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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der Glaube ist eine ernste Angelegenheit. Christentum und Humor? Das passt für viele nicht zusammen. „Wer lacht, dem mangelt es an Ehrfurcht vor Gott!“ So ist der alte Mönch Jorge von Burgos überzeugt. Er leitet die Klosterbibliothek in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. „Das Lachen vertreibt die Angst. Aber was wären wir sündigen Kreaturen ohne die Angst?“ Für den finsteren Jorge ist der Humor die Wurzel allen Übels. Schon ein Blick ins Neue Testament zeige: Auch Jesus habe nicht gelacht.
In der Tat: von einem lachenden Jesus liest man nichts in den Evangelien. Aber kann man sich Jesus als humorlosen Menschen vorstellen? Wohl kaum!
Wenn er den Zeitgenossen das Reich Gottes verkündete, dann benutzte er vor allem das Bild einer fröhlichen Tischgemeinschaft. Mit Vorliebe hielt sich Jesus dort auf, wo die Menschen in froher Runde zusammen saßen. Er nahm mit seinen Jüngerinnen und Jüngern so gerne an Gastmählern teil, dass ihn seine Gegner als „Fresser und Säufer“ und „Freund der Zöllner und Sünder“ (Mt 11,19) bezeichneten. Sein erstes Wunder vollbrachte Jesus nach Ausweis des Johannes-Evangeliums auf einer Hochzeit, als er Wasser zu Wein verwandelte.
Wie hätte Jesus da nie lachen können?! Auch seine Gleichnisse verraten viel Sinn für Humor. So wirft er etwa seinen Kritikern vor, sie würden zwar „Mücken aussieben, aber (dabei) Kamele verschlucken“ (Mt 23,24).
Jesus verkörperte eine heitere Gelassenheit, die offenbar viele Menschen beeindruckte. Sie gründete in einem unbedingten Gottvertrauen. Damit machte der Mann aus Nazareth allen Mut, die ihn erlebten. Anders als der verbissene Klosterbruder Jorge, lehnte Jesus die Angst als Antrieb für den Glauben ab.
Der unvergessene Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch hat diese Gelassenheit einmal wie folgt beschrieben: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit (...) Was macht, dass ich so furchtlos bin, an vielen dunklen Tagen ? Es kommt ein Geist in meinen Sinn, will mich durchs Leben tragen. Was macht, dass ich so unbeschwert, und mich kein Trübsinn hält ? Weil mich mein Gott das Lachen lehrt, wohl über alle Welt.“

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Alfred Biolek hat eine ganz eigene Meinung zum katholischen Gottesdienst: „Das ist das älteste und beste Showbusiness der Welt. Wo bitte gibt es solche Inszenierungen ?“ fragt der Talkmaster und Fernsehkoch weiter. „Eine wahre Pracht für Augen, Ohren und Nase. Prächtige Gewänder, Musik und Weihrauch.“
Auch wenn es etwas flapsig formuliert ist; „Bio“ hat Recht. Bühne und Altar, Kirche und Theater – da gibt es Parallelen. Nicht zufällig hat manche Showkarriere im Gottesdienst begonnen. Ihre ersten öffentlichen „Auftritte“ hatten Thomas Gottschalk, Frank Elstner, Günther Jauch, Jürgen von der Lippe oder Harald Schmidt als Messdiener. Und Alfred Biolek natürlich auch.
Liturgie als „heiliges Spiel“ – das ist kein gotteslästerlicher Gedanke. Dafür gibt es in der Kirche eine lange Tradition. Heute, am „Welttag des Theaters“, darf man daran erinnern: Ohne die Kirche und ihren Kult gäbe es keine modernen Bühnen. Aus dem Gottesdienst heraus entwickelte sich das Schauspiel des Mittelalters. Die Kirchen wurden zu Volkstheatern. Hier spielte man an den Festtagen die Lebensgeschichte Jesu nach. Texte der Evangelien wurden in Szene gesetzt: die Weihnachtserzählung, das Leiden Christi, seine Auferstehung. Sogar den Wettlauf der Jünger zum leeren Grab ließ man nicht aus. Zur Freude der Gläubigen.
An diese Theaterpraxis erinnern noch heute im Kleinen die Krippenspiele der Kinder.
Und im Großen die Passionsspiele, etwa in Oberammergau. Jeder zweite Dorfbewohner ist dort aktiv dabei. Populär sind bis heute Stücke wie etwa „Das Leben und Sterben des reichen Mannes“. Hugo von Hofmannsthal hat den Stoff bearbeitet. Jahr für Jahr wird sein „Jedermann“ vor der Kulisse des Salzburger Doms aufgeführt.
