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Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
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03DEZ2021
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Ich besuche eine ältere Frau. Ihr Mann ist im Krankenhaus, Schlaganfall, dann Depressionen. Sie kämpft mit Schmerzen und macht sich große Sorgen. Dann aber erklärt sie mir:

Weißt du wir haben so viel Gutes erlebt.

Mein Mann sagt immer: Gott liebt uns.

Das kann ich nicht vergessen

Bloß weil jetzt eine dunkle Zeit für uns ist.

Gott liebt uns

Das hört ja nicht auf

Nur weil wir älter werden und krank

Und nicht mehr so können.

Weißt du: Gott liebt uns.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34353
02DEZ2021
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Huub Osterhuis, der holländische Theologe spricht in den Advent hinein Worte der Sehnsucht nach Gott:

 

Reiß die Wolken auseinander und komm.

Hier, jetzt, sei unser Gott – wer sonst?

Niemand sonst hat uns gesucht,

niemand hat unser forteilendes Herz umgewendet,

unsere widerspenstige Seele angeredet als du.

Niemand sonst hat gerufen wie ein Verliebter:

Hier bin ich,

hier bin ich.

Wie ein Verlorener hast du gerufen,

und unser Herz kehrte um und hörte.

Wo bist du jetzt?

Wo bleibt deine Leidenschaft?

Bist du nicht mehr der eine von damals?

 

Quelle: Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern und Thüringen. Verlag Evangelischer Presseverband für Bayern e.V. München, 1.Aufl. 1994, S.39)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34352
01DEZ2021
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Die Theologin und Künstlerin Christina Brudereck erklärt warum sie immer eine Zimtstange auf Ihrem Schreibtisch liegen hat. Sie schreibt:

 

Es wird erzählt dass in Jerusalem legendäre Zimtbäume wuchsen.

Ihr Duft wehte durch das ganze Land.

Es wird auch erzählt, dass diese Bäume nicht in die Hände der Feinde fielen,

sondern in den Schatzkammern der göttlichen Königin Tzimtzemai überlebten.

Tzimtzum ist eine heilige Idee…

Bedeutet >>sich selber klein machen<<.

Eine Entscheidung die Gott beim Beginn der Schöpfung traf.

Freiwillig. Gott schafft Platz für die Welt.

Auf meinem Schreibtisch liegt eine Zimtstange.

Mal fordert sie mich auf, mich zurückzunehmen.

Anderen Menschen und Ideen Raum zu lassen.

Dann wieder ermahnt sie mich.

Wenn ich mich selber klein mache.

Wenig von mir halte.

Leise werde statt zu widersprechen.

Für mich als Christin verbindet sich der Duft von Zimt mit dem Advent.

Bescheiden, klein zeigt sich G-tt im Kind.

>>Die sich klein macht<< ermutigt mich, selbst zur Welt zu kommen.

 

 

Quelle: (TrotzKraft. Christina Brudereck, Flügel Verlag Essen 2021, Text 66)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34351
30NOV2021
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ZERO – das ist ein Adventskalender für alle die eigentlich schon alles haben und sich auch nicht unbedingt nach Kalorien sehnen. Darin finden sich 24 Vorschläge die nichts kosten, aber vielleicht ein bisschen freier und reicher zugleich machen. Wie zum Beispiel:

 

Waldbaden im Winter

Als Kind haben einen die Eltern fast jede Woche

zum Spazieren in den Wald mitgenommen (…)

Dann wird man älter

Plötzlich steht man am Sonntag selbst im Wald

Und weiß was der einem zu bieten hat:

Die Frische, die Ruhe, das große Ganze.

 

Was fühle ich wenn ich an die Zeit im Wald denke?

Eiszapfen, die zwischen den Fingern schmelzen,

nasses Moos und klamme Turnschuhe,

Raureif auf dem Wollpulli,

im Gesicht die hellen Sonnenstrahlen,

die warme Hand eines Menschen den ich mag…

Challenge:

Geh raus und sammle im Wald deine ultimativen Wintergefühle!

Oder erinnere dich, was deine Fingerspitzen, deine Nase und Wangen

Da draußen gefühlt haben!

Wenn du rausgehst, dann nimm dir doch einen lieben Menschen mit.

Gegebenenfalls auch deinen Hund.

Bekommst du zehn Winterhighlights zusammen die dein Tastsinn erspürt hat?

 

Quelle: Adventskalender ZERO. 24 malweniger ist mehr. Camino Stuttgart 2019, 16

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34350
29NOV2021
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Die Theologin und Autorin Christina Brudereck erzählt von einem Erlebnis am Essener Bahnhof:

 

Zwei Männer. Sehr verschieden.

Blauer Anzug, Aktentasche.

Rutschende Hose, Parka.

Ich kann beide riechen.

Bossrasierwasser und Schweiß und Pipi.

