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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Warum können Engel fliegen? Antwort: Engel können fliegen, weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen. Na klar! Wie einfach. Aber - wenn ich länger drüber nachdenke, finde ich es dann doch nicht so einfach. Engel können fliegen, weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen - warum kann ich dann nicht fliegen?
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund, den ich sehr mag. Der hat den letzten Gemeindebrief gelesen und dabei sind ihm ein paar Rechtschreibfehler aufgefallen. Die muss er mir natürlich sagen und kommt dann auch noch mit ein paar Verbesserungsvorschlägen. Ich spüre, wie mir das Zuhören immer schwerer wird. „Mach's doch besser", denke ich und nehme seine freundliche Kritik kaum noch wahr. Sie trifft mich und ich fühle mich klein gemacht - auch wenn ich weiß, dass er das gar nicht will. Geht es ihm doch nur um den Gemeindebrief. Das Problem liegt wohl eher bei mir - warum nehme ich solch eine Kritik auch so schwer?
Der Grund dafür ist ganz schlicht: „In diesem Moment nehme ich mich einfach zu wichtig, beziehe alles gleich auf mich als Person. Nein, ich sollte es machen wie die Engel. Die können fliegen, weil sie sich selbst nicht so schwer nehmen!"
Aber wie soll das gehen? Der Autor dieser Weisheit erinnert daran, wie Jesus das gemacht hat: Wenn Jesus sich oder andere beurteilt hat, dann hat er immer unterschieden zwischen der Person und dessen Würde einerseits - und dem, was ein Mensch tut, also seinen Handlungen andererseits. Der Mensch ist ein wunderbares Geschöpf Gottes und als solches mit seiner Würde unantastbar. Schauen Sie mal in der Bibel nach. Sie werden keine kritischen Worte von Jesu über einen Menschen an sich finden - wohl aber über seine Handlungen.
Da konnte Jesus scharfe Worte finden. Und doch gerade weil der Mensch ein Ebenbild Gottes ist, kann er ganz ruhig diese Worte hören - trotz aller Deutlichkeit. Und sich dann auch daran machen, das eine oder andere zu verändern. Mir hilft dieser Hinweis, gelassener mit all der Kritik umzugehen. Sie nicht gleich auf mich zu beziehen und alles so schwer zu nehmen.
Übrigens, der gute Freund sitzt jetzt in der Redaktion unseres Gemeindebriefes - Schwerpunkt: Endredaktion. Wenn wir jetzt über die Fehler reden, die sich immer noch einschleichen, dann ist mir, als würden wir miteinander ein bisschen fliegen.

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„Die Grenze war eine Regenrinne. Sie verlief quer über den Schulhof und teilte ihn in zwei Bereiche: einen für die evangelischen und einen für die katholischen Schüler." So berichtet eine ältere Dame beim ökumenischen Erzählcafé: Ich kann es kaum glauben: Noch vor gut 50 Jahren trennte man hier Schüler auf dem Pausenhof nach ihrer Konfession? „Naja", fährt die ältere Dame dann fort, „nachmittags haben wir dann aber alle wieder gemeinsam gespielt." Gott sei Dank.
Im weiteren Verlauf des Erzählcafés erfahre ich von den Leuten noch vieles, was ich kaum glauben kann: Von dem Spott, den man von den anderen ertragen musste, nur weil man das falsche Bekenntnis hatte, von den Schwierigkeiten, wenn man als evangelischer Junge eine katholische Freundin nach Hause brachte. Wie tief war der Graben zwischen den beiden Konfessionen gerade nach dem 2. Weltkrieg - in Bingen, aber auch an vielen anderen Orten.
Mittlerweile ist vieles anders: Die Kirchen veranstalten viele Gottesdienste gemeinsam und auf der katholischen Privatschule in Bingen arbeiten inzwischen mehr evangelische Lehrkräfte als katholische. Die Zeiten haben sich geändert. Und das ist gut so.
Und jetzt habe ich vor einigen Tagen eine Einladung vom Türkisch-islamischen Kulturverein zur Feier des Fastenbrechens bekommen. Ich habe sie gerne angenommen. Doch dabei habe ich gemerkt, dass so eine Einladung noch etwas Besonderes ist.
Die Beziehungen zwischen muslimischen und christlichen Mitbürgern erinnern mich an die Geschichten von früher. Auch zwischen Muslimen und Christen gibt es Vorbehalte auf beiden Seiten. Auch mir ist vieles noch fremd und unverständlich. Manches ist für mich sogar anstößig und widerspricht meinen Wertvorstellungen.
Gott sei Dank gibts bisher auf dem Schulhof der Grundschule keine Regenrinne als Grenze zwischen muslimischen und christlichen Kindern. Aber ich weiß, dass es da noch viele Grenzen zwischen Christen und Muslimen zu überwinden gibt. Ich hoffe, dass wir über sie in 50 Jahren auch nur noch den Kopf schütteln, wie über solch eine Regenrinne - damals auf dem Pausenhof in Bingen.

