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Fest Christi Himmelfahrt

„ meint Unterbrechung. Meint auch Innehalten!“ 

Ich treffe mich mit Claudia Sticher. Sie ist Theologin und Referentin
im Bischöflichen Ordinariat im Bistum Mainz. Sie ist Autorin und hat schon einige Bücher veröffentlicht. Die Bibel hat es ihr in besonderer Weise angetan.  Wir treffen uns, um uns über den heutigen Feiertag „Christi Himmelfahrt“ auszutauschen. Warum geht es an diesem Feiertag?

Jesus muss seine Jünger, muss die Erde wirklich erst verlassen und ganz in den Himmel zu seinem Vater gehen, damit er von dort aus wirken kann.     

Foto: Harald Opitz privat 

Man könnte sagen: Die Tag von Himmelfahrt bis Pfingsten sind heikle Tage, nämlich eine Zeit noch ohne den Geist, ohne den Beistand, wo Kirche noch nicht komplett erlebt werden kann.

Als die Jünger – so steht es in der Bibel – davon hören, dass Jesus weggehen möchte, „in den Himmel auffahren wird“, können sie das nicht verstehen.  Ihre Reaktion auf diesen Wunsch ist für Claudia Sticher völlig normal.

Das ist ja der Wunsch der Jünger, dass der Herr bei ihnen bleibt. Aber er muss ja ganz und gar gehen, und so kann seine Botschaft dann weitergehen. Wenn er die Grenze von Raum und Zeit auf diese Weise hinter sich lässt.

Nach Ostern, also noch vor seiner Himmelfahrt, erscheint Jesus den Jüngern immer wieder. Nach seinem Tod am Kreuz waren seine Anhänger niedergeschlagen und mutlos geworden. Die Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus richtet sie wieder auf. Und jetzt soll Jesus einfach wieder gehen, und zwar endgültig?

Die Jünger brauchen diese Zeit, um zu verstehen, dass Jesus wirklich lebt, wenn er ihnen noch erscheint. Aber dann muss er wirklich auch ganz gehen. Und so können wir sagen: Himmelfahrt ist für die Jünger der endgültige Abschied vom irdischen Leben Jesu.

Abschiednehmen tut weh.  Das macht diesen Feiertag „Christi Himmelfahrt“ so schwierig. Dann macht mich Claudia Sticher in unserem Gespräch auf etwas Wichtiges aufmerksam.

Die Jünger erkennen en Auferstandenen nach Ostern, und sie erkennen ihn ganz besonders an seinen Wunden. Es ist immer noch sein Leib, es ist auch immer noch sein geschundener Leib, aber der ist verklärt. Und wenn dieser ganze Mensch mit der Lebensgeschichte, mit den Wunden, mit allem, was da war, jetzt ganz zu Gott geht, dann ist damit auch die Menschheit bei Gott.

Claudia Sticher formuliert hier die Hoffnung, wie Jesus auch „in den Himmel aufgenommen zu werden“. Auch das feiern wir als Christen an Christi Himmelfahrt. Es geht um uns.

Das finde ich am Christentum und an diesem Feiertag so wichtig zu sagen: Es geht um den Menschen in seiner ganzen Leiblichkeit und mit seiner ganzen Lebensgeschichte. Und der wird aufgenommen.

„Man darf etwas nicht festhalten für alle Ewigkeit!“

Claudia Sticher  ist Theologin und Buchautorin und arbeitet als Referentin beim Bistum Mainz. Christi Himmelfahrt, das ist nicht nur etwas für Theologen und für Wissenschaftler. Dieser Feiertag lockt ins Freie und sucht die Gemeinschaft.

Die wichtigsten Kindheitserinnerungen sind Radtouren am Main, also ich wohne direkt am Main. Dann gingen Radtouren bis nach Seligenstadt, und ehrlich gesagt war manchmal das Eisessen sogar wichtiger als in die altehrwürdige Basilika zu gehen.

Claudia Sticher ist 46 Jahre alt und lebt in Offenbach am Main. Der christliche Glaube wurde im elterlichen Haus grundgelegt. Die christlichen Feiertage wurden festlich begangen.  Sie erinnert sich, 

…dass ich über Christi Himmelfahrt das erste Mal alleine auf einen Katholikentag fahren durfte. Das war dann sehr schön, diese große Glaubensgemeinschaft zu erleben.

Zu den Traditionen vor Christi Himmelfahrt gehören Prozessionen durch Land und Feld.

Man trifft sich an einem Wegkreuz in den Feldern und betet und bittet um eine gute Ernste. Da gehören feste Psalmen dazu und ein Segen über die Felder. Ich finde es sehr schön, dass viele Menschen wieder dieses Bewusstsein haben. Wir sind abhängig von der Natur, und es ist nicht selbstverständlich, dass Jahr für Jahr eine gute Ernte kommt, dass es um ein Gelingen geht, das der Mensch letztlich nicht in der Hand hat.

Unterwegs sein – aber mit Bollerwagen, kühlen Getränken und mit Freunden. Christi Himmelfahrt ist für viele einfach nur noch der Vatertag. Das weiß auch Claudia Sticher.

Mit den ganzen alkohol-getränkten Ausflügen kann ich weniger anfangen. Ein letzter Rest, den man festhalten kann: Wenn eine Gesellschaft an ein und demselben Tag frei hat, dann ist das immer noch etwa, was Gemeinschaft stiftet.  Letztlich müssen wir ehrlich sein, die kirchlichen Feiertage werden von immer weniger Menschen sehr tief und sehr aktiv begangenen. Dennoch glaube ich, dass sie die Kultur prägen.

Ob man die christlichen Feiertage dann nicht besser abschaffen sollte, frage ich Claudia Sticher. Das will sie nicht.

Feiertag meint Unterbrechung. Meint auch Innehalten. Meint, mit Gruppen, Freunden, Kreisen etwas unternehmen zu können. Es gehört auch der Gottesdienst dazu  oder einfach in schwächerer Form Gott einmal die Ehre zu geben, weil ich Zeit habe für andere Fragen, weil ich nicht an die Arbeit denken muss. Das gehört zum Feiertag mit dazu.