Herr Anzug holt sein silbernes Zigarillomäppchen raus.

Herr Parka fragt: ‚Gibst du mir auch eine?‘

Herr Anzug guckt ihm sehr direkt, fast fordernd in die Augen und sagt:
‚Dir? Dir geb ich sogar drei!‘

Herr Parka und ich können es kaum lauben: Drei Rillos!

Und dann sind da drei die lachen.

Anzug, Parka und ich.

Eine doppelte Schmarotzerin des Glücks:

Zu geben und zu ergattern.

Zu teilen und einzuheimsen.

 

Quelle: TrotzKraft. Christina Brudereck, Flügel Verlag Essen 2021, Text 119

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34349
28NOV2021
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Leonard Cohen, ein Prophet unserer Tage, setzt dem Schrecken der Welt einen Traum entgegen:

 

Das große Dingens

Bald ist es soweit.

Dann findet es statt.

Das große Dingens, das Schluss macht mit aller Schrecknis.

Das Schluss macht mit aller Trauer.

 

Kommenden Dienstag, bei Sonnenuntergang,

werde ich die Mondscheinsonate rückwärts spielen.

Das wird all jene Effekte umkehren,

die unsere Welt seit 200 Millionen Jahren

im Leid versinken lassen.

 

Was für eine besonders schöne Nacht wird das sein,

was für ein Aufatmen wird das geben!

Lange schon vergreiste Rotkehlchen

werden ihr erneut strahlendes Gefieder aufplustern

und die bereits in Rente befindlichen Nachtigallen

werden ihre verstaubten Schwanzfedern erneut aufstecken

– und all das zum Lob der Schöpfung!

 

Quelle: Der Andere Advent. 2018/2019, 21.12. Übersetzung Karl Bruckmaier Verlag Andere Zeiten e.V. Hamburg

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34348
11SEP2021
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‚Nichts ist gut in Afghanistan‘, sagte Margot Käßmann vor zehn Jahren mit Blick auf den Krieg am Hindukusch. 9/11 war der Anlass für das westliche Bündnis den Krieg gegen den Terror auszurufen und in das Land einzumarschieren. Genau 20 Jahre nach dem 11. September 2001 hat sich das westliche Bündnis nun zurückgezogen. In den USA ist man kriegsmüde und will keine weiteren Menschen opfern.

Aber waren diese 20 Jahre wirklich umsonst? Ich will mir nicht einreden lassen, dass egal sei, was dort in dieser Zeit gelungen ist, dass egal sei wie viele Kinder Schulen besuchten! Wie viele Menschen gemeinsam mit den westlichen Kräften versuchten, das Land neu und anders aufzubauen. Wie viele sich um Menschenrechte und Gleichberechtigung gekümmert haben. Diese 20 Jahre, in denen Mädchen in Schulen gehen konnten, und Abschlüsse machen, Frauen boxen, Fahrrad fahren und Fußball spielen konnten, als Künstlerinnen wirkten und Unternehmerinnen wurden, als Journalistinnen und Rechtsanwältinnen arbeiteten. Diese 20 Jahre sind nicht egal und waren nicht umsonst. Daran will ich festhalten.

‚Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen‘:
vor 20 Jahren schrieb Siba Shakib dieses Buch. Manche meinen jetzt schon, das sei Afghanistans einzig denkbare Zukunft. So viele haben in den letzten Tagen und Wochen bereits das Leben verloren. So viele all ihre Hoffnung auf eine Zukunft in diesem gemarterten Land, von Menschen und Unterstützung verlassen, Versprechen verraten.

Ich kann nicht anders als hoffen, dass Gott Afghanistan nicht verlässt in diesen Tagen, nicht zum Weinen. Ich hoffe, dass Gott Menschen bewahrt und trotz allem Schrecken der Hoffnung Raum gibt. Daran will ich festhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33863
10SEP2021
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Einschulungsfeier - ein stolzer Erstklässler führt mir seine Schultüte vor. Die Mutter sorgt sich:
Was, wenn nach der Einschulung dann gleich wieder die erste Quarantäne kommt? Wenn der aufgeregte Junge nicht neue Freundinnen und Freunde kennenlernt, sondern zuhause sitzen soll?!
Und was, wenn die Kinder Eltern und Großeltern infizieren. Am Anfang jedes neuen Schuljahres feiern wir Gottesdienst und segnen die Kinder für ihren Weg durch die Schule.

