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Buntes Treiben herrscht auf den Straßen. Dichtes Gedränge, Menschenmassen schieben sich aneinander vorbei. Musiker spielen, einige tanzen, lachen. Fröhlicher Lärm liegt über allem und auch das Auge bekommt genug zu sehen: da ist eine Gruppe hochgewachsener Männer in schneeweißen, flatternden Mänteln, dort tanzen junge Frauen und Männer zur Musik in leuchtend bunten Hosen und grellen Hemden, hier und da leuchtet ein Schleier auf.
Da platzt eine wütende Stimme in all den Lärm hinein: „ich habe euch etwas zu sagen!",  ruft ein Mann. „Ich hasse eure Feste und verabscheue sie, sagt Gott. Ich habe kein Gefallen an euren Gottesdiensten und wenn ihr mir Opfer darbringt, ich mag sie nicht. Dagegen soll es so bei euch sei: Gerechtigkeit soll herrschen und Recht für alle!"
Spätestens jetzt wissen Sie, dass ich nicht über Karneval spreche, der ja an diesem Wochenende vielerorts gefeiert wird. Die Szene, die ich geschildert habe, hat sich ungefähr 760 vor Christus an einem Tempel mitten in Israel ereignet. Und es war der Prophet Amos, der diese harten Worte mitten hinein in die Festlaune gerufen hat. Empörung haben seine Worte damals hervorgerufen. Aber auch Zustimmung. Mancher hat gedacht: „Recht hat er! Die Reichen werden immer reicher, und die die nichts haben, bekommen noch weniger. Und wenn man sich wehrt, vor Gericht geht, passiert ja doch nichts. Die Mächtigen haben die besseren Anwälte! Und Recht und Gerechtigkeit zählen nicht mehr." Amos hat damals daran erinnert, was Gottes will: dass jeder zu seinem Recht kommt. Und das heißt: jeder soll das haben was er braucht. Das meint Gerechtigkeit im Sinne Gottes.
Die ernsten Worte des Propheten und der Karneval- irgendwie passt das doch, meine ich. Kritisch war das karnevalistische Treiben ja auch immer. Jedenfalls hier bei uns im Rheinland. Hier haben die Leute mit Kostümen der Majore und Funkenmariechen von Anfang an das verhasste Militär auf die Schippe genommen. Hierarchien wurden auf den Kopf gestellt und Wahrheiten gesagt. Genauso rechnen heute viele Wagen im Karnevalszug mit ungerechtem Treiben von Mächtigen in Politik und Kirche ab. Sie prangern Parteilichkeit an, Mauschelei, Gezänk, Geldgier und Menschenfeindlichkeit. Halten den Oberen quasi den Spiegel vor die Nase, den Narrenspiegel.
Und gerade der Traum, an den Amos erinnert, von den gleichen Rechten für alle, wird spielerisch sichtbar im bunten Treiben des Karnevals. Der einfache Mensch von der Straße wird zum König, der der nichts hat zum Reichen. Schüchterne tanzen als Clowns durch die Straßen und Ernste als Narren - alles ist anders. Unvorhergesehenes geschieht und Träume scheinen wahr zu werden.
Und die Menschen spüren: so könnte es sein, das Leben. Und es wäre gut, wenn es nicht nur in diesen Tagen so wäre.

