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SWR2 Lied zum Sonntag

01AUG2021
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Aufregung im Haus von Johann Sebastian Bach. Heinrich Ernesti, der Rektor der Leipziger Uni, ist gestorben. Für sein Begräbnis hat er sich eine Motette des Thomaskantors Bach erbeten. Fünf Tage bleiben Bach, um die Komposition auszuführen. Rektor Ernesti hat auch die Bibelstelle zur Vertonung ausgewählt. Aus dem achten Kapitel des Römerbriefs. Paulus spricht dort von menschlichen Notlagen, vom Tod - und wie ein Christ sich darin zurechtfindet.

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf[1].

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Das ist eine gute Aussicht für jede Lebenslage. Auch für den eigenen Tod und das darauf folgende Begräbnis. Ganz offensichtlich wollte Rektor Ernesti seinen Hinterbliebenen Trost vermitteln, dadurch wie er seine Trauerfeier geplant hat. Denn dass der Tod zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht führen könnte, darüber war er sich sehr wohl im Klaren. Wer an einem Sarg steht, wer zu ahnen beginnt, dass ein lieber Mensch wirklich nicht mehr da ist, der fühlt sich ohnmächtig und sucht händeringend nach Hilfe. Nach etwas, das seine Schwäche lindert. Nur wer kann dabei wirklich helfen? Menschen sind dazu kaum in der Lage. Zuhören können wir, aushalten, beim Kochen helfen und in den Arm nehmen. Aber den Tod bewältigen, ihn verstehen, ihm seine Macht nehmen…? Der Apostel Paulus kennt dieses Problem. Und er wirft sich dabei auf Gott. Nur von ihm kann kommen, was er braucht. Paulus glaubt: Gottes Geist lenkt den unseren in die rechte Richtung.

denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret;
sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen.

Das ist überraschend und klug. Dass Paulus nicht davon ausgeht, der Geist Gottes habe eine Menschenantwort parat. Mit der Logik, die uns zur Verfügung steht, kommen wir beim Tod nicht weit. Tot ist tot, da gibt es wenig zu erklären. Aber wohin dann mit meinen Gefühlen, wenn ich traurig bin oder verzweifelt, oder voller Wut an den Verstorbenen denke? Dann, sagt Paulus, dann bleibt auch Gott nichts anderes übrig, als zu seufzen. Einen Laut der Klage auszustoßen, wie er aus dem Innersten der Seele aufsteigt. Die Klage über einen Toten ist nicht in Worte zu fassen. Die Sprache versagt. Das Seufzen ist unaussprechlich, aber es drückt alles aus. „Das tut so weh. Ich will nicht allein sein.“ Und Gott klagt mit mir. Weil ich ihm ähnlich bin. Gott seufzt aus Solidarität mit mir. Und das zu wissen, das tut so gut. Nicht nur beim Sterben, sondern überall, wo eine Kreatur ächzt und stöhnt, weil sie auf Befreiung hofft. 

 

Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei;

denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefället.

 

Wie tänzerisch dieses zweite Thema klingt, beweglich und leicht. Was Bach niedergeschrieben hat, ist keine Trauermusik. Mit großem Schwung stiftet er Vertrauen. Bei denen, die zuhören, aber auch bei den Sängern. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, weil wir das Stück einst im Hochschulchor einstudiert haben. Ich weiß deshalb auch, wie anspruchsvoll es ist. Doppelchörig, mit meisterhafter Fuge und schwierigen Koloraturen. Vor allem aber mit merkwürdigen Variationen in der Durchführung. Aber als ich dann meine Stimme konnte, war’s ungemein wohltuend, und, ja, befreiend. So verstehe ich Paulus und Bach: Lass dich nicht kleinkriegen, auch nicht wenn’s dir schwerfällt zu beten, zu glauben. Denn: …

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf …

 

Der Geist hilft unser Schwachheit auf,

denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret;
sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen.
Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei;

denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefället.

 

Text: Römerbrief 8,26-27

Musik: Johann Sebastian Bach (1685-1750)

 

1

AMS M0046372(AMS) 01-007-01-009 7'21

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf

Motette für achtstimmigen Doppelchor und Instrumente colla parte

BWV 226

Kammerchor Stuttgart; Barockorchester Stuttgart; Bernius, Frieder

 

2

AMS M0307556(AMS) 01-001 8'30

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf.

Motette für 8-stimmigen Doppelchor und Basso continuo,

BWV 226

Konzert vom 12.05.2012 in der Basilika Weingarten.

RIAS Kammerchor; Akademie für Alte Musik Berlin; Rademann, Hans- Christoph

 

[1] Römerbrief 8,26

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