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SWR2 Lied zum Sonntag

Joachim Neander ist gerne spazieren gegangen. In einem Tal, das es heute nicht mehr gibt, von den Menschen im 17. Jahrhundert „Gebirg“ genannt. Diese Klamm lag östlich von Düsseldorf, war wild zerklüftet und man kann sich unschwer vorstellen, wie die Kalksteinfelsen ein Echo zurückwarfen. In diesem Tal ist Joachim Neander gewandert, hat gesungen, hat das Echo wie eine Antwort gehört, mal fragend, mal ermutigend, mal wie eine Begleitmusik zu seinen Schritten. In seinem Lied „Lobe den Herren“ nimmt Joachim Neander diese Erfahrungen auf. „Der Lobende“ hat er sein Lied überschrieben. Für den Lobenden ist sein Lob der Grundton des Lebens, mit jedem Atemzug verbindet sich das Geschöpf mit dem Schöpfer. Ein Mensch durchstreift die Natur und entdeckt, staunend, deren Wunder und in ihnen die Schöpferkraft Gottes. Wandernd springt ihm ein Loblied aus dem Herzen auf die Lippen, und dieses Lied wird von den Felsen als Echo zurückgegeben. Das ganze Tal ist voller Klang!

Joachim Neander ist gerne spazierengegangen. Ich stelle mir vor: Er hat sich manchmal dabei Zeit gelassen, ist nicht mit zügigen Schritten, sondern schlendernd durch sein Gebirg gelaufen.

Die Musiker von JazzNSpirit schlendern mit Joachim Neander durch das Gebirg. Alle lassen sich Zeit, um die Schönheit der Natur wirken zu lassen. Gott hat so viel Wunder geschaffen! Das Saxophon schnuppert hier an einer Blume, vernimmt den Ruf der Felsentaube, hört einem Echo zu, zieht die Strümpfe aus und erkundet, wie es sich im Flüsschen barfuß gehen lässt. Ich spüre, wie dieser Spaziergang das Herz erfreut, wie sich die Töne wie eine Taube zu den Gebirgshöhen aufschwingen, um dann wieder in die Tiefen hinabzusteigen, ohne sich jedoch darin zu verlieren. Bei diesem Spaziergang ist der Grundklang ein Lob Gottes.

Heute gibt es dieses Tal nicht mehr. Es ist von den Menschen zerstört worden. Die Kalkindustrie beutete die Felsen aus, die Klamm wurde zum Tal und bekam - es ist fast eine Ironie der Geschichte - den Namen desjenigen, der die Schönheit der Landschaft so tief empfunden hatte.

Joachim Neander ist gerne spazierengegangen. Und ich lasse mich von ihm mitnehmen auf seinen Spaziergang, in ein längst zerstörtes Tal. Das könnte mich traurig stimmen, genauso aber auch widerständig! Ich möchte mir mein Lob nicht nehmen lassen, allen zerstörerischen Kräften zum Trotz! Für die Schöpfung Gottes kann ich mich einsetzen! Und was meine persönliche Lebensgeschichte betrifft: Es gibt, trotz aller Niederlagen und Widerstände, die ein Menschenleben so mit sich bringt, so viel, für das ich dankbar sein kann.

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Musik:

Aus meines Herzens Grunde Carus 83.015 LC 3989 CD 2 Track 21
"Lobet den Herren" track 11 aus CD 'continuum' von Jazz 'N'Spirit LC 06768

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