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09SEP2020
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„Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst.“ Kaum ein Kindergeburtstag ohne dieses Lied. Im Kindergarten, der Grundschule und auch bei den Feiern zuhause: „Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst, wie schön, dass wir beisammen sind, wir gratulieren dir Geburtstagskind.“

In der Regel freuen sich – gerade kleinere Kinder – über dieses Lied. Sie genießen es an ihrem Geburtstag im Mittelpunkt zu stehen. Ihnen wird ein Lied gesungen und sie bekommen Geschenke. Meist fiebern sie diesem Tag ein ganzes Jahr lang entgegen. Immer wieder erzählen sie, wann sie Geburtstag haben. Nach dem Motto: Vergiss das nicht, das ist mein Tag. Und wenn sie sich dann an ihrem Tag freuen, so richtig stolz sind, dann freuen sich auch Mama und Papa, Onkel und Tante und natürlich auch Oma und Opa. Weil sie alle wissen, wie wichtig es für ein Kind ist, dass ihm gesagt wird: Es ist gut, dass es dich gibt. Wir freuen uns, dass wir dich haben.

Und bei uns Erwachsenen? Wenn überhaupt noch beim Geburtstag gesungen wird, ist es meist das berühmte „Happy Birthday“ oder ein bisschen frommer „Viel Glück und viel Segen“. Dabei tut es auch uns gut, am Geburtstag nicht nur allgemein gute Wünsche gesagt zu bekommen, sondern die Zusage: Es ist gut, dass es dich gibt, dass es dich für mich gibt. Dass Du meine Frau, mein Mann, mein Vater, meine Mutter, meine Tochter, mein Sohn, mein Freund, meine Freundin bist.

Ich gebe zu, auch mir fällt es schwer, meinen Liebsten mal zu sagen, wie wichtig sie für mich sind. Wie viele andere meiner Generation wurde ich nach dem Motto erzogen: „Nicht geschimpft, ist genug gelobt.“ Das führte zu einer gewissen Sparsamkeit in Sachen guter Worte für den andern. Aber zumindest am Geburtstag kann ich die ja mal überwinden. Wenn mir selbst nichts Passendes einfällt, gibt es da eine schöne Liedzeile: „Wie schön, dass du geboren bist, ich hätte dich sonst sehr vermisst.“

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08SEP2020
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Ich mag Pierre und ich mag auch seine Hähnchen. Pierre betreibt eine mobile Hähnchenbraterei. Jeden Mittwoch steht er mit seinem Wagen an einer Kreuzung, an der ich oft vorbeikomme. Häufig auch um die Mittagszeit und ich gebe zu, manchmal kann ich dann nicht widerstehen und leiste mir ein Brathähnchen.

Pierre ist ein netter Kerl. Er ist meist gut gelaunt, selbst wenn im Sommer von vorne die Sonne brennt und von hinten der Grill glüht. Auch wenn ihm dann der Schweiß auf der Stirn steht, ist er stets freundlich und lacht gerne. Ein Grund mehr für mich, meinen Hungergelüsten bei seiner Hähnchenbraterei nachzugeben.

Aber wenn ich dann mein Brathähnchen bezahle, meldet sich mein schlechtes Gewissen. Zum einen Pierre gegenüber. Denn mit den wenigen Euros, die ich da hinblättern muss, kann Pierre keinen großen Gewinn machen. Überbezahlt ist seine Arbeit auf keinen Fall. Zum andern meldet sich mein schlechtes Gewissen aber auch dem Hähnchen gegenüber. Denn bei diesem geringen Preis kann ich mir locker ausrechnen, dass es kein glückliches, freilaufendes Hähnchen war. Es stammt wohl eher aus irgendeiner Massentierhaltung, hat höchstwahrscheinlich sein ganzes Leben kein Tageslicht gesehen und war immer auf engem Raum eingesperrt. Um dann am Ende seines kurzen Lebens als Brathähnchen, von Pierre schmackhaft zubereitet, für mich zu enden.

Gegenüber Pierre kann ich mein schlechtes Gewissen mit einem Trinkgeld beruhigen. Dem Hähnchen aber hilft das wenig.

Vielleicht sollte ich mal mit Pierre reden. Ihm sagen, dass ich bereit bin mehr für seine leckeren Brathähnchen zu zahlen. Wenn die dafür vor ihrem Tod ein schöneres Leben hatten. Höchstwahrscheinlich wird er lachen und mich einen Träumer nennen. Aber vielleicht finden sich ja noch andere Träumer. Und dann……?. Pierre ist bestimmt bereit, sein Geschäft auch mit glücklicheren Hähnchen zu betreiben.