Der Feiertag Christi Himmelfahrt unterbricht den Rhythmus der Woche. Er steht für Veränderung, er steht dafür,

Dass man da unterwegs ist, dass es nicht bei der Versuchung bleiben kann wie es die Jünger am liebsten hätten: Lasst uns 3 Hütten bauen. Lasst uns den Moment für alle Ewigkeit festhalten. Sondern dass man unterwegs ist, dass man sich auf den Weg macht, dass man noch nicht da ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24216

„Musik – das ist keine Arbeit! Das ist wie ein Gespräch!“

Ich treffe mich mit Franz Stüber. Der 27-jährige ist ein etablierter
Jazz-Musiker und Dirigent eines Kirchenchores. Seit 7 Jahren leitet er den katholischen Kirchenchor Cäcilia in Bingen-Büdesheim. Ein Jazz-Musiker,
der einen Kirchenchor leitet? Geht das zusammen? Franz Stüber sieht das gelassen.

Diese Möglichkeiten, die sich da bieten, mit ner Gruppen einen Klang zu produzieren, hat mich immer gereizt. Was dann entstanden ist, ist vielmehr
die Freude, zu sehen, dass die Menschen gerne zusammen kommen, beisammen sitzen und Musik machen.

Wie fast alle Kirchenchöre ist auch der Kirchenchor Cäcilia überaltert. Es gibt kaum junge Sängerinnen und Sänger. Mit 27 Jahren ist Dirigent Franz Stüber der jüngste.

Wird natürlich drüber gelacht: Könnte ja auch mein Enkel sein. Das ist eine nette Stimmung. Wir lernen ja von den Alten, wir Jungen, das passt auch in diesem Chor. Es ist schön, diese Gemeinschaft zu erleben.

Franz Stüber lebt in Mainz, ist aber in Heidenfahrt bei Bingen groß geworden. Nach seinem Musik-Studium war klar: Von der Musik kann er nicht leben. Jetzt studiert er Informatik und macht nebenher Musik. Die Liebe zur Musik ist ihm in die Wiege gelegt worden.

Mein Urgroßvater, der hieß auch Franz, der hat in Heidenfahrt die „Harmonie“ geleitet, das war ein Männerchor, damals gab’s ja nur Männerchöre, glaube ich. Meine Mutter selbst ist Künstlerin, bildende Künstlerin, und hat auch ne Malschule, gibt also auch gerne weiter, was sie gelernt hat. Und mein Vater hat Klavier gemacht, gespielt, gesungen, auch mit ner Band – inspirierend, viel Musik im Haus, immer.

Und wenn ein Klavier im Wohnzimmer steht, klimpert da immer einer drauf rum – die Eltern, die Geschwister, und der kleine Franz.

Ich habe immer mitgesungen, wenn irgendetwas irgendwo lief. Konnte keine Noten lesen, konnte vielleicht auch gar nicht sprechen, aber Summen war schon immer in mir drinnen. Das war klar, dass ich das Angebot - Heidesheim hat schon immer nen Kirchenchor, den Jugendchor – dass ich da mal irgendwann reinkomme und mitsinge. Das waren die Anfänge, die mich inspiriert haben, da dranzubleiben. Und dieser Chorleiter hat mir auch geraten, diese Ausbildung zum Dirigenten zu machen.

Franz Stüber ist Musik-Profi, arbeitet aber mit Sängerinnen und Sängern, die das als Hobby betreiben. Das stelle ich mir mitunter sehr anstrengend vor.

Es ist ja keine Arbeit, die man verrichten muss. Keine Last. Es ist wie ein Gespräch – keine Diskussion! – es ist einfach Schönes, was passiert. Gerade, wenn ich selbst Musik mache oder improvisiere, verliere ich mich in dem Moment, der gerade ist. Da gibt es keine Vergangenheit, keine Zukunft, sondern das Hier und Jetzt. Das ist ziemlich schön, das ist für mich Musik. 

Ob man mit der Musik auch Gott nahe kommen kann, und wie das Lieblings-Kirchenlied von Franz Stüber heißt, dazu mehr nach dem nächsten Titel.

„Vielleicht kommt man am Nächsten zu Gott, wenn man Musik macht!“

Franz Stüber ist ein junger Kirchenchorleiter aus Mainz. Studiert hat er Musik, doch davon leben kann er nicht. Jetzt ist er auf dem Weg, Informatiker zu werden.  Wir  reden über seine Arbeit als Leiter eines Katholischen Kirchenchores, dann über Gott und die Welt. Kann man in der Musik religiöse Erfahrungen machen, frage ich ihn. Für eine Antwort muss er lange überlegen. 

Es reißt einen ein Stück weit raus aus dem Alltag, aus dem normalen Geschehen. Da kommt man in eine andere Gemeinschaft, in ein anderes Feld. Man könnte vielleicht sagen: Gott nahe! Ich glaube nicht, dass man dem näher kommen kann. Es ist für mich in jedem Fall eine religiöse Erfahrung.

Franz Stüber gibt in unserem Gespräch  offen zu, über den „Gott in der Musik“ noch nicht allzu oft nachgedacht zu haben. Musik? Das ist keine Frage. Aber Gott?

Ja, wer ist Gott? Wenn man das wüsste, könnte man das einfach beantworten. Gott ist allgegenwärtig! Vielleicht kommt man am Nähesten zu Gott, dass man bewusst lebt, bewusst Musik macht.

Das möchte Franz Stüber in seinem Leben irgendwie hinbekommen. Fertige Antworten liegen ihm fern, auch in Sachen „Gott“. Da bleibt er weiter auf der Suche. -  Dann frage ich ihn nach seinem Lieblings-Kirchenlied, und das geht dann ganz schnell:

Obwohl ich katholisch bin: Geh aus mein Herz und suche Freud. Das finde ich sehr schön, weil es so auffordert, das Schöne zu sehen,  was eigentlich grade passiert – die Blumen, die Vögel, die Bäume. Das leitet dazu an, das auch auf alles andere anzuwenden: Das Glück zu akzeptieren, das man eigentlich immer hat, die Schönheit. Deswegen finde ich das ne sehr schöne Aufforderung.

Musik zu machen, Musik zu hören – das macht Franz Stüber glücklich. Jeden Tag. Ein Leben ohne Musik?

