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Bei Gerd Wagner darf man auch nachts um drei anrufen – und bekommt ein offenes Ohr geschenkt. Oft in sein Beruf ein Rund-um-die-Uhr-Job. Der 45-jährige aus der Nähe von Darmstadt ist mit Leib und Seele katholischer Diakon. Ist Geistlicher, Lehrer, Notfallseelsorger, sogar Rettungssanitäter. Linda Degenstein von der katholischen Kirche wollte wissen, wie er mit seinen vielen Rollen lebt.

Gerd Wagners Büro, mit Blick auf die kleine Kirche von Ober-Ramstadt, ist charmant chaotisch. Während er noch seinen Schreibtisch frei schaufelt, erzählt er mir von einem 16-jährigen Mädchen, dass er seit Monaten in einer schwierigen familiären Situation begleitet. Wie es aussieht, wendet sich alles zum Guten. Wir kennen uns noch gar nicht und er erzählt so mitreißend, dass ich eine Ahnung davon bekomme, was ihm bedeutet, Diakon zu sein.

Diakon heißt für mich zunächst einmal, Diener zu sein. Das heißt wirklich zu schauen, mich ein wenig zurückzunehmen, sofern das geht, ich bin gerne mal einer, der sehr leutselig ist. Aber auch zu schauen, wo ist jemand in der Not und dann alles dieser Not unterzuordnen. Da wirst du jetzt gebraucht und da gehst du jetzt auch hin und versuchst mit deinen Möglichkeiten zu helfen.

Ich muss zugeben, mich überkommt ein klein wenig ein schlechtes Gewissen. Wie gerne macht man um den Menschen, der in der Stadt sitzt und um Hilfe bittet, einen großen Bogen, schaut lieber weg.

Man muss auch mal den Mut haben auf jemanden zuzugehen und zu fragen, wie geht es ihnen, und so zu fragen, dass er es nicht als eine Floskel wahrnimmt, sondern wirklich auch den Mut hat zu antworten und wirklich zu erzählen wie es ihm geht. Das heißt, man muss auch Zeit mitbringen.  Und wenn man jemanden gefunden hat, dem es nicht so gut geht, sich auch die Zeit nehmen, ihn zu begleiten.

Auf Menschen zugehen, nicht abwarten, bis sie zu einem selber kommen. Ein Thema, das Gerd Wagner sehr beschäftigt. Und ein Thema, das die Seelsorge der Kirche betrifft.

Was ich glaube, dass dieses klassische Gemeindebild so nicht mehr funktionieren wird. Also wir werden nicht mehr so eine Parallelstruktur zur Gesellschaft haben, wo wir unsere Krabbelgruppe, Kindergruppe, Jugendgruppe haben. Das verändert sich gerade rapide. Ich glaube, was wir wieder viel mehr machen müssen, ist rausgehen. Wir müssen uns rauswagen an die Ränder, auch dahin, wo wir bisher nicht waren, auch in Bereiche, wo wir auf Wiederstand stoßen.

Nicht zuletzt auch deshalb  hat er sich entschieden, neben seinem Rund-um-die Uhr-Job auch ehrenamtlich als Notfallseelsorger zu arbeiten. Menschen in ihren schwersten Stunden zu begleiten. Und er hat vor zwei Jahren sogar eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht, fährt 2-3 Mal im Monat im Rettungswagen mit. Das ist dann Kirche hautnah, sagt er.

Und ich mach dann auch die Erfahrung, dass dann Menschen auch wirklich sagen, sie haben sich gewundert, dass dann mitten in der Nacht, nach vielen vielen Jahren die katholische Kirche plötzlich für sie eine Bedeutung hat, weil da ein Notfallseelsorger da war. Die kommen dann nicht alle nächsten Sonntag zur Kirche, aber man verändert damit im Kleinen ein wenig das Bild von Kirche, und das kann uns in der heutigen Zeit nur gut tun.

Kirche hautnah, Kirche mittendrin. Er möchte für die Menschen sichtbar und ansprechbar sein. Deshalb steht auf seiner Malteser-Einsatzjacke auch groß das Wort „Diakon“. Und er trägt immer, auch im Urlaub, das Kollar, einen weißen Priesterkragen. Sichtbar sein als Amtsträger der Kirche – ob er nicht auch mal zurückgewiesen wird?