Auch heute herrscht buntes Treiben auf vielen Straßen, fröhlicher Lärm und Farbenvielfalt fürs Auge. Manche Christen tun sich schwer damit, Karneval oder Fastnacht  zu akzeptieren. Das Misstrauen liegt nahe, dass die Menschen sich im Vergnügen verlieren und über all dem Gott vergessen. Und es ist ja auch wahr: manche treiben es wirklich zu toll an den Tollen Tagen.
Aber: Ein griechisches Sprichwort sagt: Ein Leben ohne Feste ist eine Reise ohne Einkehr. Dahinter verbirgt sich das Wissen: Der Mensch kann nicht sein ohne Feiern und Feste, er kann nicht sein ohne Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Spaß und Freude brauchen wir wie die Luft zum Atmen. Nicht nur die Medizin hat inzwischen entdeckt: Lachen kann heilen. Es befreit uns von unserer eigenen Enge und Begrenztheit, ermöglicht uns manche neue Sicht. Spart man das Lachen aus, den Spaß und die Ausgelassenheit, bekommt der Ernst etwas Düsteres, gar nicht Menschenfreundlichen.
Ein Buch des Alten Testaments, der Prediger sagt es so: es gibt eine Zeit des Lachens und eine Zeit des Weinens, eine Zeit des Tanzens und eine Zeit der Klagens. Ein jegliches hat seine Zeit.
Und das heißt doch: Es sind Gottes Geschenke an uns, dass wir essen und trinken dürfen, uns freuen und miteinander feiern können.
Es gehört zusammen: Freuden und Sorgen, Festtag und Alltag, Lachen und Weinen. Und im Wechsel dieser Zeiten in unserem Leben, spüren wir: Das Leben kann so schön sein. Entspannt aber auch gerecht, fröhlich überschäumend aber auch voll Tiefe. An fröhlichen Tagen wachsen uns Mut zu und Kraft, um auch schwere Tage durchzustehen.
Klar ist: Es gibt berechtigte Kritik an manchem, was in diesen Tagen passiert und nicht gut ist: manche Jugendliche trinken zu viel, viele lassen ihren Dreck auf den Straßen, da gibt es Spott, der demütigt und allzu derbe Sprüche. Das stimmt alles. Und doch sind diese Tage auch eine Möglichkeit zum Träumen und Ausprobieren, eine Zeit des Lachens und des Aufatmens.
Ich meine deshalb:
Heute und morgen darf gelten:

Selig, die über sich selbst lachen können, sie kommen der Wahrheit sehr nahe!
Selig, die einen Maus von einem Elefanten zu unterscheiden wissen, sie werden für Gerechtigkeit sorgen
Selig, die hinter allen Masken und Gestalten dieser Welt Gott erkennen und lieben, sie werden Persönlichkeiten mit Ausstrahlung sein.

So sind die Tage des Karnevals oder der Fastnacht. Und Aschermittwoch ist alles vorbei. Gottes guter Weg aber mit uns ist noch lange nicht vorbei. Egal ob Festtag oder Alltag.

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Mit meinem Gott springe ich über Mauern
„Und", so frage ich das Brautpaar, „ habt ihr euch einen Trauspruch ausgesucht?" „Ja, " nickt die Frau.
„Mit meinem Gott springe ich über Mauern!" Überrascht schaue ich die beiden an.
Die Frau, die da vor mir sitzt, war als junges Mädchen sehr krank. Ein Bein musste ihr abgenommen werden, sie läuft sie mit einer Prothese. Und nimmt schwere Medikamente. Sie wird nie gesunde Kinder haben, so wurde ihr gesagt. Und sie wird nie über Mauern springen können, das sieht jeder!
Heute, vor 22 Jahren ist eine Mauer gefallen. Niemand hielt sie vorher für überwindbar. Ich bin aufgewachsen im Westen, aber wir hatten Verwandte „drüben"- so hieß die DDR für uns. Alle zwei Jahre führen wir über die Grenze. Und die bestand nicht nur aus den Grenzanlagen. Sie war deutlich spürbar zwischen den Menschen. Die kalte Höflichkeit der Grenzsoldaten machte mir als Kind Angst. Am Tag der Ankunft mussten wir uns wie Verbrecher bei der Polizei melden- wie Verbrecher.
Die Mauer, das war für mich nicht nur ein Steinhaufen. Die Mauer war spürbar im Miteinander, das keins war. Niemals hätte ich gedacht, dass diese Mauer fallen würde.
Die Tage vor dem Fall der Mauer, habe ich in Bonn vor dem Fernseher verbracht. Was damals passierte, war unglaublich. Und der Ausgang bis zuletzt nicht vorhersehbar. Mehr als einmal wurde die Situation brenzlig, waren die Soldaten nahe dran zu schießen.
Damals haben die Kirchen ihre Türen geöffnet.
Den Menschen in ihnen gehört der Verdienst, Gewaltlosigkeit entscheidend gefördert zu haben. „Wir sind das Volk!", dieser Ruf brachte die Mauer zum Einsturz. Für mich ist das bis heute ein Wunder, das vor unseren Augen geschehen ist.
Und so sagte es ein Verantwortlicher jener Tage: „Wir haben mit allem gerechnet- nur nicht mit Kerzen und Gebeten!"
Manchmal werden Bibelworte wahr. Ein Grund ist das zum Staunen und zur Dankbarkeit. Für mich ist das am 9. November 1989 geschehen.
Und auch bei jenem Paar, das ich traute.
Ein Foto halte ich in Händen- darauf sind die beiden, strahlend. Und mitten drin ist ihr neugeborener Sohn- gesund.
Auf der Rückseite steht: „Mit meinem Gott springe ich über Mauern!"