Wenn mir jetzt die Musik weggenommen würde, wenn ich taub werden würde zum Beispiel, dann würde ich mir was anderes suchen. Wo ich glücklich sein kann.

Im Sommer wird jetzt erst Mal geheiratet. Der nächste wichtige Schritt im Leben von Franz Stüber. Mit der Arbeit als Dirigent will er einstweilen weitermachen. Und hat neue Pläne – irgendwann will er eine Musikschule aufbauen.

Ich bin noch nicht zufrieden, wie ich das mache. Ich möchte viel mehr auf en einzelnen Menschen eingehen, weil das ist so interessant, was jeder eigentlich zu bieten hat. Das möchte ich rauskitzeln.

Vielleicht klappt das ja mit der Musikschule und mit Franz Stüber als Schulleiter. Was man im Leben lernen durfte, das muss man weitergeben. Am Tag an junge Leute, am Abend ganz gerne an Sängerinnen und Sänger eines Katholischen Kirchenchores.

 

(www.franzband.de)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24136

„Karfreitag unter dem Blickwinkel von Ostern betrachten“

Ich treffe mich mit Udo Bentz, Weihbischof der Diözese Mainz seit September 2015. Heute ist Karfreitag, ein Feiertagtag, der für viele Menschen eben ein freier Tag ist, der zu Freizeitaktivitäten einlädt.
Nicht so für Udo Bentz. Für ihn ragt der Karfreitag aus dem Reigen der sonstigen  kirchlichen Feiertage hervor.

Karfreitag ist ein ganz besonderer Feiertag, der sich unterscheidet von den anderen Feiertagen. Wir feiern das Leiden und das Sterben Jesu. Das ist in sich schon etwas eigenwillig, ein Leiden und ein Sterben zu feiern, das macht aber den besonderen Charakter dieses Feiertages aus.

Das ist ein stiller Tag, es ist für Katholiken ein Fasttag, aber auch in der Gesellschaft ist es eigentlich ein stiller Tag.

Eigentlich ein stiller Tag. Der Karfreitag wird so zu einem Tag, der davon lebt, was der Einzelne daraus macht. Das Geschehen von vor 2000 Jahren ist bekannt, und für Weihbischof Udo Bentz kommt es heute darauf an,

…die Passion Jesu so anzuschauen: Wo ist  eigentlich in diesem Geschehen von damals mein Platz? Wo würde ich mich da einordnen? Bin ich in einer gewissen Sicht Zuschauer, schaue zu, wie Menschen leiden, bin dabei hilflos oder untätig? Bin ich Betroffener von Leid, kann mich in die Situation Jesu hineinversetzten? Oder ich versetze mich in die Rolle der Täter, derjenigen, die Leid zufügen, die Menschen leiden lassen?

Fragen, die das damalige historische Ereignis zum persönlichen biblischen Drama auch heute machen können. Karfreitag ist für Udo Bentz existentiell im wahrsten Sinne des Wortes. Leiden und Tod Jesu betreffen ihn als Mensch. Wie kann er mit all diesem Leid und all dem Blut des Karfreitags klarkommen, frage ich ihn, als wir uns in Mainz zu unserem Gespräch treffen.

Wir betrachten das immer unter dem Blickwinkel von Ostern, dass der Karfreitag nicht das Letzte ist, sondern dass der Karfreitag der Durchgang zu neuem Leben ist, das  Jesus uns an Ostern schenkt. Durch die Auferstehung bekommt dieses Leiden, dieses sinnlose Sterben eine Richtung und eine Hoffnung, die in Leiden allein nicht in den Blick zu nehmen ist.

Karfreitag kann konkret werden, auch heute.

Wo ich von guten Freunden durch eine unheilbare Krankheit so erschüttert und angerührt war, das ich meine ganze Hilflosigkeit darin gespürt habe. Ich glaube, das ist eine Karfreitagserfahrung.

Warum in seiner Jugend an Karfreitag die Glocken nach Rom geflogen sind, und warum Udo Bentz glaubt, dass kirchliche Feiertage einer Gesellschaft gut tun, dazu mehr nach dem nächsten Titel.

„An Karfreitag fliegen die Glocken nach Rom!“

Udo Bentz ist Weihbischof im Bistum Mainz. Er ist eben 50 Jahre alt geworden, steht – wie man so sagt – mitten im Leben. An Karfreitag, da erinnert er sich an seine Kindheit und Jugend, die er in Rülzheim in der Südpfalz verbracht hat.

Man hat damals gesagt: Die Glocken fliegen weg nach Rom, d.h. an diesem Tag gibt es kein Glockengeläut, und es war bei uns auf dem Land total still, die Orgel spielt nicht in der Liturgie, die Liturgie ist sehr einfach und sehr strenge, eine sehr feierliche Liturgie.

Einfach ist der Karfreitag für Udo Bentz auch in anderer Hinsicht.

Ich esse an Karfreitag in der Regel nur ein paar Kartoffel und nen Frischkäse, nen Quark, und das ist auch gut so. Da geht für mich etwas ineinander: Der Ernst des Tages, die Tiefe der Deutung der Liturgie. Und dass ich diesen Tag für mich gestalte, einen völlig ruhigen Tag, da will ich keine Ablenkung, da bin ich viel für mich. Das ist für mich ein besonderer Tag. 

Karfreitag - das Leiden und Sterben Jesu - als Mensch, Christ und als Theologe durchleidet Udo Bentz diesen Tag regelrecht. Das spüre ich immer wieder bei unserem Gespräch. Ob er schon einmal so etwas wie einen „persönlichen Karfreitag“ erlebt habe, frage ich ihn.

Ich bin ein bisschen vorsichtig, von einem persönlichen Karfreitag zu sprechen, weil das muss schon etwas sehr Existentielles sein. Ein Karfreitag lässt ich einfach nicht in seiner eigenen Existenz mehrfach durchleben.

Udo Bentz gibt dem Begriff „Karfreitagserfahrungen“ den Vorzug, und begründet das auch:

Dies Karfreitagserfahrungen gehören unbedingt in jedes Glaubensleben mit hinein, weil ich immer wieder neu ringen muss: Ist das wirklich der liebende Gott, der auch in diesem schweren Stunden mir nahe ist?

