Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


07FEB2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es war wohl ein Versehen beim Einsortieren: Ich stehe vor dem Postkartenständer im Geschäft. Die mit den Grußkarten zu allen möglichen Anlässen: Runder Geburtstag, Trauer, Taufe, Kommunion und so weiter. Und da finde ich in der Rubrik “Geburtstag” die schwarzen Trauerkarten: Herzliches Beileid! Klar, musste ich zunächst grinsen. Manch einer sieht wohl den eigenen Geburtstag auch eher trüb und trist. Wieder ein Jahr älter. Aufrichtige Anteilnahme! Aber dann kam ich auch schnell ins Nachdenken: Freude und Trauer. Tod und Leben – so nah und so dicht beieinander – wie da im Kartenständer: Da fiel mir ein Lied ein: “Geheimnis des Glaubens – im Tod ist das Leben!”. Ein Kirchenlied. Das Lied stammt von Lothar Zenetti, einem Frankfurter Pfarrer und Dichter. Er war bekannt für seine tiefsinnigen Texte, so wie der aus dem Lied: “Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben!” Dasbringt etwas mit wenigen Worten auf den Punkt, was regalweise theologisch-dogmatische Bücher füllt. Schließlich geht es um den Kern des christlichen Glaubens: Tod und Auferstehung. Es geht um die paradoxe Erkenntnis, dass der Tod nicht das Ende ist. Darum, dass Jesus auferstanden ist. Darum, dass dies auch heute Menschen Hoffnung macht; und Motivation und Motor ist, füreinander da zu sein - auch in schweren Stunden. Trotz der Gewissheit, dass der Tod näher ist als uns lieb ist, uns alle hart trifft. Gerade in dieser Corona-Zeit gibt es täglich die Zahlen der Toten, jede und jeder davon ein einzigartiger Mensch. Und der Tod ist auch sonst allgegenwärtig durch Kriege, Unglücke und Gewalt – in den Nachrichten und in der Nachbarschaft. Und doch: Geheimnis des Glaubens – im Tod ist das Leben! Lothar Zenetti selbst hat in seinem langen Leben viel Leid erfahren, war in Kriegsgefangenschaft und hat später als Pfarrer einer Frankfurter Gemeinde zahllose Menschen in Alter, Krankheit und Tod begleitet, stand an ihrem Grab – und hat doch das Gottvertrauen nicht verloren. Ich habe Lothar Zenetti nicht mehr persönlich kennengelernt, vor zwei Jahren ist er gestorben. Vor einiger Zeit war ich auf dem Frankfurter Friedhof und hab ihn an seinem Grab besucht. Gerne hätte ich ihn gefragt, wie er das Geheimnis des Glaubens jetzt versteht, dass „im Tod das Leben“ ist. Jetzt, da er auf der anderen Seite angekommen ist. Für mich bleibt es ein Geheimnis. Und es bleiben mir der Glaube und die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende ist. Und dass doch etwas bleibt über den Tod hinaus. So, wie es Zenetti in seinem Lied in einer Strophe schreibt: Wir leben füreinander – und nur die Liebe zählt: Geheimnis des Glaubens, im Tod ist das Leben.

 

Musik

 

Heute geht es in den Sonntagsgedanken um den Frankfurter Priester und Dichter Lothar Zenetti. Gestern wäre er 95 geworden. Ich mag seine tiefsinnigen Texte, die vom “Geheimnis des Glaubens” erzählen.

 

Und noch ein Text von ihm ist mir besonders wertvoll. Er wurde von dem Liedermacher Konstantin Wecker vertont. Der stellt ihn ans Ende eines jeden Konzerts.

 

“Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.

 

Da geht es nicht um Quer- und Krummdenker. Da geht es um Mitmenschlichkeit und echte Solidarität. Weiter heißt es da:

 

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr's sagen.
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.
Wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken.
Wo alle spotten, spottet nicht.
Wenn alle geizen, wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht.“
[1]

 

Umdenken, neu denken und dann umkehren. Nicht den Lautesten folgen, es anders zu versuchen, ohne Spott, ohne Geiz und ohne Neid, hell, klar und zuversichtlich. Da gibt es so viele Anknüpfungspunkte heute: Wenn gegen Geflüchtete gehetzt wird; wenn Corona geleugnet und Schutzmaßnahmen ignoriert werden; wenn Neiddebatten angezettelt werden und das gesellschaftliche Klima vergiftet wird: Dann nein zu sagen, nachzudenken und solidarisch zu sein, auch wenn's die eigenen Gewohnheiten einschränkt – das kann Licht machen und etwas verändern. Der Text ist einer der vielen Mutmachtexte von Lothar Zenetti. Und er gibt auch noch einen Rahmen dazu, der in den drei Liedstrophen eben noch gefehlt hat. Der Vers lautet:

„Das Kreuz des Jesus Christus
durchkreuzt was ist - und macht alles neu.“

Weil es Ostern gibt, hat der Tod nicht das letzte Wort. Weil es Ostern gibt, ist selbst im Tod noch Leben – ein Geheimnis des Glaubens. Weil das Kreuz Christi mehr ist als ein Todeszeichen, mehr als ein Schmuck, den man um den Hals trägt, mehr als zwei Balken: Weil das Kreuz Hoffnungszeichen für das Leben der kommenden Welt und so Kern des christlichen Glaubens ist: Deshalb kann – so finde ich - aus diesem Zuspruch Gottes eine Motivation werden, es heute einmal zuversichtlich neu und anders zu versuchen - das Eingefahrene im eigenen Leben im Wortsinn zu durchkreuzen: Nicht zu schweigen, wo alle schweigen; anders miteinander umzugehen als es die Bequemlichkeit nahelegt; Dinge zu hinterfragen, die allzu populistisch schwarz-weiß daher kommen. Für mich ist das auch ein Vermächtnis von Lothar Zenetti: Was keiner wagt, das sollt - das dürft, das könnt ihr wagen... dann lüftet sich das Geheimnis des Glaubens in der Zuversicht: Wo alles dunkel ist, wird Licht. Dann ist auch im Tod noch Leben.

 