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Wieder einmal bin ich auf dem Friedhof zu einer Beerdigung.
Es ist November, trübes, nasskaltes Wetter. Genauso trüb wie das Wetter sind meine Gedanken.
Ich gehe durch raschelndes, sterbendes Laub. Lichter auf den Gräbern, weinende Menschen. Überall entdecke ich nur Zeichen von Tod, Sterben, Verlust, Trauer.
Da geht von einem Grab jemand weg- Moment mal, die kenne ich doch - das ist doch die alte Dame, die weit über 90 noch jeden Tag ihre Runde im Schwimmbad schwimmt. Das ist doch- aber Halt. Das kann doch gar nicht sein! Die habe ich doch erst vor kurzem beerdigt!
Völlig verwirrt schaue ich genauer hin. Nein, natürlich ist sie es nicht! Und doch: einen Moment lang habe ich geglaubt sie zu sehen.
Gerade am Grab habe ich mit Paulus gesagt: „ Christus ist auferstanden und ist der erste von denen, die auferstehen!"
Wenn das wahr ist, dann ist der der gestorben ist, auch nicht einfach weg.  Wenn das wahr ist, dann hat die Trauer nicht das letzte Wort. Dann steht am Ende unseres Lebens nicht Tod sondern neues Leben! Und irgendwann das große Wiedersehen.
Wenn das wahr ist mit der Auferstehung. Ist das wahr? Ich kann es nicht beweisen. Aber das ist meine Hoffnung. Und darum will ich daran glauben. Ganz fest, was sonst?!
Und während ich das so vor mich hin denke, spüre ich, wie sich meine Stimmung verändert. Wie ich plötzlich andere Dinge sehe- schöne Dinge. Da ist Efeu gepflanzt. Saftig grün mitten im braunen, abgestorbenen Laub.
Vom nahen Spielplatz höre ich Kinderlachen.
Ein Eichhörnchen sammelt vor meinen Füßen Nüsse und schon ist es wieder auf einem Baum.
Hier ist ja überall Leben! staune ich. Ich habe es vorher nur nicht gesehen!
Ja, ich hoffe, dass das Leben stärker ist als der Tod. Und das befreit meine Augen dazu das Leben neu zu sehen.
Sogar auf einem Friedhof mitten im November.