Wir kommen in unserem Gespräch darauf zu sprechen, wie unsere Gesellschaft diesem Karfreitag begegnet. Das Verbot von Tanzveranstaltungen wird immer wieder kritisch zum Thema, Menschen nutzen den freien Tag, um den Rasen zu mähen oder die Grillsaison zu eröffnen.

Ich glaube, in einer pluralistischen Gesellschaft, in einer säkularen Gesellschaft ist das ein Erscheinungsbild, das gehört mit dazu. Umso wichtiger halte ich es, dass wir Christen das Zeichen setzen, warum es diesen freien Tag gibt, woher der kommt und warum er seinen Sinn hat.

Nicht nur der Karfreitag, alle Feiertage haben ihren Sinn. Udo Bentz fragt:

Tut es uns gut, auch als eine plurale Gesellschaft, wenn es Tage in der Gesellschaft gibt, die den normalen Lauf durchbrechen und die zumindest ein Angebot machen, aus dem üblichen Unterhaltungs-Mainstream für einen Tag auszusteigen und sich anderen Themen zuzuwenden?

Am Karfreitag geht um Leiden und Sterben. Damit umzugehen, fällt nicht leicht. Ob deshalb der Karfreitag fremd geworden ist?

Wenn diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Karfreitag auch bedeuten würde, dass die Frage nach dem Leiden, nach dem ungerechten Leiden, nach der Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft – diese Fragen nach dem Sinn des Lebens – die Menschen nicht interessiert, dann wäre ich beunruhigt. Aber ich glaube nicht, dass das so ist.

Das tröstet Weihbischof Bentz dann doch. Dieser Trost an Karfreitag, er eint uns in einem Gespräch, das mir in guter Erinnerung bleiben wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24013

Ich treffe mich mit Anette Kloos. Sie ist Nachlasspflegerin und lebt mit ihrer
Familie in Lustadt mitten in der Pfalz. Die 49-jährige kümmert sich im Auftrag des Nachlassgerichtes um Testamente und Nachlässe von Verstorbenen. Der Umgang mit Sterben und Tod ist nicht immer leicht, doch sie hat für sich, so sagt sie mir in unsrem Gespräch, die richtige Form von Nähe und Abstand gefunden. Es sei eine notwendige Arbeit.

Es gibt Situationen, das geht sie (die Arbeit) mir sehr nahe, insbesondere, wenn ich erkenne, dass die Erblasser sehr einsam, sehr isoliert lebten  und um Hilfe schrien, und diese Hilfe entweder nicht erhielten oder auch nicht annehmen können.

A
nette Kloos schaut mit ihrer Arbeit als Nachlasspflegerin tief in fremde Familiengeschichten hinein, lernt ganze Generationen schnell so gut kennen wie ihre eigene Familie. Es geht doch sicher meist um’s Geld, vermute ich, doch Anette Kloos widerspricht mir.

Ich habe Familien zerbrechen sehen, und haben eine Familiensituation vor Augen: Da finde ich entsetzlich, was aus einer tollen Familie geworden ist, einfach, weil es die Mutter versäumt hatte, hier rechtzeitig Regelungen zu treffen, aber vor allem das Gespräch mit ihren Kindern zu suchen.

Das Gespräch suchen, das nicht einfach ist: Über den Tod, über das Geld, über das Haus, über die wertvollen Originale an den Wänden im Wohnzimmer. Wer soll das bekommen? Darüber muss gesprochen werden, vernünftig,  mit den altgewordenen Eltern, aber auch mit den eigenen Kindern. Immer wieder erlebt Anette Kloos, dass diese Gespräche ausgeblieben sind.

Belastend kann für mich sein, wenn ich erkenne, wenn minderjährige Kinder ihre Eltern verlieren, oder Kinder über viele Jahre keinen Kontakt zum verstorbenen Elternteil hatten, und sich dann nach Ableben dieses Elternteiles mit heftigen Fragen und Gewissensbissen, Nöten quälen: Warum dieser Kontakt nicht da war, und sie keine Möglichkeit mehr haben, dieses Gespräch zu suchen. Und zu finden.

Anette Kloos hat den Wunsch des Erblassers zu erfüllen und gegenüber möglichen Erben zu vertreten.

Wenn der Erblasser sich Zeit seines Lebens dazu entschieden hat, zurückgezogen zu leben und seine Geheimnisse entwickelt hat, dann ist es auch meine Aufgabe, diese Geheimnisse zu wahren und nicht preiszugeben.

Geheimnisse wahren zu dürfen. Und doch frage ich Anette Kloos danach, wie sie einmal sterben und begraben sein möchte:

Ich möchte für mich in Würde streben dürfen, im Beisein meiner Familienangehörigen. Ich möchte in der Natur bestattet werden. (…) Ich komme von der Natur und möchte zur Natur zurück. Und entsprechend möchte ich von dieser Welt gehen dürfen, und auch dort beerdigt werden dürfen.

„Ja, da war ich Seelsorgerin!“

Anette Kloos ist Nachlasspflegerin und lebt mit Mann und Sohn in Lustadt in der Pfalz. Ihre Arbeit verrichtet sie im Auftrag des jeweiligen Nachlassgerichtes. Die muss sensibel verrichtet werden, denn es geht um die Würde von verstorbenen Menschen, und es geht um die Trauer von Menschen, die einen – meist geliebten – Menschen verloren haben.

Um meine Arbeit gut und richtig machen zu können, muss ich Menschen zuhören können. Das ist auf der einen Seite eine Begleiterscheinung in meinem Beruf, den ich als sehr angenehm, sehr wohltuend empfinde, mich mit Menschen an einen Tisch zu setzen, (…) erkennen zu können, wenn sie reden, wie ruhig sie auf einmal werden, den Ballast, los werden zu können, und zwar gegenüber einer fremden Person. Wo sie auch keine Angst haben muss, dass ich das irgendjemand gegenüber ausplaudern oder nachteilig gegen sie verwende.