Im Gegenteil, was mir eher passiert, ist, dass ich im Krankenhaus unterwegs bin, da jemanden besuche und aufgrund meiner Kleidung angesprochen werde und jemand zu mir kommt und sagt, sie sind doch von der Kirche, mein Mann liegt im Sterben, können sie mal vorbeikommen und wir können beten. Das ist mir schon passiert.

Mit einem eigenen Klingelton, schrill und laut, läutet Gerd Wagners Handy, wenn er zu einem Einsatz gerufen wird. Er weiß, dass etwas Furchtbares passiert ist. Gerd Wagner ist katholischer Diakon, Familienvater, Rettungssanitäter und Notfallseelsorger. Er wird dann gerufen, wenn Menschen brutal mit dem Tod konfrontiert werden.  

Der Blaulichtbereich, wie es Gerd Wagner nennt, zieht sich schon durch sein ganzes Leben. Als Kind war er Rettungsschwimmer bei der DLRG, später hat er seine Sanitätsausbildung beim Roten Kreuz gemacht. Vor zwei Jahren hat er sich sogar zum Rettungssanitäter ausbilden lassen. Als dann freiwillige Notfallseelsorger gesucht wurden, war für ihn sofort klar, das mache ich.

Da hat mich das schon gereizt, weil ich sagte, du kennst die eine Seite, wie das für den Rettungsdienst ist, wenn man am Einsatzort ist und niemand die Angehörigen begleitet und betreut. Das ist eine sehr belastende Situation.

Und dann muss man zu wildfremden Menschen fahren und Eltern sagen, dass ihr Kind bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Wie packt man so eine Aufgabe, kann man da überhaupt helfen? Wie kann man auf jemanden in einer solchen Situation zugehen?

Es gilt dann in dieser Anfangsphase, wenn man so eine schockierende Nachricht erhält oder von so einem schockierendem Ereignis überfallen wird, Trittsteine zu finden, auf denen man Halt finden kann, um einen gesunden Trauerprozess einzuleiten. Viele Leute haben die Tendenz, wenn jemand zu Hause gestorben ist, möglichst schnell den Bestatter zu rufen und die Leiche abtransportieren zu lassen. Aber das ist ja nicht nur eine Leiche, das ist der Ehemann, mit dem man 40 Jahre verheiratet war. Und da ist es mal ganz gut zu entschleunigen, eine Kerze anzuzünden und zu sagen wir haben Zeit, eine Form der Verabschiedung zu finden. Und dann die Leute vernetzen und sie zu Fragen, wen sie denn jetzt gerade gerne um sich haben möchten.

Wie im Fall eines 12-jährigen Mädchens, das miterleben musste, wie sein kleiner Bruder von einem Auto überfahren wurde.

Und die gesamte Familie kümmerte sich unheimlich toll um dieses Kind. Da war alles dabei. Von Kuchen, über Kakao, bis du darfst jetzt weinen, lass es raus. Und irgendwann merkte ich, dass es dem Kind einfach zu viel wurde und dann hab ich sie gefragt, wen hättest du jetzt gerne bei dir? Und dann sagte sie: meine Freundin. Und das war abends um halb zwölf. Und dann haben wir das möglich gemacht. Und das ist dann die Aufgabe des Notfallseelsorgers, da sensibel hinzuhören und zu schauen, was tut dem jetzt gut, der am schlimmsten betroffen ist.

Ich muss zugeben, ich kann teilweise kaum ertragen, was mir Gerd Wagner erzählt. Ich bin Mutter, muss an mein eigenes Kind denken. Ich frage mich, wie er dieses Leid ertragen kann, selber nicht daran verzweifelt?

Es hat mich auch mal jemand gefragt, in der Notfallseelsorge, eine Frau, deren Mann sich erschossen hat und die dann sehr viel geweint hat, und irgendwann sagte sie dann plötzlich zwischendrin, ach Gott, jetzt werfe ich ihnen das alles an den Kopf, was machen sie denn damit? Und ich hab gesagt, ich werfe es dem lieben Gott vor die Füße. 

