di."
Mein Neffe: „Na, I heirat´ den Max."
Anna-Lena überlegt kurz. Dann sagt sie: „Aber dann könnt's keine Kinder kriegen."
„Doch!"
„Na!"
„Doch!"
„Na!",  usw. ...
Schließlich mein Neffe: „I mag jetzt nimmer drüber redn."

Ich fand diese Unterhaltung köstlich. Ich gebe zu, für einen kurzen Augenblick schoss mir durch den Kopf: „Typisch Mann! Kaum wird´s schwierig, schon wird das Gespräch abgebrochen. Und das schon mit fünf Jahren!"

Aber dann kam es mir auch sehr weise vor: Hier merkt einer, dass er nicht weiter kommt und beendet das Gespräch einfach ganz friedlich.

Ich erinnere mich an so viele Streitgespräche, in denen keiner tiefgründig informiert ist, und doch wird heftig weiter gestritten. Anstatt dass man sich darauf einigt: Lasst uns ein andermal weiter reden, wenn jeder sich schlau gemacht hat. Also im Neffenchargon: „I mag jetzt nimmer drüber redn", statt sinnlos aufeinander einzudreschen.

Und da ist noch etwas. Eine psychologische Studie hat herausgefunden:
nach einem Gespräch erinnern sich die meisten vor allem an das, was sie selber gesagt haben. Was die anderen sagen wird oft kaum gehört und schnell vergessen.

Schade, eigentlich. Denn es geht so viel verloren, wenn wir nur uns selber zuhören. Auch da gewinne ich viel aus diesem kurzen Kindergespräch:

Da stellt ein Kind eine interessierte Frage: Wen heiratest du? Und es will wirklich eine Antwort wissen. Und der Gefragte reagiert darauf und es gibt ein echtes hin und her. Und als das Gespräch nicht weiterführt, wird es friedlich beendet: „I mag jetzt nimmer drüber redn." Das nenne ich freundlich zugewandt!

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Kann man sich über den Tod lustig machen? Geht das, dem Tod ins Gesicht zu lachen, nach dem Motto: Du kannst mir nichts. Ich habe keine Angst vor dir! - Geht das?

Eine Todesanzeige habe ich gefunden, da stand:

„Letzten Endes hat der Tumor deutlich weniger Humor bewiesen als du - das hat er jetzt davon..." - Während der Todkranke also noch Humor aufbringen konnte - hat der Tumor ernst gemacht - tot ernst. Und was hat er davon? Er ist mit zugrunde gegangen, an seinem eigenen, zerstörerischen Werk.

Etwas Vergleichbares habe ich noch nie in einer Todesanzeige gelesen. Da mokieren sich die Lebensgefährtin und Tochter über den Tumor, der zum Tod führte. Und das bei einem Menschen von nicht einmal fünfzig! - Wo man also eher mit dem Ausdruck abgrundtiefer Traurigkeit rechnen würde, oder einem Anflug von Bitterkeit. Jedenfalls sicher nicht damit:

„Letzten Endes hat der Tumor deutlich weniger Humor bewiesen als du - das hat er jetzt davon..."

Ich stelle mir vor, der Verstorbene muss über ein ungeheures Maß an Humor verfügt haben. Ich meine, ich kenne viele Menschen mit Humor. Aber wenn es ans Sterben geht, da wird es doch bitter ernst. - Wem ist da schon noch zum Lachen zu Mute?

Aber wie ich sehe, gibt es auch das: Menschen, deren Humor stärker ist als alles andere. Und ich stelle mir vor: die Gefährtin und die Tochter haben diese Seite an ihm so sehr geliebt, dass sie sie auch nach seinem Tod ganz in den Vorder-grund stellen.

„Letzten Endes hat der Tumor deutlich weniger Humor bewiesen als du - das hat er jetzt davon..." Mich erinnert das auch an einen Satz aus der Bibel:
„Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" fragt Paulus. Und damit möchte er in meinen Augen sagen:
Paß mal auf, Tod, du bist gar nicht so mächtig, wie du denkst. Du beendest zwar das Leben hier, über alles Weitere aber hast du nicht die geringste Macht.

Und das ist für mich die höchste Form der Freiheit - keine Angst zu haben vor dem Tod: unser Lachen verwoben, unsere Liebe heiter, unsere Seelen frei.

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Was alte Menschen schaffen, das habe ich in der Legende von Chidzigyaak und Sa gefunden. Chidzigyaak und Sa gehören einem Nomadenstamm in Alaska an. Einmal, in einem bitterkalten Winter, leidet ihr Volk unter einer schrecklichen Hungersnot. Da beschließt der Häuptling, die zwei alten Frauen zurückzulassen. Ohne die beiden Alten haben die Jüngeren eine bessere Chance zu überleben. - So verlangte es auch das Stammesgesetz. 