[1]        Lothar Zenetti, Texte der Zuversicht, Verlag J. Pfeiffer, München 1972, 253; dort mit dem Rahmenvers: „Das Kreuz des Jesus Christus / durchkreuzt was ist / und macht alles neu“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32518
15NOV2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wie sehr hätten wir das gerade in diesem Jahr gebrauchen können, diese Lichter der Hoffnung! Aber die Situation ist klar: Martinsumzüge sind abgesagt worden. Und ich finde auch, alles sollte gemacht werden, um solidarisch zu sein mit denen, die durch das Coronavirus gefährdet sind. Denn gerade das, solidarisch zu sein, ist doch etwas, was unbedingt zum Martinsfest dazugehört. Da geht es doch nicht nur drum, mit Lichtern durch die Straße zu ziehen und Glühwein und Punsch zu trinken, weil das Feiern so schön ist. Das auch. Aber wenn es eben nicht nur ein folkloristisches Lichter- und Glühweinfest sein soll, sondern ein echtes Martinsfest, dann hat das doch auch was mit dem heiligen Martin zu tun. Vielleicht hat der Martinstag dieses Jahr ziemlich hart deutlich gemacht, warum wir eigentlich Sankt Martin feiern. Wenn ich an den heiligen Martin denke, wie er der Legende nach für den Bettler sprichwörtlich vom hohen Ross gestiegen ist, um seinen Mantel zu teilen; seine Privilegien in der kalten Jahreszeit aufgibt und den Mantel, das Zeichen seiner militärischen Macht und Würde, ablegt und teilt. Wenn ich also an den heiligen Martin denke, dann sehe ich in dem Verzicht dieses Jahr auch ein starkes Zeichen, was gut zum heiligen Martin passt: Solidarisch sein; sich um die kümmern, die alt und krank und schwach sind; nicht nur an die eigenen Bedürfnisse denken, sondern abgeben, auch wenn ich selbst zurückstecken muss. Wie sehr hätte ich den Kindern und allen die Freude am Umzug gegönnt, wenn Lichter leuchten und Kinderaugen gleich mit. Aber ich sehe auch: An vielen Orten ist zwar der Martinsumzug ausgefallen, aber doch nicht das Martinsfest! Ich lese von kreativen Aktionen in Kirchengemeinden: Das Bistum Mainz hat zum Beispiel eine virtuelle Lichterkette im Internet veranstaltet: Viele haben echte Laternen in ihre Fenster gehängt und Fotos davon mit einem schönen Spruch gepostet. Gemeinsam Hoffnungslichter anzünden. Die Bistümer Limburg und Rottenburg haben die Aktion „Zünd ein Licht an“ ins Leben gerufen. Und so gezeigt, wie es auch im Leben von denen etwas heller werden kann, die gerade traurig, einsam und allein sind; die schutzlos sind und ganz wörtlich „vor den Toren der Stadt“ liegen: Obdachlose, Geflüchtete, gesellschaftliche Ausgegrenzte. Tolle Ideen wurde da umgesetzt: An Menschen in Not zu denken, für sie ein Licht anzuzünden und konkret zu helfen; mit den Bedürftigen zu teilen, zu spenden, Zeit für Einsame zu haben, sie anzurufen, ihnen zu schreiben, mit Videoschalten Kranke und Traurige virtuell zu besuchen und so weiter: Es gibt ganz viele Ideen. Und all das war und ist ja weiterhin möglich. Die brennenden Kerzen sind nur ein Anfang und Zeichen für die echten Hilfen, die dann folgen. Und dann sehe ich: Das ist gar nicht ausgefallen.

 

Sicher: vieles war anders als sonst in diesem Corona-Jahr, auch für die Kirchen. Das traditionelle “Das haben wir schon immer so gemacht” hat in diesem Jahr nicht funktioniert. Und viele haben sich neu überlegt: Was feiern wir da eigentlich? Was ist uns wichtig an Sankt Martin? Was bedeutet das heute: Teilen wie Sankt Martin? Und so haben viele auch Neues entdeckt. Im Bistum Mainz haben sich Leute überlegt, wie die Kirche künftig sein soll. Eine Zukunftsvision. Teilen wie Sankt Martin, das bedeutet: Glauben teilen, Leben teilen, Verantwortung teilen und Ressourcen teilen. Viermal teilen wie Sankt Martin – als Wegweiser in eine gute Zukunft: Glauben, Leben, Verantwortung und Ressourcen. Die ersten beiden klingen vielleicht am einleuchtendsten für eine Zukunftsvision der Kirche: Es geht darum, Glauben und Leben zu teilen:

  einander im Glauben zu stärken, indem die Kirche das, was Menschen in ihrem Leben heute bewegt, wirklich ernst nimmt. Da kann meine Kirche vom heiligen Martin noch viel lernen. Und ich versuche es auch. Und beim „Glauben und Leben teilen“ geht es nicht nur um „die Kirche“ als Institution. Da kann jeder mit anpacken. Die beiden anderen Orientierungslichter vom heiligen Martin in dieser Zukunftsvision sind da schon sperriger: Verantwortung teilen und Ressourcen teilen. So manche scheinbar Wichtigetun sich schwer damit, Verantwortung abzugeben. Manche tun sich auch schwer damit, überhaupt Verantwortung zu übernehmen, wenn ich da an die Missbrauchsaufarbeitung denke... Ein weites Feld und noch viel zu tun - auf vielen Ebenen! Beim “Ressourcen teilen” wird es nicht einfacher: wenn's ums Geld geht, prallen Welten aufeinander: die einen werfen der Kirche vor, unendlich reich zu sein und nichts abzugeben. Andere sehen auch, dass die Kirche viel tut: in kirchlichen Schulen, Krankenhäusern, Kitas, bei Caritas und Diakonie. Da geht es drum, vernünftig für die Zukunft zu planen und Ressourcen gut einzuteilen, damit sie auch künftig noch ausreichen. Aber auch beim Ressourcen-Teilen geht es nicht nur um „die Kirche“ und „die anderen“, sondern auch darum, was ich persönlich bereit bin zu teilen: an Geld und genauso an Zeit, Einsatz und Hilfe für andere: Was kann ich teilen mit denen, die etwas brauchen? Teilen wie Sankt Martin: Ich finde, das sind vier gute Leuchten auf dem Weg: Glauben teilen, Leben teilen, Verantwortung teilen und Ressourcen teilen - nach dem Vorbild des Heiligen Martin – und nicht nur in der Kirche. Wenn das gelingt, dann geht vielleicht manchem – trotz Corona - ein hoffnungsvolles (Martins-)Licht auf - und das darf gerne geteilt werden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32060
12JUL2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das waren schon erschreckende Nachrichten. Soviel angestaute Wut. Da haben Demonstranten Statuen vom Sockel gerissen. Denkmalfiguren, die aber aus heute sehr fragwürdigen Gründen geehrt wurden: Mächtige Kriegsherren, Eroberer, Sklaventreiber und Rassisten. Hoch geehrt aus der Perspektive der Mächtigen von damals, aber viele auch mit einer Blutspur der Gewalt. „Waren eben die Zeiten“, sagen manche. „Jetzt ist aber auch mal gut mit der Political correctness“. Sagen manche. „Die haben auch viel Gutes bewirkt“, sagen manche. Ich weiß nicht so genau, was ich davon halten soll. Ich erinnere mich, dass in dem Dorf, in dem ich groß geworden bin, mal eine Straße nach einem Arzt benannt war, der aus dem Ort stammte. Der war dort sogar Ehrenbürger und nach seinem Tod hat er auf dem Dorffriedhof ein Ehrengrab bekommen. Ein Studierter. Ein Arzt. Einer, der sogar mal ein Krankenhaus geleitet hat. Das war schon was Besonderes in dem kleinen Ort. Allerdings: Das war in der Nazizeit. Und durch Forschungen kam raus, dass er als Arzt nicht nur vielen Menschen im Ort und im Kreis geholfen hat, sondern auch an Zwangssterilisationen beteiligt war; dass er Menschen für die Rassenideologie der Nazis mit seinen medizinischen Methoden missbrauchthat. Als das viele Jahre nach seinem Tod rauskam, war die Aufregung im Ort groß. Manche wollten da am liebsten gar nicht mehr drüber sprechen. Der Ehrenbürger ein Nazi? Was tun mit der Straße, die nach ihm benannt ist? Sogar die Kirchengemeinde, der Pfarrgemeinderat und andere haben sich dann im Für und Wider zu Wort gemeldet. Am Ende wurde die Straße umbenannt. Das Ehrengrab ist inzwischen aufgehoben. Das fand ich gut damals. Natürlich ist ein Mensch nicht nur das, was er an Fehlern, Sünden und auch Verbrechen begangen hat. Selbst einer, der jemanden umgebracht hat, ist nicht nur ein Mörder, sondern hat vermutlich auch noch andere Facetten seines Lebens. Vielleicht ist er sogar ein netter Nachbar gewesen, einer der anderen auch geholfen hat, Freunde hatte. Ein Teufel in Reinform ist wohl keiner – außer natürlich für seine Opfer. Aber ein Denkmal setzen, ihn als Ehrenbürger auszeichnen und daran festhalten, das geht nicht. Deshalb finde ich es gut, dass das Straßenschild mit dieser neuen Erkenntnis abmontiert wurde. Aber Denkmäler gewaltsam vom Sockel reißen aus blinder Wut, gewaltsame Geschichte mit neuer Gewalt auslöschen wollen, ist keine Lösung.Es ist eher die Frage, an wen ein Denkmal dann erinnert: an die Täter – oder besser an die Opfer! Ich finde wichtig, dass diejenigen, die da auf den Sockel gehoben werden, das auch verdienen. Dass sie ein Denk-Mal im eigentlich Wortsinn sind; dass ich ins Nachdenken komme.  Nur so kann ich mich dem stellen, was war. Und lernen, Gutes von Bösem zu unterscheiden. Völlig unkritisch-devote Verehrung hat mit Nachdenken und dem wörtlichen „denk mal!“ so wenig zu tun, wie blinde Gewalt und Bilderstürme.