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Haben sie schon einmal einen Sonnenstrahl gesehen? Einen von den Abermilliarden, die tagtäglich unsere Erde erreichen? Ich noch nicht. Ich spüre die Wärme der Sonne auf meinem Gesicht. In den letzten Wochen immer wieder. Und bei der Fahrt im Auto trage ich häufig eine Sonnenbrille, damit das Sonnenlicht mich nicht blendet. Aber einen einzelnen Sonnenstrahl habe ich noch nicht gesehen.
Allerdings strahlen mir jeden Tag viele Farben entgegen. Das Gelb der Sonnenblumen, das satte Grün der Wiesen, das klare Blau des Meeres, das Rot der Äpfel in den Bäumen - viele, viele Farben. Und genau die verdanke ich all den Sonnenstrahlen, die Tag für Tag auf die Erde treffen. Sie treffen unsichtbar auf die unterschiedlichen Dinge in meiner Umgebung. Dort werden sie gebrochen und strahlen mir dann in tausend Farben entgegen - einfach herrlich.
Wie bei meinem Glaskristall. Der hängt vor meinem Fenster. Das Licht scheint hindurch, und im Zimmer entsteht ein buntes Lichterspiel - gebrochene Sonnenstrahlen in ihrer ganzen Farbenpracht.
Die Bibel greift oft das Bild von der Sonne auf, um Gott zu beschreiben. Seine Liebe ist wie die vielen Sonnenstrahlen, die uns morgens munter und fröhlich machen. Ein guter Vergleich finde ich. Gottes Liebe ist ja erst einmal genauso unsichtbar wie die Sonnenstrahlen. Und doch begegnet sie mir tagtäglich immer wieder - und zwar in den Menschen um mich herum.
Wie die Sonnenstrahlen bricht sich die Liebe Gottes in den Menschen, die mir begegnen: an ihren Stärken und auch an ihren Schwächen. So wird Gottes Liebe bunt und ich kann sie sehen und fühlen.
Zum Beispiel: wenn mir jemand seine Hand auf die Schulter legt - einfach so. Wenn mich ein Kind auf der Straße anlächelt. Wenn mich jemand an der Kasse vorlässt. Schöne Erfahrungen, die mich die Liebe Gottes spüren lassen. So im Vorübergehen, mitten im Alltagsgetümmel.
Vielleicht scheint ja heute auch wieder die Sonne. Und Sie können Sie auf Ihrem Gesicht spüren und ihre Farbenpracht erleben. So ist das eben auch mit Gottes Liebe. Die ist auch da. Und die können Sie sogar spüren, wenn es heute regnet.

