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SWR4 Abendgedanken

Sich bedanken, das kann manchmal ganz schön schwer sein. Jedenfalls hatten einige Menschen zur Zeit Jesu offenbar ein Problem damit.
Die Bibel erzählt: Zehn Aussätzige hatte Jesus in einem Dorf gesund gemacht. Froh und geheilt waren sie davongelaufen. Sie wollten sich sofort von offizieller Seite bestätigen lassen, dass sie wieder gesund sind. Vermutlich konnten sie alle es kaum erwarten, zu ihrer Familie heimzukehren.
Einer dieser zehn jedoch ist noch einmal umgekehrt. Er wollte zu Jesus zurück, um sich zu bedanken. Aber nicht nur das: Er hat das mit frohem Jubelgesang getan. Er hat Gott lauthals gelobt, und sich dann Jesus zu Füßen geworfen und ihm gedankt.
Dass es nur einer von zehn war, machte seinen Dank zu etwas Besonderem.
Auch da kann man sehen: Sich bedanken, das kann manchmal ganz schön schwer sein.
Denn wenn man sich bedanken will, muss man ja dahin zurück, wo es einem vorher schlecht gegangen ist - mindestens in Gedanken.
Vielleicht hatten die anderen Neun nicht die Kraft dafür.
Zurückkehren, um für Geheiltes zu danken, das heißt auch: Sich anschauen, was vorher nicht heil war.
Was vorher schlimm war: Beklagenswertes, Trauer.
Aber jetzt ist alles gut, und jetzt kann ich zurückschauen, und die Klage und die Erinnerung sind eingerahmt von Dank und Lob.
Jetzt ist es eine Rettungsgeschichte, und ich muss vor dem Vergangenen nicht mehr davonlaufen. Es liegt wirklich hinter mir. Ich muss keine Angst mehr davor haben. Ich lerne vielleicht sogar, in das neue noch mehr zu vertrauen. Gott wird mir helfen, wenn ich Hilfe brauche.
Vielleicht meint Jesus das, wenn er dem dankbaren Mann sagt „dein Glaube hat dir geholfen." (Lk 17, 19)

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Jetzt sind sie wieder unterwegs:
Die Touristen in unserer Stadt. In kleinen und großen Gruppen kommen sie angereist.
Sie werden von unserer schönen Kirche angezogen. Und möchten sie besichtigen. Viele kommen sonntags. Und stören sich nicht daran, dass da ein Schild steht: „Gottesdienst. Jetzt keine Besichtigung."
Nur mal reinschauen. Das stört doch niemanden, denkt sich der Besucher vielleicht.
Die Gottesdienstgemeinde denkt anders. Tür auf / Tür zu. Auch wenn unsere Kirche recht groß ist - es stört, wenn hinten an der Tür immerzu Bewegung und Unruhe ist.
Touristenbesuch und Gottesdienst - so recht will das nicht zueinander passen.
Die Gäste erwarten zu Recht, dass sie willkommen sind und dass da eine einladende Gemeinde ist, -- Menschen, die freundlich sind zu denen, die mehr oder weniger zufällig und interessiert vorbeikommen.
Und wir als Gemeinde hoffen ja auch, der eine oder die andere, die sich zuerst nur für Baukunst oder Musik interessiert, könnte etwas mitkriegen von unserem christlichen Glauben. Der ist einladend. Gerne sagen wir: Ihr seid willkommen!
Wir freuen uns, wenn Menschen merken, worum es in dieser Kirche geht. Wenn sie sich interessieren.
Denkmal, Touristen-, Konzert- und Museumsbetrieb und lebendige Christen-Gemeinde: Oft liegt das alles ganz eng beieinander.
Nur manchmal -- in dieser einen Stunde -- kommen sie sich in die Quere. Wenn Gottesdienst ist.
Manchmal ist eben nur eines dran.
Für alles andere ist nachher noch Zeit.
Wie gut, dass es immer wieder Gäste gibt, die das verstehen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15576

An jedem Abend „klingt" es nach Feierabend. Die Glocken unserer Kirche zeigen es an. Jeden Abend um 18 Uhr läutet es. Oft überhöre ich das. Bin um diese Zeit noch unterwegs oder auch nur mit meinen Gedanken ganz woanders. Ein Urlaubserlebnis lässt mich nun wieder mehr hinhören: Die Geschichte der Glocke von Uglitsch.
„Unser ganzes Leben lang begleitet uns der Klang der Glocken." Hat die Reiseführerin gesagt, die uns durch die Stadt Uglitsch geführt hat. Wir waren Luftlinie 200 km nördlich von Moskau in einer der vielen wundervollen Kirchen Russlands mit goldenen Zwiebeltürmen. Und dann hat uns unsere Führerin erzählt, dass es im Russischen nicht heißt: „Die Glocke läutet", sondern man sagt: „Die Glocke spricht."
„Wie ein Mensch," hat sie erkläret, und wir haben erfahren, dass der Klöppel im Russischen „Zunge" genannt wird.
Und dann hat sie uns die Glocke der Blutkirche von Uglitsch gezeigt, der man den Klöppel - im Russischen sagt man: die Zunge -- weggenommen hat, damit sie nie mehr spricht. Die Glocke hatte am 15. Mai 1591 in einer der Kirchen in Uglitsch einen traurigen Dienst tun müssen: Der achtjährige Zarensohn Dimitri, der legitime Nachfolger von Iwan dem Schrecklichen, war ums Leben gekommen. Bis heute ist nicht geklärt, auf welche Weise. Hundert Jahre später hat man an der Stelle, wo er umkam, eine Kirche errichtet. Die „Blutkirche von Uglitsch". Die Glocke, die die traurige Nachricht vom Tod des Zarewitsch verkündet hatte, wurde für Jahrzehnte in die sibirische Verbannung geschickt. Wie ein Mensch. Dann kam sie zurück und steht heute stumm und ohne Klöppel in einem Glaskasten in der Kirche, die an den Tod des Zarensohnes erinnert.
Ich staune: Dass eine Glocke eine solche Aufmerksamkeit bekommt! Solche Gefühle auslöst. So sehr als Botschafterin verstanden wird.
In Zeiten, in denen wir allüberall von Klängen umgeben sind - im Supermarkt, auf dem Bahnsteig, im Warteraum bei  Zahnarzt - es klingt wie aus einer anderen Welt.
Die traurige Geschichte der Glocke von Uglitsch hat mich daran erinnert: Glocken haben etwas zu sagen.
Seit ich wieder daheim bin nach dieser Reise, höre ich den Glockenklang unserer Kirche wieder viel bewusster. Jetzt kann ich deutlich hören, was diese Glocke mir sagt: Es ist Feierabend.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15575