 

Musik

 

Da haben wir ja in der katholischen Kirche auch eine Menge solcher Beispiele. “Selige” und “Heilige” nennen wir die. Menschen, die in ihrer Zeit etwas bewirkt haben, was für andere so beeindruckend war, dass die Kirche sie zu Vorbildern erklärt hat. Da geht die Verehrung sogar so weit, diese Menschen als Fürsprecher bei Gott zu sehen. Nicht selbst als Götter, aber in seiner Nähe „im Himmel“. Wenn ich mir die lange Liste der Selig- und Heiliggesprochenen so ansehe, dann finde ich da auch welche, die aus heutiger Sicht und Kenntnis eigentlich nicht in diese Kategorie gehören. Da gab es auch Eroberer, ideologisch Verblendete, Eiferer und militante Missionare, die sich selbst im Dienst einer guten Sache sahen – und dabei doch auch Opfer hinter sich ließen. Da ging und geht es um Macht, um Ansehen und Interessen; solche, die den Glauben mit Feuer und Schwert ausgebreitet haben. Nicht alle, die selig- und heiliggesprochen sind, können heute wirklich noch Vorbilder sein. Zumindest, wenn ich das Wort wörtlich nehme: Dass ich durch ihr Leben ein Bild und eine Vorstellung von einem guten Leben für meinen eigenen Weg in die Zukunft bekomme. Da geht es dann nicht so sehr um deren Leistungen und Verdienste aus vergangenen Tagen. Nicht mehr um Titel und Grabinschriften mit lobenden Worten. Dann geht es darum, ob sie mir und anderen heute für mein Leben etwas Gutes zeigen, ein Vorbild sind für das, wie ich heute leben kann – mit einer Facette ihres Lebens: die mir die Achtung vor meinen Mitmenschen und der Umwelt zeigen, wie das etwa beim heiligen Franz von Assisi deutlich wird; der Einsatz für Bedürftige, wie das bei Sankt Martin ist; die visionäre Kraft, wie sie Hildegard von Bingen hatte. Alle drei Heilige. Alle drei aber vermutlich auch Menschen, die Fehler hatten, die nicht nur engelsgleich gelebt haben. Darüber nachzudenken, das macht sie ganz wörtlich zu einem „Denk-mal!“. Und da gibt es noch viele mehr, die nicht in Stein gemeißelt und auf den Sockel gehoben sind, nicht entschwebt, sondern mit beiden Beinen auf dem Boden. Und gerade so Vorbild und Hilfe zum Nachdenken sind: Echte Denk-Mäler eben! Sei es der Hausmann von nebenan, der gerade hunderte Masken in der Corona-Zeit für Altenheime näht; oder die pensionierte Lehrerin, die seit Jahren kostenlose Hausaufgabenhilfe anbietet. Die Busfahrerin, die an der Haltestelle auf den Rollifahrer wartet, auch wenn sie schon verspätet ist, oder der Metzger, der dem Kind aus der armen Familie immer mal wieder ein Stück Wurst schenkt. Solche Denk-Mäler ohne Sockel, Heiligenschein und Gedenktafel sind Menschen, die mich zum Nachdenken bringen: worauf kommt es wirklich an: Macht, Einfluss, Eroberung, Titel, Verehrung? Oder ganz anderes? Solche Menschen, die mir auch die andere Seite zeigen, sind mir Ansporn und Mutmacher, in eine gute Zukunft zu gehen. Menschen – so glaube ich – die mich wirklich aufblicken lassen und dann sogar näher zu Gott bringen können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31250
29MRZ2020
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wir haben im Moment nichts anderes zu vermelden, als Glaube, Hoffnung und Liebe. Aber das ist ja auch viel!“, hat mir eine Kollegin per Mail geschrieben. Das öffentliche Leben ist stark eingeschränkt, aber das private Leben geht ja weiter. Und auch an den Reaktionen zeigt sich die ganze Bandbreite menschlichen Lebens: Ich höre von egoistischen Hamsterkäufen und Diebstählen. Ich lese von uneinsichtigen Menschen, die immer noch Party machen wollen, koste es, was es wolle. Es gibt absurdeste Verschwörungstheorien und leider ja, da gibt es auch extreme Kirchenleute – Gott sei Dank die Ausnahme - die zynisch und dumm von „Corona als Strafe Gottes“ reden. Ich lese von absichtlichen Fake-News und von Leuten, die aus der Krise politisch und wirtschaftlich Profit schlagen wollen. Solidarität und Mitgefühl, gar Nächstenliebe - merke ich da oft nicht. Aber genau das gibt es auch: Dass sich Menschen solidarisch zeigen, für andere das Nötigste einkaufen, weil die das nicht mehr selbst können; da gibt es kreative Ideen, wie „soziale Isolation“ nicht zu „sozialer Kälte“ führt, wie es die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer so gut formuliert hat. Da sehe ich Videos im Netz, wo Menschen jeder für sich und doch medial gemeinsam Musik machen – oder von den Balkonen ihrer Häuser auf Abstand und doch gemeinsam der Isolation trotzen. Da gibt es auch in der Kirche Initiativen und Kreatives, wenn es darum geht, wie aus der Absage der öffentlichen Gottesdienste doch eine große, grenzenlose Gemeinschaft entsteht, auch im Gebet: Wenn ich – und sei es alleine zu Hause – eine Kerze aufstelle, ein Gebet spreche, an andere denke, dann verbinde ich mich ja auch weltweit, auch wenn ich den Banknachbarn nicht neben mir sitzen habe in der Kirche. Ich staune, was alles möglich ist in der Krise. Da wird das Herz weit, wie so oft in Krisen. Ich freue mich über die, die auch jetzt nicht nur an sich denken. Die Herz, Verstand und immer wieder auch den Geldbeutel öffnen für andere, in direkter Nachbarschaft und auch weltweit. Denn auch das gehört für mich zur Situation derzeit: die menschlichen Tragödien, die Krisen und Kriege in anderen Ländern sind durch Corona bei uns nicht weniger geworden. Nur noch weiter weg aus dem Blick. Immer noch hungern und frieren unzählige Menschen auf der Flucht – sie haben noch nicht einmal ein zu Hause, in das sie sich zur Isolation zurückziehen können. Auch diese Menschen will ich nicht vergessen, wenn ich eine Kerze ins Fenster stelle und mit dem bekannten Text von Dietrich Bonhoeffer zuversichtlich bete: „Von guten Mächten wunderbar geborgen – erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen. Und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

 

Musik

 

Heute geht es in den Sonntagsgedanken einmal mehr die Corona-Krise. Aber es geht vor allem um das, was da noch Trost gibt.