Menschen gut zuhören können. Das kann Anette Kloos. Als ich sie frage, ob sie denn so zu einer Seelsorgerin werden würde, winkt sie erst mal ab: 

Ich weiß nicht, ob ich Seelsorgerin bin, aber ich habe den Eindruck, (…4‘05), dass es den Menschen gut tut, wenn es zwischen Erben Schwierigkeiten gibt, dass da ne dritte Person mit dabei ist, die versucht, mit ner großen Neutralität eine Harmonie zwischen den Beteiligten zu erreichen. (4’17) ich verstehe mich häufig auch als Mediatorin, aber nicht unbedingt als Seelsorgerin.

Dann aber wurde Anette Kloos vor einiger Zeit von einer befreundeten Familie gebeten, am Grab eines Verstorbenen die Predigt zu halten.

Ich war im ersten Moment etwas überrascht, Ich empfinde es immer noch als eine sehr große Ehre., dass ich diese Grabrede halten durfe. (…U.B.: Also doch Seelsorgerin?) – Wenn Sie das so sagen, (lacht), ja, in dem Moment war ich Seelsorgerin, das ist richtig.

Als Seelsorgerin hat man auch einen Glauben, denke ich mir. Anette Kloos ist evangelisch, und für ihr Leben gilt:

Ich bin Christin, ich glaube an Gott, und ich glaube an die Nächstenliebe. Und in diesem Sinne lass ich diesen Glauben auch in meine Arbeit einfließen.

Die Arbeit als Nachlasspflegerin erfüllt Anette Kloos. Das spüre ich in unserem Gespräch immer wieder. Sie versucht, Menschen in einer  schwierigen Situation hilfreich zur Seite stehen zu können…

…und das geht ja über Monate, dass da auch ne Vertrauensbasis wächst (…) uns einfach mal in den Arm nehmen und sagen: Es war ne gute Zeit, wir haben gemeinsam viel erreicht. Die Menschen können gestärkt in ihrem Leben weitergehen und auch ich kann in meinem Leben gestärkt weiter gehen. Dann haben wir aus einer schwierigen Situation etwas Gutes mitgenommen.

Mit seiner beruflichen Arbeit Menschen zu stärken – was für eine wunderbare Aufgabe. Selber gestärkt gehe ich meinen eigenen Lebensweg weiter.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23864

Heute ist Aschermittwoch, der Start in die Fastenzeit, die Vorbereitungszeit hin auf Ostern. Nach Fassenacht und Karneval, nach Völlerei und gutem Wein steht für viele Menschen 40 Tage lang der Verzicht im Vordergrund. Der Verzicht auf Alkohol, auf Zigaretten, auf das Autofahren – es gibt viele Möglichkeiten, sein Leben zu ändern. Eben: Neu anzufangen.

Ich darf in dieser Fastenzeit gleich zweimal neu anfangen:

Ich möchte 40 Tage lang nicht schlecht über andere Menschen sprechen, und ich fange heute damit an. Das sollte man eigentlich nie tun, aber ich kenne mich. Das ist ein echter Neuanfang, der harmlos klingt, aber nicht harmlos ist. Immer wieder muss ich mich zügeln, muss innehalten, wenn ich loslegen möchte „gegen andere“, hinter deren Rücken schlecht reden möchte. Dann merke ich besonders gut, wie oft ich anderen Menschen Unrecht tue, eben in der Art, wie ich über sie rede. – Nicht schlecht über andere reden – ob ich das wirklich schaffe, weiß ich nicht. Aber ich möchte damit beginnen.

Ich darf auch beruflich neu anfangen. In ein paar Wochen steht eine neue Herausforderung ins Haus. Neu anfangen dürfen – das ist ein großes Geschenk, das löst aber auch zwiespältige Gefühle aus. Carolin Emcke, Journalistin und mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 ausgezeichnet, schreibt dazu:

„Wer etwas neu beginnt, kann sich nicht auf sich, die eigene Erfahrung oder früheren Status verlassen. Das kennt, wer sich von einer Krankheit oder einem Verlust erholen muss, in einen anderen Job versetzt wird oder sich neu verliebt hat. Wer neu anfängt, begibt sich ins Ungewisse, auch Instabile hinein, er muss denken und handeln ohne Geländer. Das ist so furchteinflößend wie inspirierend.“

Und genauso geht es mir. Der Neuanfang ist furchteinflößend, weil ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Und er ist eben auch inspirierend, weil der Reiz des Neuen mich lockt. Ich hoffe, dass die Furcht immer kleiner wird zugunsten eines großen Geschenks: Ich darf neu anfangen.

(Carolin Emcke, Anfangen, in: Süddeutsche Zeitung 2./3. Januar 2016, S. 5)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23770

Lachen kann anstecken und fröhlich machen. Das habe ich vor einigen Wochen in Indien erlebt. 14 Tage, und 14 Tage lächelnde, strahlende Menschen. Ob jung , ob alt. Jedes Lachen wird zu einem wunderbaren Geschenk.

Wir besuchen eine Schule, und Hunderte von Kinder laufen einfach aus ihren Klassenzimmern. Verzweifelte Lehrer stehen an den Türen und zucken ratlos die Achseln. Die Kinder  umringen die deutsche Reisegruppe und freuen sich, dass wir extra angereist sind, um sie zu besuchen. Sie wollen alles wissen. Woher wir kommen, wie wir heißen, welche Berufe wir ausüben. Und natürlich ein gemeinsames Foto mit lachenden, strahlenden Kindern. Geschenke, die wir mitgebracht haben, tragen zur guten Stimmung bei. Dann sind die Kinder dran, antworten auf genau die Fragen, die sie auch uns gestellt haben. Die Jungs wollen Computer-Experten oder Flug-Kapitäne werden, die Mädchen suchen schon bald eine Ausbildung in sozialen Berufen. Und strahlen dabei um die Wette. Am Abend feiern sie ein Schulfest, und wir sind selbstverständlich eingeladen. Als gute Gäste, die wir sein wollen, gehen wir auf die Bühne und singen ein Lied – auf indisch. Erst staunen die Kinder, dann will ihr Lachen und ihr Jubel nicht enden.