Im Gebet hat er seine Form gefunden, das Erlebte loslassen zu können. Und er zieht, was mich sehr beeindruckt, aus diesen tiefen Schicksalsschlägen, die er begleitet, Positives für sein Leben.

Es gibt ja manchmal so Geschichten im Leben einer Familie, das bleibt ja nicht aus, dass es mal zu Streitereien kommt. Und wenn man dann so einen Notfallseelsorgereinsatz hat und fährt zurück, dann ist das wie vergessen. Weil man noch mal gemerkt hat, wie verletzlich das Leben eigentlich ist und wie kostbar es ist.

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Keuschheit, Gehorsam – nicht gerade Tugenden, mit denen sich die meisten jungen Menschen heutzutage identifizieren können. Der 28-jährige Sebastian Lang aus Mainz hat sich genau für so ein Leben entschieden. Nach dem Abitur ist er ins Priesterseminar eingetreten. Im April wurde er im Mainzer Dom zum Diakon geweiht, nächstes Jahr steht die Priesterweihe bevor. Linda Degenstein von der Katholischen Kirche hat mit ihm über seinen Weg gesprochen.

 Schon ziemlich früh wusste Sebastian Lang: Ich möchte Priester werden. Als 9-jähriges Kommunionkind, erzählt er, fand er das Mysteriöse, das Geheimnisvolle, was im Gottesdienst geschieht, richtig spannend. Der Wunsch hat in dann nicht mehr losgelassen. Während viele junge Leute nach der Schule erst einmal von einer Weltreise träumen, beschließt Sebastian Lang: Ich versuche es im Priesterseminar.

Motivation ist tatsächlich gewesen, dass ich mich so mit der Frage nach Gott und was hat der mit unserer Welt zu tun und was kann der uns in unserem konkreten Leben sagen, interessiert habe und ich dachte, das könnte was sein, womit ich mich in meinem Leben beschäftigen will.

Ich muss zugeben, ganz reicht mir diese Antwort nicht. Ich denke, viele Menschen kommen irgendwann einmal an den Punkt, wo sie sich die Frage nach Gott stellen. Gab es nicht vielleicht so etwas wie ein Aha-Erlebnis?

Es ist nichts vom Himmel gefallen. Also, ich glaube, dass ist auch bei den meisten so, selten fällt was vom Himmel. Es gibt sicher kleine Ereignisse, aber wie das bei Berufswahlen so ist, wo mal jemand sagt, könntest du dir das nicht vorstellen oder wo man eine Situation mit Menschen erlebt und sagt, das würde ich gerne öfters machen. Aber das sind so Einzelsachen, die eben zu einem Prozess zusammenwachsen.

Ich glaube, jetzt komme ich der Sache näher.  Er spricht von kleinen Ereignissen, kleinen Sachen.

Und dann gibt es auch Situationen, die sind glaube ich wichtiger, wo ich mich in Gottesdiensten oder bei gewissen Formen kirchlicher Veranstaltungen in der Jugendarbeit, wo wir was unternommen habe, wo ich mich einfach so wohl gefühlt habe und mich so zu Hause gefühlt habe, dass ich einfach gedacht habe, diese Dinge sind mir in meinem Leben wichtig, dafür will ich auch Verantwortung übernehmen.

Was gleichzeitig heißt, schießt es mir durch den Kopf, sich gegen eine Partnerschaft, eigene Kinder, Familie auszusprechen. Große Entscheidungen mit Anfang zwanzig. Kann da der Zölibat zur Hürde werden oder stellt er für ihn sogar einen Gewinn dar?

 Die emotionale Leerstelle, die der Partner hinterlässt, ist eine Leerstelle, eben etwas offenes, wo auch Gebet und Gottesbeziehung anknüpfen kann. Aber ich sag es mal ganz salopp, wie soll ich denn den Leuten vom lieben Gott erzählen, wenn ich keine innere Beziehung dazu habe. Wenn ich den Zölibat ernst nehme, dann könnte man sagen, zwingt er mich quasi dazu, so eine Beziehung zu suchen und einzugehen.