Gebet ist das eine. Gerade für uns in der Kirche ist das ganz wichtig. Im Gebet weiß ich mich verbunden mit anderen weltweit, die ihre Sorgen und Fragen, ihre Zweifel und Nöte vor Gott tragen. Und doch: Gebet und Gottesdienst ist nicht alles. Mich ärgern regelrecht diejenigen, die behaupten, dass man bisher nur zu wenig geglaubt oder zu wenig gebetet hätte. Und dass es deshalb so weit kam. Als wenn der Glaube gegen die Vernunft stehe: als wenn die klaren Ansagen von Medizinern zur Ausbreitung des Virus nur eine Meinung unter vielen sei. Mich ärgern scheinbar Fromme, die dann denen, die sich daran halten, mangelndes Gottvertrauen unterstellen.

Für mich ist da ein Wort des heiligen Ignatius eine Hilfe und Hoffnung. Er wird in unterschiedlichen Versionen mit diesem Satz zitiert: “Vertraue so auf Gott, als wenn alles von ihm – und nichts von dir abhängt. Aber handle so, als wenn alles von dir – und nichts von Gott abhängt!” Also: Gottvertrauen absolut! Und gleichzeitig immer wieder so handeln, dass ich das, was ich persönlich tun kann, auch wirklich mache: Dass ich mich an Hygienevorschriften halte und an staatliche Auflagen, auch wenn sie mein Leben vorübergehend einschränken. Dass ich solidarisch bin mit denen, die alt, krank und schwach sind, auch wenn ich selbst mich jung und gesund fühle. Dass ich versuche, die Einschränkungen, die auch das kirchliche Leben bringt, mitzutragen, auch wenn es meine Gewohnheiten und Pläne durchkreuzt. “Vertraue so auf Gott, als wenn alles von ihm – und nichts von dir abhängt. Aber handle so, als wenn alles von dir – und nichts von Gott abhängt!” So, glaube ich, kann es gelingen, dass ich nicht nur Trost, sondern sogar Stärkung im Glauben erfahre: Weil ich Gott vertraue, dass am Ende doch alles wieder gut wird. Und ich gleichzeitig weiß und mache, was ich tun kann, was nötig und im Wortsinn auch not-wendig ist. Hier bei uns. Und weltweit, wo Menschen unter Corona und noch ganz anderen Krisen leiden: Das Not-Wendige tun. Jetzt und heute. Für mich und für andere. So gut, wie ich es gerade kann. Aber gewiss auch: mit Gottes Hilfe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30703
22DEZ2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

An Tagen wie diesen, so kurz vor Weihnachten, will ich am liebsten keine Nachrichten mehr hören. Und auch in den Sozialen Netzwerken springen mich Meldungen an, die mir die Weihnachtsstimmung ganz schön verderben können: Man könnte meinen, die Welt geht unter: Terror, Krisen, Katastrophen. Täglich. Stündlich. Vieles läuft tatsächlich nicht rund. Die Schere zwischen Kindern, die in armen und reichen Familien aufwachsen, wird größer. Und auch immer mehr Senioren stehen vor den Tafeln Schlange. Wo sind da die guten Nachrichten in dieser Zeit? Die gibt’s natürlich auch. Ich lese Statistiken zum Jahresrückblick und sehe: Es sind so viele Menschen in Arbeit wie noch nie. Die Kriminalitätsrate ist so niedrig wie lange nicht mehr. Fast jeder zweite Erwachsene ist in einem Ehrenamt aktiv für andere. Alles gute Nachrichten, die oft überhört werden. Gefühlt ist es anders. Aber oft eben nur gefühlt. Ich denke daran, dass vor ein paar Jahren „postfaktisch“ mal das „Wort des Jahres“ war. Es hätte genauso „Unwort des Jahres“ werden können. Denn das, was es bedeutet, ist alles andere als erfreulich: Postfaktisch, das bedeutet, dass Fakten in manchen Bereichen kaum noch eine Rolle spielen. Dass uns „gefühlte Wahrheiten“ ohne Hand und Fuß manchmal stärker beeinflussen, als das, was tatsächlich geschieht. Und was hat das mit Weihnachten zu tun? Ich sehe da durchaus Parallelen. „Gefühle“ und „Hand und Fuß“ und Fakten: Das Kind in der Krippe: Gott wird Mensch. Das halten viele, die das nicht glauben können, vielleicht auch für „postfaktisch“, jenseits der Fakten, ein schönes Märchen. Eine nette Geschichte. Und doch so fern vom Alltag. Aber wenn ich die Krippe nicht nur als frommes Beistellwerk zum Lametta-Baum sehe, dann ist Weihnachten alles andere als „postfaktisch“. Jesus, das Kind in der Krippe, ist nicht eine fromme Theorie, sondern tatsächlich sichtbar ein Kind aus Fleisch und Blut. Gott hat uns im wahrsten Sinn des Wortes „sein Wort gegeben“, damit wir nicht allein gelassen sind mit dem, was täglich auf uns zukommt. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, lese ich in der Bibel. Der Blick in die Krippe zeigt: Wie gut, dass dieses Wort Gottes, diese Zusage, eben gerade nicht „postfaktisch“ ist, sondern tatsächlich und ganz wörtlich „Hand und Fuß“ hat! Klar, das wird nicht jeden überzeugen. Nicht jeder, der einen Baum oder eine Krippe ins Wohnzimmer stellt, glaubt an das, was Christen an Weihnachten feiern. Aber Weihnachten bleibt beliebt und ist beständig. Und vielleicht gibt es doch etwas, was als Sehnsucht über Tannenbaum, Truthahn und Tamtam hinausreicht. Eine Sehnsucht, die Weihnachten wirklich werden lässt: die gute Nachricht, dass Gott Mensch geworden ist. Einer von uns.

  

Musik

  

Aber wo merke ich, dass Weihnachten für mich im Alltag Wirklichkeit wird? Weihnachten konkret? „Weihnachten in drei Worten“ etwa? Was könnte das sein? Vielleicht: Geschenke, Gefühle, Geborgenheit? Oder: Lichter, Lametta und Leckereien? Vielleicht. Zumindest fällt mir das schnell ein, wenn ich mich bei manchem Tannenbaum umblicke. Da gibt’s aber auch die Weihnachtskrippe – und wenn ich genau hinsehe, dann entdecke ich da vielleicht auch einen Engel mit einem Spruchband: „Fürchtet euch nicht!“, steht da. Für mich ist DAS Weihnachten. Weihnachtsbotschaft konzentriert. Weihnachten in drei Worten: Fürchtet euch nicht! - Habt keine Angst! Sagt sich leicht. Denn manche Sorgen auch in diesen Vorweihnachtstagen sind alles andere als weihnachtlich: Da ist jemand krank in der Familie; jemand hat seine Kündigung auf dem Tisch und weiß nicht, wie es weitergeht. Und auch manche Nachrichten aus der Welt bieten statt Weihnachten eher Weltuntergang. So scheint es. Da muss ich aufpassen,  nicht abzustumpfen. Oder mich auf der anderen Seite auch nicht in Panik versetzen zu lassen. „Habt keine Angst!“ - die Botschaft der Engel zu Weihnachten: Das klingt dann vielleicht wie das Pfeifen im Wald. Aber Angst ist immer ein schlechter Ratgeber: für „besorgte Bürger“ und für die, die Entscheidungen treffen müssen. Oder wenn ich Weichen stellen will – etwa für das neue Jahr. Wie wird das? Was wird kommen? Bleibe ich gesund? Was passiert mit meiner Arbeit? Angst macht nichts besser. Lähmt. Macht hilflos. Umso wichtiger ist mir dieses Weihnachten in drei Worten: Habt keine Angst! - Fürchtet euch nicht! Ganz konkret: Ich will mich nicht von der  Sorge leiten lassen, dass ich immer zu kurz komme und alle sich gegen mich verschworen haben! Ich will mir keine Angst machen lassen von denen, die von meiner Angst profitieren, weil sie damit meine Meinung im Griff haben! Ich will mir keine Angst einreden lassen, dass ich so gar nichts tun kann für mein Glück, dass ich ausgeliefert bin dem Spiel der Macht und der Mächtigen. Oder dem Bösen, der Hölle. Ich weiß, leichter gesagt als getan! Einfacher ist es, einfachen Antworten zu glauben. Aber wirkliche Lösungen bietet das Schwarz-Weiß mir ja auch nicht. Dagegen helfen mir die drei Worte von Weihnachten: „Fürchtet euch nicht!“ Ist auch nur eine kurze Antwort, hat aber eine lange Geschichte in der Menschheit. Schon seit Jahrtausenden vertrauen Menschen darauf. Und finden dort Halt und Zuversicht, wenn sie vom Kind in der Krippe hören und lesen – und sich berühren lassen: Gott wird Mensch. Das, was Gott uns da zusagt, hat im wahrsten Sinn des Wortes Hand und Fuß. Das hilft mir auch, wenn es trotz all der Lichterketten ganz dunkel wird in meinem Leben. Denn dann kann ich glauben, hoffen und vertrauen, dass Gott einer von uns ist, mich nicht allein lässt, was auch kommen mag. „Fürchtet euch nicht!“ Dann wird Weihnachten wahr.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30074
08SEP2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Guten Morgen! - Wie oft wohl schon hat er diese Geschichte erzählt? Wie das war damals. Das wird Pfarrer Klaus Mayer immer wieder gefragt. Wie das war - mit dem großen Künstler Marc Chagall und den Kirchenfenstern in St. Stephan in Mainz. Und er wird nicht müde zu antworten. Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt: Von Marc Chagall und dessen Frau Vava. Sie hat ihm Mut gemacht: „Man muss nur glauben, dann wird es auch!“, hat sie gesagt, als er als Pfarrer die verwegene Idee hatte, dass Chagall die Fenster von St. Stephan gestalten könnte.

