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20NOV2021
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Du sollst Vater und Mutter ehren“, dieses Vierte der Zehn Gebote kenne ich seit meinen Kindertagen. Als gut katholisches Kind bin ich regelmäßig zur Beichte gegangen. Und damit ich wusste, was ich beichten sollte, gab es eigens einen Beichtspiegel für Kinder. Unter dem vierten Gebot: „Eltern und Vorgesetzte“ war dort zu lesen: „Warst du gegen deine Eltern und Erzieher ungehorsam? frech? trotzig? böse? Hast du den Eltern und Vorgesetzten nicht aufs Wort gehorcht?“* Wenn ich das heute lese, muss ich an die vielen von ihren Eltern, Erziehern, Übungsleitern und Seelsorgern missbrauchten Kinder denken. Mit solchen Sätzen wurde den Kindern ein bedingungsloser Gehorsam eingepaukt, der sie zu Opfern machte. Und das unter dem Deckmantel eines göttlichen Gebotes.

Dabei ist in der Bibel von Gehorsam gar nicht die Rede. Das Gebot heißt: „Du sollst Vater und Mutter ehren“, nicht: „du sollst ihnen gehorchen.“ Um zu wissen, was mit diesem Ehren gemeint ist, muss man sich klarmachen, dass sich die Zehn Gebote an Erwachsene richten, nicht an Kinder. Das Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“ bezieht sich auf das Verhältnis zwischen erwachsenen Kindern und ihren alt gewordenen Eltern. Und bedeutet nichts anderes als: Du sollst für deine alten Eltern sorgen, wenn sie nicht mehr selbst für sich sorgen können. Zu biblischen Zeiten hieß das konkret: Du sollst sie finanziell unterhalten. Dafür sorgt heute – mehr oder weniger – die Rentenversicherung. Aber mit der finanziellen Versorgung allein ist es ja nicht getan, besonders wenn die körperliche und auch geistige Kraft der Eltern nachlässt. Ich kenne viele, die sich dann sehr ehrenhaft um ihre Eltern kümmern. Ja manchmal schon bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit. Im heutigen Gebetbuch wird deshalb unter dem vierten Gebot gefragt: „Stelle ich mich der Verantwortung bei der Versorgung …der pflegebedürftigen Eltern? Nehme ich aber auch die Grenzen meiner Belastbarkeit wahr und bin bereit, Hilfe anzunehmen? **  Gut, dass das Gebetbuch meiner Kindertage abgeschafft ist.

 

* Gesang- und Gebetbuch für das Bistum Trier 1955, S. 643   

** Gotteslob. Ausgabe für das Bistum Trier, 2013, S. 601

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19NOV2021
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Mit Rosen wird sie oft dargestellt. Elisabeth von Thüringen, die heilige des heutigen Tages. Die Landgräfin, die es einfach nicht ertragen kann, dass auf der Burg große Feste gefeiert werden, während unten im Tal die einfachen Leute verhungern. Körbeweise bringt sie Brot vom Hof in die Stadt, obwohl das verboten ist. Und Elisabeth wird erwischt. Und dann geschieht es: Das Rosenwunder. Als Elisabeth das Tuch über dem Korb lüftet, in dem sie die geschmuggelten Brote versteckte, waren aus den Broten Rosen geworden.

Wir haben heute so unsere Probleme mit solchen Wundererzählungen. Dabei, dass aus Brot Rosen werden, das passiert auch heute. Brot steht symbolisch für die Nahrung des Körpers. Steht für alles, was wir Menschen brauchen, um überleben zu können. Und Rosen stehen symbolisch für die Nahrung der Seele. Und die brauchen wir Menschen auch. Wenn ich eine Rose geschenkt bekomme, sagt mir jemand: Ich denke an Dich. Und das tut meiner Seele gut.

Dass aus Brot Rosen werden, geschieht zum Beispiel im Moment im Hochwassergebiet an der Ahr. Tausende Helferinnen und Helfer haben dort die letzten Monate geschuftet und einige tun es immer noch. Haben im wahrsten Sinne des Wortes Brot verteilt, Schlamm gescheppt, Keller gereinigt, Häuser entkernt, Müll beseitigt, einfach angepackt, damit Menschen in großer Not und großem Leid überleben können. Und sie haben damit auch Rosen verteilt. Sie haben den Menschen in den Hochwassergebieten gezeigt: Ihr seid nicht vergessen, wir sind für Euch da, Ihr seid uns wichtig.