Ich muss an meine Mutter denken, wie vernarrt sie in ihre drei Enkelkinder ist. Wie es für seine Mutter war, frage ich nach, als er ihr gesagt hat, er wird Priester.

Ich glaube, recht unproblematisch, da das ja schon recht lange vorbereitet war. Und somit hat sie sich damit ganz gut abgefunden. Erstaunlich, aber es scheint nicht so ihr Problem zu sein und sie würde das, glaube ich, auch wenn es eins wäre, mir gegenüber nicht sagen, die Freiheit der Berufswahl galt immer als wichtiger Erziehungsgrundsatz.

Anmoderation II

Priester, kann man sagen, gehören bei uns in Deutschland fast schon zu einer aussterbenden Spezies. Im Jahr 2012 gab es deutschlandweit nur 79 Priesterweihen, in den vergangenen zwölf Jahren hat sich die Zahl fast halbiert. Sebastian Lang hat sich von diesem Negativtrend nicht beeinflussen lassen und ist direkt nach dem Zivildienst ins Priesterseminar eingetreten. Nächstes Jahr wird der 28-jährige zum Priester geweiht. Linda Degenstein von der Katholischen Kirche ist ihm begegnet.

 Schon als Kind hatte er geahnt, das ist mein Weg. Der Gedanke Priester zu werden, hat ihn dann auch nicht mehr losgelassen. Ganz bewusst entscheidet er sich, wie er sagt, für eine Anti-Mainstream-Haltung. Entscheidet sich für Entbehrungen und einen Rund-um-die-Uhr-Job. Was ihm am meisten Freude an seinem Beruf bereitet, möchte ich wissen.

Die Einzelbegegnung mit Menschen, Kondolenzgespräche oder auch Traugespräche oder auch zur Krankenkommunion zu gehen. Das ist das was mir am meisten Spaß macht und danach würde ich sagen kommt gleich der Unterreicht.

Rund ein Jahr ist er Diakon, im nächsten Jahr wird er zum Priester geweiht. Als eine Art Bewährungsprobe beschreibt Sebastian Lang diese Zeit. Das Thema Diakonat, vor allem Diakonat der Frau, beschäftigt mich schon eine ganze Weile, ist ein großes Thema in den Medien. Wie steht er denn als junger Diakon dazu?

Ich hab darüber nachgedacht und hab für mich, ich muss zum Glück ja nicht darüber entscheiden und ich hab für mich gelernt ist, dass es kein Recht ist ein Weiheamt in der Kirche auszuführen, sondern dass es, wie wir sagen, Gnade ist, dass es etwas von außen etwas schicksalhaftes ist, man kann sagen der Ruf Gottes hinzutreten muss und dass das vielleicht das Entscheidende ist.

Und das geht nur bei Männern, hake ich nach.

 Das weiß ich nicht, ich habe für mich neu gelernt, dass mein Beruf, meine Berufung eine Gnade ist und es nicht drauf ankommt ob ich das will, sondern dass es offenbar jemand anderes ist, der das will.

Unwillkürlich muss ich an Papst Franziskus denken. Ein Papst, der andere Zeichen setzt als seine Vorgänger. Der gerade weltweit Menschen zum Thema Ehe und Familie befragt. Nicht direkt den Menschen seine Lehrmeinung vorsetzt. Von dem viele hoffen, dass er die Kirche erneuert. Muss sich Kirche überhaupt erneuern, sich den Menschen anpassen?

 Ich find’s schon wichtig, dass wir auch in manchen oder sogar vielen Fragestellungen eine Position einnehmen, die vom Mainstream der Gesellschaft abweicht. Auch für die Gesellschaft als Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland finde ich es wichtig, dass es Institutionen gibt, die noch mal einen anderen Blickwinkel auf Dinge werfen. Andererseits muss es auch klar sein, dass ich den Menschen in seiner freiheitlich getroffenen Entscheidung erst nehme. Das Verurteilen ist völlig fehl am Platz.

Also lieber keine Kirchen-Revolution. Aber ein wenig frischer, zeitgemäßer Wind kann sicher nicht schaden und da setze ich auch auf die jungen Geistlichen in der Kirche.