Er berichtet von einem Brief, den er an den Künstler geschrieben hat; von der ersten Begegnung und den vielen, die dann folgten und zur Freundschaft wurden. Ihm ist es ein Herzensanliegen, wenn er erzählt von der Kunst und immer aktuellen biblischen Botschaft der Fenster; wenn er erzählt vom christlich-jüdischen Dialog, der ihm, dem Priester und Sohn eines jüdischen Vaters, so wichtig ist; von Frieden und Versöhnung nach dem Krieg und von einer himmlischen Sehnsucht, von der man im tiefen Blau der Kirchenfenster von St. Stephan in Mainz schon etwas ahnen kann.

Hunderttausende kommen jährlich in die Kirche in Mainz, um ihr „blaues Wunder“ zu erleben. Auch ich bin immer wieder gern dort. Ich bin beeindruckt vom tiefen Blau. Beeindruckt von der Vielfalt der Farben in diesem Blau. Beeindruckt von den biblischen Motiven von der Schöpfung bis zur Vollendung der Welt, die je nach Tageszeit von den Sonnenstrahlen durchflutet werden und ihren Widerhall dann im Kirchenraum finden. Beeindruckt aber auch von Klaus Mayer, diesem kleinen, fast unscheinbaren Mann, der da mit seinen 96 Jahren am Mikrofon im Mittelgang steht.

Mit manchmal leiser, manchmal sich überschlagender Stimme erzählt er begeistert und begeisternd von dem, was man da sieht: Da sind Frauen und Männer aus der Bibel in den Fenstern dargestellt: Adam und Eva, David und Batseba, Deborah und Elija, Maria und Jesus. Ein Motiv haben Sie vielleicht schon als Briefmarke in der Hand gehabt: Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm: Das war in himmlischem Blau die Weihnachtsbriefmarke im letzten Jahr. Maria mit dem Kind im Arm ist im selben Fenster zu sehen, in dem daneben etwas größer auch das Kreuz steht. Das Kreuz, an dem Jesus mit ausgebreiteten Armen dann selbst den Betrachter in die Arme zu schließen scheint: Grenzenlose Liebe bis in den Tod! Und immer wieder ist da in den Fenstern der Regenbogen zu sehen: Das Zeichen, das Himmel und Erde, Gott und Menschen verbindet. Klaus Mayer berichtet begeistert davon: „Die Fenster machen uns so froh“, hört er immer wieder von Besuchern. Und ihm geht es genauso: Die Farben, die Motive, die Botschaft. Die spielen zusammen in eine Predigt in Bildern. Das trifft ins Herz. Für Klaus Mayer und viele Besucher von St. Stephan ist das – ganz wörtlich und in mehrfacher Hinsicht - einfach wunderbar.

 

Teil 2:

Heute geht es in den Sonntagsgedanken um die bleibende biblische Botschaft der Chagall-Fenster in der Kirche St. Stephan in Mainz. Vor 40 Jahren wurden die beiden flankierenden Mittelfenster eingebaut und eingeweiht. 

Der jüdische Künstler Marc Chagall rückt mit seinem Werk die christliche Botschaft in den Blick. So erinnert er an das, was die Religionen im Glauben verbindet. Dass er als russisch-französischer Künstler für eine deutsche Kirche arbeitet, ist auch ein Zeichen der Versöhnung zwischen den einst verfeindeten Nationen. Das ist auch ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus und Nationalismus, die heute leider wieder aktuell geworden sind. Da erinnert das Werk von Marc Chagall daran, dass Frieden über alle Grenzen von Religionen und Nationen hinweg ein Kernanliegen der Kirche ist. Und auch, wenn das Kreuz von manchen missbraucht wird für pseudoreligiöse Zwecke, um sich abzugrenzen und über andere zu erheben. „Biblische Botschaft ist immer brandaktuell“. Das ist so ein Satz, den ich von Pfarrer Mayer gehört habe. Er schlägt in seinen Meditationen zu den Fenstern im Lob der Schöpfung den Bogen zu den ökologischen Katastrophen unserer Tage. Er schlägt den Bogen von der biblischen Botschaft der grenzenlosen Liebe Gottes zu den Gefahren durch Hass, Abgrenzung und Nationalismus. Klaus Mayer tut es auch, weil er selbst als Sohn eines jüdischen Vaters am eigenen Leib erfahren hat, was Menschen Menschen antun können, wenn sie sich durch menschenverachtende und gottlose Ideologie treiben lassen.