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07SEP2020
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Er war ein Kind Gottes. Gut, als Theologe behaupte ich, dass jeder von uns ein Kind Gottes ist. Er aber hat mir gezeigt, was das heißt, ein Kind Gottes zu sein. Denn nach menschlichem Ermessen konnte er nichts. Er konnte nicht gehen, er konnte nicht stehen, noch nicht einmal sitzen. Ohne seine speziell angefertigte Sitzschale wäre er von jedem Stuhl gefallen. Er konnte nicht reden, nicht einmal mit Nicken oder Kopfschütteln ja oder nein sagen. Er konnte auch seinen Harndrang und seinen Stuhlgang nicht kontrollieren. Er war ein Vollpflegefall. Sein ganzes Leben lang. 38 Jahre musste er gefüttert, gewickelt, ins Bett gebracht, aufgeholt, getragen oder im Rollstuhl geschoben werden. Ein ganzes Heer von Menschen war damit beschäftigt. Zuerst die Eltern, die Familie und Freunde, später dann Pfleger, Erzieherinnen und Therapeuten.

Das einzige was er konnte war Lachen und Weinen. Aber das konnte er. Sein Lachen und auch sein Weinen konnte Menschen verändern. Wenn Streit im Raum lag, gingen seine Mundwinkel im Zeitlupentempo nach unten und er fing an zu weinen. Alle merkten dann, das was nicht stimmte. Wenn ein Missgeschick passierte, konnte er voller Schadenfreude lachen und alle lachten dann mit. Wenn er Menschen an ihrer Stimme oder am Schritt erkannte, war sein Lachen, seine Freude übergroß und er steckte alle damit an. Mit Lachen und Weinen die Menschen verändern. Dicke Luft im Raum zu frischer Luft verwandeln, das konnte er. Nach menschlichem Ermessen ist das vielleicht nicht viel, aber um ein Kind Gottes zu sein – vollkommen ausreichend. Denn Gott misst anders – Gott sei Dank!

Wir, die wir ihn kannten, sind immer noch sehr traurig, dass er gestorben ist. Aber immer mehr mischt sich in die Trauer die Dankbarkeit, dass wir ihn bei uns hatten – 38 Jahre lang.

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06SEP2020
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Es ist nicht immer einfach, sich an Gesetze zu halten. Erst recht, wenn diese die eigenen Freiheiten einschränken. Das war auch ein großes Thema unter den ersten Christen. Sie lebten in der Ansicht, dass Jesus Christus jeden Moment wiederkommt und sein Reich, das Reich Gottes errichtet. Und deshalb hielten einige von ihnen Gesetze und Verordnungen nicht für wichtig. Warum sich heute an Gesetze halten, wenn morgen schon die Welt untergeht? Auch Steuern wollten sie deshalb nicht mehr zahlen und überhaupt bezweifelten sie das Recht des Staates, Gesetze zu erlassen.

Paulus stellt sich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom eindeutig gegen diese Auffassung: „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam.“ (Röm 13,1). Schmettert er diesen Gruppen in der Gemeinde entgegen. Leider wurde dieser Satz des Paulus in der Geschichte oft missbraucht. Die Herrschenden haben diesen Satz als Freibrief genommen, auch gegenüber ungerechten Gesetzen Gehorsam zu verlangen. Paulus geht es hier aber nicht um die Frage von gerechten oder ungerechten Gesetzen. Sondern nur um das allgemeine Recht des Staates Gesetze zu erlassen, Spielregeln für das Miteinander festzulegen. Er will denjenigen die Meinung sagen, die glauben sich außerhalb der Gesellschaft stellen zu können. Die von sich behaupten: Für uns gelten keine Gesetze, der Staat hat uns nichts zu sagen, wir können machen, was wir wollen. Das macht Paulus nicht mit.

Er weiß, für das Zusammenleben unter den Menschen brauchen wir Gesetze – möglichst gerechte. Und deshalb gibt er zum Schluss seiner Ausführungen auch einen Hinweis, woran man gerechte Gesetze erkennt. Er schreibt: „Die Gebote:Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren, und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ (Röm 13,9).

Wenn ich mich also mal wieder mit dem Einhalten von irgendwelchen Gesetzen schwertue, sollte ich mich fragen: Was ist wichtiger? Das Pochen auf meine Freiheiten oder die Liebe zum Nächsten?