Starr vor Entsetzen nehmen die alten Frauen die Entscheidung des Häuptlings auf. Noch lange sitzen so da und können es nicht fassen: keiner hat sich für sie eingesetzt, nicht einmal die eigene Tochter. Haben sie nicht die Gemeinschaft unterstützt mit ihrer Arbeit? Sie standen nicht kurz vor dem Tod, und dennoch hatte man sie zum Sterben verurteilt.

Vor lauter Zorn kehren alle Lebensgeister in Sa zurück. Sie sagt:

„Sie glauben, wir seien zu alt und nutzlos. Und wenn wir sterben, geben wir ihnen Recht. Und deshalb, meine Freundin: Wenn wir denn sterben müssen, so lass uns handelnd sterben und nicht im Sitzen."

Und so machen sie sich auf und entsinnen sich wieder längst vergessener Fertigkeiten: jagen, fischen, eine warme Unterkunft bauen.... Sicher, alles ist mühsam und manchmal zum Verzweifeln. Aber sie haben Zeit. Und ihre Ent-schlossenheit wiegt vieles auf.

Zugegeben: Leicht war es ja auch nicht immer mit ihnen. Haben sie nicht oft geklagt über das Altern? Und haben sie sich nicht auch gerne bedienen lassen? Vielleicht haben die anderen sie deshalb für nutzlos und schwach gehalten? - Ach, wie sehnten sie sich nach der Gemeinschaft zurück!

Ein Jahr ging ins Land, da kehrte ihr Volk zurück, ausgehungerter denn je und mit schlechtem Gewissen. Weil sie Chidzigyaak und Sa zurückgelassen haben.

- Was für eine Freude, als die beiden gesund und munter antreffen! Mehr noch: Die alten Frauen sind ihre Rettung: denn der Legende nach haben sie so viel Vorrat angesammelt, dass alle durch den Winter kommen.

Und das finde ich so toll an der Geschichte: Die beiden alten Frauen geben sich nicht in ihr Schicksal; mit geballtem Trotz mobilisieren sie ungeahnte Kräfte. Und zeigen sich den Jüngeren überlegen. Seiher ließ ihr Volk übrigens nie wieder einen Menschen im Stich, bloß weil er alt war.

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„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren" lautet das 4. Gebot. Erstaunlich, dieses Gebot steht noch vor dem Tötungsverbot, so wichtig scheint es zu sein. Und dabei weiß ich, dass gerade dieses Gebot vielen Menschen große Magenschmerzen bereitet. Wie oft habe ich schon gehört:

„Meine Eltern haben mir nur Schlimmes angetan. Und die soll ich auch noch ehren?" Und dann erfahre ich unsägliche Leidensgeschichten von Erwachsenen, die als Kinder kein bisschen Liebe erfahren haben, Geborgenheit und Wärme, nur Gewalt, Lieblosigkeit und Desinteresse.

 - Und solche Eltern soll man ehren?

 

Eine innige Beziehung kann man zu solchen Eltern sicher nicht haben, sie selber pflegen und umsorgen... - kaum vorstellbar. Aber auch solchen Eltern müssen wir das Recht zugestehen, weiter zu leben; das Recht auf körperliche Grundversorgung, bis ins Alter. Ich denke, das trägt uns das Gebot auf.

Es mutet uns etwas Ähnliches zu, wie die Feindesliebe:

Nämlich auf Vergeltung zu verzichten, auf blinden Hass und Rache. Weil diese Gefühle so zerstörerisch sind und auf Dauer alle vergiften.

 

Mit dem 4. Gebot ist eine seltsame Zusage verbunden: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren...",  und dann wörtlich: „... und die Tage in dem Lande, das dir der Herr gibt, mögen sich weiten und grenzenlos werden."

Hier weitet sich der Blick: Es geht in dem Gebot nicht mehr nur um die eigenen Eltern; es geht auch ganz allgemein darum, wie eine Gemeinschaft mit ihren alten Menschen umgehen. Das 4. Gebot ermahnt uns, auch das ganz alte Leben zu achten. Und Respekt zu haben vor seiner Lebensleistung.

 

Seien wir für unsere Kinder ein gutes Vorbild darin, wie wir mit den Alten umgehen. Sie spüren sehr genau, ob wir den Alten ihr Daseinsrecht gönnen, ihre Pensionen und Renten.

Wer die alt gewordenen Väter und Mütter auch dann noch ehrt, wenn sie müde geworden sind und schwach, dessen Leben steht unter Gottes Segen; sein Leben wird erfüllt sein. „...Und die Tage in dem Lande, das dir der Herr gibt, mögen sich weiten und grenzenlos werden."

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