Viele seiner Familienangehörigen wurden in der Nazizeit ermordet oder haben sich verzweifelt das Leben genommen. So kann man die weiteren Kapitel der Lebensgeschichte von Klaus Mayer besser verstehen. Auch die Geschichte der Fenster von St. Stephan vom jüdischen Künstler Marc Chagall: Trotz aller Leiden und Abgründe der Menschheitsgeschichte, die es bis heute gibt - und die der Künstler nicht beiseite gelassen hat, sind es Bilder, die froh machen - heilsam sind. Sie erzählen ganz wörtlich „Heilsgeschichte“ von Gott mit den Menschen. Wie sagte Vava Chagall, die Ehefrau des Künstlers, zu Klaus Mayer: „Man muss nur glauben, dann wird es auch!“ Vielleicht ist auch das eine Botschaft für heute, die auch in den Fenstern steckt. Dass mit menschlichem Tun und mit Gottes Hilfe aus der Kraft des Glaubens und Vertrauens so manches mehr möglich wird als erwartet: Strahlend und wunderbar. Wie das blaue Wunder von Mainz.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29351
26MAI2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wieviel Zeit braucht man, um die Welt ein bisschen besser zu machen? Die Antwort ist gar nicht so einfach: eine Sekunde? Oder ein ganzes Leben? Wahrscheinlich stimmt beides. Es kommt drauf an, was man in dieser Zeit tut, was man mit der Zeit anfängt. Ganze 72 Stunden – drei Tage – haben sich junge Menschen aus katholischen Jugendverbänden und darüber hinaus gerade Zeit genommen. Seit Donnerstag, 17:07 Uhr. Und bis heute Nachmittag, genau um 17:07 Uhr. Dann endet die so genannte „72-Stunden-Aktion“ des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend – kurz BDKJ. Auf die Minute 72 Stunden nachdem sie begonnen hat: Die 72-Stunden Aktion: das ist die größte Sozialaktion Deutschlands: Bundesweit engagieren sich rund 80.000 junge Menschen – auch bei uns im Sendegebiet: von Köln bis Konstanz, von Freiburg bis Frankfurt von Aalen bis Trier setzen sich junge Engagierte aus katholischen Jugendverbänden und vielen weiteren Gruppen für Mitmenschen, für die Umwelt, für Solidarität und Gerechtigkeit, für Bildung und für ihr unmittelbares Zuhause ein. Es geht darum, in 72 Stunden ein konkretes soziales Projekt umzusetzen: Zum Beispiel ein Insektenhotel bauen, den Spielplatz ausbessern, ein Unterhaltungsprogramm für das Seniorenheim veranstalten. Auch die Europawahlen sind Thema: Demokratiebänke laden zum Austausch über das, was jungen Menschen in Europa wichtig ist ein. Es geht um Projekte zu Themen wie Ökologie, Inklusion, Integration, Demokratie oder das Zusammenleben der Generationen. „Die jungen Leute möchten mit ihrem Engagement die Welt ein Stück besser machen, indem sie sich für andere einsetzen, sich mit politischen Themen auseinandersetzen und gemeinsam etwas Großes schaffen“, sagt etwa die Trierer Bistumsvorsitzende der Katholischen Jugend, Susanne Kiefer. Von wegen unpolitisch. Von wegen „nichts mehr los“ mit „der Jugend von heute“: Ganz im Gegenteil. 80.000 junge Menschen in ganz Deutschland machen die Welt gerade ein bisschen besser. Das Leitwort dabei: „Uns schickt der Himmel“. Nicht umsonst ist die Idee zur 72-Stunden-Aktion auf kirchlichem Boden entstanden: Für Christen gehört Gottes- und Nächstenliebe über die Grenzen von Nationen und Religionen hinweg untrennbar zusammen. Nicht frommes Reden allein – konkrete Taten zeigen, wie der Glaube lebendig wird. Bei Jesus ging es auch nicht nur um fromme Reden. Er hat angepackt und vorgelebt, was er verkündet hat. Das nehmen sich die jungen Leute zum Vorbild. Statt zu lamentieren, machen sie's einfach: Ganz wörtlich nach dem Motto: „Ich glaub' – da geht was!“ 

Teil 2

Heute geht es in den Sonntagsgedanken um die 72 Stunden-Aktion des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend: die größte Sozialaktion in Deutschland von Jugendlichen für Jugendliche.

In 72 Stunden organisieren also junge Menschen ein Projekt: beleben einen Fischteich, renovieren einen Jugendraum, organisieren ein Konzert für andere, besuchen Alte und Kranke: 72 Stunden geschenkte Zeit. Die 72-Stunden-Aktion bedeutet: sich voll und ganz einzubringen, an Grenzen zu gehen, sich selbst, seine Zeit und Energie in den Dienst für andere zu stellen. Kinder und Jugendliche übernehmen Verantwortung und zeigen, dass sie in der Gesellschaft mitmischen. Ein christliches Zeugnis gegen Sozialneid und für Solidarität – so aktuell und so wichtig, gerade heute! Und auch über die Grenzen Deutschlands und Europas hinweg macht die Aktion mobil. Denn es gibt auch über 30 Gruppen in 13 anderen Ländern die dabei mitmachen: von Bosnien bis Bolivien. Von Pakistan bis Peru, von Rumänien bis Südafrika: Grenzüberschreitend. So geht Weltkirche.

72 Stunden im Einsatz zu sein, bedeutet nach biblischem Vorbild, immer hilfsbereit zu sein, wo Menschen Solidarität brauchen. Die Zahl 72 steht für die Fülle: Im Buch Genesis in der Bibel wird von 72 Stämmen als Urvölker der Erde gesprochen. Jesus sendet nach dem Bericht des Lukas-Evangeliums 72 Jünger aus, bis an die Enden der Erde, das heißt überall hin. Die Zahl 72 steht für die umfassende Vollkommenheit, für Ausdauer und Kontinuität. Und dazu sind 72 Stunden genau drei Tage. Jesus ist drei Tage nach seinem Tod auferstanden, berichtet die Bibel. Drei Tage von Karfreitag bis Ostern. In 72 Stunden kann die Welt sich grundlegend verändern.

So ist es kein Zufall, dass die Aktion „72 Stunden-Aktion“ heißt: Das bedeutet nämlich auch, es geht weiter und es gibt neue Perspektiven, auch wenn die Uhr heute Abend abgelaufen ist. Der Einsatz für den Nächsten kann nicht begrenzt und folgenlos bleiben. Die gute Tat, die Solidarität mit Bedürftigen, so ein Lebens- und Glaubenszeugnis der Christen in der Welt bleibt gefordert und gefragt. Wie lange braucht man also, um die Welt ein bisschen besser zu machen? 72 Stunden? Eine Sekunde – oder doch ein ganzes Leben? Es kommt drauf an, was man mit der Zeit anfängt. Daher – finde ich – haben alle ein Riesen-Kompliment verdient: die Jugendlichen und die erwachsenen Helferinnen und Helfer, die Sponsoren und Paten, die in diesen drei Tagen im Einsatz für die gute Sache sind! Euch schickt wirklich der Himmel!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28718

Kennen Sie Greta Thunberg? Vielleicht erinnern Sie sich an das 16-jährige Mädchen, das bei der Weltklimakonferenz in Kattowitz den versammelten Diplomaten und vor wenigen Tagen beim Weltwirtschaftsforum in Davos den Mächtigen ins Gewissen geredet hat: „Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt. Denn das tut es“, hat sie da gesagt. Und weiter: „An Orten wie Davos erzählen Menschen gerne Erfolgsgeschichten. Aber ihr finanzieller Erfolg hat ein unvorstellbares Preisschild. Und beim Klimawandel müssen wir anerkennen, dass wir versagt haben.“ Das ging durch die Medien. Greta Thunberg hat auch die Aktion „Streik für's Klima“ ins Leben gerufen. Freitags gehen jetzt auch bei uns Schülerinnen und Schüler auf die Straße, um für den Klimaschutz zu protestieren. Greta Thunberg. 16 Jahre. Aus Schweden. Ein Phänomen. Von manchen belächelt, von anderen beschimpft, aber auch bewundert. Eine Prophetin unserer Tage wird Greta Thunberg gar genannt. - Propheten? Gibt's die nicht vor allem in der Bibel und in der Kirchengeschichte? Da sind Frauen und Männer: Jesaja, Ezechiel und Jeremia gehören dazu, Deborah und Miriam, aber auch Amos, der den Mächtigen seiner Zeit ins soziale Gewissen redet und sie zur Besinnung ruft. Oder Jahrhunderte später Hildegard von Bingen oder in der Neuzeit Oscar Romero. Ja, Propheten gibt es wohl auch heute noch. Menschen, die oft unbequem sind, hartnäckig sind, auf die Nerven gehen. Nicht selten erkennt man erst im Nachhinein, wie Recht sie doch hatten. Sie drängen sich nicht von sich aus ins Rampenlicht. Aber wenn sie ihre Mission gefunden haben, sind sie nicht mehr zu stoppen. „Im eigenen Land“ gelten Propheten dabei sprichwörtlich nicht viel. Das weiß schon die Bibel. Im eigenen Umfeld werden sie oft verächtlich gemacht, verspottet, verdrängt. Weil ich mich ertappt fühle bei dem, was sie aufdecken. Weil ich nicht wahrhaben will, was sie sagen. Weil sie meine eigene Bequemlichkeit in Frage stellen. Das will ich mir ja nur ungern sagen lassen.  Andererseits gilt auch: Nicht jeder, der große Reden schwingt und damit im Rampenlicht steht, ist schon ein Prophet. Schon in der Bibel wird ausdrücklich vor „falschen Propheten“ gewarnt, die nur den eigenen Nutzen, das eigene Prestige suchen. Wie aber soll ich erkennen, was „echt“ und was „falsch“ ist? Vielleicht steckt die Lösung schon im Wort selbst. In der Sprache des Alten Testaments, im Hebräischen, heißt Prophet übersetzt „nabi“. Das wird fast genauso ausgesprochen wie die Kurzform „Navi“ für die Navigationsgeräte etwa im Auto. Und vielleicht ist genau das das beste Erkennungszeichen: Propheten sagen, wo’s langgeht, damit das Leben ans Ziel kommt, damit Leben gelingt.