Also ich merke, dass ich ein großes Verständnis für unsere Generation habe im Bezug darauf, dass Gott nicht mehr selbstverständlich ist. Und ich merke für mich, dass ich da ein großes Verständnis für habe, dass ich das auch an mir, zu einem gewissen Maße natürlich nur, auch nachvollziehen kann und ich glaube, dass ich darüber auch in der Lage bin, darüber ins Gespräch zu kommen.

Am Ende unseres Gesprächs bin ich noch gespannt, wie er als Geistlicher die Adventszeit empfindet – eher Stress oder doch besinnlich - und was für ihn das Schöne am Advent ist.

Mir gefällt am Advent die ernsthafte Stimmung, dieses auf Gott warten, seine Ankunft, Advent heißt ja Ankunft, auf seine Ankunft warten. Auch darüber nachzudenken wie es ist, wenn ich so eine Sehnsucht nach Gott habe und er nicht direkt da ist, nicht greifbar ist.

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begegnungen > portrait-lea-ackermann.jpgSie war eine erfolgreiche Bankkauffrau, ist heute Ordensschwester, ungemein willensstark und richtig wütend über die sexuelle Ausbeutung von Frauen. Anstatt nur zu reden, handelt Schwester Lea Ackermann - und gründete eine Hilfsorganisation. Zunächst in Afrika, später auch in Deutschland und Rumänien. Linda Degenstein von der Katholischen Kirche hat Schwester Lea Ackermann in Hirzenach bei Boppard getroffen.

Auf einer Reise nach Bangkok wurden Schwester Lea die Augen geöffnet. Ein Taxifahrer bot ihren männlichen Mitreisenden seine eigene kleine Schwester an - ganz jung, ganz billig. Auf einmal, so sagt sie, habe sie überall Gewalt gegen Frauen gesehen. So auch in Kenia, wo sie viele Jahre als Missionsschwester gearbeitet hat.

Und dann kommen die Touristen, sind auch nicht alle reich, aber sie können sich eine Weltreise erlauben und dann sehen sie die Armut und Elend von Frauen und Kindern und kaufen das für ihr billiges Vergnügen und das hat mich wütend und rasend gemacht.

Anstatt sich nur in ihrem Klosterkämmerlein zu ärgern, ist Schwester Lea damals losgezogen und hat in Kenia das Frauenprojekt Solwodi gegründet: Solidarität mit Frauen in Not. Was mit einer improvisierten Baracke in Ostafrika begonnen hat, ist inzwischen zu einem international etablierten Hilfswerk geworden. Auch in Deutschland helfen Mitarbeiterinnen Frauen, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution geworden sind. Wie dem 15-jährigen Mädchen, das vor einem ¾ Jahr von der Polizei zu Solwodi gebracht wurde.

Es hat sich dann herausgestellt, dass sie aus einem osteuropäischen Kinderheim stammt und dort mit 13 Jahren von einem Deutschen, oder mit deutschen Pass, ich weiß es im Moment nicht ganz genau, 30-jährig aus dem Kinderheim geholt wurde und hier in Flatrate-Bordellen angeboten wurde. Und der hat Reklame gemacht mit diesem Mädchen: Teenie und tabulos...Es ist einfach unglaublich.

An dieser Stelle unseres Gesprächs müssen wir beide erst einmal eine Pause machen. Schwester Lea hat 1000ende Mädchen und Frauen mit ähnlichen Schicksalen getroffen, aber jedes Mal geht es nah. Und sie ist verärgert darüber, wie wenig die Mädchen und Frauen von der deutschen Justiz geschützt werden.

Dann ging der Prozess zu Ende für einen der Haupttäter und der bekam dann ein Jahr und vier Monate auf Bewährung.  Und die Richterin muss gesagt haben, naja, teilweise muss das Mädchen das ja auch freiwillig gemacht haben. Ich bitte Sie, eine 13-jährige, das ist so was Ungeheuerliches. Ich hatte keine Sprache mehr dafür, ich hatte nur noch Wut.

