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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Als Gottes Kind im Krippenstroh geboren ist, da hat der Himmel die Erde geküsst“, heißt es in einem Weihnachtslied für Kinder. Doch anders als im Märchen vom Froschkönig, wo auch ein Kuss am Anfang steht, bringt dieses wundervolle Geschehen in Bethlehem keine nach außen hin sichtbare umwerfende Veränderung. Es springt kein Prinz dabei heraus wie in dem bekannten Märchen. Ganz im Gegenteil: Kindheit und Jugend des Jesuskindes waren so unspektakulär, dass sie in der Bibel noch nicht einmal Erwähnung finden. Einzig seine wenigen Jahre als Wanderprediger sind dokumentiert und natürlich sein Tod am Kreuz, einer römischen Strafe für nichtrömische verurteilte Verbrecher. Wahrlich kein Prinzenschicksal. Doch Programm. Schon von Beginn an kommt Gott nicht in Macht und Pracht und Herrlichkeit. Nicht mit großem Gefolge und viel Trara. Nein, er offenbart sich als kleines, wehrloses, schutzbedürftiges Kind, in mieser Behausung, unhygienischen Zuständen und zweideutiger Gesellschaft. Hirten waren es nämlich, die von der Geburt überhaupt Notiz nahmen und die waren damals nicht gut angesehen im Lande Israel. Und zu denen kam Gott zuerst! Das ist tröstlich! Gott wendet sich denen zu, die ganz unten stehen. Für mich heißt das: Ich muss kein Strahlemann sein, immer fit, super und erfolgreich, um von Gott gesehen zu werden. Ich kann mich ihm ohne Scham und Reue so offenbaren wie ich bin, mit all dem Schönen und all dem Verkorksten in mir.
„Als Gottes Kind im Krippenstroh geboren ist, da hat der Himmel die Erde geküsst.“
Wie gesagt: Kein Prinz kam dabei heraus, aber ein Gott, der uns liebevoll annimmt.
Das ist für mich das eigentlich Hoffnungsvolle von Weihnachten.
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Ein Outdoortyp war er. Man würde sich ihm bedenkenlos bei einer Bergwanderung anvertrauen, zu einem Galadiner würde man ihn aber nicht mitnehmen. Johannes der Täufer. Er lebte in der Wüste, er trug einen Mantel aus Kamelhaaren und ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. Er lebte zur Zeit Jesu, er hielt Bußpredigten. Und obwohl seine Worte hart waren und er Forderungen an seine Hörerschaft stellte, kamen die Leute hörten ihm zu und ließen sich taufen.
Er war eine starke Persönlichkeit, er wusste, was er wollte, ihm war klar, was die Stunde geschlagen hatte.
„Kehrt um, bereitet dem Herrn den Weg, ebnet ihm die Straßen“, das sind seine Sätze.
„Kehrt um“ – nicht nur in der Stunde, die ihr wöchentlich vielleicht in der Kirche verbringt, sondern auch in eurem Alltag, bei eurem Tagesprogramm mit seinen beruflichen, familiären und sonstigen Anforderungen und Verpflichtungen.
„Kehrt um“, für jeden Einzelnen kann das heißen: nicht immer nur an sich denken, auch den andern im Blick haben, vielleicht sogar mit Gott rechnen.
„Kehrt um“, für uns als Weltgemeinschaft kann das bedeuten, Nahrung gerecht verteilen, Medikamente verbilligen, faire Kredite an die Ärmsten vergeben.
Johannes hat begriffen: Das alles kann mit einem Glauben an einen liebenden und barmherzigen Gott bewerkstelligt werden. Einem Gott, der Mensch wurde in Jesus Christus. Das feiern wir an Weihnachten. Doch bevor es soweit ist, gilt der Ruf Johannes des Täufers auch uns, wenn er sagt: Bereitet dem Herrn den Weg, im vergehenden Jahr 2008 und im neuen Jahr 2009, seid wach, um zu erkennen, was Gott von euch will, seid deutlich, um ihm Gehör zu verschaffen. Lass Gott zur Welt kommen, bei jedem von euch.