Die Lehrerinnen erzählen uns, dass Bildung die einzige Chance ist für die Menschen in Kerala im Südwesten Indiens. Ob die Kinder deshalb so glücklich sind? Sie kommen aus ärmsten Verhältnissen, aber zur Schule gehen sie. Sie dürfen lernen, haben so die Möglichkeit, einmal einen ordentlichen Beruf zu bekommen, mit guten Verdienstmöglichkeiten.

Doch das Lachen bekommt man in Indien in jedem Fall umsonst. Ein Lachen, das von ganz innen kommt. Das ich nicht vergessen kann, schon gar nicht heute, am Fassenachtsdienstag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23769

Jesus hat nie gelacht! – Es gibt Vertreter meiner Theologenzunft, die so etwas glauben. Und folglich ist Christsein eine ernste Sache, bestenfalls feierlich-ernst.

Richtig dabei ist: Die Bibel erzählt an keiner Stelle, dass Jesus gelacht habe. Und doch gibt es Hinweise, dass er ein fröhlicher Mensch gewesen sein muss. Immer wieder kehrt Jesus bei Menschen ein, um mit ihnen zu feiern. Und mit ihnen zu lachen. Für seine Gegner war schnell klar – er ist ein „Fresser und Säufer“. (Mt 11.19) Ein Fresser und Säufer, der nie lacht? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Bei der Hochzeit zu Kana kommt es für die Gastgeber zum Super-Gau: Der Wein geht aus. Es scheint, dass das Fest abgebrochen werden muss, weil die Gäste enttäuscht den Heimweg antreten wollen. Dann greift Jesus beherzt ein. Er verwandelt Wasser in Wein.  In besonders guten Wein. Dann kann das Hochzeitfest weiter gehen – fröhlich, tanzend und eben auch lachend. Und Jesus mitten drin.

Wenn Jesus vom Himmel, vom Leben bei seinem Vater spricht, braucht er dazu Bilder. Immer wieder erzählt er vom „himmlischen Hochzeitsmahl ohne Ende“. Die Ewigkeit bei Gott ist ein ewiges Hochzeitsfest, bei gutem Essen und bei gutem Wein.

Wo immer Jesus aufgetaucht ist, kommt Freude auf: Bei Kindern, die nicht ernst genommen werden. Bei Aussätzigen, die er geheilt hat. Bei der sündigen Frau, die er vor der Steinigung bewahrt hat. Wenn Jesus handelt und spricht, können Menschen wieder lachen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus mit bier-ernstem Gesicht durch’s Land gezogen ist. Man hätte ihm die „Frohe Botschaft“ so auch nicht abgenommen. Er hat einen menschenfreundlichen Gott verkündigt, der sich an der Freude der Menschen selbst freut.

Heute ist Rosenmontag. Ein guter Tag, um zusammen mit anderen zu tanzen, zu feiern und zu lachen. Als Christ oder als Nicht-Christ, egal. Und ich bin mir sicher: Jesus lacht mit!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23768

„Gott lacht über uns!“

Ich treffe mich mit Hans Greifenstein, evangelischer Pfarrer und Hobby-Kabarettist. Seit 20 Jahren tritt er mit einem Pfarrerkollegen auf. Zusammen sind sie das „Erste Allgemeine Babenhäuser
Pfarrer (!)- Kabarett“.  Für Hans Greifenstein ist „Pfarrer-Sein“ der Hauptberuf,  Kabarett ist ein schönes Hobby, das ihn in der Region um Frankfurt bekannt gemacht hat. Vermischen will er beide Tätigkeiten nicht, erzählt er mir, als ich ihn in Bensheim im Odenwald besuche.

Wenn ich als Pfarrer agiere, mit dem Talar an, bin ich als Pfarrer erkennbar und mache kein verstecktes Kabarett. Wenn ich Kabarettist bin, dann habe ich mein Kabarett-T-Shirt an und keinen Talar, und dann mache ich keinen versteckten Gottesdienst. Schnaps ist Schnaps, und Dienst ist Dienst.

Dass Pfarrer Greifenstein reden kann, das merke ich schnell. Wie aus der Pistole geschossen  kommen die Antworten auf meine Fragen. Muss man sich in Kirche und Theologie gut auskennen, um sein Kabarett-Programm verstehen zu können?

Wir machen kein hoch-theologisches oder hoch-literarisches Kabarett, sondern die Leute kommen nach der Show: „Das war, wir mir’s selber kennen.“ Das ist für uns ein Lob. Das zeigt, wir bilden die Realität der Menschen ab und ziehen das durch den Kakao.

Hans Greifenstein, war der Humor sozusagen in die Wiege gelegt worden.

Ich komme selbst aus einem katholischen Ort – Seligenstadt am Main. Und hab‘ das erleben dürfen, wie der Karneval, die Fassenacht gefeiert wird. Das ist eine im Volk verwurzelte Bürgerbewegung, wo Familien sich  verkleiden, wo Vereine und kirchliche Gruppen auf die Straße gehen, viel Spaß dabei haben, Karneval zu feiern. Es ist tief in der Seele der Bevölkerung verwurzelt.

Fassenacht, Karneval, Fasnet – das gibt es ja nur in katholischen Regionen. Martin Luther habe das nicht so gern gesehen, sagt mir Pfarrer Greifenstein, und spricht dann Klartext:

Dieses grundlose Feiern - das Fressen, Saufen, Lustig sein hat den protestantischen Bürokraten nicht gefallen. Das wird als gottlos bezeichnet. Der wahre Christ – der ist ernst, der lacht nicht, der geht dazu in den Keller. Einmal im Jahr, da gibt es den Sonntag „Laetare“, da darf er fröhlich sein. Das ist einfach ne ungute evangelische Tradition , die sich über die Jahre herausgebildet hat.

Ich kenne viele evangelische Christen, die viel und gerne lachen, die sich auf Karneval, Fassenacht und Fasnet Jahr für Jahr freuen. Bei Sitzungen gehen die Redner dann auf die die Obrigkeit los, und zu der zählt eben auch die Kirche.

Die Kirche ist ne Organisation mit nem hohen moralischen Anspruch. Entsprechend hoch ist die Fallhöhe. Ein Bischof, der auf der Bananenschale ausrutscht, ist lustiger, wie wenn das ein Schlosser macht. Deswegen gibt die Kirche jede Menge Stoff für Witze her, und das hat mich auch dazu getrieben, das auf die Bühne zu bringen.