Natürlich bleiben die Kirchenräume Orte der Andacht und Besinnung. Aber sie haben auch schon immer Raum geboten für die sinnliche Erfahrung des Göttlichen, für den spielerischen Umgang mit den großen Geheimnissen des Glaubens. Deshalb sind Musik, Kunst und Literatur unverzichtbar für eine anschauliche Liturgie.

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Merseburg an der Saale. Eine Station an der „Straße der Romanik“. Wunderschön: der mittelalterliche Dom. In seiner Vorhalle steht ein Taufstein. Über 800 Jahre alt. Rund um das tonnenartige Becken entdeckt man steinerne Figuren. Sie stellen die Propheten des Alten Testaments dar. Dann die Überraschung: auf ihren Schultern hocken die zwölf Apostel. Ein sprechendes Bild: Das Neue Testament stützt sich auf das alte. Das Christentum wird vom Judentum getragen. Die klein dargestellten Apostel können so weit schauen, weil sie auf den Schultern der riesigen Propheten sitzen.
In den letzten Wochen musste ich öfter an dieses Taufbecken in Merseburg denken. Immer wieder fiel es mir ein, wenn ich die Schlagzeilen zu den unseligen Pius-Brüdern las. Für diese Leute sind die Juden noch immer die „Gottesmörder“. Sie weigern sich, jüdische Menschen als das zu sehen, was sie sind: die älteren Schwestern und Brüder der Christen.
Jesus war Jude, so wie seine Mutter, seine Geschwister und fast alle seine Freundinnen und Freunde. Der Gott Israels war sein Vater; das Alte Testament seine Bibel. Jesus ging nicht in die Kirche, sondern zur Synagoge. Er feierte nicht Weihnachten und Pfingsten, sondern Pessach und das Laubhüttenfest.
„Wer Jesus begegnet, begegnet dem Judentum“, hat Papst Johannes Paul II. immer wieder betont. Christen dürfen demnach keine Antisemiten sein. Das hat auch das II. Vatikanische Konzil ein für alle Mal klargestellt. Dahinter gibt es kein Zurück.
Vielleicht kannte der Künstler in Merseburg ein Wort des Apostels Paulus.
Im Römerbrief bekennt der nämlich voller Stolz: „Ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin.“ (Röm 11,1) Die Christen – so Paulus – dürfen nicht vergessen, dass sie eine Frucht des jüdischen Glaubens sind. Deshalb schreibt der Apostel der Kirche ins Stammbuch: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Röm 11,18)
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Erst hören und dann reden. Mir fällt das oft schwer. Dabei ist es in der Regel besser, erst mal die Klappe zu halten und zuzuhören. Heute feiern wir in der Kirche eine Frau, die das konnte, erst mal hören und dann reden. Gemeint ist Maria, die Mutter Jesu, die Mutter Gottes. Am heutigen Tag, 25. März, ist das Fest Mariä Verkündigung, heute auch Verkündigung des Herrn genannt. Das ist der Tag, an dem der Engel Maria die Botschaft bringt, dass sie ein Kind bekommen wird. Jesus soll sie ihn nennen. Sie muss sicherlich genau hinhören, denn Engel reden leise und das, was der Engel ihr sagt, klingt zu dem recht unwahrscheinlich. Aber sie lässt ihn ausreden, hört zu, bevor sie ihre eigenen Bedenken vorträgt: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ wendet sie ein. Zu gut deutsch: „Das kann nicht klappen, ich bin noch Jungfrau.“ „Der Heilige Geist wird über Dich kommen“, antwortet ihr der Engel. Seitdem ist sie auf dem Tisch, die Sache mit der Jungfrauengeburt und der Rolle des Heiligen Geistes. Für die einen etwas, was absolut zum christlichen Glauben dazugehört, und für die andern eher eine Sache, die man glauben kann oder auch nicht.
Über dem Nordportal der Marienkapelle in Würzburg gibt es eine interessante Darstellung dieser Geschichte. In der unteren Hälfte des Bildes spricht der Engel mit Maria. Über den beiden ist Gott Vater dargestellt und aus seinem Mund führt ein Schlauch direkt zum Ohr von Maria. Er sieht aus wie ein überdimensionales Hörrohr. Auf diesem Schlauch ist Jesus als kleines Kind sehen, wie er bäuchlings zu Maria robbt. Am Ende des Schlauchs ist eine Taube, Zeichen des Heiligen Geistes, und die flüstert Maria etwas ins Ohr.