Aber Propheten gelten in der Heimat wenig, das ist sprichwörtlich. Vielleicht liegt es daran, dass es für das Prophetische den Blick von außen braucht, dass man denen mehr glaubt, die man nicht schon von Klein auf kennt, deren Argumente, Denkweisen und Ansichten nicht schon hundertfach gehört wurden: also nicht die Ansicht des Kollegen, des Familienmitglieds, des Politikers aus der Region. Dann lieber fremde Querdenker: Ein 16-jähriges Mädchen vor einer Versammlung von erfahrenen Diplomaten. Oder eine Frau in der Männerdomäne Kirche. Oder ein Argentinier in Rom – so wie Papst Franziskus. Ja, ich glaube, auch der Papst ist ein Prophet unserer Tage. Und vielleicht wird man das, was er Prophetisches sagt, erst in einigen Jahren und Jahrzehnten richtig merken und anerkennen: zur Würde aller Menschen, gleich welcher Herkunft; zur globalen, wirtschaftlichen und sozialen Gerechtigkeit; zu Fragen des Klimaschutzes und der Bewahrung der Schöpfung im gemeinsamen „Haus Erde“. Prophetisches setzt sich leider oft nur sehr mühsam durch. Nach Generationen. Propheten sind dabei nicht einfach „Wahrsager“, die in die Glaskugel blicken. Sie können das, was sie – oft zu Recht – kritisieren, nicht selbst ändern. Sie geben sich nicht selbst den Auftrag, sind keine Erlöser, nehmen sich nicht selbst zum Maßstab. Wenn die Bibel von Propheten spricht, dann finde ich immer spannend, wie sie zu ihrem Auftrag kommen. Oft fühlen sie sich gar nicht geeignet dafür, zu jung, zu unerfahren, zu schwach. Doch Gott traut gerade ihnen zu, dass sie etwas bewegen können, mit der Macht des Wortes. Das finde ich faszinierend. Es sind gerade nicht die Reichen und Mächtigen, mit denen Gott Großes vorhat. Es sind oft die Unscheinbaren, die sich am Ende durchsetzen, weil Gott ihnen den Rücken stärkt. Ich bin kein Prophet. Aber gerade wenn ich das Gefühl habe, dass ich eh nichts machen kann, nichts verändern kann, zu schwach, zu jung, zu unerfahren bin. Dann macht mir das Beispiel vieler Propheten Mut, es trotzdem zu versuchen. In der Hoffnung, dass Gott damit doch etwas anfangen kann; etwas bewirken kann, was am Ende vielleicht die Welt bewegt. In kleinen Schritten, in kleinen Zeichen, mit einfachen Worten – prophetisch: nachhaltig und unaufhaltsam.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28075

Teil 1 – Allerheiligen – alle Heiligen...

Heute ist Allerheiligen, ein „katholischer“ Feiertag. Und trotzdem ein Feiertag für alle in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg – ob katholisch oder nicht. „Praktizierend“ oder nicht. „Gläubige Katholiken bringen heute Kerzen an die Gräber ihrer Verstorbenen“, berichten die Nachrichten wieder. Aber was sind denn „gläubige“ - was „praktizierende“ Katholiken? - Dem gängigen Klischee nach bedeutet das: Wer in die Kirche – oder heute zur Gräbersegnung geht, ist „praktizierend“. Aha. Und derjenige ist dann auch gegen die üblichen Themen wie „Abtreibung“, „Homoehe“, „Gender“: das Klischee lebt. Für mich ist die katholische Kirche aber viel bunter, viel alltagstauglicher und alltagsrelevanter als so eingeengt auf drei, vier Klischees. Mich ärgert, wenn manche meinen, das sei alles, was einen „praktizierenden Katholiken“ ausmacht. Am meisten ärgert mich das, wenn es Katholiken sind, die das so vermitteln. Denn wie oberflächlich ist es, wenn einer sich als „praktizierend“ sieht, weil er ein, zwei ihm genehme Themen herausgreift, dafür aber im schlechtesten Fall den ganzen Rest ignoriert? Albert Schweitzer wird der Satz zugeschrieben: „Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er in die Kirche geht, irrt. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in die Garage geht.“

Heute ist Allerheiligen. Da feiert die Kirche – wie der Name sagt – alle Heiligen: eine bunte Schar von Katholiken mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten. Als wenn deren Leben vor allem aus Kirchgang, Gender und Sexualmoral bestanden hätte?! Da ist eine Mutter Teresa, die sich um die Ausgestoßenen der Gosse von Kalkutta gekümmert hat, ebenso wie eine Edith Stein, die als Jüdin geboren und als Ordensfrau in Auschwitz von den Nazis ermordet wurde. Da ist die Visionärin des Mittelalters, Hildegard von Bingen, die es den Mächtigen ihrer Zeit nicht leicht gemacht hat, genauso wie in unseren Tagen ein Erzbischof Oscar Romero, der für die Armen und Ausgegrenzten in El Salvador eintrat - und vom Militärregime ermordet wurde. Da ist ein Franz von Assisi, der die Kirche erneuert hat, ebenso wie ein Martin von Tours, der uns anspornt, Glauben, Leben und viel mehr zu teilen. Da ist ein Nikolaus von Myra, an den sich nicht nur die Kinder gerade in der Adventszeit gerne erinnern, und da ist ein Papst Johannes XXIII., der in den kurzen Jahren seiner Amtszeit die Kirche ganz schön durcheinander und auch auf Vordermann gebracht hat. Heilige sind für mich „praktizierende Katholiken“; weil sie „Katholiken für die Praxis“ sind: Weil sie uns mit ihrem Lebensbeispiel mutig und treu, unkonventionell und alltagsnah dem Himmel ein Stück näher bringen: Vorbildlich. Als Freunde Gottes. Nicht nur heute, an Allerheiligen.

 

Teil 2 – Heilig sein und werden – wie geht das?

In den katholischen Gottesdiensten wird heute Morgen eine Stelle aus der Bergpredigt Jesu vorgelesen. Da steht auch, wie das geht, vielleicht auch als Anregung für mein eigenes Leben: „Selig, die arm sind vor Gott“, sagt Jesus, „denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Das heißt auch: Wenn ich weiß, dass ich nicht alles selbst und aus eigener Kraft machen kann, dann kann ich mich glücklich schätzen, denn ich habe erkannt, dass Gott allein der Geber aller Gaben ist. Das hat dann auch Auswirkungen auf meine Weltsicht. Zum Beispiel auf die Erkenntnis, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch gut ist für unsere Zukunft. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Das heißt auch: Wenn ich trauere, lasse ich Gefühle zu. Ich weiß, was ich verloren habe, bin nicht hart und obercool. Deshalb kann ich mich glücklich schätzen, denn ich habe den unschätzbaren Wert erkannt, den jeder Mensch und die Schöpfung Gottes haben. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Das heißt auch: Nicht der eigene Vorteil ist entscheidend. Der Lohn, die Macht, die Anerkennung. Wenn mir Gerechtigkeit mehr wert ist als der eigene Profit, dann kann ich mich glücklich schätzen. Ich bin Teil einer besseren Welt, von der ich am Ende selbst profitieren werde und mit mir viele andere.