Zachäus hat sich die Welt einmal von oben besehen.
Das war für ihn eine ungewöhnliche Perspektive, denn er war klein. Er war es gewohnt, dass andere auf ihn herabschauen.
Und das nicht nur, weil er klein war, sondern auch weil er einen Beruf hatte, über den die Leute die Nase rümpften.
Zachäus war ein Zöllner in der Zeit von Jesus. Und als Zöllner musste er mit der Besatzungsmacht, mit den Römern, zusammenarbeiten.
Das machte ihn unbeliebt bei den eigenen Leuten.
Deshalb haben die anderen auf ihn herunter geschaut.
Zachäus hatte nun gehört, dass ein Mann in die Stadt kommt, der etwas Besonderes war. Diesen Mann wollte er sehen. Aber es schien erst einmal alles schief zu gehen. Die Straßen waren voller Menschen. Ein kleiner Mann wie Zachäus hatte keine Chance, ihn zu Gesicht zu kriegen.
Deshalb ist Zachäus auf einen Baum geklettert. Und auf einmal hat die Welt für ihn anders ausgesehen: Er sah die Dinge von oben und war selber sichtbar. Er verschwand nicht wie sonst hinter seinem Amt.
Und dann kam dieser Mann. Jesus. Er hat den Zachäus auf dem Baum entdeckt und hat sich bei ihm zum Essen eingeladen.
Jesus wendet sich dem zu, der sonst von keinem beachtet wird. Er fragt nach dem, den die anderen sonst links liegenließen. „Der ist ein Sünder", hatten sie gesagt. „Wir können ihn nicht leiden. Wir geben uns nicht mit ihm ab!"
Jesus hat einen anderen Blick für ihn: Einen Blick in Freundschaft. Er fragt nicht, wie der andere ist und was er falsch gemacht hat. Er will ihm helfen. Helfen, dass es anders wird. Besser.
Damit macht er nun dem Zachäus noch einmal einen ganz neuen Blickwinkel möglich. Durch die Art wie Jesus ihn ansieht, ändert sich für ihn der Blick auf sein ganzes Leben. Auf einmal begreift er, worauf es wirklich ankommt. Auf einmal sieht er, was er tun könnte, damit es anders wird. Damit die anderen nicht mehr auf ihn herabschauen. Großzügig hat Zachäus daraufhin verteilt, was er hatte.
Sein Leben hatte eine neue Perspektive bekommen: Er wurde ein Freund der Menschen, weil einer ihn freundlich angeschaut hatte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15574

„Ich liege und schlafe ganz mit Frieden."
Ein wohltuender Satz am Ende des Tages.
In den Klöstern und Kommunitäten ist es üblich, regelmäßige Gebetszeiten zu halten. Morgens, mittags, nachmittags, abends. Jede Gebetszeit hat ihre eigenen Themen. Das Abendgebet heißt „komplett". Es macht den Tag komplett. Der Tag wird vollständig. Und in diesem Gebet blickt der betende Mensch zurück auf den Tag. Lässt alles los, was war. Auch das Unvollständige. So wie es jetzt ist, will ich es für heute sein lassen. „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne." (Psalm 4,9) wird dann gesungen.
Schlafen können, das ist für viele Menschen etwas ganz Alltägliches. Für manche ist es aber überhaupt nicht selbstverständlich. In Frieden schlafen - das kann man nicht erzwingen.
Die Bibel erzählt viele Geschichten von Schlafenden. Interessante Dinge passieren da.
Denn oft ist der Schlaf die Zeit, in der den Menschen Gott begegnet:
Als Jakob, der Enkel Abrahams, auf der Flucht war zum Beispiel. Voller Schuldgefühle im Herzen hat er sich am Abend erschöpft niedergelegt. Und dann träumte er von Gott und hat im Schlaf erfahren, dass Gott trotz allem einen Weg voller Segen für ihn hatte.
Offenbar sind manche Erfahrungen nur möglich, wenn wir schlafen. Und manche Aufgaben kann ich nur schaffen, wenn ich ausgeschlafen bin.
Wie gut, wenn ich es vor dem Einschlafen schaffe, alles, was morgen kommt, in Gottes Hand zu legen. Wie der Psalmvers es formuliert: ganz mit Frieden.
Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen das gelingt: Es am Ende des Tages gut sein lassen. Versuchen Sie, sich darauf zu verlassen, was auch andere schon erfahren haben. „Den Seinen gibt Gott es im Schlaf".
Vielleicht können Sie sagen: „Nimm du es in die Hand, Gott. Hilf mir." Und dann erleben, was der Psalmbeter von sich gesagt hat: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden."
Schlafen Sie heute Nacht besonders gut!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15573