Jahrelang kämpften Schwester Lea und ihre Mitarbeiterinnen für mehr Rechte für die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Doch seit dem enttäuschenden Prozessende gehen sie noch einen Schritt weiter und fordern, nach dem Vorbild Schwedens, ein Europa ohne Prostitution. Deswegen haben sie die Petition „Mach den Schluss-Strich" ins Leben gerufen und hoffen auf jede Menge Unterstützung:

Wenn wir genügend Unterschriften bekämen, 50.000 wären toll, dann würde die Politik da auch hellhörig werden und es muss eine klare Aussage geben und eine klare Aussage ist: der Kauf von Sex ist verboten!

Die Petition finden Sie auf der Internetseite von Solwodi: www.solwodi.de. Sr. Lea hat Wünsche - für ihre Arbeit, aber auch an Papst Franziskus. Mehr dazu....

Ich möchte von Schwester Lea wissen, was sie von Appellen hält, Prostituierte nicht nur als Opfer und Objekte einer ausbeuterischen Industrie zu sehen. So beschreibt ein Verein für Prostituiertenselbsthilfe osteuropäische Huren in Deutschland als taffe, selbstbewusste Frauen, die ihre Perspektivlosigkeit durch Migration und Prostitutionselbstbestimmt beenden wollten.

Kann man dann sagen, die Frauen sind total selbstbestimmt, wenn sie keinen anderen Ausweg sehen? Das würde ich sehr in Zweifel ziehen.  Wissen sie, ich bin jetzt seit 30 Jahren mit diesem Thema und Frauen in der Prostitution beschäftigt, und keine einzige Frau, die Vertrauen in mich hatte, hat gesagt, dass das völlig freiwillig geschieht. Keine einzige. Aber alle aus Perspektivlosigkeit, das ja.

Im Laufe unseres Gesprächs lerne ich die Schicksale einiger dieser Frauen kennen. Mir gehen die Erzählungen sehr nahe, machen auch mich wütend und betroffen.
Wie sie das alles aushält, erträgt, frage ich nach?

Ich glaube, ich halte das nur aus über meine Wut und einzelnen kann ich helfen. Ich kann nicht allen helfen, ich kann auch nicht die ganze Welt heil machen, aber ich denke, an meinem Platz konnte ich Frauen Perspektiven eröffnen. Die gehen in die Schule, die machen eine Ausbildung wenn sie bei uns sind, wir entwickeln Zukunftsperspektiven und wir haben Frauen, ja, die haben es geschafft, sie kommen aus der Perspektivlosigkeit raus, dann ist das wunderbar.

Wut ist ein Antrieb, kleine Erfolge geben ihr Kraft. Aber auch das Gefühl, das Richtige zu tun. „Gott hat keine anderen Hände als die unseren", sagt sie. Ihr Einsatz für die Frauen gilt auch für deren Platz in der katholischen Kirche. Dabei setzt sie ihre Hoffnung auch auf Papst Franziskus, dessen unkonventionelle Art sie richtig sympathisch findet.

Und jetzt soll er ja auch gesagt haben: Die Frauen müssen mehr Entscheidungskompetenz in der Kirche bekommen, ja ich hoffe dass das weitergeht, die Gleichstellung von Mann und Frau auch in der Kirche sichtbar wird. Denn die Frauen haben Charisma und das können sie in der Kirche noch nicht einbringen. Und das finde ich ein Unrecht und das versuche ich auch immer wieder zu sagen und nicht zu verschleiern.

Schwester Leas Engagement ist ansteckend, auch für mich. Veränderungen sind immer möglich. Man könnte glauben, mit 76 Jahren wäre es an der Zeit, ein wenig kürzer zu treten. Aber Schwester Leas Terminkalender ist voll. Von Boppard aus bricht die Solwodi-Gründerin immer wieder auf, um Gewalt gegen Frauen anzuprangern und für Unterstützung zu werben. Eine Sache wünscht sie sich für die Zukunft - eine Nachfolgerin, am liebsten eine Ordensschwester.

Ich will, solange es notwendig ist, dass es gut weitergeht, also für die Frauen. Das wir ein Ort sind wo die Fähigkeiten, Gaben und Charismen der Frauen zum Ausdruck gebracht wird, gerade bei den Frauen, die nie eine Chance hatten, dass sich das entfalten kann.