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Das Fest der Heiligen Familie, so heißt der heutige Sonntag in der katholischen Kirche. So direkt nach Weihnachten passt das ja: Jeder hat noch die Idylle der Krippe im Kopf: Wie schön sie dort dargestellt ist, die Heilige Familie: Maria ganz zart, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, schaut liebevoll auf den neugeborenen Jesusknaben. Josef, ein kräftiger Mann, steht im Hintergrund und passt auf seine Familie auf. Und das Jesuskind selbst, es schläft oder lächelt, einen schreienden Jesusknaben hab ich in einer Krippe noch nie gesehen. Also eine Idealfamilie, die heilige Familie, alles voller Harmonie, keine Konflikte. Denkste, in der Bibelstelle, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird, kommt es zu einem ganz schönen Konflikt zwischen Jesus und seinen Eltern. Jesus ist zwölf Jahr alt, die Familie nimmt an einer Wallfahrt nach Jerusalem teil. Auf dem Rückweg müssen die Eltern feststellen: Ihr Sohn ist weg. Wie jedes normale Elternpaar geraten sie in Panik. „Wo ist unser Kind?“ Sie laufen zurück nach Jerusalem, suchen drei Tage und finden ihn schließlich im Tempel. Da ist ihr Sohnemann und diskutiert mit den Schriftgelehrten. Nun, von einer Tracht Prügel berichtet die Bibel nicht, aber schon von der vorwurfsvollen Frage Marias: „Kind, warum hast du uns das angetan?“ Und das war erst der Anfang, je älter Jesus wird, umso schärfer wird der Ton zwischen Jesus und seiner Mutter. Der Höhepunkt kommt viele Jahre später. Jesus tritt öffentlich auf und legt sich wieder mit Schriftgelehrten an. Da kommt Maria mit dem Rest der Familie und will ihren Sohn Jesus zurückholen. Aber als die Leute Jesus sagen, dass draußen seine Mutter und seine Brüder seien, sagt der nur: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ Und er blickt auf die Menschen, die um ihn herum sitzen, und meint: „Ihr seid mir Mutter und Brüder.“ (Mk 3) Eine härtere Abfuhr kann man sich kaum vorstellen. Er lässt seine Familie vor allen Leuten abblitzen. Es  hat also doch ganz schön gekracht in der heiligen Familie.

Ich finde das sehr tröstlich und befreiend. Es tröstet zu wissen, dass es auch Maria und Josef nicht einfach hatten mit ihrem Sohn Jesus. Und es befreit von der irrigen Vorstellung, dass eine heilige Familie, eine Familie ohne Krach und Auseinandersetzung sei.  

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(Lk 21,25-28; 34-36)

„Vigilate et orate“ das ist Latein und heißt: wachet und betet. Dieser biblische Satz, der heute auch in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird, steht in goldenen Buchstaben in Trier auf dem Turm der St. Gangolfkirche. St. Gangolf war im Mittelalter die Kirche der Bürger. In direkter Nähe von St. Gangolf steht auch der Trierer Dom. Die Kirche des Erzbischofs und Landesherrn. Und auf dessen Turm ist zu lesen:  „Nescitis qua hora dominus veniet – Denn ihr wisst nicht die Stunde da der Herr kommt.“ Natürlich auch wieder ein biblisches Zitat, aber man kann den erhobenen, erzbischöflichen Zeigefinger förmlich hören. „Ihr wisst nicht, wann der Herr kommen wird, also benehmt euch, muckt nicht auf, erst recht nicht gegen die Kirche und den Erzbischof.“ Häufig in der Geschichte der Kirche wurden biblische Texte dazu benutzt, um den Menschen Angst zu machen.

Dabei handelt es sich bei dieser Bibelstelle um einen so genannten apokalyptischen Text. „Apokalyptein“ ist griechisch und heißt soviel wie enthüllen, entdecken oder offenbaren. In apokalyptischen Texten geht es um die Enthüllung der Endzeit. Man erzählt  in verschiedenen Bildern wie es sein wird, wenn diese Zeit endet – meist in Bildern vom Weltuntergang. Zurzeit Jesu haben viele Leute geglaubt, dass bald eine neue Zeit anbrechen würde. Jesus greift die apokalyptischen Vorstellungen seiner Zeit auf. Er verwendet die damals üblichen Bilder vom Weltuntergang. Aber er differenziert:  „Die Völker“ so sagt er, „werden bestürzt und ratlos sein… und die Menschen werden vor Angst vergehen.“ An die Jünger gerichtet aber sagt er: „Ihr aber richtet euch auf, erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe.“ Zu gut deutsch: „Was auch immer passiert, ihr braucht keine Angst zu haben, Gott ist bei euch, fürchtet euch nicht.“ Ein guter Satz. Gerade weil er manchmal schwer zu glauben ist. Ich will ihn mir auf meinen Adventskalender schreiben.