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„Und führe uns nicht in Versuchung" - bete ich mit einer kleinen Trauergemeinde an einem offenen Grab.
„Versuchung- was meint das hier?", denke ich.
Später gehe ich über den Friedhof zurück.
Da fällt mir ein Grab auf. Es ist über und über mit frischen Blumen bedeckt. Ganz viele Kerzen sind auf dem Boden verteilt. Und ein Stuhl steht da, als ob der, der dieses Grab besucht, Stunden hier verbringt.
Verwundert entziffere ich die Lebensdaten der Verstorbenen: vor 10 Jahren wurde sie hier beerdigt!
Auf einmal begreife ich.
Der Tod kann einen Menschen so tief verwunden, dass die Narbe einfach nicht heilen will. Die Trauer ist so groß, dass sie scheinbar nie zu Ende geht.
Und dann ist die Versuchung da.
Die Versuchung besteht darin, sich in etwas hineinziehen zu lassen. Etwas zuzulassen, was immer weiter vom Leben entfernt.
Genauso kann Trauer werden. Sicher, jede Trauer braucht Zeit. Manchmal viel Zeit. Aber es gibt Menschen, die trauern so sehr um ihren Verstorbenen, dass sie das Leben um sich herum nicht mehr wahrnehmen wollen. Sie werden regelrecht böse, wenn Freunde oder Verwandte ihnen dieses Leben wieder erschließen wollen. „Lasst mich in meiner Trauer!", hören diese dann. Vielleicht reagieren Menschen so, weil sie Angst haben, neu leben zu lernen. Jahre mögen sie mit ihrem Verstorbenen geteilt haben. Und es ist schwer jetzt anders zu leben ohne ihn. Einfacher ist es da, seine Tage mit Trauern zu verbringen.
Aber Gott will das nicht. Er will nicht, dass wir uns in unserer Trauer eingraben. Er hält immer noch Leben für uns bereit.
So ist es wichtig am Grab zu bitten:
„Und führe uns nicht in Versuchung"! Wir meinen damit:
Hilf uns durch die Trauer durch zu kommen. So dass wir nicht zu tief hineingleiten. Dass wir das Leben um uns herum noch wahrnehmen. Gib uns Menschen an die Seite, die da sind für unsere Trauer aber auch für unsere Freude. Gib uns Freunde, die zuhören und mittragen.
Gott wird uns hören, wenn wir so beten. Darauf zu vertrauen hilft, der Versuchung zu widerstehen.

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Gott befreit uns aus unseren(m) Schubladen (-Denken)
„Ich kenne dich!", sagt der Mann drohend. „Du hast immer schon Mist gebaut! Das kann ja gar nicht gut gehen mit dir, ich weiß das!"
Der Mann steht neben einer offenen Schublade. In ihr sitzt eine Frau. Sie duckt sich unter den Worten des Mannes.
„Du!", sagt er weiter. „Du willst das machen? Das kannst du doch gar nicht- du mit deinen linken Händen! Das schaffst du nicht!"
60 Jugendliche beobachten die Spielszene. „Kennt ihr das?", redet der Mann sie an.
Die Jugendlichen nicken, ja, das kennen sie. Es ist beliebt andere in Schubladen zu stecken. Lehrer, Eltern, Freunde tun das.
Da legt einer den anderen fest auf das, was der kann oder nicht kann. Auf das, wie jemand wirkt oder wie andere ihn zu verstehen meinen.
Und das engt ein. Vielleicht wollen wir einmal etwas ausprobieren, aber dann hören wir: „Das kannst du doch gar nicht!" Mancher ist es auch leid zu hören: „Du schaffst das schon", wenn er einmal Hilfe bräuchte. Und vielleicht wollen wir einmal ganz anders sein-  aber wir selber und andere trauen uns das nicht zu.
In der Spielszene sitzt die Frau immer noch in der Schublade.
Ein zweiter Mann tritt auf und erzählt: „Da war ein Zöllner, Matthäus mit Namen. Den Zöllnern ging der Ruf voraus zu betrügen. So hatte Matthäus einen schlechten Stand in seinem Dorf. Die Leute hatten ihn in eine Schublade gesteckt: „Ganz schlechter Mensch" stand darauf, und: „mit dem will ich nichts zu tun haben." Da kam eines Tages Jesus in die Stadt. Er ging auf Matthäus zu und sagte:  „Du Matthäus, komm mit mir. Lass uns zusammen essen." Und der erstaunte Matthäus stand auf, und ging mit.
Er wurde einer der treuesten Freunde Jesu, ein mutiger und geachteter Mann."
Mit diesen Worten geht der Mann auf die Schublade zu, reicht der Frau die Hand und holt sie aus der Schublade raus.
Gott will nicht, dass wir einander in Schubladen stecken, begreifen die Jugendlichen. Denn in uns steckt mehr als andere von uns denken. Gott hat uns geschaffen mit einer Fülle von Möglichkeiten, Eigenschaften, Fähigkeiten, Stärken. Vielleicht kennen wir sie selber noch nicht. Aber das alles kann sich nur entfalten, wenn wir es zulassen. Bei uns