„Der Heilige Geist wird über Dich kommen“, bedeutet also genau hinhören. Hören auf die Worte, die aus dem Mund Gottes kommen. Wo auf das Wort Gottes gehört wird, da kommt Gott zur Welt. Nicht nur in neun Monaten an Weihnachten, sondern jeden Tag – auch ohne Jungfrauengeburt.
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Manieren sind wieder voll im Kommen. Gutes Benehmen ist gefragt. Ob bei der Knigge- Akademie oder der Etiketteschule überall kann man Benimmkurse buchen. Die Branche boomt. Viele Menschen wollen wissen, wie man sich richtig verhält. Sie wollen Regeln lernen, damit sie im Umgang mit anderen, keine Fehler machen. Der deutsche Caritasverband greift in seinem Jahresthema diesen Trend zu mehr Manieren auf. Es lautet: „Soziale Manieren“. Erstmal habe ich gestutzt. Soziale Manieren, das war mir nicht geläufig. Worum es geht? Bei den Benimmregeln geht es um mich. Es geht darum, dass ich mich nicht bloßstelle, weil ich zum Beispiel nicht weiß, wie man eine Auster isst. Bei sozialen Manieren geht es aber um den andern. Es geht darum, dass ich den andern nicht bloß stelle. Das geschieht leider sehr oft in unserer Gesellschaft. Zwei Beispiele: Da kommt ein Hartz-IV Empfänger mit einem Gutschein an die Supermarktkasse und die Kassiererin ruft laut durch den Laden: „Darf ich den Hartz-IV-Gutschein annehmen?“ Da geht ein Jungpolitiker hin und bezeichnet die geplante Erhöhung des Kinderregelsatzes für Hartz-IV-Empfänger als einen Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie. Nach dem Motto: Hartz-IV-Empfänger kaufen vor allem Alkoholisches. Unbedacht oder mit Berechnung: Hier werden Menschen bloß gestellt. Beherrsche ich Benimmregeln kann ich mich sicher in der so genannten feinen Gesellschaft bewegen, zeige ich aber soziale Manieren, bin ich sensibel für die Probleme der Menschen, die am Rande stehen. Soziale Manieren kann man nicht in Kursen lernen, sie kommen aus einer Haltung heraus. Der Haltung des Respekts vor jedem Menschen. Ideal ist es natürlich, wenn soziale Manieren und gutes Benehmen zusammenkommen. Und dafür gibt es das alte deutsche Wort: Höflichkeit. Und durch Höflichkeit kann man bekanntlich nichts verlieren, außer den Sitzplatz im Bus.
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„Haben oder Sein“ so heißt eines seiner wichtigsten Bücher. Erich Fromm, heute vor 109 Jahren wurde er geboren. Er war einer der ersten großen Kritiker der Konsumgesellschaft. Seine These: Die Konsumgesellschaft macht die Menschen einsam. Sie redet ihnen ein: Glück gibt’s nur, wenn ich etwas konsumiere, besitze, habe. Oft aber geschieht genau das Umgekehrte. Wenn ich mein Glück von meinem Besitz, meinem Einkommen, meinem Konsum abhängig mache, komme ich schnell in eine teuflische Spirale. Das Auto muss immer größer, die Reise immer weiter und der Wein immer exklusiver werden. Sich mit weniger zufrieden zu geben, wäre ein Rückschritt. Der Absturz ins Unglück. Die Werbung spielt in der Konsumgesellschaft eine wichtige Rolle, denn sie verspricht mir das Glück über den Konsum. Sie malt es mir aus mit wunderschönen Landschaften und attraktiven Frauen auf Hochglanzpapier.
Fromms Diagnose trifft auch heute noch zu. Ich merke das an mir selbst. Sicherlich, das System habe ich lange durchschaut. Das heißt aber nicht, dass ich gegen diese unterschwellige Botschaft immun bin. Die unterschwellige Botschaft, heißt: „Wenn ich was habe, bin ich auch wer.“ In der Konsumgesellschaft wird der Wert eines Menschen darüber bestimmt, was er sich leisten kann. Ich bin aber der Überzeugung: Der Mensch hat gar keinen Wert, der sich messen lässt, weder in Geld, noch in Ansehen, noch in Intelligenz. Der Mensch hat überhaupt keinen Wert, der Mensch hat Würde. Und die kommt jedem zu, unabhängig von seinem Bankkonto, seiner Bildung oder Schönheit.
Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes, heißt es in der Bibel. In der christlich-jüdischen Tradition ist das der tiefste Grund für die Würde des Menschen. Sie kann ihm nicht genommen werden, weder durch Arbeitslosigkeit, noch durch Pleite oder ein verloren gegangenes Bankkonto. Der Mensch ist wer, egal was er hat.
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