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„Ah, da bist du!  Hab ich dich!"
Wenn ich mit meiner kleinen Tochter Verstecken spiele, und ich finde sie, dann strahlen ihre Augen, dann jubelt sie! Erst wartet sie gespannt, und dann freut sie sich wie eine Prinzessin!
Gesucht - und gefunden werden. Viele kennen das von Kinderspielen her. Wenn wir erwachsen werden, dann gibt es allerdings ein Verstecken, das kein Spiel mehr ist. Viele Menschen leben verborgen. Sie wollen nicht auffallen -etwa aus Scham, dass ihre Armut sichtbar wird. Und so verschwinden sie aus dem Gesichtsfeld ihrer Nachbarn. Oder die, die um einen lieben Menschen trauern und in ihrer Trauer schier verloren gehen. Aber auch wenn sie sich verstecken oder nicht auffallen wollen, fragen sie sich doch: Ja, sucht mich denn niemand? Bin ich es nicht wert, dass einer nach mir sucht?
In der Bibel gibt es auch eine Geschichte vom gesucht und gefunden werden. Ein Schaf verschwindet aus seiner Herde. Vielleicht ein Außenseiterschaf oder ein Abenteurerschaf - wie auch immer: Es ist weg. Spurlos verschwunden.
Kein Spiel, sondern Ernst. Der Hirte weiß, wie gefährdet dieses Schaf ist, wie schutzlos ausgeliefert all den Gefahren, die da lauern. Deshalb fängt der Hirte an zu suchen. Er sucht. Und sucht. Und sucht.
Und am Ende findet er. Das verlorene Schaf - der Hirte hat es gefunden und beide freuen sich unbändig. Jesus sagt: Gott ist wie dieser Hirte. Er sucht und sucht. Und wenn er einen verlorenen Menschen gefunden hat, dann freut er sich. Unbändig. Weil das verschwundene Schaf wieder da ist. Und weil es jetzt weiß: Ich bin nicht mehr allein. Jemand hat sich auf den Weg gemacht, als ich noch verloren war. Ich bin so wertvoll, dass jemand nach mir gesucht hat!
Und so dürfen auch wir uns suchen und finden lassen. So dürfen auch wir uns wertvoll und gesucht fühlen. Wie meine kleine Tochter. Was für eine Freude, wenn wir uns finden!

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Heute will ich Ihnen etwas von Streicheleinheiten erzählen. Ja, ich bin überzeugt: Das Leben, ja jeder Tag hat für uns viele kleine Streicheleinheiten parat. Zum Beispiel vor kurzem: Da hab ich einen Himmel gesehen, der sah aus wie ein Gemälde. Ein dunkler Wolkenberg, und durch den sind einzelne Lichtstrahlen hindurch gebrochen. Ein wunderbares Bild! Gestreichelt, tief berührt habe ich mich da gefühlt.
Oft gehe ich achtlos an solchen Momenten vorbei. Oder auch an Menschen, die auch etwas Zärtliches, etwas Liebenswertes an sich haben - ein Blick, ein Gruß, einfach so. Ich glaube, dass jeder von uns solche Streicheleinheiten braucht! Mal in den Arm genommen werden, berührt werden: Wie wohl tut das! Und oft geschieht es ja auch - Gott sei Dank. Da werde ich gestreichelt, fühle mich angenommen. Wie eine Frau, die ich im Krankenhaus besucht habe. Sie war gestürzt und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Und da erzählte sie mir: „Wie gut, dass meine liebe Bekannte bei mir war und meine Hand gehalten hat. Eine kleine Berührung, und der ganze Tag hat heller ausgesehen!"
Nicht jeder von uns hat eine Hand, die ihn hält. Oder doch? Im Psalm 63 erzählt jemand von einer Begegnung mit Gott und sagt:„Deine rechte Hand hält mich". Und Gott sagt zum Propheten Jesaja: „Ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir!"
Immer wieder machen Menschen die Erfahrung: Gott ist nicht fern, Gott berührt mich. Und zwar in den vielen Kleinigkeiten des Lebens. Eine bewegende Musik, eine wohltuende Farbe, eine liebevolle Geste. Und wenn Ihnen mal wieder ein Sonnenstrahl um die Nase kitzelt, ein Kind Sie anlacht oder ein liebes Wort Sie freut, dann ist es genau das: Eine der vielen Streicheleinheiten, die das Leben für uns parat hat. Zeichen Gottes, Streicheleinheiten direkt aus dem Himmel.