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11849

Wir sitzen im Michel in Hamburg. Lassen den Raum auf uns wirken. Neben mir sitzt unser Achtjähriger. Plötzlich sagt er: „Also hier wohnt Gott!"
„Naja", sage ich, „du kannst Gott überall begegnen." Mein Sohn unterbricht:
„Aber dann hört er hier bestimmt besser!"
Viele Menschen besuchen Kirchen wie den Michel in Hamburg oder den Dom in Mainz. Was berührt sie an solchen Kirchenräumen?
Warum muss man überhaupt solche heiligen Räume haben? Kann man nicht auch draußen Gott begegnen?
Das haben sich schon die alten Israeliten gefragt. Als die vor vielen tausend Jahren noch ein Nomadenvolk waren, da hatten sie noch kein Gotteshaus. Sie hatten die Erfahrung gemacht: egal wo sie waren - ob in der Wüste oder in den Bergen, ob im Land oder am Meer: überall war ihr Gott dabei. Für Gott hatten die Priester ein Zelt gebaut- das Stiftszelt. In ihm wurden alle heiligen Gegenstände aufbewahrt. Und wenn das Volk weiter zog, wurde das Zelt eingepackt und kam mit und mit ihm Gott.
Dann aber wurde das Volk sesshaft.
Es gab Dörfer und Städte mit Ackerbau, Viehzucht und Handwerk.
Und nun stellte sich die Frage: wo wohnt denn jetzt unser Gott? Manche sagten: „Lasst uns ein festes Haus für Gott bauen!" Andere waren dagegen:
„Meint ihr, ein festes Haus passt zu Gott? Gott ist doch immer frei und geheimnisvoll!"
Viel später erst wagt es König Salomo den ersten Tempel zu bauen.
„Ich weiß, dass du immer frei bist, „ sagt er zu Gott. „ Du brauchst kein Haus. Aber  wir Menschen, wir brauchen diesen Ort. Dein Ohr sei an diesem Ort. Um der Menschen willen!"
Und so ist das bis heute geblieben.
Gott braucht keine Kirchen, aber wir brauchen sie. Damit es einen geschützten Raum gibt für unsere Gebete. Damit unsere Fragen, Ängste und Freuden einen Ort haben. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen schon vor mir im Hamburger Michel waren! Voll Freude oder Verzweiflung, interessiert oder gelangweilt. Jeder Stein in dieser Kirche könnte davon viele Geschichten erzählen.
Kirchen sind für Menschen gemacht. Weil viele das Gefühl haben: „ Hier hört Gott besser!"