In einem Lied zu dem Rosenwunder der Elisabeth heißt es: Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Für mich zeigen die Helferinnen und Helfer an der Ahr, dass das Gute in der Welt – wir Theologen nennen das das Reich Gottes – nicht klein zu kriegen ist – gerade auch in Zeiten der Not. Danke dafür.

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18NOV2021
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„Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ So spricht Gott in der Bibel, genauer gesagt im Buch Jesaja (66,13). Er wendet sich damit an das Volk Israel, als es diesem so richtig dreckig geht. Komisch, denke ich. Immer reden wir von Gott als dem Herrn oder dem Vater und hier auf einmal will Gott selbst wie eine Mutter sein, wird er auf einmal weiblich? Ein bisschen ärgert mich das auch, als ob ich als Mann und Vater nicht auch trösten könnte? Muss ich dafür in die Mutterrolle gehen? Und dann denke ich zurück. Und wenn ich da ganz ehrlich bin, wenn ich mir als Kind die Knie aufgeschlagen habe und Trost brauchte, bin ich auch zur Mutter gelaufen, nicht zum Vater. Und wenn meine Kinder von der Rutsche gefallen sind, haben sie sich auch eher von meiner Frau trösten lassen als von mir. Es ist mühsam, darüber zu diskutieren, dass Mütter besser trösten können, einfach weil sie Mütter sind oder weil man sie daraufhin erzogen hat. Ob’s an den Genen oder an der Erziehung liegt? Biblischer Fakt ist, wenn es ums Trösten geht, will Gott lieber eine Mutter sein als ein Vater. Ihm macht es dann nichts aus, das Geschlecht, das man ihm ansonsten so gerne zuschreibt, einfach mal zu wechseln, weiblich zu werden.  

Eigentlich gar nicht so schlecht, was Gott mir - als Mann - da so vormacht. Wenn trösten können etwas Mütterliches ist, dann sollte ich eben mal die weiblichen Anteile in mir aktivieren. Denn von der Biologie her wissen wir: Jeder und jede hat auch ein bisschen was vom andern Geschlecht. Als Vater kann ich auch Mutter, so wie viele Mütter auch wie ein Vater sein können. Einfach mal probieren. Vielleicht schaffe ich es ja, dass meine Enkel, wenn sie vom Baum gefallen sind und Trost brauchen, auch mal zu mir kommen. Freuen würde es mich auf alle Fälle.

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08SEP2021
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„Et hätt noch immer jot jejange, on dä leeve Jott is en Kölsche.“ So kann man das Lebensgefühl, die Lebenseinstellung des Kölners kurz zusammenfassen. Grundsätzlicher Optimismus und – wenn es denn eine höhere Macht gibt – dann ist sie natürlich auf der Seite der Kölner. „Dä leeve Jott“ ist einer von Ihnen. So sieht sich der Rheinländer gerne selbst.

Die Ahr liegt nicht weit von Köln weg. Und die meisten Bewohner hier verstehen sich auch als Rheinländer. Kein Wunder, gehörte das Ahrtal doch Jahrhunderte lang zu Kurköln. Der Dialekt, den man hier spricht, hat auch einen starken Kölschen Einschlag und Karneval feiert man an der kleinen Ahr genauso intensiv wie im großen Köln.

„Et hätt noch immer jot jejange“, ich weiß nicht, ob die Menschen an der Ahr diesen Satz im Moment einfach so unterschreiben können. Denn es ist verdammt schlecht gegangen. In einer Nacht im Juli wurde die gemütlich dahin plätschernde Ahr zu einem großen Strom. Das malerische Ahrtal wurde innerhalb weniger Stunden in eine Kraterlandschaft verwandelt und der Fluss hat weit über hundert Menschen in den Tod gerissen. Nein, et hätt nit jot jejange. Und wat is mit dem leeve Jott? Ist der kein Kölner mehr, kein Rheinländer, keiner aus dem Ahrtal? Hat er sich aus dem Staub gemacht? Ich kann jeden an der Ahr verstehen, der sich von Gott verlassen fühlt.