Papst Franziskus hat im März ein Rundschreiben an die katholische und außerkatholische Welt geschickt mit dem Titel: „Über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute.“ Sein Anliegen: Heiligkeit nicht nur als ein wirklichkeitsfernes Ideal von denen zu betrachten, die mal selig- oder heiliggesprochen wurden. Es geht darum, das im eigenen Alltag zu suchen, was selig macht – sozusagen als „Heiligkeit von nebenan“. Jeder und jede hat die innere Kraft dazu, von Gott geschenkt: Davon ist der Papst überzeugt. Da gilt es, auf Entdeckungsreise zu gehen im eigenen Umfeld. „Ermutigen wir uns gegenseitig in diesem Anliegen. So werden wir ein Glück teilen, das uns die Welt nicht nehmen kann“, schreibt der Papst. Das geht über den Tod hinaus. Und deshalb ist „Allerheiligen“ ein Grund zum Feiern, auch auf den Friedhöfen: Weil die Möglichkeit heilig zu werden schon heute und hier beginnt. Und: Weil im Himmel noch Platz ist – für Selige und Heilige, für Menschen wie dich und mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27464

Teil 1 – Management-Tipps aus dem sechsten Jahrhundert

Was macht einen guten Chef aus? Wer einen hat, kann sich glücklich schätzen. Wer selbst einer ist, umso besser. Wer einer werden will, kann das in Seminaren lernen. Versprechen zumindest die Anbieter solcher Seminare. Aber was macht nun einen guten Chef aus? Reicht es schon, wenn er einfach der Gehaltserhöhung zustimmt? Nunja, das wäre wohl zu wenig. Ein Job ist ja nicht nur Geldverdienen. Auf der Arbeit verbringe ich die meiste Zeit der Woche. Mit Kolleginnen und Kollegen, mit dem Chef. Da geht es nicht nur ums Geld. Auch auf das Miteinander kommt es an. Und auf Abläufe. Ich hatte bisher meist Glück mit meinen Chefs. So unterschiedlich sie waren. Am liebsten waren mir Chefs, die klare Aufträge gegeben haben. Bei denen ich wusste, wo ich dran bin, auch wenn ich nicht immer einverstanden war. Anderen ist es vielleicht lieber, wenn sie möglichst viele Freiräume haben. Möglichst viel selbst entscheiden können. Aber ein Chef, der es gut meint mit der Firma im Ganzen und mit den unterschiedlichen Mitarbeitern, der das Ohr bei den Mitarbeitern und die Gedanken beim nächsten Ziel hat, der kann gern auch klare Ansagen machen. Hilft oft und gibt Orientierung. Das ist schon lange bekannt. Eine weit über tausend Jahre alte „Stellenbeschreibung“ für einen guten Chef stammt aus dem Kloster. Der heilige Benedikt hat sie für seinen Orden im sechsten Jahrhundert aufgeschrieben. Die Tipps von ihm sind heute in Managerseminaren wieder voll im Trend. Der Chef des Klosters, der Abt, soll nach der Benediktsregel durchaus streng sein. Da gibt es sogar ziemlich harte Strafen für die, die den Anweisungen nicht folgen. Aber Benedikt hat in seiner Ordensregel auch klar beschrieben, was für den Chef selbst gilt: Er soll mehr durch sein Tun als durch sein Reden auffallen. Er soll auch auf den Rat von denen hören, die jünger und nicht so routiniert sind, denn sie haben vielleicht gute neue Ideen. Wenn er das berücksichtigt, soll der Chef frei entscheiden – und alle müssen sich daran halten. Ohne Widerrede. Ein guter Chef muss also zuhören können und dann  ebenso klar sein in dem, was er anordnet. Er muss das Gute für alle suchen. Ein Spagat und sicher nicht einfach. Man könnte das „dienen von oben nach unten“ nennen, so komisch das klingt. Aber es funktioniert: „Dienen von oben nach unten“. Kirchliche Tipps fürs Arbeitsleben, jahrhundertealt – und doch heute wieder irgendwie innovativ.

Teil 2 – Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes

Der heilige Benedikt hat in seiner Ordensregel im sechsten Jahrhundert das „Dienen von oben nach unten“ beschrieben: Der Klostervorsteher muss zuhören können und Bodenhaftung haben. Dann aber auch klare Ansagen machen, an die sich alle halten müssen. Nicht einfach jeden machen lassen, wie er will. Das wäre orientierungslos. Oder, wie es heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten in einer Geschichte aus der Bibel heißt: „Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Wer sich orientieren will, braucht Leitung, Führung und Führungs-Kraft – im wahrsten Sinn des Wortes. Wie ein guter Hirte für die Schafe. Das macht eine gute Führungskraft aus: Das Gute für alle im Blick haben und verlässliche Ansagen machen. In der Kirche von heute wünschen sich manche, die besonders streng sind, klarere Ansagen – etwa vom Papst. Manche werfen ihm gar Führungsschwäche vor. Andere kritisieren dagegen, wenn der Papst etwas sagt, was ihnen nicht passt. Ist der Papst denn ein schlechter Chef? Die Antwort gibt – so finde ich – ein Kinofilm, der gerade läuft: „Papst Franziskus, ein Mann seines Wortes“, heißt er. Hauptdarsteller ist der Papst selbst. Es ist ein Dokumentarfilm. Der Regisseur Wim Wenders hat den Papst in seinem Alltag beobachtet, seine Auftritte, seine Begegnungen mit Menschen etwa im Krankenhaus und im Gefängnis, in großen Audienzen und in persönlichen Momenten. Und er hat ihn interviewt und befragt dazu, was ihm wichtig ist und wie er die Welt sieht.  Barmherzigkeit. Glaube als zärtliche Begegnung mit Gott. Menschen an den Rändern und im Abseits in den Blick zu nehmen. Darüber nachzudenken, was das, was wir hier tun und lassen, mit den globalen Fragen von Umwelt, Gerechtigkeit und Frieden zu tun hat. Das und noch viel mehr zeigt der Film in eindrucksvollen und bewegenden Bildern. Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes. Das Wort – und die Macht der Bilder, das ist seine Führungskraft. Seine Stärke. Das wirkt sich auch auf die Mitarbeiter aus. Das, was ihn für mich zu einem guten Chef macht: Er hat das Ohr bei den Menschen. Und er sagt, was er denkt und will. Nicht als Basta-Befehl, sondern so, dass doch auch jeder noch genügend Freiheit zum Selber-Entscheiden hat. Ich glaube, der Titel des Kinofilms meint dazu noch ein anderes Wortspiel: Papst Franziskus – ein Mann „Seines“ Wortes: Gottes Wortes also. In dem, was er sagt und tut, greift der Papst das auf, was Menschen heute bewegt. Der Papst beeindruckt damit auch Menschen, die gar nicht zur Kirche gehören. Auch für sie ist sein Wort glaubwürdig. Und so ist er, finde ich, Vorbild für Chefs – und Mitarbeiter auch heute. Als guter Hirte, als Chef der Kirche und als Führungskraft, die Orientierung gibt. Auf ein Wort: Dieser Papst zeigt Führung mit Kraft. Das ist ganz großes Kino!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26886