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18DEZ2008
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Überall blinkt und flimmert es in diesen Tagen. Glühlampen oder Leuchtdioden schmücken Tannenbäume, strahlen in Fenstern, umhüllen ganze Häuser und Vorgärten. Es gibt sie in fast allen Farben. Manche blinken so wild, dass sie mich richtig nervös machen. Ich frage mich manchmal, wenn’s denn fremde Wesen aus dem All gäbe und die mit ihrem Raumschiff sich unserer Erde näherten, was sie wohl über diese ganze Illumination denken würden? Und es ist ja auch wirklich die Frage, was mit einem solchen Überangebot an Lampen und Lichtern bezweckt werden soll! Ich bin da auf Vermutungen angewiesen. Soll die Dunkelheit vertrieben werden, will man besonders originell sein, oder geht es darum, sich von anderen abzusetzen? Ich weiß es nicht genau.
Ich weiß aber, was Leute umtreibt, die Kerzen in unseren Kirchen anzünden und damit für ein ruhigeres und vor allem wärmeres Licht sorgen. Sie denken an ihre Mitmenschen, an die lebenden aber auch an die verstorbenen, sie denken an Gott, sie beten. Und sie sind davon überzeugt, dass sie nicht in einen luftleeren Raum beten, sondern dass sie gehört werden, dass es einen Empfänger für ihre Worte gibt.
Häufig steht die brennende Kerze für Bitten um etwas, Dank für etwas oder Erinnerung an jemanden. Sie ist quasi Platzhalter für die formulierten Gedanken.
Wer die Kirche verlässt und eine Kerze angezündet hat, geht in dem wohltuenden Bewusstsein, dass seine Gebete, seine Gedanken und Erinnerungen noch lange nicht verloschen sind.
Ich bin mir sicher, dass die angezündete Kerze auch den Beter verändert. Das fürbittende oder auch dankende Gebet relativiert das eigene ICH. Der Gedanke an andere und ihre Sorgen und Nöte lassen die eigenen zwar nicht vergehen, aber mindern deren Mächtigkeit.
Die brennende Kerze bleibt stehen als Hoffnungszeichen, dass nicht Dunkel und Tod, sondern Licht und Leben siegen. Manchmal bewirken sie sogar, dass der Beter selbst zu einem Licht für andere wird.
Die Glühlampen und Leuchtdioden dieser Tage werden schon bald nach Weihnachten wieder verlöschen. Menschen, die Licht für andere sein können, aber sind dringend nötig und haben ganzjährig Saison.

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Die Weihnachtsgeschichte ist auch die Geschichte einer Familie, die auf der Flucht ist. Sie erinnert an das Schicksal der Flüchtlingsfamilien in dieser Welt.
Ein ziemlich kalter Wintertag. Der Amateurfunker Claudio Tiziano schnappt plötzlich den Notruf einer verzweifelten Frau auf. „Hilfe, wir brauchen Hilfe!“ Die Frau hat sich offensichtlich mit ihren fünf Kindern in den schneebedeckten Tessiner Bergen verirrt. Der 56 -jährige Italiener erkennt sofort die Gefährlichkeit der Situation. Als erfahrener Amateurfunker bestimmt er den Aufenthaltsort der Familie und informiert die Rettungswacht. Im Anbruch der Dunkelheit beginnt eine dramatische, aber erfolgreiche Rettungsaktion. Ein Rettungshubschrauber kann die zu Tode Erschöpften bergen. Die Retter stellen erstaunt fest, dass die Mutter und ihre fünf Kinder nur leichte Sommerkleidung tragen. Die Füße des neunjährigen Jungen sind so blau gefroren, dass die Ärzte im ersten Moment glauben, sie müssten amputiert werden. Mit mehreren Koffern, aber ohne Bergsteigerausrüstung war die Familie unterwegs – und das vier Tage und drei Nächte lang. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass es sich bei den Geretteten um eine Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine handelt. Die Familie hatte schon eine mehrjährige Odyssee hinter sich. Zunächst einige Jahre in einem Asylbewerberheim in Ungarn, dann die Flucht nach Italien. Von dort wollten sie in die Schweiz einreisen, um Asyl zu beantragen. Doch sie wurden an der Grenze abgewiesen. Daher wählten sie den Weg über die so genannte grüne Grenze – und wären um ein Haar im Schnee erfroren. – Eine wirklich dramatische Geschichte. Und in diesen Tagen vor dem bevorstehenden Weihnachtsfest kann ich nicht umhin, sie mit der Weihnachtsgeschichte in Verbindung zu bringen. Denn da geht es um Maria und Josef, die eine Herberge suchten, einen sicheren Ort für die Geburt ihres Kindes. Und es geht um die junge Familie, die vor König Herodes fliehen musste. Weihnachten, so betrachtet, ist das Fest einer Flüchtlingsfamilie. Schön, dass es bei der Heiligen Familie einigermaßen gut endet. Gerne würde ich wissen, ob das für die ukrainische Familie auch zutrifft. Leider weiß ich es nicht. Aber ich wünsche es dieser und allen anderen Flüchtlingsfamilien von Herzen.