Und doch, ich glaube: Gott ist gerade jetzt einer aus dem Ahrtal. Er stellt sich immer auf die Seite der Menschen, denen es dreckig geht. Wie eine Naturkatastrophe wie die an der Ahr mit dem Bild vom allmächtigen und doch guten Gott überein gebracht werden kann, weiß ich nicht. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, Gott ist nicht nur allmächtig, sondern oft auch ohnmächtig. Aber egal ob allmächtig oder ohnmächtig, er ist immer auf der Seite der Opfer. „Dä leeve Jott“ ist gerade jetzt einer von der Ahr.

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12AUG2021
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Mitten im Chaos hab´ ich ihn gesehen: Den Regenbogen. Ich bin an der Ahr. Helfe mit beim Aufräumen auf einem Winzerhof. Gestern haben wir den Keller vom gröbsten Dreck befreit. Keine schöne Arbeit. Im Keller ist es dunkel, nass und es riecht ganz schön muffig. Wir haben Schlamm in Kisten geschippt und nach oben geschafft. Heute habe ich das große Los gezogen, darf im Freien arbeiten. Mit einem Wasserschlauch mache ich diese total verdreckten Schlammkisten sauber. Nicht nur, dass ich an der frischen Luft arbeiten darf, es scheint auch noch die Sonne. Und deshalb habe ich das Glück, dass er mir ab und zu erscheint, der Regenbogen, wenn auch ein ganz kleiner. Wenn ich die Düse vom Wasserschlauch zu drehe, der Strahl also immer feinperliger wird, dann erscheint er manchmal im Wasserstrahl, aber immer nur ganz kurz.

Ich freue mich darüber, denn der Regenbogen ist ein altes Hoffnungszeichen. Er steht für die Zusage Gottes, dass er den Menschen nicht vernichten will. Denn am Ende der Sintflut, dem großen Hochwasser in der Bibel, schließt Gott mit dem Menschen einen Vertrag und verspricht: „Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, … Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (Gen 8,21bf) Und den Regenbogen macht Gott zum Zeichen für diese Zusage.

Mitten im zerstörten Ahrweiler, zwischen Müll- und Abfallbergen sehe ich für Sekunden im Wasserstrahl eines Schlauches einen Regenbogen. Und ich frage Gott, wie es aussieht mit seinem Versprechen von damals und der Zerstörung hier und heute im Ahrtal? Und ich bekomme keine Antwort, Gott schweigt. Dann höre ich auf einmal das Lachen von jungen Frauen aus dem Münsterland. Sie sortieren vom Schlamm verschmierte Weinflaschen und haben offensichtlich Spaß dabei. Sie sind für ein paar Tage angereist um hier zu helfen – einfach so. Und ich sage: Danke, Gott!

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15JUL2021
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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Liberté, Egalité und Fraternité daran wurde gestern wieder in ganz Frankreich erinnert. Am 14. Juli 1789 brach mit dem Sturm auf die Bastille in Paris die Französische Revolution aus. Und das waren die Forderungen der Revolutionäre: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese Forderungen waren damals nicht nur gegen den absolutistischen König und den Adel gerichtet, sondern auch und gerade gegen die katholische Kirche, speziell gegen die Leitung der Kirche, gegen den Klerus. Verständlich, denn die Kirche war ein ungutes Verhältnis mit den Mächtigen eingegangen, Thron und Altar stützten sich gegenseitig. Unverständlich, wenn man auf den Anfang der Kirche schaut. Jesus selbst hätte wohl die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit direkt unterschrieben und für Paulus, der Jesus in Europa erst bekannt gemacht hat, waren das geradezu seine Lieblingsforderungen. Starke Sätze spricht er da zum Beispiel im Brief an die Galater: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! (Gal 5,1). Oder, wenn es um die Gleichheit geht: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Jesus Christus (Gal 3,27). Und Brüderlichkeit ist für ihn selbstverständlich, permanent spricht er die Mitglieder in den verschiedenen christlichen Gemeinden als seine Brüder an. Sicherlich heute sprechen wir lieber von Geschwisterlichkeit als von Brüderlichkeit. Aber da waren sowohl Paulus als auch die Revolutionäre in Frankreich Männer ihrer Zeit.

Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Politische Forderungen aus denen letztlich unsere heutigen Demokratien hervorgegangen sind. Für mich sind es aber auch Werte, die mich als einzelnen Menschen stark machen und zwar so, dass meine Stärke nicht auf der Schwäche des andern beruht. Ich bin ein freier Mensch. Ich muss mich vor niemandem klein machen. Ich darf aber auch andere nicht klein machen, denn es sind meine Brüder und Schwestern. Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Ich fühle mich gut aufgehoben in diesen Werten.

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05JUN2021
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„Also Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Ein Satz aus der Bibel. Einer, der mir in den letzten Monaten sehr geholfen hat. Immer dann, wenn mich der Coronablues überfiel. Ich leicht depressiv wurde wegen all der Einschränkungen. Sich möglichst mit niemandem treffen. Auf keinen Fall sich umarmen, selbst der freundschaftliche Klaps auf die Schulter – alles tabu. Distanz war und ist immer noch das Gebot der Stunde. Ich sehe das alles ein, habe mich auch darangehalten und werde es – soweit nötig - auch weiter tun. Aber manchmal war ich es einfach leid. Und da hat er mir geholfen, dieser einfache Satz aus der Bibel: „Also iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Das ist so ein typischer Ratschlag aus dem Alten Testament. Genauer gesagt aus dem Buch Kohelet – wie wir Katholiken sagen – oder gut evangelisch: aus dem Buch Prediger. Dabei haben viele Sätze in diesem Buch eher einen pessimistischen Zug. „Alles ist Windhauch.“ Immer wieder wiederholt Kohelet, der Prediger, diesen Satz. Aber dann, mittendrin: „Also iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Was er damit sagen will: Gerade weil das Leben oft sehr frustrierend ist, langweilig und grau.  Und einem vieles sinnlos vorkommt, Windhauch eben, gerade deshalb ist es wichtig, sich an den elementaren Dingen des Lebens zu erfreuen. Und dazu zählt natürlich auch Essen und Trinken. Und so war es dann auch, wenn mich der Coronablues überfallen hat. Wenn ich mich zu nichts aufraffen konnte. Und das ewige Projekt „Keller aufräumen“ mich erst recht nicht in bessere Stimmung brachte. Dann tat es gut, Kartoffel zu schälen, Gemüse zu putzen und Eier, Fisch oder Fleisch in die Pfanne zu hauen. Und anschließend diese Mahlzeit mit Genuss zu essen und dazu auch vergnügt ein Glas Wein zu trinken. Das hat die Welt nicht gerettet, aber meinen Coronablues ein wenig vertrieben. Danke für den Tipp lieber Kohelet, Prediger aus dem Alten Testament.

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04JUN2021
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„Schenke mir ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9), man glaubt es kaum, ein Politiker hat das gesagt. Ist schon ein bisschen her, der Satz steht nämlich in der Bibel. Und der Politiker war der König Salomo. Normalerweise kommen in der Bibel die Könige Israels nicht gut weg. Häufig werden sie mehr kritisiert als gelobt. Eine Ausnahme bildet Salomo. Zu Gott hat er ein gutes Verhältnis, deshalb gewährt ihm Gott am Anfang seiner Regentschaft auch einen Wunsch. Und Salomo, der sich eigentlich zu jung und unerfahren für seine Aufgabe fühlt, bittet Gott, ihm ein „hörendes Herz“ zu schenken. Nicht Macht, nicht Reichtum, nicht Kriegsglück, sondern ein hörendes Herz wünscht er sich für seine Regentschaft.

Das Herz ist im Judentum der Sitz von Verstand und Wille, nicht von Gemüt und Gefühl wie bei uns. Salomo bittet Gott also: Schenke mir die Kraft, meinen ganzen Willen und meinen Verstand dafür einzusetzen, Dir und dem andern gut zuzuhören. Zuhören können und versuchen den andern - gerade auch den politischen Gegner - zu verstehen, ist eine wichtige Tugend in der Politik.

In einigen Monaten ist Bundestagswahl. Die Kanzlerkandidaten stehen fest und die Parteien haben auch ihre Leute für das Parlament aufgestellt. In den politischen Talkshows im Fernsehen hat der Vorwahlkampf schon begonnen. Frauen und Männer treten dort gegeneinander an und kämpfen manchmal recht laut und rechthaberisch um meine Stimme. Ich will mal darauf achten, wer von Ihnen am besten zuhören kann und sich redlich bemüht, den politischen Gegner zu verstehen. Denn die Zeit des Salomo, des Königs mit dem hörenden Herzen, zählt zu den glücklichsten Epochen in der Geschichte Israels.