„Katholiken sind unsere zweitliebsten Prügelknaben!“

Seit 20 Jahren steht Hans Greifenstein auf der Bühne, hat CD’s und DVD’s zusammen mit einem Kollegen als  „Erstes Allgemeines Babenhäuser Pfarrer (!)-Kabarett auf den Markt gebracht. Der 60-jährige lacht über „seinen Laden“, die evangelische Kirche, aber nicht nur über sie.

Es ist kein Problem, sich selber auf die Schippe zu nehmen, das ist immer das Beste. Die zweitliebsten Prügelknaben sind die Katholiken, unsere Schwestern und Brüder in der Katholischen Kirche, aber die wissen auch, dass wir es gut mit ihnen meinen.

Mit so einem „zweitliebster Prügelknabe“ – da bin ja auch ich gemeint. Und bekenne offen: Wenn ich über die evangelischen, die Lutherischen, Witze mache, dann meine auch ich das selten  böse. Eigentlich nie. Weil auch ich es gut mit ihnen meine. - Als ich Hans Greifenstein frage, ob man auch Witze machen dürfe über Gott, dreht der den Spieß einfach um:

Gott macht Witze über uns! Der ist viel höher als wir! (…) Der entzieht sich unserer Witzkompetenz! Das ist ne ganz andere Spielklasse!

Seine eigene Spielklasse zeigt mir Hans Greifenstein mit einem kleinen Auszug aus seinem aktuellen Programm.

Kuck dir mal die Kerle an – in Dresden, machen Angst vor den Ausländern. In Dresden Angst vor Ausländer! Das musst du erst mal bringen. Es gibt ja im Vatikan mehr Sex als in Dresden Ausländer!

In diesem Jahr feiert die evangelische Kirche 500 Jahre Reformation. Deshalb wird der 31. Oktober einmalig zum Feiertag erklärt, an dem die Katholiken fröhlich mitfeiern dürfen. Doch dem Kabarettisten Hans Greifenstein passt auch da etwas nicht:

Alle finden Luther gut. Aber ich will Ihnen mal was sagen:Der Luther, der Simpel, hat die Reformation Ende Oktober gemacht. Jetzt haben wir nen Feiertag im Herbst, wo’s nass ist. Der hätte die Reformation im Sommer machen sollen, an einem Donnerstag. Da hätt’s nen Brückentag gegeben. Das wäre viel Gescheiter gewese!

„Satire darf alles“, hat Kurt Tucholsky einmal gesagt. Das stimmt nicht, sagt Hans Greifenstein, und er spricht da auch im Namen seines Kollegen Clajo Hermann:

Wir wollen keine religiösen Gefühle verletzen, unsere eigenen selbst auch nicht. Wir haben auch religiöse Gefühle. Wir machen keine Witze über das Kreuzesgeschehen, das ist etwas, wo wir nicht spotten. Es gibt Dinge, die verbieten sich für uns von selbst.

Am Samstagabend auf der Kabarett-Bühne, am Sonntagmorgen auf der Kanzel – was für ein Leben, denke ich mir. Hans Greifenstein liebt dieses Leben. Er möchte mit niemanden tauschen.

Ich empfinde mich als Glückspilz, weil es ist mir erlaubt, einen Beruf auszuüben, den ich sehr liebe und der mir ganz viel Freude bereitet, und mein Lieblingshobby auszuüben – und dafür auch noch Geld zu kriegen. Das ist einfach Glück, das muss man sagen:

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Rettung von Menschen geht dem Gottesdienst vor!“

Schwester Andrea Stadermann  ist Ordensfrau im Kloster St. Hildegard bei Eibingen bei Rüdesheim und die erste Frau bei der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Klosterleben und Rufbereitschaft – geht das zusammen, frage ich Schwester Andrea, als ich sie im Kloster St. Hildegard besuche.

Es lässt sich gut verbinden. Es ist kein Problem. Bei Nacht  habe ich immer in meinem Zimmer auf dem Stuhl ne Alarmkleidung – ne Jogginghose und nen Pullover, das ziehe ich mir über den Schlafanzug drüber, dann geht es los.

Gleich vier Berufe hat die 53-jährige Schwester Andrea erlernt – sie ist Buchbinderin, Winzerin und Hauswirtschafterin. Derzeit arbeitet sie als Hausmeisterin im Kloster Hildegard, in dem 45 Schwestern leben. Nicht alle teilen die Leidenschaft von Schwester Andrea für den Dienst bei der Feuerwehr.

Es  wird geteilt gesehen bei uns, merke ich immer .Wobei die, die sich vielleicht damit schwer tun, mir das nicht so selbst sagen, aber ich merke das schon. Aber der Großteil sieht das erstens als notwendig an, dass jemand sich auskennt, und zweitens bin ich die Frau vor Ort. Wenn hier in der Gegend etwas passiert, werde ich immer gefragt: Und, wie war’s? Da ist schon ein reges Interesse, auch so, dass man mit den Leuten, die hier wohnen, auch mitfühlt, an die denkt und betet. Von daher wird’s schon positiv gesehen.

Schwester Andrea lebt  jetzt 30 Jahre im Kloster. Gebet und Gottesdienst stehen neben der Arbeit im Mittelpunkt des Alltags. Darf ein Einsatz bei der Feuerwehr dem Gottesdienst vorgezogen werden?

Ich bin bei der Freiwilligen Feuerwehr, und Menschenleben geht immer vor Gottesdienst, sag ich mal. Wenn irgendwo ein Brand ist, dann kann ich nicht sagen: Moment mal, ich muss erst mal zum Gottesdienst. Dann ist das wichtiger, ganz eindeutig.

Schwester Andrea ist nicht nur die erste Schwester bei der Freiwilligen Feuerwehr in Eibingen. Sie ist die erste Frau überhaupt. Sie erinnert sich noch, als sie das erste Mal bei ihren heutigen Kameraden vorbeischaute.

Für die war es irgendwie witzig, irgendwie auch befremdlich, dass da ne fremde Klosterfrau vor ihnen stand, ne Nonne. Sie wussten zunächst nicht, wie sie reagieren wollen. Aber inzwischen ist das ganz normal. Ich glaube, ich bin da so integriert, und so aufgehoben, oder angenommen. Aber inzwischen ist das kein Thema mehr.