Dieses Jahr ist er vielleicht wichtiger noch als sonst: dieser Segen: ‚Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!‘ Das will ich den Kindern mitgeben auf ihren Weg: Du bist ein Segen!
Ich will die Perspektive verschieben, den Blickwinkel ändern, auch wenn ich weiß, dass die Inzidenzen steigen. Ich meine, dass Kinder nicht in erster Linie als Bedrohung für Familie und Freunde und Freundinnen gesehen werden dürfen. Mehr als alles andere gilt: ‚Du bist ein Segen! Du kannst andere anstecken mit deinem Lachen. Du wirst sie mitreißen mit deinem Witz. Du wirst sie aufrütteln mit deinen Fragen und begeistern mit deiner Pfiffigkeit.
Du hast ein Recht darauf, dass du lernen kannst ohne dich bedroht zu fühlen, dass die Schule für dich ein sicherer Ort ist: Zum malen und basteln, kichern und streiten, brüllen auf dem Schulhof, toben und rennen, singen und Theater spielen, dich ausprobieren, die Welt besser verstehen und ganz neues begreifen.
Und hoffentlich wird es den Erwachsenen um dich her gelingen, dich und deine Freundinnen und Freunde angemessen zu schützen. Damit ihr in die Schule gehen könnt ohne Angst!‘

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33862
09SEP2021
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Der Kollege schaut mich an und sagt leise: ‚Ja, ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich das denke: Nach uns die Sintflut…‘Es geht eigentlich um die Situation der Kirche, aber irgendwie geht es um die ganze Welt. Ich merke, wie leicht es ist, da hineinzurutschen, in dieses Gefühl von:
Vielleicht schaffen wir es irgendwie, noch unser Leben zu genießen, noch schön in Urlaub zu gehen weltweit, noch irgendwie unbehelligt zu bleiben von kommenden Katastrophen, ausgelöst durch den Klimawandel, wenn weite Teile der Welt unbewohnbar werden und Millionen flüchten müssen, um zu überleben. Daraus werden neue Konflikte entstehen, neue Ungerechtigkeit, neue Gewalt. Nach uns die Sintflut.

Viele haben diesen Sommer bereits mittendrin gestanden in der Sintflut. Viele haben verstanden, dass die Hoffnung, wir könnten uns wegducken oder uns hier betrifft es vielleicht nicht so, nicht aufgeht.
‚Nach uns die Sintflut‘ – wer so denkt, vergisst dabei, dass die Sintflut ein Strafgericht Gottes war, der die Bosheit seiner Menschen nicht mehr ertragen konnte.

Die Bibel erzählt, dass Gott sich danach verpflichtet, die Welt nicht mehr zu zerstören: Einen Regenbogen hat Gott als sein Zeichen für dieses Versprechen in den Himmel gestellt. Seitdem ist klar: Von Gott kommt keine Sintflut mehr. Denn jede Sintflut reißt zu viele Unschuldige mit. Wir sind selbst verantwortlich für diese Katastrophen. und müssen lernen mit der Sintflut zu leben. Gott können wir sie nicht zuschieben.

Und doch: Mit meinem Kollegen wage ich, die Hoffnung zu teilen:
Noch haben wir Möglichkeiten, noch können wir Unheil abwenden. Noch ist nicht nur: nach uns die Sintflut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33861
08SEP2021
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Ich liebe es zu spielen. Nichts kompliziertes, lieber Malefiz oder Tabu. Ich spiele, als ginge es um alles. Ich versuche, taktisch vorzugehen und ja, ich schummel leidenschaftlich gerne. Ich schau in die Karten bei MauMau. Beim Stadt – Land – Fluss erfinde ich nordjapanische Städte. Ich liebe es zu gewinnen und übe noch heute Verlieren. Dabei finde ich es wunderbar, mit welcher Energie Auseinandersetzungen beim Spielen geführt werden. Wir jedenfalls streiten eigentlich immer: ‚Du hast falsch gezählt! Der Würfel brennt! Guck mir nicht in die Karten!‘ Wir einigen uns auf Regeln, um sie dann wieder über den Haufen zu schmeißen. Beim Spielen werden die sonst geltenden Machtverhältnisse infrage gestellt oder haben sie schon mal beim Memory gegen ein Kind gewonnen?

Ich probiere Rollen aus, wichtiges wird relevant: Ungeahnte Stärken, um die Ecke denken, Witz, Phantasie, Verhandeln. Ich meine: wer spielt, übt Demokratie, lernt andere neu kennen, lernt mit ihnen und ihren Gefühlen umzugehen und mit den eigenen Gefühlen:
Sich verbünden, im Stich gelassen werden, rausschmeißen, austricksen, verraten, schwindeln, weinen vor lachen, hampeln vor Spannung, toben vor Wut. Und am wichtigsten bleibt, dass ich Menschen habe, mit denen ich so spielen kann:
Für ein paar Stunden vergessen, was sonst wichtig ist, nicht Selbstkontrolle, sondern ‚all in‘, alle Emotion, alle Klugheit.

Ich freu mich schon jetzt auf den nächsten Spieleabend, darauf, wenn alles schon entschieden scheint, den rauszuschmeißen, der ganz vorne liegt und im letzten Augenblick alles drehen! Aber wahrscheinlich trifft genau das doch wieder mich und ich übe verlieren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33860