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Letztes Weihnachten bekamen unsere Kinder ein Puzzlespiel geschenkt. 1000 Teile! Eigentlich sind unsere Kinder noch zu klein dafür, haben sich aber anfangs mit Begeisterung dran gemacht. Dann irgendwann ließ die Begeisterung nach - und ob wir es bis zum nächsten Weihnachtsfest schaffen, ist noch die Frage. Dabei reizt es mich mittlerweile selber: das Bild am Ende zu sehen, was dann rauskommt, wenn Stück für Stück zusammengefügt ist.
Vielleicht haben Sie auch schon mal gepuzzelt; etwa an einem verregneten Sonntagnachmittag, alleine oder mit anderen zusammen. Wenn die Puzzleteile so vor einem liegen, dann kann das herausfordern und zu Höchstleistungen beflügeln. Oder aber frustrieren, weil es einfach viel zu viel ist.
Vielleicht ist das sonst auch so: Immer wieder liegen viele Herausforderungen und Aufgaben vor mir, manchmal reizvoll und motivierend, manchmal auch wie ein Berg, der kaum zu schaffen ist. Ich habe Ideen, eine Sehnsucht - aber wie fügen sich diese vielen Puzzleteile zu einem Bild zusammen? Wie bekomme ich das alles unter einen Hut, so dass das Ganze Sinn macht?
Um dem ein bisschen näher zu kommen, helfen mir zwei Gedanken. Zum einen: Ich mache es einfach wie beim Puzzle: Ich fange am Rand an und arbeite mich langsam zur Mitte vor. Langsam und Schritt für Schritt. Kleine Schritte führen oft weiter als die großen - kleine Schritte kann ich leichter gehen.
Und zweitens: Ich kann mich wie beim Puzzle immer wieder auf meine Vorlage besinnen: was ist das Ziel - und was ist mir wirklich wichtig im Leben?
Sicher, nicht immer kann ich dieses Ziel, diese Vorlage sehen. Aber ich glaube fest daran: Einer hat ein Ziel mit mir! Gott kennt mich und wird die Puzzleteile meines Lebens am Ende zusammenfügen. Und wenn ich mit meinen Kindern die 1000 Puzzleteile ordne und in dem Chaos etwas zusammenpasst, dann ahne ich es: Gott fügt mein Leben schon zusammen. Und es wird  wunderbar sein, das Bild!

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Kann aus einer unguten Geschichte etwas Gutes werden? Kann aus einem Grab etwa neues Leben wachsen? Ja, meint der Dichter Theodor Fontane: „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland: Ein Birnbaum in seinem Garten stand. Und kam die goldene Herbsteszeit, dann leuchteten die Birnen weit und breit..."
Vielleicht kennen Sie dieses Gedicht. Es handelt von einem gütigen Mann. Der gibt von seinen saftigen, goldenen Birnen gerne allen Mädchen und Jungen, die dran vorbeikommen, etwas ab. Seine Güte allerdings hat ein jähes Ende. Er stirbt. Und sein Sohn jagt die Kinder nur fort.
Aber: Am Ende bahnt sich die Güte des alten Ribbeck doch noch einen Weg. Der kluge alte Mann hat vorgesorgt. Wohlwissend hat er sich eine Birne mit ins Grab geben lassen. Und aus dieser Birne wächst schließlich aus seinem Grabe ein ebenso prächtiger Birnbaum wie einst. So heißt es im Gedicht: „Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab, Und in der goldenen Herbsteszeit/ Leuchtet's wieder weit und breit"
Und die Kinder kommen an sein Grab und können wie früher etwas von der Güte des alten Herrn schmecken.
Ich liebe dieses Gedicht. Es macht mir Mut. Mut zur Geduld, zur Hoffnung und zum langen Atem. Denn so oft beendet ein Tod oder ein Abschied eine Freundschaft, einen Lebensabschnitt. Aber diese Abschiede, sogar der Tod - sie sind nicht das letzte, meint auch die Bibel. Das Schlechte wird sich nicht durchsetzen. „Der Tod ist verschlungen vom Sieg!", so schreibt es der Apostel Paulus. Gottes Güte lässt sich nicht unterkriegen. Gottes Güte wird sich ihren Weg bahnen -  durch den Tod hindurch. So wie die Birne im Grab, aus der am Ende ein wunderbarer Baum wächst. „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben."  heißt es in einem Psalm. Und weiter: „Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom."
Diese Güte Gottes, die spüren wir gerade auch durch gütige Menschen. Oder, um es mit Fontane zu sagen: „So spendet Segen noch immer die Hand / Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland."

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