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Nach der Geburt ihres vierten Kindes fängt Elke Mildner an zu trinken, oder wie sie selbst sagt, zu saufen. Vier Kinder in fünf Jahren, sie war einfach ausgebrannt. Erst einmal half ihr der Alkohol weiter zu funktionieren und ihr Leben zu meistern. Sie macht ihr zweites Staatsexamen, unterrichtet Religion und Französisch, kümmert sich um die Familie. Am Schluss braucht sie mindestens einen Liter Wodka am Tag. Sie hat sich zu Tode geschämt, wusste aber nicht, wie sie ihre Krankheit überwinden konnte.

Und dann habe ich gedacht, der liebe Gott muss mir doch helfen und dann habe ich immer in der Kirche gesoffen, also wenn die leer war, hatte ich immer mein Jägermeisterfläschchen in der Tasche und hab gedacht, der streckt seinen langen Arm darunter und haut mir die Flasche aus der Hand und löst das Problem für mich. Ich bin damit beichten gegangen, ich hab nicht gewusst, dass es dafür Doktors gibt und eine Klinik, sondern ich hab das als moralischen Defekt empfunden und damit war ich natürlich hoffnungslos verloren, da gehörte was professionelles rein und ich habe es einfach nicht gewusst.

Gott hat ihr zwar nicht direkt dieFlasche aus der Hand geschlagen, für Elke Mildner hatte er dennoch seine Finger im Spiel. Ich frage sie, wie sie aus der schlimmsten Verzweiflung herausgefunden hat.

Ich hab nicht geglaubt, dass eine Therapie hilft, ich hab geglaubt, das wäre Gebabbel. Und hab dann einen Selbstmord gemacht, gut geplant und hat trotzdem nicht geklappt und bin dann in die Psychiatrie gekommen, Gott sei Dank und da habe ich dann leben gelernt.

Noch in der Klinik beschließt Elke Mildner: gegen die Volkspest Alkohol muss ich was tun und ich möchte für andere da sein, die genauso leiden wie ich. Sie gründet in Rottenburg die Oase, eine Wohngemeinschaft für trockene Alkoholiker und lebt gemeinsam mit ihnen unter einem Dach. Nach und nach kommen weitere Häuser dazu, ein Café, Notunterkünfte, eine Kleiderkammer. Von Anfang an war der Christin wichtig, ihr Projekt unter dem Dach und mit Unterstützung der Kirche aufzubauen, denn - und das sagt sie mir mit einem Augenzwinkern - mit dem lieben Gott geht es besser.

Die Arbeit, die Begegnung mit Menschen, die sind schwierig. Und nur aus diesem Selbsthilfegedanken oder Solidarität hält man das keine 34 Jahr durch, das geht gar nicht. Aber wenn ich so einen ganz Elenden, Nassen oder Unglücklichen vor mir habe, wo ich denke, durch dessen Augen schaut mich der liebe Gott an, dann ist das schon mal was ganz anderes. Das ist eine ganz andere Grundlage, das gibt eine ganz andere Kraft, eine andere Konsequenz und eine andere Sicherheit.

Die Menschen die zu Elke Mildner kommen, sind am Ende, haben sich in Grund und Boden gesoffen. Menschen, die keiner mehr will. Bei der kleinen Person mit dem großen Herzen machen sie eine völlig neue Erfahrung: Hier bist du willkommen! Sie gibt den Menschen ein zu Hause und das Gefühl, nicht der Abschaum der Welt zu sein. Und sie gibt dem, der es annehmen möchte, auch ein Stück von ihrem unerschütterlichen Glauben mit.

Ich mach denen das Angebot, ich hab hier im Haus ja die Katakombe, also eine Kirche, es hängt ein Gebetskreis dran, wo sie hingehen können, also ich mach es vorsichtig, also ich hau keinem die Religion um die Ohren, also, bei uns muss keiner Weihwasser saufen, aber ich merke für die die sich einklinken, dass es ihnen enorm hilft, das ist auch in der Ordnung der Vergangenheit und der Bewältigung der Kränkung, alles was in diesem Leben so wichtig ist, eine enorme Hilfe ist.