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„Meinst du, es ist wirklich richtig, dass du auch noch deinen Bruder unterstützen willst? Du brauchst das Geld doch dringend selbst für dein Studium!“ Mir gegenüber sitzt Aziz, ein junger afrikanischer Student. Er hat mir gerade erzählt, dass sein Bruder in Afrika schwer erkrankt ist. Der Bruder muss operiert werden. Aber er hat nicht genügend Geld, um die Operation zu finanzieren. Also hat sich Aziz entschieden, seinen Bruder zu unterstützen. Ich finde das ganz toll. Einerseits. Aber gleichzeitig weiß ich, dass er selbst nur mit Mühe und Not finanziell über die Runden kommt. Aziz muss sich - wie so viele ausländische Studierende - sein Studium zum größten Teil selbst finanzieren. Sein Studentenalltag ist daher eine permanente Gradwanderung. Zu den Anforderungen des Studiums, zu den Problemen mit der fremden Sprache kommt die ständige Sorge um das Geld. Immer wieder muss Aziz neben dem Studium arbeiten, um seine Miete und seinen Lebensunterhalt bezahlen zu können. Also versuche ich ihm klar zu machen, dass ich es ja gut finde, wenn er seinem Bruder finanziell helfen will. Aber ich rate ihm auch, es sich gut zu überlegen, damit er sein Studium nicht gefährdet. Aziz hört sich das geduldig an. Dann antwortet er mir: „Wenn es meinem Bruder schlecht geht, dann kann es mir nicht gut gehen. Ich kann nicht alleine glücklich sein!“ Ich habe den Eindruck, dass alle meine Einwände auf einmal in sich zusammen fallen. Auf jeden Fall kommen mir meine Bedenken auf einmal sehr kleinkariert vor. Sie sind sicher rational gut begründet, aber eigentlich kann ich Aziz nur zustimmen. Ein Leben, das nur auf das eigene Glück und den eigenen Erfolg ausgerichtet ist, ist doch sehr armselig. Glück ist nicht nur mein eigenes, sondern immer auch das des anderen. Ich kann nicht alleine glücklich sein! Aziz hat das ganz einfach auf den Punkt gebracht.


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Ein Fotograph hat Kinder und Jugendliche aus Heimen auf einer roten Couch fotografiert. Die jungen Menschen äußern sich im Rahmen einer Fotoausstellung über ihr Leben und ihre Erwartungen an die Zukunft.