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11213

Wir sitzen im Hof eines Klosters. Vor uns auf dem Boden sind ganz viele Wege in den Stein geritzt. Sie führen kreisförmig um eine Mitte herum. Ein Labyrinth.
Mein Sohn probiert jeden Weg aus und stellt dann fest: „ Man kommt ja immer an. Egal von wo man losgeht. Jeder Weg führt zur Mitte."
Ich wandere auf dem Höhenweg bei Maria Laach. Ein Schild weist mich auf die Teufelskanzel hin. Toll, sage ich mir, da will ich hin! Bestimmt ist das ein bizarrer Felsen mit wunderbarer Aussicht!. Ich gehe los, es ist warm,  ich gehe und gehe, werde unruhig. Jetzt muss es doch kommen, aber keine Teufelskanzel. Habe ich eine Abzweigung übersehen?
Also versuche ich einen anderen Weg. Über Gräser hinweg, Wildblumen wachsen rechts und links, hohe Tannen. Es ist ganz still im Wald, nur ich, mein Hund und die Natur. Wunderbar. Nur weit und breit keine Teufelskanzel. Das gibt's doch nicht!
Enttäuscht setze ich mich auf einen Baumstumpf.
Keine Teufelskanzel, kein bizarrer Felsen. Und doch: es war eine herrliche Wanderung! Genau das wollte ich doch ursprünglich.
Wunderschöne Ausblicke, Stille, das Rauschen der Blätter und es geht mir gut, wie ich hier so sitze! Es ist wunderschön.
Ich denke an meinen Sohn, wie er das Labyrinth ausprobierte. „Man kommt immer an. Egal von wo man losgeht. Jeder Weg führt zur Mitte!"
Er hat Recht.
Manchmal klammert man sich viel zu sehr an ein bestimmtes Ziel. Dabei schenkt uns Gott so viel Schönes auf unserem Weg. Freundliche Menschen, neue Aufgaben ,die uns herausfordern, Zeit zu genießen, Zeit sich zu bewähren. Bis wir ruhig werden und in der Mitte ankommen- bei Gott.
Mir macht das Mut, einfach mal loszulaufen und dabei die Augen offen zu halten!

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„Warum gibt es rote und schwarze, weiße und gelbe Menschen auf der Welt?", so fragte der afrikanische Bischof Tutu einmal. Das war auf einem Kirchentag vor knapp tausend Leuten. Verblüfft schauten wir uns um:  tatsächlich: wie verschieden wir alleine schon aussehen! Obwohl wir ja meist Deutsche waren, Weiße. Dabei gibt es ja noch asiatische Menschen und farbige! Warum sind wir so verschieden?
Daran musste ich denken, als mich Leute ansprachen auf eine Predigt von mir. Die einen fanden die toll. Andere fanden sie unmöglich: „Das hätte auch jemand sagen können, der nicht an Gott glaubt!", meinten sie.
Das hat mich ziemlich getroffen, und ich frage mich: warum meinen manche, dass  ihre Art zu glauben und zu leben die einzig richtige ist?
Für mich steckt hinter diesem Verhalten Angst.
Angst, von dem, was so ganz anders ist, selbst infrage gestellt zu werden.
Einer, der anders glaubt und fühlt, ist ja wie eine Anfrage an mich: Bist du sicher, dass es so, wie du glaubst überhaupt richtig ist? Da scheint es wohl für manche einfacher zu sein, den eigenen Glauben anderen überzustülpen.
Dabei ist der, der von Herzen glaubt, der freieste Mensch der Welt.
„Prüft alles" ,sagt Paulus, „das Gute behaltet." Welche Freiheit atmet aus diesen Worten. Keine Angst sich dem fremden Gedanken zu nähern.
Ich bin überzeugt:  Das Christentum hat sich deshalb so ausgebreitet, weil es diese Freiheit im Glauben gehabt hat. So  konnte es andere Kulturen integrieren, andere Gewohnheiten und Bräuche in sich aufnehmen. Und damit das eigene Denken und Fühlen bereichern.
„Warum gibt es rote und schwarze, weiße und gelbe Menschen auf der Welt?"  hat  Bischof Tutu uns auf dem Kirchentag gefragt.. Niemand antwortet. Da lacht er übers ganze Gesicht: „Ist doch klar! Weil Gott viel mehr Phantasie hat als wir!

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