Ich wünsche Ihnen noch einen guten ersten Adventssonntag!

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„Heute einen Krieg beenden“, so lautet das Motto für den heutigen Tag, den Buß- und Bettag 2018. Buß- und Bettag, da war doch mal was? In manchen Kalendern steht er noch. Aber als gesetzlicher Feiertag wurde er 1995 für die Einführung der Pflegeversicherung abgeschafft, außer in Sachsen. Zu arbeiten hielten damals Staat und Wirtschaft für dringlicher als zu büßen und zu beten. Was ich auch verstehen kann,  denn nur noch wenige Menschen haben damals diesen Feiertag zum Büßen und Beten genutzt.  Und heute würde wohl kaum einer auf die Idee kommen, die Einführung dieses Tages wieder zu fordern. Zu sperrig sind diese Begriffe:  Büßen und Beten.

 

Dabei geht es eigentlich um was ganz einfaches. Es geht darum, dass ich mir die Frage stelle, was läuft falsch in meinem Leben und in welche Richtung will oder sollte ich mich verändern. Sicherlich, wenn das nur mein persönliches Leben betrifft, braucht man hierfür keinen eigenen Feiertag, einen freien Tag für alle. Aber ein gemeinsamer freier Tag hat den Vorteil, dass man sich diese Frage gemeinsam stellen kann: Was läuft falsch in unserem Verein, in unserer Gemeinde, in unserer Stadt, in unserer Kirche; ja: was läuft falsch in unserm Land? Und darum ging es eigentlich bei dem Buß- und Bettag als gemeinsamer Feiertag.

„Heute einen Krieg beenden“ mir gefällt dieses Motto der evangelischen Kirche für den heutigen Tag. Zum einen ist es eine Aufforderung an mich persönlich. Wie sieht es aus mit meinen Kleinkriegen? Mit wem liege ich im Clinch? Wo könnte ich versuchen, einen Streit zu beenden? Und zwar hier und heute, nicht irgendwann am Sankt Nimmerleinstag.

„Heute einen Krieg beenden“ ist zum andern aber auch ein Appell was die großen Kriege betrifft. Nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb unserer deutschen Gesellschaft. Da driftet im Moment vieles auseinander. Wenn ich an die Hetzkampagnen im Internet denke, gibt es da viele Kriege zu beenden.  Warum nicht schon heute damit anfangen, an Buß- und Bettag – auch wenn er kein gesetzlicher Feiertag mehr ist.

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Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. So spricht Gott in der Bibel, genauer gesagt im Buch Jesaia (66,13). Er wendet sich damit an das Volk Israel, als es diesem so richtig dreckig geht. Komisch, denke ich. Immer reden wir von Gott als dem Herrn oder dem Vater und hier will Gott selbst wie eine Mutter sein, wird er auf einmal weiblich? Ein bisschen ärgert mich das auch, als ob ich als Mann und Vater nicht auch trösten könnte? Muss ich dafür in die Mutterrolle gehen? Und dann denke ich zurück. Und wenn ich da ganz ehrlich bin, wenn ich mir als Kind die Knie aufgeschlagen habe und Trost brauchte, bin ich auch zur Mutter gelaufen, nicht zum Vater. Und wenn meine Kinder von der Rutsche gefallen sind, haben sie sich auch eher von meiner Frau trösten lassen als von mir. Es ist mühsam, darüber zu diskutieren, ob Mütter besser trösten können einfach weil sie Mütter sind oder weil man sie darauf hin erzogen hat. Ob’s an den Genen oder an der Erziehung liegt? Fakt ist, wenn es ums trösten geht, will Gott lieber eine Mutter sein als ein Vater. Ihm macht es dann nichts aus, das Geschlecht, das man ihm ansonsten so zuschreibt, einfach mal zu wechseln, weiblich zu werden. 