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02JUN2021
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„Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Joh 8,8). Ein geflügeltes Wort, es stammt aus der Bibel. Eine Frau wurde beim Ehebruch ertappt. Steinigung war damals die vorgesehene Strafe für ein solches Vergehen. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Moralisten jener Zeit, schleppen die Frau vor Jesus und wollen seine Meinung wissen. Er weigert sich aber Stellung zu beziehen, sagt nicht ja oder nein, richtig oder falsch, sondern er sagt diesen Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Jesus macht einfach nicht mit beim Beurteilen und Verurteilen, beim berühmten Daumen-runter-Spiel.

Steinigungen gibt es bei uns schon lange nicht mehr, erst recht nicht bei Ehebruch. Aber das Daumen-runter-Spiel ist weit verbreitet. Und Dank der so genannten sozialen Netzwerke zu einem Massenphänomen geworden. Permanent wird man dort aufgefordert zu beurteilen und zu bewerten. Daumen hoch oder Daumen runter. Alles, Restaurants, Hotels, Ärztinnen, Handwerker, Politikerinnen, Sänger, Schauspielerinnen, jeder und jede wird beurteilt und das in aller Öffentlichkeit. Wehe dem, der einmal einen Fehler macht oder gar ein unbedachtes Wort loslässt. Wenn er Pech hat, wird er dann Opfer eines Shitstorms, einer Lawine von negativer Kritik – einer virtuellen Steinigung.

In der biblischen Geschichte haben die Pharisäer und Schriftgelehrten die Frau nicht gesteinigt. Nach Jesu Satz „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ ging einer nach dem andern fort, zuerst die Ältesten. Sie haben ihre Lektion gelernt, es ist ihnen vielleicht nicht leichtgefallen, aber sie haben die Steine aus der Hand gelegt.

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01JUN2021
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„Gott der Herr nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte“ (Gen 2,15). Ein Satz aus der Bibel. Im Paradiesgarten in Koblenz kann ich ihn lesen. Er steht dort in Stein gemeißelt auf einem großen Wasserbecken. Ich gehe gerne in diesen Paradiesgarten: Schöne alte Bäume stehen dort, Blumen, Wiese, Bänke - eine kleine Oase mitten in der Stadt.

„Gott der Herr nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ Das Paradies, der gute Anfang, war also ein Garten. Ein Garten, kein Urwald. Nicht Natur pur, sondern gestaltete Natur, wo Wege angelegt werden, wo es Beete gibt und wo Bäume und Sträucher auch mal gestutzt werden. Und das ist ja dann auch der Auftrag Gottes an uns, wir sollen diesen Garten bebauen. Das haben wir jetzt auch hinlänglich Jahrtausende lang gemacht. Haben nicht nur Bäume und Sträucher gestutzt und Wege angelegt, sondern ganze Wälder abgeholzt, riesige Löcher in die Erde gebaggert und ganz schön viel Boden zugepflastert. Und viele haben sich dabei auch noch auf den Auftrag Gottes „den Garten zu bebauen“ berufen. Typisch Mensch, Gottes Gebrauchsanweisung mal wieder nur halb gelesen.  Dass da auch noch das Wort „Hüten“ steht, haben wir geflissentlich überlesen. Hüten bedeutet nämlich vorsichtig sein. Aufpassen, dass da nichts zerstört wird von der guten Schöpfung Gottes. Mit allem pfleglich umgehen, sich liebevoll um alles Lebendige in diesem wunderschönen Garten kümmern. Nach dem wir Jahrtausende lang wie wild rumgebaut haben ist jetzt mal hüten angesagt. Sonst wird es für unsere Kinder und Kindeskinder keine Paradiese mehr geben auf dieser Welt.

In unserm Paradiesgarten in Koblenz ist noch ein zweiter Spruch in Stein gemeißelt, er stammt von Erich Kästner und passt wunderbar zum Spruch aus der Bibel: „Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein, möglich ist alles. Die Erde könnte wieder ein Paradies werden, alles ist möglich.“

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