Eine rote Couch auf einem Fußballplatz. Daniel hat sie dorthin gestellt. Daniel, das ist ein 12 jähriger Junge, der in einem Heim lebt. Die Sache mit der roten Couch, das war die Idee des Fotographen Horst Wackerbarth. Er hat Jugendlichen, die in Einrichtungen der Erziehungshilfe leben, vorgeschlagen, sich auf einer roten Couch fotografieren zu lassen. Und das an Orten, die für die Jugendlichen eine große Bedeutung haben. Daniel hat sich für den Fußballplatz entschieden. Weil er so leidenschaftlich gern Fußball spielt. Der 15- jährige Sandro hat die rote Couch auf einen Friedhof gestellt. Weil auf diesem Friedhof sein Vater begraben liegt. Und die 17 – jährige Jasmin hat die rote Couch in einen Wald gestellt. Weil sie in diesem Waldstück ihren ersten Kuss erhielt. So sind ganz individuelle und aussagekräftige Fotos entstanden. Die rote Couch ist immer dabei. Man könnte fast sagen: Der Fotograph hat Kindern und Jugendlichen, die sonst nicht gerade viel Aufmerksamkeit bekommen, so etwas wie einen roten Teppich ausgerollt. Man merkt das den Jugendlichen an, dass sie sich auf dieser Couch als wichtige Persönlichkeiten fühlen. Die Fotos sind Teil einer ungewöhnlichen Fotoausstellung, in der die Jugendlichen auch von sich selbst erzählen. Es überrascht kaum, dass in ihren Aussagen die Zukunft eine ganz große Rolle spielt. Wer eine schwierige Kindheit und Jugend hatte, der hat große Hoffnungen und Wünsche. Dass die Familie wieder zusammen kommt. Oder der Wunsch, später einmal ein glückliches Familienleben zu haben. Auch eine gute Ausbildungsstelle ist wichtig. Und natürlich ein interessanter Beruf. Die Zukunft muss einfach besser werden, da sind sich die jungen Menschen einig. Als ich mir die Fotos und Gedanken der Jugendlichen ansah, kam mir in den Sinn: eigentlich ist es genau das, was Advent meint. Dass es so nicht weiter gehen kann. Dass es besser werden muss. Dass jemand kommen muss, der für ein besseres Leben sorgt, mit glücklichen Beziehungen und einer sinnvollen Arbeit.
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Im 16. Jh. muss der spanische Ordensmann Johannes vom Kreuz monatelang in einem dunklen Kellerloch verbringen. Nach einer Phase der Gottverlassenheit macht er eine neue Erfahrung der Nähe Gottes.
Wer in einem dunklen Kellerloch Gedichte schreibt, Lieder singt und Landschaften zeichnet, ist entweder verrückt - oder ein Heiliger. Im Fall des spanischen Ordensmannes Johannes vom Kreuz, dessen Gedenktag am heutigen 14. Dezember ist, kommt vielleicht beides zusammen. In einer kalten Dezembernacht des Jahres 1577 war er aus seinem Kloster in Avila entführt und in eine Zelle von gerade einmal fünf Quadratmetern eingesperrt worden. Ein dreiviertel Jahr musste er in diesem Verließ verbringen - ohne Fenster und in stickiger Luft. Von seinen Freunden isoliert zu sein war auch für einen gestandenen Ordensmann harte Kost. Aber noch schlimmer für ihn war, dass er in diesem Kellerloch den Eindruck hatte, auch von Gott isoliert zu sein. Früher hatte er ein Bild von einem gütigen Gott gehabt, das ihm immer viel Kraft gegeben hatte. In dem Verließ aber gab es bald keinen frommen Gedanken mehr, an dem er sich noch festhalten konnte. Nur noch auf sich selbst zurückgeworfen beschloss er, das vor Gott zu tragen, was ihm noch geblieben war: seine ganze Einsamkeit und Ohnmacht. Doch nun geschah etwas Überraschendes. Er hatte auf einmal das Gefühl, dass gerade in dieser totalen Verlassenheit Gott ihm nahe war. Und das in einer Intensität, wie er es von früher her nicht kannte. Johannes vom Kreuz war von dieser Erfahrung überwältigt. Er begann, in der Zelle zu singen, und – wenn das schwache Licht es zuließ – auch zu zeichnen und Liebesgedichte zu schreiben. Nachdem ihm endlich die Flucht aus dem Kerker gelungen war, war er davon überzeugt: Gedanken über Gott und Bilder von Gott können verhindern, Gott wirklich zu begegnen. Johannes vom Kreuz hatte erfahren: es kann schmerzhaft sein, seine Vorstellungen von Gott zu verlieren. Aber es war ihm auch klar geworden: Wer sich mit seiner ganzen Bedürftigkeit und Ohnmacht Gott vorbehaltlos anvertraut, kann die Nähe Gottes ganz intensiv erfahren.
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