 

Eigentlich gar nicht so schlecht, was Gott mir da so vormacht. Wenn Trösten- können etwas Mütterliches ist, dann sollte ich eben mal die weiblichen Anteile in mir aktivieren. Denn von der Biologie her wissen wir: Jeder und jede hat auch ein bisschen was vom andern Geschlecht. Als Vater kann ich auch Mutter, so wie viele Mütter auch Vater sein können. Einfach mal probieren. Vielleicht schaffe ich es ja, dass meine Enkel, wenn sie vom Baum fallen und Trost brauchen, auch mal zu mir kommen.

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„Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“, so heißt ein Lied, das sowohl in der Evangelischen als auch in der Katholischen Kirche gerne gesungen wird. Das Lied entstand 1981 in der damaligen DDR. Anlass war der 750. Todestag von Elisabeth von Thüringen. Der damals groß gefeiert wurde sowohl hüben als auch drüben. Sowohl in Thüringen, wo sie lange gelebt hat, als auch in Hessen, wo sie gestorben ist. Das Lied greift eine Legende auf, die von dieser großen Heiligen des 13. Jahrhunderts erzählt. Während es auf der Burg des Grafen genug zu essen und zu trinken gab, hungerte das Volk.  Aber es war verboten, Nahrung von der Burg in die Stadt zum Volk zu bringen. Elisabeth hielt sich nicht daran und trug mal wieder einen Korb voller Brot in die Stadt. Da begegnete ihr der Graf, der natürlich wissen wollte, was  Elisabeth denn da im Korb hätte? Sie deckte das Tuch auf und siehe da, aus dem Brot waren Rosen geworden.

 

Eine der vielen Wundergeschichten, die gerne von Heiligen erzählt werden. Ob sich das wirklich so abgespielt hat, ist für mich zweitrangig. Wichtig ist, was damit ausgesagt wird: Elisabeth war eine Frau, die den Armen sowohl Nahrung für den Körper – Brot – als auch Nahrung für die Seele – Rosen – gegeben hat. Und davon hat sie sich von niemandem abbringen lassen, auch nicht von den politischen Autoritäten. Und wenn dies in einer Wundergeschichte erzählt wird, dann heißt das: Gott hat da seine Hände mit im Spiel. Gott hat sich da auf die Seite von Elisabeth gestellt. Und er stellt sich auch heute auf die Seite aller, die Arme wie zum Beispiel Obdachlose und Flüchtlinge mit Brot und Rosen beschenken, zur Not auch in zivilem Ungehorsam. Denn:  „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht …, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt.“

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Volkstrauertag, schon wieder einer dieser Gedenktage im November mit einer bedrückenden Stimmung. Es handelt sich nicht um einen kirchlichen Feiertag, sondern einen staatlichen Gedenktag. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er eingeführt als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten. Übrigens fand er damals nicht im tristen November, sondern am fünften Sonntag vor Ostern statt, also im Frühjahr. Die Nazis tauften diesen Tag dann um. Sie machten daraus den Heldengedenktag. Aus Totengedenken wurde Heldenverehrung. Der Grund ist offensichtlich. Aus den toten Soldaten des Ersten Weltkrieges wurden Helden, damit man Soldaten für den Zweiten Weltkrieg fand. Und die Strategie ist ja leider aufgegangen.

Land auf und land ab, in den Städten und Dörfern finden sich die so genannten Kriegerdenkmäler. Häufig ist dort die Inschrift zu lesen: „Gefallen für das Vaterland“. Ich sträube mich gegen diesen Satz. Denn die Soldaten mussten ihr Leben nicht für das Vaterland lassen, sondern für die Großmannssucht von Herrschern,  für eine menschenverachtende Ideologie und für den Gewinn der Rüstungsindustrie. Dem Vaterland haben die Kriege, in die sie zogen, nur Leid, Zerstörung, Schimpf und Schande eingebracht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man den Tag dann wieder Volkstrauertag genannt und ihn in den November verlegt. Und man hat die Gruppe derer, der man gedenkt, erweitert. Wir gedenken heute nicht nur der gefallenen deutschen Soldaten, sondern aller Kriegstoten, Soldaten und Zivilisten aller Nationen. Und man gedenkt heute nicht nur der Kriegstoten, sondern aller Opfer von Gewaltherrschaft. Also in unserer deutschen Geschichte gerade auch der Opfer des Nationalsozialismus: der Juden, der Sinti und Roma, der Behinderten, der Homosexuellen - aller Menschen, die aus politischen oder religiösen Überzeugungen Opfer von Gewaltherrschaft wurden.

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