Sie ist jetzt eine Feuerwehr-Kameradin und lauter Männern. Wie sie ihr Verhältnis zu Gott beschreibt und wie sie mit der Belastung als Feuerwehrfrau umgeht – dazu mehr nach dem nächsten Titel.

„Hier gehöre ich hin!“

Schwester Andrea Stadermann ist die erste und einzige Frau bei der Freiwilligen Feuerwehr in Eibingen bei Rüdesheim am Rhein. Hoch über der Stadt liegt das Kloster St. Hildegard, ein Kloster, das durch Gebet und Arbeit geprägt ist. Da können Feuerwehreinsätze den Alltag etwas beleben.

Ja, macht richtig Spaß. Einerseits die Gemeinschaft mit den Feuerwehrkameraden. Das ist so ne fidele Truppe da unten. Andererseits ist es auch manchmal aufregend, die Einsätze! Man kommt viel rum, lernt die Leute hier vor Ort kennen. Allein das macht schon viel Spaß, die Leute besser kennen zu lernen, vor Ort verortet zu sein.

Vor Ort ist Schwester Andrea integriert, sie ist gebürtige Rüdesheimerin. Sie mag die Menschen, die hier am Rhein leben. Ihre zupackende Art ist sympathisch, was ihr hilft, auch mit den Belastungen bei Feuerwehreinsätzen umzugehen. Eine Aktion ist ihr noch gut in Erinnerung.

 

Letztes Jahr im September hat ein Mann seine Frau mit Benzin übergossen und angezündet. Die beiden sind verstorben. Das war ein sehr dramatischer Einsatz, das hat alles sehr berührt, die mit dabei waren. (…) Die Kinder standen mit dabei, das war schon heftig.

Wenn die Zeit vor einem Einsatz noch ausreicht, informiert Sr. Andrea ihre Mitschwestern per Handy mit der Bitte, für sie, für ihre Kameraden und für die möglichen  Opfer zu beten. Die Trauer ist besonders groß, wenn ein Kamerad aus den eigenen Reihen sterben muss. Ein Feuerwehrmann  starb mit 50 Jahren plötzlich und überraschend, und Sr. Andrea erinnert sich an das Requiem.

Es wird heute immer wieder gesagt, die Bevölkerung glaubt nicht mehr an die Auferstehung – davon konnte ich überhaupt nichts merken. Weil die haben alle gesagt: Wir sehen uns wieder. (ab 10’46) Auch wenn die nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen, es gibt auch ein paar, die sind aus der Kirche ausgetreten. Letztlich ist da doch noch was da.

Natürlich bleibt Sr. Andrea auch als Feuerwehrfrau eine Klosterfrau. Eine Frau also, in deren Leben Gott eine besondere Rolle spielt. Man darf bei der Freiweilligen Feuerwehr in Eibingen durchaus spüren, wer da als Kameradin beim Einsatz mit dabei ist.

Das möchte ich auch irgendwie fördern, indem ich da mitmache, denen durch mein Leben zeige: Es gibt Gott, dafür bürge ich! Ich glaube, dass das irgendwie ankommt.

Ihr Gottvertrauen ist grenzenlos.

Grundsätzlich  gehe ich davon aus, das Gott mich trägt, er hat mich geschaffen, er hat mich ins Dasein gerufen, will, dass ich meine Berufung lebe. Dass ich jetzt bei der Feuerwehr bin, Einsätze mitmache, andren helfe – dann muss er mich auch tragen, wenn er mich so weit geführt hat.

Ob sie wieder in Kloster gehen würde, frage ich Sr. Andrea am Schluss unseres Gespräches:

Es gibt auch im Kloster genau  wie in jedem Lebensweg, denke ich, Auf und Abs. Da sagt man sich: Hättest du doch was anderes machen sollen! Letztlich, wenn ich dann in so einem Tal mal war und wieder auftauche, dann denke ich: Ne, das ist doch dein zuhause hier. Du bist hierher gerufen, und letztlich ist dein Leben stimmig. Letztlich kann ich mir doch nichts anderes vorstellen.

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Mindestens 12 Tote sind zu beklagen, unzählige Verletzte ringen teilweise noch mit dem Tod.

Ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt, wenige Tage vor Weihnachten. Menschen suchen Geborgenheit und Wärme auf so einem Markt, bereiten sich auf ein Fest vor, das als „Fest der Liebe“ bezeichnet wird.

Meine Gedanken sind immer noch bei den Toten, bei ihren Angehörigen, bei ihren Freunden.  Das kommende Fest hat sich schon jetzt verändert. Ein unbeschwertes Feiern ist nicht mehr möglich. Ein Schatten liegt seit zwei Tagen auf diesem Weihnachtsfest 2016.

Was ist los in unserer Welt, dass solch ein Hass möglich wird? Ich habe auf diese Frage keine Antwort, aber ich spüre, dass etwas aus den Fugen gerät. Dann versuche ich, danach zu suchen, was die zusammen hält, die keine Gewalt anwenden, die den Frieden suchen, die guten Willens sind.

In ein paar Tagen ist Weihnachten. Kein Weihnachten, wie wir es seit Jahren feiern. Familien werden abgrundtief traurig sein. Weil sie einen Menschen verloren haben, den sie lieben. Weil andere Menschen diese Trauer mittragen.

Ob ein solcher Anschlag zu verhindern ist? Vermutlich nicht. Niemand kann einen solchen Wahnsinn verhindern. Auch Gott nicht. Für mich als Christ ist es bitter, das zu sagen. Das sagen zu müssen.

Trotzdem glaube ich, dass die Botschaft von Weihnachten stärker ist. „Friede auf Erden“, drei kleine Worte, die sich trotz allem durchsetzen werden. Ja, daran glaube ich immer noch. Gott gibt nicht auf, gibt uns Menschen nicht auf. Der Friede hat weiter eine Chance, eine Chance, die vom Kind in der Krippe ausgeht. Seit 2000 Jahren. Ja, daran glaube ich. Trotz aller Ohnmacht, trotz aller Wut, die ich empfinde.

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