 Für ihre Arbeit hat die studierte Theologin schon mehrfach Auszeichnungen bekommen und auchschon einmal den Titel einer Mutter Theresa Rottenburgs ­- davon will sie aber nichts hören. Die Auszeichnungen seien zwar ganz nett, weil sie ein breiteres Bewusstsein für Alkoholprobleme schaffen würden.Wahres Glück bedeutet aber in ihren Worten, wenn Menschen wieder Menschen werden. Wie z.B. im Fall von Alfred, der als junger Mann einen Menschen umgebracht hatte und lange dafür im Gefängnis saß. Eines Tages stand er völlig verzweifelt bei Elke Mildner vor der Tür und hat bei ihr eine neue Heimat gefunden.

Der hat ein schreckliches Leben gehabt, also die Kindheit entsprechend und die letzten 14 Jahre war der, im Rahmen seiner geringen Möglichkeiten, immer mal wieder glücklich. Und das hatte ganz viel mit dem Glauben zu tun. Ja was will ich den mehr? Also wenn es sich um niemanden gelohnt hat, dann um Alfred. Aber es hat sich um ganz viele andere auch geloht.

Seit 34 Jahren trägt Elke Milder inzwischen die schwierigen Schicksale und das Leid anderer Menschen mit auf ihren Schultern. Sie sagt, sie fühle sich dazu berufen, aber ich frage sie, woher sie die Kraft nimmt, sich täglich immer wieder auf neue Probleme einzulassen.

Natürlich ist es manchmal zu viel. Und wenn morgens um vier das Telefon klingelt und diese klagende Stimme, das ist immer sehr ähnlich: ich kann nicht mehr, ich saufe, dann ist die Energie wieder sofort da. Natürlich ist da zwischenzeitlich mal die Erschöpfung, das ist völlig normal, aber das dauert dann vier Minuten oder so was, also nicht sehr lange. Es ist die Leidenschaft, ich könnte jetzt nicht einfach sagen, jetzt bin ich 70, jetzt lege ich die Füße hoch, das geht nicht, also, das geht einfach nicht.

Und wenn es dann doch einmal besonders hart kommt, will ich wissen?

Dann gehe ich beim lieben Gott die Energiequellen anzapfen, das klappt immer.      

Die Nähe zur Kirche war ihr bei ihrer Arbeit schon immer wichtig. Sie ist davon überzeugt, dass Menschen, die ganz unten angekommen sind, über den Glauben wieder einen neuen Sinn finden können. Gerade deswegen kritisiert sie, dass die Kirche sich aus ihrer Sicht nicht mehr genug um die Randgruppen kümmert  - Arme, Asoziale und psychisch Kranke ausschließt.

Das sind so unterschiedliche Welten, die finden nicht zusammen. Ich weiß auch, dass die alle überlastet sind, aber so eine Bereitschaft, sich auf das Elend einzulassen inklusive sich dreckig zu machen - diese Welten sind zu weit auseinander. Und da versteh ich mich schon so als Brücke und das klappt ja dann auch oft.

Am Ende unseres Gesprächs führt mich Elke Mildner noch in den Keller ihres Hauses, dort wo sich die Katakombe, der Gottesdienstraum befindet (Geräusche Treppenstufen).Am Eingang hängt ein Kreuz. Elke Mildner lacht und sagt zu mir „Der Chef ist schon da, der ist immer da". Die Katakombe wurde ganz schlicht gestaltet. Ein kleiner Altar, ein paar Blumen und unzählige Kerzen. Ein Raum mit besonderer Bedeutung.

Sie heißt Katakombe aus gutem Grund und für mich erscheint das so logisch, dass man da einen Gottesdienstraum macht, dort wo der schlimmste Feind wohnt. Im Keller liegt der Alkohol rum, in aller Regel, das war ja ein Mostkeller und dass man da ausgerechnet den Gottesdienstraum macht, das find ich logisch. Und von daher trifft das so die Idee der ganzen Arbeit. Und dass das Haus, das ja eben auch für die anderen Heimat ist, so zusagen auf dieser Katakombe steht, das gibt auch einen Sinn, die Basis ist der Gottesdienst.

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